Wie soll Familie heute eigentlich aussehen, wenn die klassische Kleinfamilie längst nicht mehr passt? Aus einer kinderlosen Gen‑Z‑Perspektive erzählt unser*e Autor*in von Freundschaften, Wahlfamilien und dem Druck, dem junge Menschen bei der Familienplanung begegnen.
Ich sitze mit zwei Freundinnen in einem Café in Berlin-Wedding, um uns herum wuseln Menschen, alt und jung. Es ist Sommer in Berlin, auch wenn der gerade regnerischer ist, als wir uns ihn wünschen. Wir sprechen über Gott und die Welt: über Arbeit, Dating, darüber, wie klein man sich in dieser großen Stadt manchmal fühlen kann. Dann wird es kurz leise.
„Ich glaube, ich könnte das nicht“, sagt eine von uns schließlich.
„Was denn?“, frage ich.
„Na, ein Kind bekommen. Allein. Oder mit einem Mann allein. Ich könnte das einfach nicht.“
Ein kurzer Moment, in dem wir uns nur ansehen. Dann ein stilles Nicken in der Dreierrunde.
„Aber mit euch… mit euch könnte ich das. Ich hab das Gefühl, dass es manchmal eben wirklich ein kleines Dorf braucht.“
Ein paar Wochen sind vergangen, aber das darauffolgende Gespräch klingt noch nach. Ein stilles Eingeständnis, dass Elternschaft allein im Patriarchat kaum zu bewältigen scheint. Und dass zwischen uns etwas ist, das sich der klassischen Kleinfamilie als Alternative anbietet.
Kinder kriegen. Dieser scheinbar natürliche und grundlegende Bestandteil des Menschseins wirkt erschreckend unmöglich. So erscheint es mir jedenfalls als Person, die bisher keine Kinder hat. Die sich unsicher ist, ob sie selbst einmal Elternteil sein möchte, die bisher nur beobachtet, zugehört und sich höchstens niederschwellig Gedanken zum Thema gemacht hat.
Wenn ich von „Kinder kriegen“ spreche, dann meine ich nicht nur den biologisch-reproduktiven Akt, sondern das In-die-Welt-Bringen eines Menschen. Das Begleiten, Erkennen, Fördern, Fordern und Lieben. Es wurde ein Haufen Bücher über dieses Thema geschrieben, eigentlich ist es ein alter Schuh, aber trotzdem regt es immer noch auf, stößt es immer noch an, immer wieder neu. Ich schreibe aus einer kinderlosen Perspektive, vielleicht auch aus einer gewissen Naivität. Aber ich finde, auch die Naivität darf sprechen.
In Deutschland scheint es immer noch ein No-Brainer zu sein, als „gebärfähige“ Person irgendwann mal, aber am besten natürlich zwischen Mitte 20 und Mitte 30, in diesem kleinen akzeptierten Fenster, ein Kind zu gebären. Bürokratie und gesellschaftliche Bewertungssysteme sind längst darauf ausgerichtet, genau das zu sichern. Kein Kind zu gebären hingegen gilt schnell als moralisch-körperliches Versagen. Als kleiner Skandal und auch als Mittelding zwischen bemitleidenswert und selbstsüchtig. „Du hast doch einen Uterus, also nutz ihn gefälligst!“ Die romantisierte Idee vom Elterndasein kollidiert hart mit der Lebensrealität, vor allem für Personen, denen gesellschaftlich die Rolle der „Mutter“ zugeschrieben wird.
Die israelische Soziologin Orna Donath beschreibt in ihrem Buch Regretting Motherhood, dass viele Frauen nicht aus einem eigenen inneren Wunsch heraus Kinder bekommen, sondern aufgrund sozialen Drucks: familiären Erwartungen, partnerschaftlichen Vorstellungen oder manchmal auch einfach, weil im Freundeskreis gerade alle Babynamen diskutieren. Auch die Angst, im Alter allein zu sein, spielt eine Rolle. Donath stellt fest: Nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Mütter trifft die Entscheidung zur Mutterschaft wirklich aus einem tiefen, persönlichen Wunsch heraus. Viele tun es, einfach weil sie glauben, sie müssten.
