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Mutter und Tochter im Gespräch.  | © Cottonbro | Pexels
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02.10.2026 • 17:37
Autorin Anne-Kathrin Heier | © Heike Bogenberger Anne-Kathrin Heier
14 Minuten
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Mütter und Töchter

„Sie wollen die alten Rollenbilder zurück – aus Angst vor der Stärke der Frauen“

Oft glauben wir, unsere Eltern gut zu kennen, aber eben als Eltern und weniger als Menschen mit eigenem Leben. Iris (74) ist 1950 im Nachkriegs-Mannheim in eine streng religiöse Familie hineingeboren worden. Mit unserer Autorin, die auch ihre Tochter ist, spricht sie über die emotionale Kälte in ihrer Kindheit und neue Selbstwirksamkeit durch politisches Engagement in einer Zeit, in der rechte Stimmen immer lauter werden. 

Die Beziehung zu den Eltern ist ein großes und sehr emotionales Thema. Oft hört das echte Miteinanderreden auf, sobald die Kinder erwachsen sind – manchmal schon viel früher. Oder man ist sich so vertraut, dass gewisse Fragen einfach nie gestellt werden. Es kann vorkommen, dass die Wertvorstellungen und Haltungen so weit auseinandergehen, dass es zu Brüchen oder einer unüberwindbaren Distanz kommt. 

Gerade in diesen Wochen und Monaten führen wir immer wieder Gespräche mit Menschen, die aufgrund politischer Differenzen keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern beziehungsweise zu ihren Eltern oder Geschwistern haben. Und ich habe mich gefragt: Wie erlebt meine eigene Mutter diese Zeit, in der Menschen auseinanderdriften? Eine Zeit, in der von bestimmten Gruppierungen eine Rückkehr der alten Rollenbilder gefordert wird? 

Wie ist sie selbst eigentlich aufgewachsen? Und wie denkt sie über den antifeministischen Backlash? Ich bin einen Schritt auf Distanz gegangen und habe sie interviewt: als eine Frau, die zwar auch meine Mutter ist, aber in erster Linie eben eine Frau mit einem Leben, das die Geschichte einer Emanzipation erzählt. Ein Gespräch über früher und heute.  

Du bist 1950 in Mannheim geboren. Was weißt du über deine Geburt?

„Meine Mutter hat sich sehr dafür geschämt, in ihrem für damalige Verhältnisse hohen Alter von fast 40 Jahren noch ein Kind zu bekommen. Aus Erzählungen weiß ich, dass die Geburt furchtbar gewesen sein muss.
Ich bin mitten in der Nacht gegen 2 Uhr im Krankenhaus zur Welt gekommen. Meine Mutter hatte solch große Scham, dass sie nicht nach dem Arzt oder der Hebamme gerufen hat, als die Wehen stärker wurden. Sie lag ganz alleine in diesem Bett, hat geschwiegen und richtig viel Blut verloren. Dieser Start blieb sicherlich nicht ohne Einfluss auf mein Leben.

Ich hatte zwei viel ältere Schwestern. Viel später hat sie mich ,Gottesgeschenk‘ genannt. Ich weiß noch, dass ich als Kind oft dachte: Hätte ,der liebe Gott' mich lieber jemand anderem geschenkt, jemandem, der auch wirklich ein Kind wollte.

Wir lebten in ärmeren Verhältnissen. Es war eben die Nachkriegszeit, überall standen noch Ruinen. Meine Familie war sehr religiös. Alles drehte sich um den ,lieben Gott‘ und den ,Herrn Jesus‘. Sonntags mussten wir stundenlang in die Kirche. Freunde mit nach Hause zu bringen, war verboten, das brachte zu viel Unruhe. Stattdessen gab es Verbote, zum Beispiel: Die Eltern von diesem Kind sind geschieden, mit dem wird nicht gespielt!“

Wie würdest du die Dynamik in der Familie beschreiben, wie lief der Alltag bei euch ab?

