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Schulkind mit Rucksack, pinke Jacke, Blick von Kamera weggerichtet.  | © Florencia Viadana | Unsplash
© Florencia Viadana | Unsplash
Zeugnisvergabe an Schulen 

Warum wir Kindern in der Zeugnisphase mehr zuhören und sie weniger bewerten sollten

Die Vergabe der Halbjahreszeugnisse steht kurz bevor. Sie legen nicht nur Leistungen offen, sondern oft auch Angst und Scham. Warum Schule längst mehr bewertet als begleitet, was das mit unseren Kindern macht und wie wir sie unterstützen können. 

Montagmorgen, 6.30 Uhr. Ich wecke meine 8-jährige Tochter, sie hat die Augen kaum geöffnet, da sagt sie ganz leise: „Mama, diese Woche gibt es Zeugnisse.“ Und unmittelbar danach: „Ich hatte einen ganz schlimmen Albtraum. Außerdem tut mein Bauch weh. Hier, guck...“, sie zeigt mir die Stelle, an der es zieht. 

Ein schönes Wochenende liegt hinter ihr: Zeit mit Freundinnen, Fimoknete unter den Fingernägeln und, weil draußen alles vereist war, stundenlange Fahrten mit dem Einrad durch den schmalen Flur. Am Montag aber kippt die Stimmung.
Seit einigen Monaten ist der Beginn der Schulwoche mit Angst verknüpft. Und das in der Grundschule.

„Hier zählt nur, was ich leiste“

In Berlin werden am Freitag die Halbjahreszeugnisse an Kinder und Jugendliche übergeben. Ich spüre dieses Ziehen im Bauch meiner Tochter fast körperlich mit. Vielleicht, weil ich es kenne. Diese alte, abgespeicherte Angst, die manchmal wieder auftaucht, wenn ich meine Kinder dort abhole, wo es nach Pausenbrot und Filterkaffee riecht. Der Geruch nach Schule löst noch immer dieses mulmige Gefühl aus: Hier zählt nur, was ich leiste. Und wenn ich es nicht leiste, habe ich versagt. 

Rund um die Zeugnisvergabe verdichten sich diese Gefühle für viele Familien. Selbstzweifel, Leistungsdruck, Konflikte. Meine Tochter erzählt, dass sie am meisten Angst davor hat, dass die anderen auf ihre Noten zeigen. Deutsch ist ein Problem. Aber das viel größere Problem ist ihr Mitschüler, der sie damit jeden Tag aufzieht. Und obwohl sie nach außen meistens strahlt, hat sie begonnen, das Lernen für Deutsch zu vermeiden und damit auch die innere negative Bewertung. Irgendwann platzte es aus ihr heraus, als wir lesen übten – diese große Verzweiflung, die scheinbar nicht zu überwinden ist.
Genau davor warnen Initiativen wie die Bundesschülerkonferenz und Nummer gegen Kummer e.V., die anlässlich der aktuellen Zeugnisphase auf die psychischen Belastungen junger Menschen aufmerksam machen. Schule, das sei längst mehr als ein Ort der Wissensvermittlung, sondern emotionaler Resonanzraum geworden – oft ohne ausreichend Unterstützung für alle Beteiligten.

„Wir erleben heute Kinder, die mit neun Jahren schon Symptome eines Burnouts zeigen.” – Margret Rasfeld

Die Bildungsforscherin Margret Rasfeld beschreibt das Grundproblem so: „Unser Bildungssystem vertraut nicht auf den Menschen, sondern auf Stoff, Noten und messbare Leistung. Dabei gehen genau die Werte verloren, die wir für die Zukunft so dringend brauchen: Empathie, Kreativität, die Fähigkeit, Komplexität zu begreifen und Systeme zu verstehen. Statt Lernen als lebendigen Prozess zu begreifen, wird es in Fächer zerteilt – sechs am einen Tag, drei am nächsten. Was bleibt, ist ein System, das fächerübergreifendes Lernen und das Leben-lernen zur Nebensache macht.“