Donath und andere schreiben bei dem Thema oft von „Frauen“ und „Müttern“, weil sich zentrale Studien explizit auf diese Gruppe beziehen. Wir müssen allerdings auch dringend aufhören, Mutterschaft automatisch mit Weiblichkeit zu verknüpfen und sie als Unterdrückungsmechanismus bestehen zu lassen. Nicht alle Menschen, die Kinder gebären, sind Frauen. Und nicht alle Frauen können oder wollen Kinder bekommen.
Was ich mich mittlerweile immer ernsthafter frage, ist: Wie sieht es eigentlich aus, wenn wir 2026 ein Kind in diese Welt setzen? In eine Welt, die brennt, die laut ist, überfordernd und ungerecht. Online begegnet mir in letzter Zeit immer wieder der Satz: „Vater zu sein könnte ich mir gut vorstellen – Mutter zu sein aber nicht.“ Auch wenn diese Aussage für manche schmerzhaft ist, lässt sie sich doch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Mutterschaft scheint die gesellschaftlich am stärksten romantisierte, zugleich aber auch mit Abstand am meisten überfrachtete und benachteiligte Rolle zu sein. Denn was bekommt eine Frau, die gerade ein Kind geboren hat, zum Geburtstag? Einen Strampler, einen Schnuller, eine weitere Schicht auf ihrer ohnehin schon viel zu schweren Last. Mit dem Eintritt ins Muttersein, so wirkt es, werden erstmal alle vorherigen Identitäten abgelöst und ausgelöscht. Kein Individuum mehr, nur noch Mutter.
Wenn wir darüber nachdenken, was Mutterschaft in Deutschland in Zahlen bedeutet, wird schnell klar: Ein Lebensbereich, der so alt ist wie die Menschheit selbst, wird gesellschaftlich nach wie vor massiv unterbewertet und ökonomisch entwertet. Frauen leisten im Durchschnitt 52,4 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Direkt nach der Geburt eines Kindes sind es sogar bis zu 110 Prozent. Das bedeutet: Mütter leisten mehr als doppelt so viel unbezahlte Sorgearbeit wie Väter (und das übrigens auch in Paarbeziehungen, die sich selbst als „egalitär“ verstehen).
Auch ohne Partner*in sieht es für Eltern nicht gerade gut aus: In Deutschland gibt es 1,7 Millionen alleinerziehende Familien mit minderjährigen Kindern (das ist ungefähr jede fünfte Familie). Es sind ebendiese Familien, die mit 41 Prozent die am stärksten von Armut betroffene Familienform ist. Acht von zehn Alleinerziehenden sind Frauen, von denen übrigens auch nur etwa die Hälfte regelmäßig und vollständig Unterhalt für ihre Kinder erhält.
Zu queerer Elternschaft und Mehrpersonenfamilien gibt es bislang deutlich weniger belastbare Daten als zur klassischen Kleinfamilie. Klar ist jedoch: Vieles läuft hier tatsächlich anders. Die Aufteilung von Care-Arbeit ist in queeren Familien häufig gerechter, Rollen werden flexibler und das Verständnis von Elternschaft an sich wird neu verhandelt. Dennoch erfahren queere Eltern strukturell weiterhin erhebliche Benachteiligungen gegenüber hetero Konstellationen und sehen sich diskriminierenden Verfahren und gesetzlichen Hürden ausgesetzt. Bei gleichgeschlechtlichen und queeren Paaren in Deutschland ist beispielsweise die rechtliche Anerkennung der Elternschaft nach wie vor stark eingeschränkt. Auch Familien mit mehr als zwei Bezugspersonen wird es rechtlich nicht leicht gemacht, denn im aktuellen Familienrecht gilt nach wie vor strikt das sogenannte „Zwei-Eltern-Prinzip“, wonach ein Kind rechtlich nur zwei Elternteile haben kann. Queere Verbände kritisieren das (zurecht) als strukturelle Diskriminierung von Regenbogen- und Mehrelternfamilien, deren Lebensrealität im Gesetz nicht abgebildet wird.
