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Wie man es an den entlegensten Orten der Welt schaffen kann, nichts von der Welt zu sehen

Nein, Mallorca bedeutet nicht nur Bettenburgen und Massentourismus. Man kann hier auch ganz gut leben. Nur muss man sich genau überlegen, wo und mit wem man seine kostbare Zeit verbringen möchte.

 

Ein Jahr Auszeit nehmen – für die meisten Menschen ein Traum. Endlich kann man die langersehnte Weltreise in Angriff nehmen.
Bei mir ist nun schon die zweite Halbzeit meines freien Jahres angebrochen. Diese werde ich insbesondere dazu nutzen, eine der entlegensten und außergewöhnlichsten Städte dieser Erde zu erobern: Palma de Mallorca.
Vielleicht meine Endstation vor der Rückkehr nach Deutschland, vielleicht auch nicht. Das wird sich zeigen.
Nein im Ernst, Palma ist eine wunderschöne Stadt, die von Kriegen weitgehend verschont geblieben ist und dadurch einen großen Reichtum an Weltkulturerbe beherbergt. Laut der Zeitschrift Geo eine der spannendsten Städte Spaniens.

Meiner Meinung nach kommt es nicht unbedingt darauf an, so viel wie möglich von der Welt zu sehen, (obwohl ich das natürlich auch gerne möchte) sondern wie man den bereisten Orten begegnet. Eine Zwiesprache zwischen dir und dem Ort sozusagen. Mallorca ist dafür ein gutes Beispiel. Ich habe hier vor vielen Jahren schon zwei Mal Urlaub gemacht und war auch schon zwei Mal in Palma. Heute kommt es mir vor, als würde ich eine mir völlig unbekannte Stadt kennen lernen. Woran liegt das?

Der erste Unterschied liegt in der Intention, die du mit deiner Reise verfolgst. Bestehen deine Highlights darin, am Strand zu liegen, zu shoppen und ab und zu zum Italiener um die Ecke Pizza essen zu gehen? Vielleicht zwischendurch noch einen Leihwagen zu mieten oder sich wahlweise mit dem Touribus zu den Sehenswürdigkeiten karren zu lassen, dann ist das auch in Ordnung. Aber eben eine völlig andere Herangehensweise. Du bist sicher zufrieden damit, wie erholsam der Urlaub verläuft, lobst das gute Buffet deines Hotels und freust dich, dass du dir ein wenig natürliche Bräune zugelegt hast.
Der zweite kleine, feine, RIESENGROßE Unterschied liegt darin, wo man wohnt. Hast du Pauschalurlaub im 4 Sterne Hotel mit Halbpension gebucht, wirst du im Ausland, insbesondere auf Mallorca, eventuell sogar auf deutsch bedient. Die Wahrscheinlichkeit, ausschließlich Touristen kennen zu lernen, ist sehr hoch, du musst nichts selbst organisieren und kannst dich enspannt zurücklehnen.
Wohnst du aber bei einem kolumbianischen Pärchen, das jeden Abend wie selbstverständlich für dich mitkocht und dir bei gemeinsamen Fernsehabenden die skurrilsten Familiengeschichten erzählt, lernst du Locals kennen, die dir den windstillsten und sonnigsten Platz zum Lesen zeigen und die lauteste und hässlichste, aber von den jungen Mallorquinern bevorzugte Bar mit leckeren und günstigen Pinchos, dann ist das eben anders. Und dann ist Palma auch eine andere Stadt für mich als vor…hmm, ich glaube ich war hier vor sieben Jahren zum letzten Mal.

Nur nebenbei erwähnt: Ich wohne jetzt schon zum dritten Mal mit Kolumbianern zusammen und es ist das erste Mal, dass ich sie verstehen kann. Laut ihrer Aussage sprechen nur ihre Landsmänner von der Küste „muy rapido“, während die im Landesinneren wohnenden Kolumbianer langsamer kommunizieren, was übrigens auch den Spaniern bei der Verständigung enorm hilft.

