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Die Wolke 7 ist ein Arschloch

Mit „Wolke sieben“ muss man aufpassen, sie kann sich bitterböse und tiefschwarz zuziehen. Wolke sieben ist eben ein schwieriges Arschloch.

An die Liebe glauben? Ist manchmal gar nicht so leicht

Letztens wurde ich gefragt, ob ich an Liebe auf den ersten Blick glaube. Eine gute Frage, denn sie impliziert, dass ich an Liebe glaube, und das wird einem ja nun wirklich manchmal alles andere als leicht gemacht. Diverser Knock-Out-Schläge zum Trotz glaube ich aber noch an die Liebe, und ebenso daran, dass sie ein nicht steuerbares Gefühl darstellt, womit sich der Kreis wieder schließt: Ja, ich glaube an Liebe auf den ersten Blick. Genau genommen sogar gänzlich naiv und romantisch verklärt, denn für gewöhnlich entscheide ich stets und immerzu innerhalb der ersten zehn Sekunden, ob da ein Ausflug auf „Wolke sieben“ möglich ist oder nicht.

In Anbetracht meines fortschreitenden Alters samt dröhnend tickender Uhr stellt sich mir allerdings die Frage, ob mein Glaube an diesen wundersamen Blitzeinschlag eigentlich richtig ist. Und so summe ich immer öfter dieses eigentümliche Lied über Wolke 4 von Philipp Dittberner. Das Lied, das ich anfangs so furchtbar schrecklich und unromantisch fand, und dann plötzlich gar nicht mehr – denn manchmal ist es mir durchaus schon passiert, dass ich erst mit der Zeit und fortschreitendem Kennenlernen Gefühle entwickelt habe.

Was hat denn nun mehr Potenzial zum Glück? Wolke 4 oder 7?

Fangen wir mal damit an, was „Wolke vier“ überhaupt bedeutet, exemplarisch erläutert am männlichen Geschlecht. Ein Mann vierten Wolkengrades ist ein Mann, der gewisse Grundvorraussetzungen erfüllt. Der optisch einladend ist, mit dem ich gute Gespräche führen kann und der über Charme und Manieren verfügt. Ein Wolke-Vier-Mann ist aber gleichzeitig ein Mann, bei dem dieser wundersame Blitz nicht eingeschlagen hat. Ein Mann, den ich normal und souverän begrüße, ohne samt Schamröte ein „Ich habe eine Wassermelone getragen“ zu stammeln.

Kommen wir nun zu dieser ominösen Wolke sieben. Man möge meinen, dass auch ein Wolke-Sieben-Mann gewisse Grundvorraussetzungen erfüllen muss, nur liegen diese nicht mehr in Objektivität begründet. Bei einem Wolke-Sieben-Mann schlägt einfach nur der wundersame Blitz ein – ohne, dass er zwingend aussieht wie Heath Ledger, ohne dass man überhaupt ein richtig gutes Gespräch geführt hat, und dessen Manieren und Charme einem gänzlich unbekannt, aber ganz sicher in einer Endlosschleife, vorhanden sind.

Verflixt verfluchtes Wolken-Roulette!

So, jetzt sind wir uns mal alle schön einig, dass wir natürlich und indiskutabel Wolke sieben erstreben! Niemand will sich mit weniger Glück zufrieden geben, wenn das Maximum Herzklopfen, Glückseligkeit und einen dauerfeuchten Unterleib generiert. Nur leider gibt es da ein klitzekleines Problem mit diesen Wolken, denn deren Grad spielt gerne Roulette. Da geht es urplötzlich, unverhofft und im unsanften Fall von Wolke sieben auf Wolke Minus 10.000, von Wolke fünf auf Sex, und von Wolke Sex wieder auf Wolke drei. Dieses Roulette ist verflixt und verflucht unberechenbar, und reines Glücksspiel. Beispiele gefällig? Bittesehr:

Vorzugsweise betrachte und betreibe ich Online-Dating rein beruflich, bis ich eines späten Abends in einem Irish-Pub auf Richard traf. Von einer Sekunde zur nächsten schlug mein Interesse blitzartig in den Privatmodus um: Ja, genau dich will ich! In meinem flauschigen Bett und an meiner Hand, um gemeinsam in jeden Sonnenuntergang hineinzuspazieren. Lass uns zwanzig Kinder machen, und jedes Jahr aufs Neue heiraten!

Richard: Prinz oder Reinfall?

Richard, der Große! Mann, was hatte hier bei mir der Blitz eingeschlagen! Es passiert mir wirklich selten, dass er sich so krachend bemerkbar macht, nur wusste ich leider so gar nicht, ob das auf Gegen- oder Einseitigkeit beruhte. Nach anfänglichen Stotter-Schwierigkeiten gelang es mir, normale, wenn nicht sogar eine vertraut angehauchte Konversation mit Richard zu betreiben. Ich gab mir aufrichtig Mühe, nicht zu sehr auffallend schmachtend an seinen Lippen zu hängen, indessen er mir seinen beruflich ausgerichteten Lebensplan offenbarte, der ihn erst nach Hamburg, dann nach Monte Carlo und schlussendlich nach Los Angeles führen wird.