„Am Tisch saßen alle zusammen, es wurde ständig gebetet. Wir Kinder mussten ruhig sein, gesprochen haben die Erwachsenen. Struktur und Pünktlichkeit waren alles. Um 12 Uhr Mittagessen, um 18 Uhr Abendessen, es gab ganz feste Bettgehzeiten.
Mein Vater war physisch anwesend, aber emotional nicht da. Ich kann mich an kein einziges echtes Gespräch mit ihm erinnern, eher an Befehle. 
Sonntags nach dem Essen saß er im Wohnzimmer, rauchte immer diese eine erlaubte Zigarette, hörte klassische Musik und wir Kinder mussten dann in unser Zimmer. Als Verdiener hatte er immer recht, Kinder waren Frauensache.“

Welche Werte waren in deiner Familie wichtig?

„Dass man sich für andere einsetzt und hilft. Und das fand ich eigentlich auch gut. Aber man durfte auf keinen Fall selbst Hilfe annehmen. Werte wurden oft über Sprüche festgelegt. Der schlimmste Spruch für mich war: ,Wenn es dir gut geht, sag es niemandem, weil es dir keiner gönnt. Wenn es dir schlecht geht, sag es auch niemandem, weil es jeden freut.‘ Das bedeutete im Grunde: Alle sind gegen dich. Dass es Freunde gibt, die es gut mit einem meinen, war nie ein Thema. Immer nur dieser Kampf von außen. Zu allem gab es irgendeinen Spruch. Nachbarn und überhaupt allen anderen zu helfen, steckt bis heute in mir drin. Aber selbst um Hilfe zu bitten, fällt mir bis heute noch extrem schwer.“

© privat
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Welche Orte waren für dich als Kind sicher? 

„Das war vor allem bei einer Schulfreundin. Deren Mutter war gestorben, aber der Vater war sehr lieb und zugewandt, und dort ging es viel freier zu. Bei uns zu Hause war dagegen alles Zwang. 
Schon als Kind im streng religiösen Kindergarten habe ich Strategien entwickelt, um zu überleben. Ich habe mich immer versteckt. Unter einer Treppe im Kindergarten. Oder dann zu Hause unter dem riesigen, dunklen Ebenholz-Schreibtisch meines Vaters. Dort habe ich mir Höhlen aus Kissen gebaut. Innerlich habe ich mich von der Familie distanziert, soweit das ging.“

Gab es Schlüsselmomente in deiner Kindheit und Jugend, die dir besonders eingebrannt sind?

„Kurz bevor ich 8 wurde, fragte man mich nach meinen Wünschen. Ich wünschte mir nur ein wenig Taschengeld, 50 Pfennig oder eine Mark in der Woche, so wie meine Freundinnen. Meine Mutter lehnte das ab, ich würde mir davon nur heimlich verbotene Dinge kaufen. Ich reagierte trotzig und sagte, dann wolle ich gar nichts. Sie hat es eiskalt durchgezogen. Ich bekam nichts, der Geburtstag fiel ganz aus. Abends im Bett habe ich geweint, aber ich habe es mir nach außen hin nicht anmerken lassen.

Schlimm wurde es auch, als meine mittlere Schwester mit 17 schwanger wurde. Das war bei uns die Katastrophe schlechthin. Meine Mutter wälzte sich weinend auf dem Boden, mein Vater weinte auch. Meine Schwester musste noch am selben Abend das Haus verlassen. Mein Vater, der in 45 Jahren bei der Deutschen Bank nie einen Tag krank gewesen war, nahm sofort Urlaub. Tagelang herrschte Schweigen und Verzweiflung. Mir schärfte man ein: Wenn jemand fragt, wo die Schwester ist, sagst du, sie ist als Austauschschülerin in den USA. Das war absurd, wir hatten für so was überhaupt kein Geld. 
Meine Mutter ließ mich auf die Bibel schwören, dass ich nie etwas mit einem Mann anfange, bevor ich verheiratet bin, dabei war ich völlig unaufgeklärt und wusste gar nicht genau, was sie meinte.
In der Schule war ich in dieser Zeit geistig total abwesend. Einer meiner Lehrer bemerkte das und fragte mich, was los sei. Ich erzählte ihm schließlich davon, obwohl meine Eltern es mir strengstens verboten hatten. Er sagte mir, er sei Vertrauenslehrer und dürfe nichts weitererzählen. Und dann sagte er einen Satz zu mir, der für mich sehr erlösend war: ,Deine Eltern sind extrem religiös. Aber jede Form von Fanatismus ist schlecht, egal ob in der Religion, der Politik oder sonst wo. Wer fanatisch ist, sieht rechts und links nichts mehr.‘ Das hat mir unglaublich geholfen.“

