Suchen
Foto von Menschen, die in Teheran gegen das iranische Regime protestieren. | ©  Sepid, Getty Images | Protestierende auf Teherans Straßen.
© Sepid, Getty Images | Protestierende auf Teherans Straßen.
21.02.2026 • 19:00
Camille Haldner im Porträt  | © Leah Kunz Camille Haldner
15 Minuten
Interview

„Die Herzen der Iraner*innen sind gebrochen, aber sie haben keine andere Wahl, als weiterzumachen“

Die deutsch-iranische Psychotherapeutin und Autorin Dr. Nady Mirian spricht im Interview über das Leid der Iraner*innen, Hoffnung und Widerstand. 

Ende Dezember startete im Iran eine neue Protestwelle, die sich schnell aufs ganze Land ausbreitete und die Hoffnung keimen ließ, dass die Machthaber gestürzt werden. Doch statt einer Revolution folgte ein Massaker. Die Islamische Republik Iran schlug die Proteste mit einer nie dagewesenen Brutalität nieder. Schätzungen zufolge tötete das Regime allein im Januar mehr als 30.000 Menschen und nun warnen Expert*innen vor einer Hinrichtungswelle in dem Land.

„Die Herzen der Iraner*innen sind gebrochen, aber sie starten immer neue Protestwellen. Die Menschen im Land haben gar keine andere Wahl, als weiterzumachen und sich nicht von den Machthabern unterkriegen zu lassen“, sagt Dr. Nady Mirian, Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Leid“. Sie hat intensiv zu Resilienz geforscht und erzählt im Interview, dass ihr die Widerstandsfähigkeit der Iraner*innen Mut in all der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht angesichts der Situation in dem Land macht.

Porträt der Psychotherapeutin und Autorin Dr. Nady Mirian. | © Simone Wicker | Nady Mirian befasst sich in ihrer Arbeit intensiv mit Leid und Resilienz.
© Simone Wicker | Nady Mirian befasst sich in ihrer Arbeit intensiv mit Leid und Resilienz.

Wie geht es den Menschen im Iran, mit denen du emotional verbunden bist und inwiefern war es dir seit der letzten Protestwelle überhaupt möglich, Kontakt aufzunehmen?

„Seit die Proteste Ende Dezember begonnen haben, werde ich von vielen nicht-iranischen Freund*innen gefragt, wie es meinen Leuten im Land geht. Es ist einerseits sehr schön, in dieser Situation gesehen und nicht allein gelassen zu werden. Andererseits ist das bei mir ein wunder Punkt, weil ich als Kind von Exil-Iraner*innen nie in den Iran reisen durfte. 

Ich habe dort kaum Verwandte, aber jeder Mensch, der im Iran lebt und auch ermordet wird, ist meine Familie. Wir sind alle eins. Diese Verbundenheit ist historisch betrachtet typisch für uns Iraner*innen, wir gehören zueinander, ohne uns am gleichen Ort zu befinden. Ich weine aktuell viel um all die getöteten iranischen Schwestern, Brüder, Mütter und Väter.“

In deinem Buch beschreibst du, wie sehr dich die iranische Diaspora-Erfahrung deiner Eltern geprägt hat.

„Genau. Meine Eltern sind nach der Revolution nach Deutschland gekommen. Mein Vater konnte aus politischen Gründen und aus Überzeugung nicht mehr in einem Land leben, in dem das islamische Regime führt, das damals noch unter Khomeini stand. Deshalb kam er nach Köln und arbeitete als Journalist bei der Deutschen Welle. Die Freund*innen von meinen Eltern, darunter viele Aktivist*innen und Menschen aus dem Kunst- und Kulturbereich, haben das Land parallel zu ihnen verlassen. 

Diese Gruppe von Exil-Iraner*innen waren meine Familie, mit ihnen haben wir dann Feste wie Nouruz gefeiert. Der Schmerz über alles, was auf die Revolution folgte, also die vielen Protestbewegungen, die Hinrichtungen, die Folter, die Unterdrückung waren immer Thema in diesen Räumen. Zugleich haben wir unfassbar viel gelacht, getanzt, gesungen und gegessen.

Diese Gleichzeitigkeit aus Lachen, Leben, Liebe und Schmerz, Trauer und Wut war immer sehr präsent in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin und hat mich stark geprägt. Diese Resilienz im Leid findet sich vielfach auch in der iranischen Kunst. Durch meinen Vater kam ich früh in Berührung mit iranischer Poesie, etwa von Forugh Farrochzād, die zwar über Liebe schreibt, aber in deren Worte viel Leid zu spüren ist.“

Was bekommst du aktuell mit aus dem Land?

„Mein Vater ist mittlerweile in Rente, aber viele seiner Freund*innen sind weiterhin journalistisch tätig, mit ihnen tausche ich mich intensiv zur Situation im Iran aus. Außerdem sind die sozialen Netzwerke ein super Tool, um zu wissen, was passiert in dem Land. Ich denke, das geht gerade vielen Iraner*innen so.