Zum Abschied gab Richard mir ein Küsschen auf die Wange, dankte mir für den schönen Abend und sagte, dass er sich gefreut hat, mich kennenzulernen. Das lässt Raum für Interpretation, die ich sogleich zerstören kann. Bei Richard hatte nicht der verliebte Blitz eingeschlagen, und ich hielt gedanklich die Notiz fest, dass Wolke sieben ein Arschloch ist. Nicht Richard, denn immerhin bekundete er wenigstens sexuelles Interesse und prahlte mit seiner Zungenfertigkeit, die ich nur allzu gerne einmal in Anspruch nehmen würde –oder? Ich weiß es nicht! Eigentlich wollte ich doch Romeo und Julia mit Richard spielen, und nicht ausschließlich Sexspiele.

Tom der Eisklotz und die Wolke 4, 5 sowie 6

Tom ist ein kluger und zuvorkommender Jura-Student, und um es vorweg zu nehmen, mit Tom ging es ziemlich rasch von Wolke vier auf Wolke Sex. Guter Sex, nicht überragend aber gut und sicher ausbaufähig, wenn Tom nicht genauso rasch als gleich kühl und kalt zum Eisklotz mutiert wäre. Männer sind ja manchmal wie kleine Kinder und testen ihre Grenzen aus. Eisklotz-Tom hatte sie an dem Punkt erreicht, an dem er irgendwann, genau genommen bereits bei unserem dritten Treffen und somit zweiten Sex-Intermezzo, Sex ohne Küssen wollte. Gut, er war krank und wollte mich nicht anstecken, aber dann praktiziere auch keinen Sex mit mir.

Wirklich eine traurige Geschichte, denn in unserer ersten Nacht war Tom ein feuriger Liebhaber – romantisch, voller Leidenschaft und so überhaupt gar nicht auf diese Rein/Raus-Geschichte fixiert. Was ja zwischendurch auch mal seinen Reiz hat, aber ganz sicher nicht mit einem Eisklotz, und zumal ich angefangen hatte, meinen Eisklotz süß zu finden und zu mögen. Während unserer letzten Zusammenkunft fühlte ich mich jedenfalls leibhaftig wie in der Antarktis, und musste feststellen, dass Unterwäsche nicht die passende Kleidung bei Minustemperaturen ist.

Der kluge Hans und die Wolke 4

Hans ist klein, und wirkte dünn, als er mich in seinem Parka mit übergestülpter Kapuze begrüßte. Ich mag weder dünn noch klein – aber dünn war Hans zum Glück nicht, klein ja, doch ich trug auch Stiefel aus braunem Wildleder mit Absatz an diesem verregneten Sonntagabend. Hans und ich gingen Sushi essen und quatschten ähnlich, wie ich es mit Richard und Tom empfunden hatte, vertraut miteinander. Sobald wir Platz genommen hatten, lag mein Augenmerk auf jenen schönen braunen Augen, zudem schien Hans unheimlich schön, klug, und witzig. Wir verbrachten einen Abend, bei dem ich die Zeit vergaß, und an dessen Ende ich sowohl mein Essen als auch meine Drinks selbst bezahlen musste, und irgendwie fand ich das richtig blöd – wie war das noch mal mit der Emanzipation? Irgendwie konnte ich da nicht aus meiner Haut.

Hans konnte aber auch ein Gentleman sein (nachdem er meinen Groll bemerkt hatte), und bei unserem zweiten Treffen, holte er mich daheim ab, um mich in die Sauna zu geleiten sowie einzuladen. Zuvor schrieb Hans mir, dass ich seinem Arbeitskollegen gleich sagen solle (den er erst heimbringen musste), ich sei eine gute Freundin, woraufhin ich Hans zurückschrieb, dass ich unter Eid bekunden werde, ich sei seine Verlobte. So viel zu den Bindungsängsten, aber das ist ein anderes Thema, was nun viel zu weit führen würde.

Jedenfalls war da auf einmal und vollkommen unerwartet dieser kurze Moment des Blitzschlags: als Hans aus dem Auto stieg und ich, diesmal mit flachen Boots bekleidet, nervös haspelte: „Hier ist meine Tasche.“ Wolke sieben ist ein durchtriebenes Arschloch, denn sie macht was sie will, und wann sie will. Wieso kribbelte es auf einmal in meinem Bauch? Jedenfalls verbrachten Hans und ich einen wunderschönen Saunaabend miteinander, und mir gefiel das alles sehr, was sich an diesem Abend so entblößte. Wolke Sex konnte ich mir mit Hans nun bildhaft vorstellen, und als wir da so im Whirlpool saßen und über Gott und die Welt redeten, und ich in diese warmen braunen Augen blickte, keimte da dieser Wunsch, dass Hans im Glück mich küsst. Am allerliebsten auf Wolke sieben. An diesem Abend gab es keinen Kuss, keine Berührung oder Sonstiges — ob das so bleibt?

Roulette ist und bleibt ein Glücksspiel

Was Richard, Tom und Hans verbindet, ist, dass sie allesamt spannende und interessante Männer sind, denen ich auf wechselnden Wolkengraden begegnen durfte. Was wiederum dazu führte, dass sich meine Ansicht zum Blitzeinschlag analog zu meiner festgefahrenen Meinung hinsichtlich Online-Dating geändert hat. Eine sehr lange Zeit habe ich Dates mit mir fremden Männern aus dem Internet kategorisch abgelehnt, doch das Leben ist ein scharfsinniger Lehrer, und lehrte mich ebenso, dass der Blitzeinschlag nicht zwingend in den ersten zehn Sekunden erfolgen muss. Er kann auch zu einem späteren Zeitpunkt einschlagen, und das gleichermaßen krachend. Das Wolken-Roulette dreht sich sowieso immerzu, und wie heißt es doch so schön: Neues Spiel, neues Glück.

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