Als würde das alles nicht genug sein, kommen natürlich auch noch Inflation und absurd hohe Mietpreise obendrauf, die das Leben an sich manchmal zum Problem werden lassen: In Städten wie Berlin stiegen die Mieten zwischen 2009 und 2019 um über 100 Prozent, während die Löhne im gleichen Zeitraum nur um rund 35 Prozent wuchsen. Besonders für Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen ist die Mietbelastung heute so hoch wie noch nie. Denn wer mehr als 30 Prozent seines monatlichen Einkommens für die Miete ausgibt, gilt als mietbelastet. In deutschen westdeutschen Großstädten geben viele Haushalte inzwischen monatlich mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. In Großstädten ist es für viele schlicht nicht möglich, mit Kindern in einer ausreichend großen Wohnung zu leben, geschweige denn, dabei nicht in existenzielle Ängste zu geraten.
Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Doch während dieser Satz oft und gerne zitiert wird, gibt es kaum noch Dörfer, zumindest nicht im übertragenen Sinn. Das „Dorf“, das wir für unsere Kinder bräuchten, wird verdrängt durch neoliberale Wohnpolitik, Vereinzelung und Isolation.
Und selbst wenn – selbst, wenn wir finanziell relativ sicher sind und nicht alleinerziehend, bleibt da die Frage der Vereinbarkeit: Wie arbeiten, sich weiterbilden, gesund bleiben, lieben, leben, sich vielleicht auch noch mal ein Eis mit Friends gönnen und gleichzeitig rund um die Uhr für ein Kind da sein? Die Antwort unserer Mütter und Großmütter auf diese Frage lautet oft: „Wir haben das damals auch geschafft, dann schafft ihr das heute auch. Euch geht es doch so gut!“
Was sie dabei manchmal vergessen zu erzählen, ist, wie viel sie dabei verloren haben. Viele waren in den 50er- und 60er- Jahren finanziell vom Ehemann abhängig, gaben eigene Träume auf, feierten Erschöpfung als weibliche Tugend oder arbeiteten in den 80ern und 90ern als „Powerfrauen“ doppelt und erkennen erst jetzt, da die Kinder (wir) aus dem Haus sind, wie mies es ihnen eigentlich die ganze Zeit ging.
Dramatisch gesprochen könnte man sagen: Das Ideal der Kernfamilie – wie wir es heute denken – ist in etwa so alt wie die Erfindung des Kühlschranks. In ihrem Buch Entromantisiert euch! Ein Weckruf schreibt die Autorin Beatrice Frasl, dass die Entscheidung, Sorgearbeit in das Private, die Frau in die Wohnung, den Mann ins Büro zu verbannen, kein Naturgesetz, sondern ein Produkt industrieller und heteropatriarchaler Machtverhältnisse war. Auch, dass wir von klein auf lernen, unser Leben um romantische Beziehungen herum zu organisieren statt um platonische, ist kein Zufall, sondern erfüllt ganz klare Funktionen im neoliberalen Kapitalismus. Diese Ordnung, so Frasl, zerlegt unsere Leben in kleine Beziehungsinseln aus Paaren und Kleinfamilien und reißt uns raus aus größeren Communities, in denen wir Ressourcen, Verantwortung und Fürsorge teilen könnten. Jede*r ist für sich selbst verantwortlich. Geteilt wird höchstens das Bier nach der Arbeit.