Klar ist: Die Massaker, mit denen das islamische Regime auf diese neue Protestwelle reagiert hat, haben ein nie dagewesenes Ausmaß. Kurz nach der Niederschlagung der Proteste hat sich ein Moderator in einem Fernsehsender des Regimes über die Toten lustig gemacht und eine Art Quiz aus der Frage gemacht, was mit den Leichen der Protestierenden passieren wird. Das ist so schlimm, dass ich dafür keine Worte mehr habe.

Die Menschen im Land haben gar keine andere Wahl, als weiterzumachen und sich nicht von den Machthabern unterkriegen zu lassen. Dieses Regime muss fallen.“

Wie können wir die Menschen im Iran, aber auch die Menschen in der Diaspora in dieser schweren Zeit unterstützen?

„Wichtig für die Menschen im Iran ist Aufmerksamkeit für ihre Situation. Die Iraner*innen werden von der westlichen Politik einmal mehr alleingelassen. Umso wichtiger ist die Unterstützung aus Gesellschaft und Medien. Auch wir in der iranischen Diaspora können aktuell nur Verstärker für das sein, was die Menschen im Land teilen. Wir machen das viele Leid nicht sichtbar, damit andere mitleiden, sondern weil diese Öffentlichkeit Druck auf das Regime ausübt und es hoffentlich schwächt. Es ist wichtig, dass die Welt sieht, was in dem Land passiert. Bitte hört nicht auf, über den Iran zu sprechen.

Insbesondere Instagram ist zurzeit ein wichtiges Ventil für mich. Ich nehme darüber Kontakt zu Menschen im Iran auf, die auf ihre Situation und die Verstorbenen aufmerksam machen – und teile deren Beiträge. Natürlich werden Posts allein das Regime nicht zu Fall bringen, aber ihr helft damit den Menschen im Iran und zeigt auch den Menschen in der Diaspora, dass ihr das Leid ihrer Landsleute seht. Gesehen zu werden, gibt uns ein Gefühl der Verbundenheit und stärkt uns.

Diese Suche nach Verbindung und dieses Gefühl der Verbundenheit beobachte ich auch bei Demonstrationen in Deutschland. Menschen halten sich an den Händen, ohne einander kennen. Viele Iraner*innen in Deutschland haben Angehörige im Iran und teilen die Informationen, die sie von den Menschen im Land erhalten, miteinander.

Eure iranischen Freund*innen in der Diaspora freuen sich zudem, wenn ihr an sie denkt. Fragt vielleicht weniger, wie es uns geht, sondern eher: Was brauchst du? Was kann ich für die Menschen im Iran tun?“

Foto einer protestierenden Frau, auf deren Schild "Be the voice of Iran" geschrieben steht. | © Sopa Images, Getty Images | Aufmerksamkeit für die Situation im Iran soll Druck auf die Machthaber ausüben.
© Sopa Images, Getty Images | Aufmerksamkeit für die Situation im Iran soll Druck auf die Machthaber ausüben.

Du hast während der Proteste einen Text geteilt, in dem du dich an die Menschen im Iran richtest. Dort schreibst du, wie sehr du ihre Herzen, ihre Stärke und ihre Resilienz liebst. Magst du den Gedanken dahinter erläutern?

„Die Herzen der Iraner*innen sind gebrochen, aber sie starten immer neue Protestwellen, trotz der Massaker und Hinrichtungen. Das islamische Regime kämpft mit purer Gewalt. Die Menschen im Iran wehren sich, handeln aber ganz anders als ihr bestialisches Gegenüber, sie kämpfen mit und aus Liebe. Doch die Liebe der Iraner*innen ist größer als die Angst – und Liebe kennen die Zombies des Regimes nicht. Im Leid zu lieben, ist nicht so einfach, wie es vielleicht klingt. Das können nicht viele Menschen, die sich in einer derartigen Situation befinden. Das zeigt große emotionale Stärke. Genau das ist Resilienz.

Diese Liebe ist auch auf den Demos hier spürbar. Wir kennen einander vielleicht nicht, aber wir sind verbunden durch die Liebe für unsere mutigen Landsleute. Deswegen fühlt es sich auch so an, als wäre es die eigene Familie, die im Iran gerade stirbt. Es sind unsere Schwestern, unsere Brüder, unsere Kinder, Mütter und Väter, die getötet werden. Wir geben nicht auf, bis das Regime gestürzt wird. Aus der Politik wird niemand der Bevölkerung im Land helfen, aber der Zusammenhalt der Iraner*innen gibt mir Zuversicht. Sie geben nicht auf – und dafür liebe und küsse ich ihre Herzen.“

Die Menschen im Iran erfahren unfassbares Leid – und machen trotzdem immer weiter. Wie ist das menschenmöglich?

