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Flaschen mit Gesichtsseren auf gelbem Hintergrund | © Getty Images|Olena Malik
© Getty Images|Olena Malik
05.01.2026 • 09:00
Autorin Linda-Rachel Sabiers | © Max Zerrahn Linda Rachel Sabiers
5 Minuten
Ist die Glowbalisierung noch aufzuhalten?

Auf der Suche nach dem „Glow“ – und wie ich daran ermatte

Unsere Redakteurin Linda Rachel Sabiers dachte, immun gegen Beautytrends zu sein – bis sie mit 41 wieder vorm Drogerieregal stand und nach dem nächsten „Glow“-Wundermittel googelt. Warum jagen wir einem Ideal hinterher, das uns müde, ärmer und unzufriedener macht? Diese Kolumne rechnet mit der „Glowbalisierung“ ab – und fragt, ob unser Leuchten nicht längst woanders entstehen sollte als in 30 Millilitern Serum.

Mit 41, dachte ich, hätte ich die nötige Lebenserfahrung gesammelt, um mich von der Branche nicht mehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich kenne ihre Maschen, ihre Hochglanz-Illusionen. Und doch ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich vor dem Drogerieregal stehe und nach einer neuen Serum-Empfehlung google. „Für sofortigen Glow“, „lässt die Haut erstrahlen“, „wirkt wie 10 Stunden Schlaf“ – ich weiß, dass es Marketing-Claims sind, aber ich falle trotzdem drauf rein. 

Vielleicht, weil ich als Mutter oft müde bin und mir deshalb jedes bisschen versprochene Leuchtkraft wie ein kleines Wunder erscheint. Vielleicht aber auch, weil der „Glow“ längst mehr ist als ein Wort. Er ist ein Versprechen, ein Lebensgefühl – oder sagen wir: eine Lebenslüge. Denn laut Beautyindustrie und ihrer unerschöpflichen Armee aus Influencer*innen bedeutet Glow nicht einfach glänzende Haut. Glow steht für Erfolg, Gesundheit, Achtsamkeit, Wohlstand, sexuelle Attraktivität, innere Balance und ein Leben, das man offenbar in vollen Zügen genießen kann, während man lässig SPF 50 auf die Wangen tippt. 

Ist die Glowbalisierung noch aufzuhalten?

Ich nenne das inzwischen „Glowbalisierung“: Ein globaler Trend, der vorgibt, uns zu befreien, aber uns eigentlich nur enger bindet – an Routinen, Produkte und ein Ideal, das so schillernd wie unerreichbar ist. Und dieses Ideal ist nicht nur ein Hautthema, sondern zeigt sich mittlerweile überall – sogar in der Wahl der Pantone-Farbe des Jahres. 2026 heißt sie „Cloud Dancer“, ein wolkiges Weiß, das so unschuldig daherkommt, als könnte es jeden Zweifel einfach überstrahlen. Für mich steht diese Wahl sinnbildlich für die Reinheit, in die sich der antizipierte Glow nahtlos einreiht: Weiß – und seine bösen Stiefgeschwister Greige und Beige – symbolisieren einen ästhetischen Wohlstand, der nach außen ruft: „Ich leiste mir ein Leben ohne Chaos.“ Knallige Farben wirken daneben fast wie ein Verstoß, als wären sie zu laut für diese westliche Kultur der gedämpften Töne. Auch hier: Glow nur in kontrollierter, gepflegter, teurer Form. Nichts Eruptives. Nichts Eigensinniges. 

Während ich mich selbst mit Augenringen und halb aufgebrühtem Kaffee im Badspiegel betrachte, ziehen draußen Frauen an mir vorbei, die aussehen, als hätten sie sich in ein Bad aus Speckschwarte und Sternenstaub gelegt. Ein Glanz, der mir nie so recht gelingen wollte. Ein Glanz, der symbolisch für diese Zeit steht: Wir sollen nach außen reflektieren, nicht nach innen. Ist das die menschgewordene Redewendung von „mehr Schein als Sein“?  

It's not you, it's life!