Wie ging es in der Schule für dich weiter? Konntest du deinen eigenen Weg wählen?

„In der 11. Klasse wäre ich sitzengeblieben. Ganz zufällig traf ich an der Bushaltestelle meine Lehrerin. Sie fragte mich, was ich nun vorhabe. Ich wusste nicht, was sie meinte und sagte ganz selbstverständlich: ,Ich wiederhole das Jahr.‘ Da sah sie mich überrascht an und sagte: ,Du kannst nicht wiederholen, du bist doch von deinen Eltern abgemeldet worden!‘ Niemand hatte mit mir gesprochen. 
Mein Vater hatte an seinem Stammtisch – ebenfalls mit Kirchenleuten – mit dem Chef des Kaufhofs ausgemacht, dass ich dort eine Lehre für die Substitutenlaufbahn beginne, also zur stellvertretenden Abteilungsleiterin. Der Vertrag war schon unterschrieben. Ich musste zwar auch unterschreiben, aber meine Unterschrift zählte gar nicht, weil ich noch minderjährig war. Ich war am Boden zerstört…“

Und hast dann die Lehre begonnen?

„Ja, ich musste drei Monate im Verkauf in der Kinderabteilung arbeiten. Ich habe mich so schrecklich geschämt. Wenn ich jemanden sah, den ich kannte, habe ich so getan, als würde ich unter dem Tisch aufräumen. Mein ganzes Leben fühlte sich wie ein einziges Verstecken an. Ich wusste nur: Ich will auf keinen Fall im Kaufhaus arbeiten. Meine Eltern hatten nie mit mir darüber gesprochen, was ich eigentlich werden möchte.

Eigentlich interessierten mich Chemie, Physik oder Restaurierung. Ich bin selbstständig zum Arbeitsamt gegangen und habe mich erkundigt. So bin ich über ein Praktikum in der BASF schließlich an der Textilingenieurschule gelandet und habe eine Ausbildung zur Textiltechnikerin gemacht. Als ich fertig war, gab es nur ein Ziel: Weit weg von zu Hause. Als der ,Berlin-Bus‘ kam, um junge Arbeitskräfte für West-Berlin anzuwerben, habe ich sofort zugesagt – und bin nach Berlin gezogen.“

Wie haben deine Eltern auf deinen Weggang und die plötzliche Eigenständigkeit reagiert?

„Sie waren einverstanden, aber kurz vor meiner Abschlussprüfung gab es noch eine bezeichnende Szene: Meine Mutter lag wegen einer schweren Gallen-OP mehrere Wochen im Krankenhaus. Mein Vater stand plötzlich vor mir und beschwerte sich, dass er keine sauberen Hemden mehr habe. Als ich mich weigerte, seine Wäsche zu waschen, kam er mit erhobener Hand auf mich zu. Ich habe ihm direkt in die Augen geschaut und gesagt: ,Wenn du mich jetzt schlägst, schlage ich zurück. Und ich bin stärker als du.‘ Er sackte in sich zusammen, brachte seine Wäsche in die Reinigung und bat mich nur, der Mutter im Krankenhaus nichts davon zu erzählen. Das war das längste Gespräch, was wir je hatten.

