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Weihnachten allein Zuhause: Ein emanzipatorischer Akt

Um ein gesellschaftlich akzeptiertes Weihnachten zu feiern, brauchst du eine Familie. Aber was, wenn du lieber alleine feierst?

 

An Heiligabend sitzt die ganze Familie zusammen. Die großen Kinder, man könnte sie auch Erwachsene nennen, kommen heim zur Familie. Haben die großen Kinder eigene Kinder, dann ist das die eigene Familie und dann wird dort Heiligabend gefeiert.

Aber was passiert eigentlich, wenn das große Kind, hier nun ich, nicht heim zur Familie fährt, obwohl sie keine neue „eigene Familie“ hat. Der Ärger ist groß. Bitte ich nicht falsch verstehen, ich mag meine Familie, nur eben nicht an Weihnachten. Die Rituale nerven mich, die eingefahrenen Traditionen, das Singen unterm Baum, der Stress, dass alles genau so ist wie immer. Ich will lieber nicht hingehen. Wenn ich das Freund*innen und Kolleg*innen erzähle, ist die Verwunderung groß. Nicht bei seiner Familie zu sein an Heiligabend, ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Dabei ist unabhängig ob die Leute christlich sind oder nicht. Es geht um gesellschaftliche Konventionen und nicht um Religion. 

Was ist also, wenn ich nicht vorhabe eine „eigene Familie“ zu gründen? Bin ich dann auf ewig dazu verpflichtet, an Weihnachten zu meinen Eltern zu fahren? Brauche ich, besonders als Frau, erst einen Partner, damit ich diese Traditionen aufkündigen kann und eigene anfangen? Es scheint auf jeden Fall so. Während meiner letzten längeren Beziehung hat mir meine Mutter nach dem dritten Jahr angeboten, ich könne auch mit meinem Partner Weihnachten feiern und dann an den Feiertagen zu ihnen und zu seiner Familie gehen. Als Single bekomme ich ein solches Angebot nicht mehr. Auch wenn ich mich im Bekannten- und Freundeskreis umschaue, dann sehe ich, die Paare mit Kindern bleiben an Heiligabend in ihren Wohnungen und Häusern, ihre Eltern kommen sie besuchen, aber zu ihren Regeln. Wer kinderlos oder partnerlos ist, fährt heim, wenn da Familie ist. 

Single sein. Ohnehin ein gesellschaftlich nicht akzeptierter Zustand. Du bist ja unvollständig, wenn du keinen Partner, oder eine Partnerin*, hast. Aber ich fühle mich vollständig genug um auch alleine für mich ein Weihnachtsfest zu veranstalten. Es hat mich erstaunt, wie viel Kraft es mich gekostet hat, immer wieder zu erklären, warum ich an Weihnachten nicht heimfahre. Dass dies eine gute Entscheidung für mich ist, dass ich den Abend und die Tage so verbringen möchte, dass sie mir Kraft geben. Dass ich mich wohl und vollständig fühle, wenn ich alleine bin, auch ohne eine Familie, und mit Freunden.

Ich werde dieses Jahr wieder zuhause bleiben. In meinem Zuhause. Das ist eine kleine und liebevoll weihnachtlich dekorierte WG, mit Designer-Pappbaum und Weihnachtsstern. Es wird einen veganen Braten mit Rotkraut und Semmelknödel geben. Es wird ein Fest. Mein Mitbewohner bleibt an Heiligabend auch in der WG. Sein Bruder ist Vater geworden, deshalb müssen jetzt beide Kinder nicht mehr heimkommen.

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