Die Schüler*innen müssen irgendwie damit umgehen, sagt Margret Rasfeld, und das tun sie sehr unterschiedlich: „Manche Kinder entwickeln einen regelrechten Bestnotensucht, andere sagen einfach: ,Scheiß Schule'. Wieder andere flüchten in Konsum – als Ersatz für das, was sie im System nicht bekommen. Wenn man es auf den Punkt bringt: Was macht ein Kind eigentlich zum*zur ,Schüler*in'? Fremdbestimmung, Dauerbewertung, kognitive Überfrachtung – und die Trennung von Herz und Körper. All das sind Faktoren, die zu innerer Erschöpfung führen. Wir erleben heute Kinder, die mit neun Jahren schon Symptome eines Burnouts zeigen.”

Ein System, das überfordert 

Diese Erschöpfung taucht in Statistiken auf, aber vor allem in Gesprächen. Beratungsstellen wie Nummer gegen Kummer berichten gerade in der Zeugniszeit von einem erhöhten Bedarf. Kinder und Jugendliche suchen jemanden, der zuhört, ohne zu bewerten. Eltern suchen Orientierung, wenn sich schulischer Druck mit familiären Spannungen vermischt. Das ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck eines Systems, das an vielen Stellen überfordert – Lehrkräfte ebenso wie Schüler*innen.

Die Frage, ob Noten unsere Kinder krank machen, beantwortet Margret Rasfeld sehr klar: „Kinder fühlen sich nicht in ihrer ganzen Persönlichkeit gesehen, sondern auf ihre Leistung reduziert. Schlechte Noten erzeugen Scham, Überforderung, Konkurrenz – genau das, was wir überwinden müssen. Wir brauchen die Kraft des Wir, nicht das Denken in Ich bin besser, ich stehe höher auf der Leiter. Deshalb gehören Noten in die Mottenkiste. Und das ist längst keine Utopie. Es gibt heute schon bessere Systeme – neue Prüfungsformate, Feedbackmodelle, Portfolios. Alles ist da. Es muss nur endlich Einzug in die Schulen halten. Besonders bedrückend finde ich, dass viele Jugendliche die Schule mit dem Abitur verlassen – einem Zeugnis der Reife – und dennoch voller Erfüllergeist und Versagensangst sind. Was wir aber brauchen, ist Zuversicht, Kreativität, die Erfahrung von Wirksamkeit und die Lust, die Welt zu verändern."

Es ist das, was mir an diesem Montagmorgen durch den Kopf geht, während meine Tochter lustlos in ihrem Müsli herumstochert. Dass ein Zeugnis so viel mehr auslöst, als es sollte. Dass Kinder lernen, sich an Zahlen und Worten zu messen, statt an dem, was sie sind, was sie können, wovon sie träumen. Und dass es Orte braucht – innerhalb und außerhalb der Schule –, an denen sie unmittelbar erleben: Du bist mehr als deine Note.

Es gibt Hilfe

Kinder und Jugendliche, die unter Schulstress, Angst vor Noten oder Ausgrenzung leiden, können sich jederzeit anonym, kostenlos und vertraulich an die Beratungsangebote von Nummer gegen Kummer e.V. wenden – telefonisch, online oder per Chat. Auch Eltern finden dort Unterstützung, wenn sie unsicher sind, wie sie ihr Kind in belastenden Phasen begleiten können oder selbst an Grenzen stoßen. Die Gespräche werden von geschulten Berater*innen geführt, die zuhören, sortieren helfen und gemeinsam nach nächsten Schritten suchen. Gerade in der Zeugniszeit kann es entlastend sein zu wissen: Niemand muss mit diesen Sorgen allein bleiben, und es gibt Orte, an denen das im Mittelpunkt steht, was gerade wirklich schwer und belastend ist.

Nummer gegen Kummer: 116 111 – für Kinder und Jugendliche. Anonym und kostenlos. 

 

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