Später aus Berlin habe ich ihm einen langen Brief geschrieben. Ich wollte ihn nicht anklagen, sondern ich wollte wissen, warum er nie mit uns geredet hat. Meine Mutter richtete mir aus, er habe den Brief gelesen und er habe ihm auch gefallen, aber er könne nicht antworten. Erst nach seinem Tod erzählte mir meine Mutter mehr über seine Kindheit: Wie sein Vater und seine Schwester im selben Jahr starben, wie er von der Mutter weggegeben wurde und im Krieg nur sieben Jahre zur Schule gehen konnte. Er war eigentlich musisch extrem begabt, hatte fantastisch Gitarre gespielt und sich autodidaktisch alles beigebracht. Er war im Grunde eine gespaltene Persönlichkeit. Aber Kinder wollte er eigentlich nie; er wollte eine Mutter, die sich um ihn kümmert.“

Deine Mutter hat sich diesem System gefügt. Wie hast du als heranwachsende Frau auf ihre Rolle geblickt?

„Ich habe später mit ihr darüber gesprochen, als sie dann alleine war. Meine Mutter hatte damals selbst die Mittlere Reife gemacht. Ihr Lehrer wollte unbedingt, dass sie weitermacht, aber das ging damals nicht. Es gab nur die ,Höhere Töchterschule‘, wo Frauen auf Haushalt, Ernährungswissenschaften oder Erzieherinnenberufe getrimmt wurden. Meine Großeltern fanden es schon schlimm genug, dass sie überhaupt bis zur Mittleren Reife auf der Schule war, statt Geld zu verdienen.
Für sie war die Rolle der Frau klar vorgegeben: Mutter sein, den Haushalt führen, während der Mann arbeiten geht. Sie ist völlig in ihrem religiösen Frauenkreis aufgegangen. Eigentlich war es ihr großer Traum, Diakonisse zu werden. Als mein Vater um ihre Hand anhielt, sagte sie ihm das auch. Daraufhin hat meine Großmutter sie mit dem Rohrstock so verprügelt, dass sie drei Tage nicht aufstehen konnte. Sie hat sich fügen müssen. 

Sie dachte später immer, mit (Unter-)Ordnung macht man alles richtig. Für sie waren bei Scheidungen immer die Frauen schuld. Ihre Haltung war: Wenn die Frau sich dem Mann richtig unterordnet, funktioniert die Ehe auch. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir noch ganz erleichtert, wie froh sie sei, dass alle Ehen ihrer Töchter gehalten haben und keine geschieden wurde.“

Später, als du Familie hattest, seid ihr nach Schleswig-Holstein gezogen und du hast entschieden, dich politisch zu engagieren. War das dein persönlicher Ausbruch?

„Ja, absolut. Ich wollte endlich für etwas anderes gelobt werden als fürs Kochen! Als eine Freundin und ich zum ersten Mal bei der SPD-Versammlung auftauchten, begrüßte uns der Ortsvorsitzende mit den Worten: ,Setzt euch hin, hört zu und haltet den Mund.‘ Wir waren entsetzt, aber dann haben wir erst recht weitergemacht.
Diese Freundin und ich haben eigenständig Veranstaltungen organisiert, etwa den Frauenstammtisch. Wir haben die Bahnhofskneipe gemietet, Plakate gemalt und einen Abend zu Frauenliteratur mit der Stadtbücherei veranstaltet. Der Saal war krachend voll, sogar CDU-Frauen kamen. Die Männer in der Partei fanden das erst unmöglich, und als es erfolgreich war, wollten sie es für ihren Parteierfolg vereinnahmen. 

Die Anerkennung außerhalb der eigenen vier Wände hat mir damals unglaublich viel Selbstwirksamkeit zurückgegeben.“

Du sprichst oft darüber, dass in eurer Generation viele Frauen ihre Erfüllung im Haushalt suchen mussten, während Anerkennung nur über den Beruf kam. Wie blickst du heute auf die jüngeren Generationen und den modernen Feminismus?

