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Bild von einem Mann und einer Frau, die auf einer Couch sitzen. Die Frau hat einen Hund im Arm. | © Andres Ayrton | Pexels
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30.08.2025 • 08:00
Sanata Doumbia-Milkereit sitzend im weißen Kleid  | © Claus Bergmann Sanata Doumbia-Milkereit
Gedicht

„Sie ist kinderlos. Er ist einfach ein Mann.“ – Sanata Doumbia-Milkereit über ungleiche Maßstäbe

Mit ihrem neuen Text „Sie ist kinderlos. Er ist einfach ein Mann.“ spricht die Psychologin und Autorin Sanata Doumbia-Milkereit ein Thema aus, das viele Frauen kennen: Während Männer für ein Leben ohne Kinder oft bewundert oder romantisiert werden, müssen Frauen sich immer wieder rechtfertigen. Sanata Doumbia-Milkereit erinnert daran, dass auch ein „Nein“ zur Mutterschaft eine vollwertige Entscheidung ist – und dass es an der Zeit ist, Frauen nicht länger zu belehren, sondern ihnen zuzuhören.

Sie ist kinderlos. Er ist einfach ein Mann. Warum Frauen sich immer noch rechtfertigen (müssen) und Männer einfach leben dürfen.

Ich bin Mutter.
Und vielleicht sehe ich gerade deshalb, wie scharf der Blick auf Frauen ist, die keine Kinder wollen.

Da ist meine Freundin. Mitte dreißig.
Klug, unabhängig und klar.
Sie sagt: „Ich habe keinen Kinderwunsch.“
Sie sagt es leise, aber ohne Zweifel.

Und ich spüre, wie sich die Gespräche um sie herum verändern.
Ein mildes Lächeln hier.
Ein „Na ja, das kann ja noch kommen“ dort.
Ein kleines Misstrauen — subtil verpackt als Interesse.

Sie ist kinderlos.
Er ist einfach ein Mann.

Er ist Anfang vierzig, war in einigen Beziehungen und lebt gerade allein.
Er wird nicht gefragt, ob er irgendwann mal Verantwortung übernehmen will.
Er ist halt ein Lebemann.
Oder, wie viele heute sagen: ein Mensch, der seine Freiheit lebt.

Bei ihr wäre das Egoismus. 
Bei ihm nennt man das Persönlichkeit.

Niemand fragt ihn, ob er es bereuen wird.
Ob da nicht vielleicht ein Vatertrauma im Spiel ist.
Er ist einfach. 
Sie muss sich erklären.

Und selbst wenn sie sich erklärt, reicht das oft nicht.

„Ich will einfach keine Kinder“, sagt sie.
Und obwohl ich sie gut kenne, zucke ich innerlich zusammen.
Nicht wegen dem, was sie sagt.
Sondern, weil ich weiß, was sie gleich (wieder mal) zu hören bekommt.

Zu kühl. Zu rational. Zu unabhängig.
Oder, klar: ein Trauma.

Aber was, wenn es einfach eine klare, bewusste Entscheidung ist?
Ohne Drama. Ohne Erklärungspflicht.
Nur ein Leben. Anders gewählt.

Und selbst da, wo es um ihren eigenen Körper geht, wird ihr oft misstraut.

Manche Frauen wollen sich sterilisieren lassen — selbstbestimmt und frei.
Doch selbst diese klare Entscheidung wird ihnen nicht leicht gemacht.

„Sie werden es eines Tages bereuen“, sagt der Arzt.
„Wir machen das ungern bei kinderlosen Frauen“, sagt die Ärztin.
Ich frage mich: Wer ist „wir“? 
Und warum ist Klarheit plötzlich verdächtig?

Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen,
werden misstrauisch beäugt, geprüft, befragt, manchmal abgelehnt.
Sie müssen nachweisen, dass sie es ernst meinen.
Dass sie „zurechnungsfähig“ sind.
Dass sie diese Entscheidung auch in zehn Jahren noch „tragen“ können.

Manche sagen einfach:
„Sie sind noch zu jung.“
„Mit dem passenden Partner kommt auch der Kinderwunsch.“
„Warten Sie doch erst mal ab.“

Als ginge es nicht um ihren Körper.
Sondern um eine Ressource, die man lieber aufhebt —
für den Fall, dass sie es sich doch noch anders überlegt.

Ein Mann lässt sich sterilisieren — und gut.
Keine Fragen. Keine Belehrung. Kein Zweifel.
Weil er einfach ein Mann ist.

Ich liebe mein Kind.
Aber ich glorifiziere meine Rolle als Mutter nicht.
Sie macht mich nicht vollständiger als Frauen, die sich dagegen entscheiden.
Sie macht mich nicht reifer. Nicht besser.
Nur anders.

Und ich glaube, es ist Zeit, genau das anzuerkennen.
Dass es viele Formen von Fülle gibt.
Viele Wege, zu leben.
Keinen davon müssen wir rechtfertigen.

Ich wünsche mir,
dass wir aufhören zu glauben,
eine Frau sei nur dann vollständig, wenn sie gebärt.
Dass wir Mutterschaft nicht länger als moralisches Upgrade erzählen.
Und, dass wir anfangen, der Entscheidung gegen ein Kind mit demselben Respekt zu begegnen wie 
der für eines.

Die Entscheidung, kein Kind zu wollen, ist kein Risiko, das kontrolliert werden muss.
Sie ist eine Wahl, die geschützt gehört.
Vielleicht ist es an der Zeit, ein neues Ideal zu zeichnen:
Eines, in dem Frauen nicht belehrt, sondern gesehen und gehört werden.
In dem „Nein“ nicht als Mangel, sondern als Entscheidung gelten darf.
In dem eine Frau kein Versprechen an das Leben geben muss,
nur um als ganz oder vollkommen zu gelten.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass Männer mitsprechen.
Nicht über die Entscheidung,
sondern über das Recht, sie unkommentiert stehen zu lassen.

Sie ist keine Ausnahme.
Sie ist eine Entscheidung.
Sie ist genug.

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Schulangst
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