Ich möchte den Glowbalist*innen keineswegs absprechen, dass sie sich in ihrer Haut wohlfühlen. Aber ich frage mich: Wie viel Geld, wie viel Zeit, wie viel mentale Kapazität sollen wir noch in Produkte investieren, deren Halbwertszeit kürzer ist als die einer Instagram-Story? Zwischendurch habe ich Momente der Klarheit. Dann halte ich inne – vielleicht, weil mein Kleinkind mich anschaut und mir mit einem einzigen Blick mehr über echte Schönheit sagt als jede Glosse – und ich frage mich: Was mache ich hier eigentlich? Warum renne ich einer Ästhetik hinterher, die mir nicht entspricht und mich trotzdem nicht loslässt? Und warum sind es vor allem Frauen, die sich in diesen endlosen Optimierungszyklen wiederfinden? Manchmal glaube ich, die „Glowbalisierung“ ist einfach nur der neueste Mechanismus, um uns zu beschäftigen. Um uns davon abzuhalten, zufrieden zu sein. Zufriedenheit hat schließlich keine Zielgruppe.

Bin ich einfach älter geworden und sehe jetzt offiziell „schlecht“ aus? Instagram jedenfalls flüstert mir das täglich entgegen, ganz zart, aber penetrant genug, um mich in ungünstigen Momenten zu erwischen. Und dann höre ich die Stimme meines Vaters, der sofort allergisch reagiert, wenn Menschen die Schuld für alles bei sich selbst suchen – eine Art katholisch-calvinistische Selbstgeißelung, die uns glauben lässt, wir seien persönlich verantwortlich für fahle Haut, für dunkle Augenringe, für den ausbleibenden Glow. Es ist schwer in einer Welt voller sanft gefilterter Gesichter noch zu unterscheiden, was echt ist und was nur ein Algorithmus, der mir noch ein Serum verkaufen will.

Der Glanz und ich – wir stehen sowieso auf Kriegsfuß. Im richtigen Licht, nach drei Litern Wasser und wenn der Tag nicht zu viel von mir abverlangt hat, vertragen wir uns kurz. Aber meistens ist es kompliziert. Vor allem, wenn ich mir anschaue, wer heute glänzt: Frauen Anfang 30, die aussehen wie Anfang 20, angeblich ganz natürlich, „nur ein bisschen minimalinvasiv“. Ein Face-Lift? Um Gottes willen, wie vulgär. Aber jeden Monat Supplements für 300 Euro schlucken? Völlig okay.
  
Neulich habe ich sogar geprüft, ob ich mir wenigstens den Glow aus der Flasche gönnen könnte – rabattiert, versteht sich, mit einem Influencer*innen-Code meines Vertrauens. Doch selbst reduziert hätte mich dieses Wundermittelchen immer noch 59 Euro für 30 Milliliter gekostet. Dreißig. Milliliter. Ich habe kurz überlegt, ob ich es trinken oder mir ins Gesicht schmieren würde, und beides erschien mir gleichermaßen verzweifelt.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es – wie so vieles – auch ein klassistisches, ableistisches und rassistisches Thema ist. „Glass Skin“, dieses neue Schönheitsideal kristallklarer, makelloser Haut, ist ein Statussymbol. Es gehört vor allem jenen, die Kooperationen haben, die Produkte gratis zugeschickt bekommen, die dafür bezahlt werden, den Anschein zu erwecken, dass Glow etwas ist, das man besitzen kann. Und ich will das gar nicht kleinreden – viele dieser Frauen arbeiten hart, verdienen ihr Geld auf kreative Art, das sollte man feiern. Ich sollte es feiern. Aber der Rattenschwanz dahinter ist düster: Für die allermeisten bedeutet Glow nicht Freiheit oder Empowerment, sondern schlicht und ergreifend — Konsum. Kaufen, optimieren, wieder kaufen. Und irgendwo dazwischen verlieren wir den Blick dafür, dass leuchten nicht bedeutet, makellos zu sein. 

Es wird Zeit, unser inneres Licht zu finden

Vielleicht ist der Glow nicht etwas, das man kaufen oder schminken kann, sondern etwas, das entsteht, wenn man akzeptiert, dass auch stumpfe Tage leuchten dürfen. Dass ein müdes Gesicht ein gelebtes Gesicht ist. Dass das Licht, das wirklich zählt, nicht auf der Haut, sondern in uns scheint. Ich brauche kein Serum, um zu glänzen. Ich brauche nur die Geduld, mich selbst nicht im Dunkeln stehen zu lassen. Und vielleicht, ganz vielleicht, höre ich dann auf, dem Glow hinterherzujagen – und beginne, ihn in mir zu suchen.

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