„Es hat sich vieles zum Positiven verändert, aber die Grundprobleme sind erstaunlich ähnlich. Die Doppelbelastung der Frauen ist nach wie vor riesig. Selbst wenn Väter heute zwei Monate Elternzeit nehmen – was gut ist –, bleibt die Hauptverantwortung im Alltag meist an den Frauen hängen. Wenn jetzt Politiker wie Friedrich Merz fordern, Teilzeit einzuschränken oder die Arbeitszeiten zu verlängern, ist das völlig an der Realität vorbei. Solange die Arbeitswelt nicht flexibler wird und Männer nicht wirklich 50 Prozent der Sorgearbeit übernehmen, bringt das reine Druckausüben gar nichts.
Gleichzeitig macht mir der aktuelle Trend Sorgen: Dass junge Männer vermehrt zur AfD tendieren und sich alte Rollenmuster zurückwünschen, in denen der Mann einfach das Sagen hat. Das ist ein gefährlicher Rückschritt aus Angst vor der Stärke der Frauen.“

Gibt es Dinge in deinem Leben, die du rückblickend bereust?

„Ich bereue, dass ich mich als Jugendliche und auch später manchmal nicht noch mehr gewehrt habe. Wenn ich auf Widerstand gestoßen bin – im Beruf oder privat –, habe ich oft zu schnell klein beigegeben, um des lieben Friedens willen. Das war ein Stück weit diese Erziehung: Geh zurück unter deinen Schreibtisch, mach dich unsichtbar. Man muss viel hartnäckiger an seinen Träumen festhalten.
Deshalb war es mir bei meinen eigenen Kindern immer extrem wichtig, dass sie ihren eigenen Weg gehen dürfen. Als mein Sohn sein Geographiestudium abbrechen wollte, weil es ihm nicht gefiel, war es ihm unangenehm, uns das zu erzählen. Aber ich habe ihm gesagt: ,Du allein bist es doch, der sein Leben lang mit diesem Beruf glücklich sein muss, nicht wir.‘ Ich wollte nie, dass meine Kinder das Gefühl haben, sie müssten Erwartungen erfüllen, die nicht ihre eigenen sind.“

Hast du manchmal mit deinem Mann (und meinem Vater) darüber gesprochen, dass es hier im Familienalltag ein extremes Ungleichgewicht gibt?

„Nein, das hab ich gar nicht erst versucht, weil ich weiß, dass er keine Probleme mag. Immer, wenn irgendetwas negativ war, wollte er sich da rausziehen, damit wollte er nicht belästigt werden. Und deshalb hab ich das sein lassen.“

Auch später? Mittlerweile spricht man sehr viel offener über Themen wie Care Arbeit, den Gender Health oder Gender Pay Gap. 

„Doch, ja, er kommt heute sogar selbst manchmal an und sagt, wie unfair das hier eigentlich ist. Er sagt: Ich gehe an meinen Schrank und alles ist gebügelt. Ich komme ins Bad, und alles ist sauber. Mir geht’s so richtig gut. Also: Es fällt ihm neuerdings auf. 
Neulich haben wir einen Ausflug gemacht an einen früheren Wohnort. Und er sagte, das sei eine so tolle Zeit dort gewesen. Da hab ich ihn angeguckt und gesagt: Für dich war das eine tolle Zeit. Aber ich habe mir den Buckel krumm gearbeitet. Das ist nur ein paar Jahre her, da habe ich als Putzhilfe in einem Hotel gearbeitet, damit wir über die Runden kommen. Jeden Tag vierzehn Zimmer, jeden Tag vierzehn Toiletten. Das war mein Leben da. Ich musste die ganze Zeit sehr hart arbeiten, und das sieht er mittlerweile wohl auch ein, aber in die Tiefe gehen möchte er bei dem Thema nicht.“

Hattest du dann gerade rückblickend nicht irgendwann mal den Punkt erreicht, an dem du für dich gesagt hast: Mir reicht es. Ich mach das nicht mehr.