Die gleichen Gegensätze begegneten mir nur innerhalb eines einzigen Urlaubs in Florida. In den Hostels an der Westküste lernte ich beispielsweise eine pensionierte Lehrerin kennen, die mit ihrem Truck inklusive Gewehr unterm Sitz schon die halbe Welt bereist hatte. Sie warnte mich noch: „Mädchen, du musst aufpassen! Hier allein mit dem Auto unterwegs zu sein ist gefährlich. Deutsche Touristen, die sich verfahren hatten, sind hier schon zu Tode gekommen.“ Glücklicherweise ist Mallorca weniger gefährlich. Die Kriminalitätsrate ist hier sehr gering.
Außerdem stiegen in den Hostels verrückte Abenteurer, Singer und Songwriter und sogar ein Rapper mit einer riesigen Würgeschlange im Gepäck ab. Warum ihm das erlaubt wurde, ist mir ein Rätsel. Aber in Florida ticken die Uhren eben anders. In der Nähe von Sanibel Island konnte ich kein Hostel finden und nächtigte in einem Hotel. Und sofort war der ganze Charme dahin! Bewachter Parkplatz ohne die sonst übliche Warnung „Wenn du nicht direkt vorm Hostel parkst kann es sein, dass das Auto morgen weg ist.“ Frische Handtücher, Einzelzimmer, Pool, Frühstücksbuffet. Alles schön und gut. Aber dann morgens die deutschen, gut-bürgerlichen Familien beim Frühstück zu sehen! Zum Fürchten!
Sanibel Island war trotzdem schön und nein, normalerweise habe ich keine Vorurteile. Es ist einfach nur etwas ganz Anderes, in einem touristischen Hotel zu wohnen, etwas, das ich nicht will. Das Zwiegespräch mit der Insel verlief anders als mit Tampa, Homestead und Miami. Hatte einen faden Beigeschmack. Und so ähnlich verhält es sich auch mit meinen Aufenthalten in Palma.

Ja, der authentische Tourismus ist total im Trend, ist zu einem Massentourismus geworden. Je weniger Touristen man begegnet, desto toller der Urlaub. Der Satz „Ich möchte in ein Restaurant gehen, in das nur die Einheimischen gehen um die authentische Landesküche kennen zu lernen.“ fasst es gut zusammen. Ich finde es ab und zu auch mal gut, zu Burger King zu gehen. Da trifft man auch die Einheimischen, nur andere halt.
So mancher Ort wird durch seinen Tourismus zerstört. In Venedig findet man wahrscheinlich nur noch schwer ein einheimisches Restaurant bei seinen Millionen von Touristen, aber nur noch ca. 5.000 verbleibenden Einwohnern. In Palma leben immerhin noch viele Einheimische, auch wenn ihre Anzahl in der Hochsaison vermutlich von der der Touristen übertroffen wird.

Von Anfang an war mein Ziel dieses Jahres, zu wohnen. Nicht, zu reisen. Ich bin hier nicht im Urlaub. Ich wohne hier, und dieses Gefühl mag ich und möchte ich haben. Dazu tragen übrigens auch die vielen Baustellen bei, die hier außerhalb der Touristensaison ihren Lärm verbreiten. Ich mag diese Baustellen, die die Atmosphäre einer Plaza mit alten Häusern und Kirchen, schattigen Bäumen und kleinen Cafés erst komplettieren. Denn Baustellen gibt es im Urlaub nicht. Die will man nicht. Die sind laut und dreckig. Folgerung: ich bin nicht im Urlaub, ich wohne hier.

Alles in allem gebe ich also den vielen, mallorcaverliebten Deutschen recht. Und zwar denen, die zum Wandern herkommen oder sich irgendwo auf der Insel eine Finca zugelegt haben. Dies hat auch viele Nachteile: Sie treiben die Preise in die Höhe, fördern die Korruption und viele Spanier sind der Meinung, dass ihre Inseln nicht mehr zu Spanien gehören. „No tenemos islas! Y los alemanes son personas muy mal educadas!“ Naja, schlechter erzogen als die Spanier sind wir sicher nicht, nur eben disziplinierter und deshalb müssen einige von uns ab und zu im Urlaub mal die Sau rauslassen. Dass dies nun unbedingt auf Mallorca passieren muss, liegt eben daran, dass dorthin für deutsche Verhältnisse sehr günstige Reisen angeboten werden und Deutschland nicht so gutes Wetter hat. Gemein! Aber die Touristikbranche verdient gut daran.
Spanien ist immerhin mit an der Spitze bei den beliebtesten Reiseländern der Welt.

Ich habe ein traumhaft schönes Mallorca kennengelernt, das noch nicht durch seinen Tourismus zerstört wurde. Doch selbst an den touristischsten Orten ermöglicht mir mein freies Jahr einen großen Vorteil: den Perspektivwechsel. Ich kann mich ausschließlich unter deutschen Touristen befinden, fühle mich aber nicht wie einer. Und auf diese Weise kann ich die Orte im Prinzip kennen lernen, wie eine Einheimische. Und davon nehme ich für mich mehr mit, als von einer Pauschalreise durch Florida.

http://einjahrspanien.com

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