Foto: Shutter

Zeig her – Sieht doch schön aus!

Schicke niemals Nacktfotos von dir an Jungs, lass dich beim Sex nicht filmen, am Besten hast du erst gar keinen Sex. Wir verbieten unseren Töchtern einiges, um sie zu schützen. Passiert dann trotzdem was, sind sie selbst schuld – oder?

„Jana hat Nacktfotos von sich gemacht“, erzählt mein Neffe Tim am Esstisch. Seine Schwester Linda wirft ihm einen vielsagenden Blick zu: „Stimmt. Voll peinlich!“ Jana, deren Namen ich wie alle Namen in diesem Text geändert habe, geht mit Linda zur Schule, ist 14 Jahre alt und ein nettes Mädchen. Ich frage genauer nach, was es mit den Fotos auf sich hat – und vor allem warum mein Neffe davon weiß, der zwei Jahrgangsstufen über den beiden Mädchen ist.

Jana führte bis vor Kurzem bereits eine feste, auch sexuelle Beziehung zu einem etwa gleichaltrigen Jungen namens Paul, erzählt meine Nichte. Als sie noch ein Paar waren, hatte sie ihm im Chat ein paar Nacktfotos von sich geschickt – darauf vertrauend, dass niemand anderes diese Bilder zu Gesicht bekommen sollte. Nun, da sie nicht mehr zusammen sind, hat Paul sie aber in der Schule verbreitet. „Selbst schuld“, kommentiert Linda das, „wenn man so blöd ist, solche Bilder zu verschicken.“ Aber ist Jana das wirklich? Ist der Übeltäter hier nicht ein ganz anderer, nämlich Paul?

Alle Jahre wieder

Ich behaupte: Diese Geschichte wiederholt sich so oder so ähnlich seit Jahrzehnten in jeder Generation und an jeder Schule in Deutschland. Und diejenigen, die dafür an den Pranger gestellt werden, sind die Mädchen. Sie hätten ja solche Fotos nicht von sich machen müssen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich in Teenager-Jahren genau davor warnte. Und ich bin sicher, dass meine Schwester es bei ihren Töchtern auch so gemacht hat, denn Linda wiederholt fast mantraartig, dass sie niemals solche Bilder an irgendwen schicken würde. „Man darf niemandem vertrauen.“

Aber wo führt das eigentlich hin, wenn wir unseren Töchtern beibringen, dass man unseren Söhnen nicht vertrauen darf? Dann sind doch Freundschaft und Liebe nichts mehr wert, weil selbst die Personen, bei denen wir uns sicher und gut fühlen, eines Tages alles, was wir mit ihnen teilen, gegen uns verwenden könnten.

Gleichzeitig bringen wir unseren Töchtern damit bei, dass die Fehler grundsätzlich bei ihnen selbst liegen. Das ist ähnlich wie bei dem #Hotpantsverbot, das im vergangenen Jahr an einer Schule in Horb am Neckar ausgesprochen wurde, weil die Hosen und bauchfreie Oberteile zu „aufreizend“ seien. Wer dennoch mit knapper Kleidung in die Schule komme, müsse für den Rest des Tages ein riesiges T-Shirt überziehen. Statt den männlichen Lehrern und Schülern beizubringen, wie sie sich korrekt verhalten, stülpen wir den Mädchen einfach Säcke drüber. Ist ja auch viel unkomplizierter. Ein klarer Fall von „Victim Blaming“ – die potentiellen Opfer tragen die Schuld.

Das ist ja … ein Mensch!

Wie soll ein Mädchen denn da eine gesunde Beziehung zu sich und ihrem Körper aufbauen, wenn sie in einer Hülle steckt, die offenbar alle Männer dazu aufruft, sie zu begrapschen oder gar zu vergewaltigen? Und wie soll ein Mädchen ein gesundes Männerbild aufbauen, wenn doch augenscheinlich in jedem netten Typ ein wildes Tier lauern könnte? Warum überhaupt müssen sich Mädchen für Nacktbilder schämen, die irgendwer irgendwo sehen könnte? „Hey, lass mal sehen, das ist ja … ein Mensch!“ Würde ein Foto von einem nackten Jungen die Runde machen, fänden es alle kurz witzig und es wäre wieder vergessen. Für ein Mädchen aber ist es nicht selten der Anfang jahrelangen Mobbings. Und sicherlich wird es nie wieder jemandem unbedarft Fotos seines Körpers oder überhaupt seinen Körper zeigen. Das will ich nicht für meine Tochter.

Auf der anderen Seite: Angesichts all dieser Ängste scheine ich ja ganz offensichtlich in einer Kultur zu leben, die Jungen eben nicht beibringt, dass es nicht okay ist, die Nacktfotos der Ex-Freundin umher zu schicken und/oder einem Mädchen zu nahe zu treten. Kann ich es da vertreten, meinem Kind nicht beizubringen, dass es sich schützen muss? Zum Beispiel indem ich ihm einpräge, dass kurze Hosen immerhin die Arschbacken bedecken sollten? Oder dass man Nacktfotos einfach nicht verschickt? Wäre es fahrlässig, das nicht zu tun

Vielleicht. Dennoch müssen wir bei unseren Söhnen ansetzen. Denn meine Tochter will ich nicht in einer Atmosphäre der Angst reifen sehen. Sie soll verdammt noch mal anziehen, was sie will, und sich auch für Nacktfotos nicht schämen müssen, selbst wenn irgendein unaufgeklärter, verletzter Jüngling versucht, damit seine Ehre zu retten. Dann soll sie erst recht den Lästermäulern ins Gesicht lachen und sagen können: „Sieht doch schön aus!“

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