„Ich habe mir immer sehr gewünscht, einen Beruf zu haben, der mir gefällt, und eigenständig zu sein. Allein die Möglichkeit zu haben, zu gehen, wenn ich das möchte. Aber in einem Abhängigkeitsverhältnis gibt es diese Möglichkeit ja nicht. Es ließ sich ja gar nichts daran ändern. Die Kinder wären ja nicht versorgt gewesen. Es gab weder einen Ganztags-Kindergarten noch eine Ganztagsschule. Und wir hatten keine Großeltern in der Nähe. Das war etwas, was mich schon sehr beschäftigt hat. Gespräche darüber wurden aber immer irgendwie unterbunden.“

Wir hören immer wieder von Frauen der älteren Generationen, dass ihnen Themen wie queeres Leben, Emanzipation, Feminismus einfach zu viel geworden sind. Kannst du das nachvollziehen?

„Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube, damit beruhigen sie sich wohl selbst im Sinne von: ,Eigentlich war das alles ja doch ganz gut‘... Ich habe Angst davor, dass die AfD, wenn sie irgendwie an die Macht kommt, in die andere Richtung marschiert und sehr viele Leute mitlaufen. Das ist ja für viele auch viel einfacher. 

Ich kann nur sagen: In der Zeit, in der ich nur zu Hause war, nur für Kinder und Familie da, war ich nur ein halber Mensch. Ich bin nur die Person, die für andere da ist und für mich selbst bleibt nichts übrig. Wenn man einen Beruf hat, mit neuem Input und neuen Tätigkeiten, dann hat man auch viel mehr Kraft für die Zeit mit den Kindern zu Hause.“

Mittlerweile bist du auch politisch wieder sehr aktiv und gestaltest die Räume, die du früher so vermisst hast.

„Ja, ich bin bei den ,Omas gegen rechts', wir treffen uns regelmäßig, stehen auf dem Marktplatz in Nortorf und führen immer wieder Gespräche mit den Menschen. Gerade in diesen Zeiten ist der Zulauf enorm groß. Jedes Mal auf dem Markt gewinnen wir zwei bis drei Frauen dazu. Ich fühle mich sehr wohl in dieser Gruppe aus ausschließlich rebellischen Frauen, die sehr genau wissen, was sie wollen und vor allem, was sie nicht mehr wollen. Und mir gibt die Arbeit hier auch Hoffnung. Weil ich spüre, dass man als Einzelperson wirklich etwas für die Demokratie tun kann. 
Und ich sehe vor allem diese älteren Frauen, die etwas tun. Die sich engagieren, die überall aktiv sind. Während sich die alten Männer vor allem selbst bedauern: ,Mir tuts hier weh und mir tuts dort weh.“

Was würdest du deinem 8-jährigen Ich heute sagen?

„Zuerst: Such dir jemanden, mit dem du reden kannst. Und dann: Wehre dich, pass dich nicht immer an. Halte dagegen. Hinterfrage und sage: Nein! Nehme nicht immer alles so hin, sondern kämpfe um das, was du willst. Auch wenn es weh tut und auch wenn es Probleme gibt. Aber den Problemen aus dem Weg zu gehen und dabei innerlich kaputtzugehen – das ist viel schlimmer.“

Wenn du deinen Enkelkindern etwas für ihre Zukunft mitgeben kannst: Was ist es?

„Ich wünsche ihnen, dass sie ihren eigenen Weg gehen, sich erklären können und ihre Meinung vertreten – auch gegen Widerstände. Dass sie sich nicht anpassen, nur um zu gehorchen. Und dass sie Berufe finden, die sie wirklich erfüllen. Ich war nie neidisch auf Menschen mit viel Geld, dicken Häusern oder teuren Autos. Aber wenn jemand zu mir sagt: ,Ich liebe meinen Beruf und bin glücklich in dem, was ich tue‘ – das hat mich immer berührt. Denn genau darum geht es im Leben.“

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