Schauen wir weiter zurück in unsere Vergangenheit, finden wir unzählige andere Modelle, die uns heute als neumodische Alternativen vorgestellt werden: Polyküle, Mehrpersonenfamilien, Patchworkkonstellationen, Co-Elternschaft, kooperative Erziehungsformen. In vielen Kulturen war und ist Elternschaft nie nur Aufgabe zweier Menschen. Und wenn wir ehrlich sind, dann ist es das bei uns de facto auch noch nie genauso gewesen. Die westliche Idee der atomaren Kernfamilie ist also nicht alternativlos. Sie ist historisch jung, wirtschaftlich motiviert und vor allem ist sie nicht unumstößlich.
Für uns, die wir heute Elternschaft überdenken, ist klar: Wir wollen keine klassische Kernfamilie im Reihenhaus, kein Vater-Mutter-1 ½-Kind-Modell, das auf Ausbeutung und Überforderung basiert. Wir sind nicht per se Antinatalist*innen, stellen nicht das Kinderkriegen selbst infrage, obwohl wir es angesichts all der beschriebenen Konsequenzen durchaus tun könnten. Wir wollen Kinder, also, ich nur vielleicht, meine beiden Freund*innen schon. Es geht vielmehr um die Bedingungen, unter denen Kinderkriegen gerade stattfindet. Bedingungen der Arbeitsteilung, der Sorgeverhältnisse, der Art und Weise, wie wir uns zueinander in Beziehung setzen.
Meine Friends und ich gehören zur Gen Z (knapp). In nur wenigen Jahren wird mehr als die Hälfte der neu gewordenen Eltern aus unserer Generation stammen und die aktuelle Mehrheit der frisch gebackenen Eltern, die Millennials, ablösen. Bereits 2019 war jede fünfte gebärende Person in den USA Mitglied der Gen Z. Wir sind die Generation, die mit Klimakrise, Pandemie und Social Media herangewachsen ist und sich jetzt fragt, ob und wie Verantwortung für ein neues Leben tragbar ist. Laut Umfragen können sich etwa 80 Prozent von uns grundsätzlich Elternschaft vorstellen. Und doch spüren viele von uns: Das können wir nicht alleine, nicht so.
Wie also soll Familie in Zukunft aussehen? Männer im Leben zu dezentralisieren, ist immer eine gute Idee. Aber ein weiterer Ansatz könnte eben auch sein, dass wir uns an Konzepten orientieren, die Menschen schon immer praktiziert haben: Wahlfamilien und Netzwerke jenseits von „Blutsverwandtschaft“ und romantischer Zweierbeziehung. Es sind neue Wörter für Ideen, mit denen einige von uns aufgewachsen sind. Nun geht es darum, sich dieser wieder bewusst zu werden, sie aktiv zu leben und rechtlich zu stärken.
Ich selbst bin übrigens tatsächlich auf dem Dorf aufgewachsen, mit vielen Nachbarinnen, die für mich alle „Tanten“ waren. Kollektive Familienplanung in der Großstadt braucht natürlich auch Planung und gesellschaftlichen Support, es ist keine leichte Alternative. Es geht vielmehr darum, die akzeptierte und idealisierte Norm von ihrem Thron zu stoßen, um Platz für Dinge zu schaffen, die mehr können. Wahlfamilie kann das. Freund*innenschaften können das.
Wenn wir uns ein wenig öffnen und uns vom klassischen Bild von Familie lösen, öffnen sich Räume für so viele andere geniale Formen von der Verbundenheit. Denn fast alles, was wir angeblich nur mit romantischen Partner*innen erleben können bzw. dürfen, ist auch mit Freund*innen möglich: zusammenwohnen, einen Hund adoptieren, Finanzen teilen, kuscheln, Zukunft planen, Urlaub machen und eben auch gemeinsam eine Familie gründen. Es gibt Familie auch außerhalb der heterosexuellen Paarbeziehung. Und es ist höchste Zeit, sie endlich auch politisch und sozial als solche anzuerkennen.
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