„Die Iraner*innen leiden und protestieren schon so lange, in immer neuen Wellen. Sie geben nicht auf und sind leider auch nicht an einem Punkt, an dem sie das erfahrene Leid verarbeiten können. Sie sind so fokussiert auf diesen überlebensnotwendigen Kampf für Freiheit. In so einer Situation funktionieren Menschen einfach weiter und der Zusammenbruch kommt meist erst dann, wenn Ruhe einkehrt. Den Menschen im Iran bleibt aktuell nur die Hoffnung. Das sagen auch viele Iraner*innen, die die bestialische Gewalt des Regimes überlebt haben: Ihr könnt unsere Körper verletzen, foltern, vergewaltigen, aber ihr könnt uns nicht die Hoffnung nehmen.“

Hoffnung als Triebfeder für die Revolution.

„Ich beobachte das auch bei meinen Eltern. Mein Vater ist mittlerweile 82 Jahre alt und meine Mutter seit vielen Jahren schwer krank, aber die Hoffnung auf ein freies Iran hält beide am Leben. 2022, als die Woman Life Freedom-Proteste im Iran stattfanden, ließ meine Mutter es sich nicht nehmen, zwei Tage nach einer Operation zu einer Demonstration zu gehen. Und auch kürzlich war sie wieder bei einer Demo und schrieb mir danach: ,Nady, ich bin zwar körperlich sehr krank, aber ich werde durchhalten, bis das islamische Regime gestürzt wird.‘ Sie setzt ihrer angesichts des Leids im Iran empfundenen Hilflosigkeit diesen Akt des Widerstands entgegen. Das ist eine Stärke, die in allen Iraner*innen steckt.

Wir nehmen dieses Leid und übersetzen es in die Hoffnung und den Kampf für Freiheit. Die Situation der Iraner*innen in Deutschland ist natürlich eine andere als die der Menschen im Iran, aber wir alle empfinden Hilflosigkeit. Zu wissen, dass ich kaum etwas ausrichten kann vor Ort, macht mich verdammt wütend. Aber Wut ist ein guter Katalysator – und wie wir an den Menschen im Iran sehen können, verdrängt er die Angst und verleiht Stärke, um weiterzumachen. Diese kollektive Hilflosigkeit, wie sie viele Iraner*innen aktuell empfinden, bringt eine enorme Resilienz hervor. Das ist echte Resilienz – und nicht diese Pseudo-Resilienz, wie sie uns in irgendwelchen Artikeln und Instagram-Beiträgen vermittelt wird.“

Als dein Buch erschienen ist, schriebst du: „Ich weiß nicht, wer dieses Buch lesen wird oder wer bereit ist, sich mit der Freiheit im Umgang mit Leid auseinanderzusetzen. Doch ich hoffe, dass es dir hilft, in deinem Leiden deine eigene Freiheit zu finden und deinen Weg zur Resilienz zu gehen.“ Wie hängen Freiheit und Resilienz für dich zusammen?

„In der bewussten Entscheidung, Gefühle zuzulassen, steckt viel Freiheit. Hier in Deutschland haben wir oft das Gefühl, dass Emotionen nicht angemessen sind. Wenn wir zum Beispiel mit einer Freundin im Café sitzen und weinen müssen, unterdrücken die meisten von uns die Tränen. Wir kategorisieren sofort, ob das der richtige Rahmen ist und verbieten uns den Gefühlsausdruck. Oder in Beziehungen denken wir oft, zu viel zu sein und halten unsere Gefühle zurück. Dabei ist Liebe nie zu viel. Wenn wir uns Gefühle nicht zugestehen, kann keine Widerstandsfähigkeit entstehen. Resilienz ist das Resultat davon, dass wir uns Freiheit im Umgang mit Gefühlen nehmen. Das wissen wir aus zahlreichen Studien.

Ein Resilienzfaktor ist Selbstwirksamkeitserfahrung und diese Eigenschaft haben die Menschen im Iran, die gegen das Regime kämpfen. Sie lassen ihre Gefühle raus und schöpfen daraus Kraft. In all dem Leid lassen es sich die Menschen nicht nehmen, zu singen, zu tanzen, zu lieben, zu schreien, zu weinen – diese Freiheit kann ihnen niemand nehmen. Die iranische Kultur strotzt nur so vor Gefühlen. Liebe, Leid und Resilienz sind allgegenwärtig in persischer Kunst, Musik und Poesie. Wir Iraner*innen nehmen jede Emotion, die uns einnehmen könnte und nutzen sie als Katalysator für Widerstandsfähigkeit.“

Foto von Menschen, die in Solidarität mit den Iraner*innen protestieren und sich umarmen. | © Alexi Rosenfeld, Getty Images | Protestierende geben sich gegenseitig Halt.
© Alexi Rosenfeld, Getty Images | Protestierende geben sich gegenseitig Halt.

Unser Gespräch zu deinem Buch war schon länger geplant. Nun hat das Thema Leid mit Blick auf die Ereignisse im Iran (erneut) eine unfassbar grausame Aktualität bekommen. Als Therapeutin sprichst du vermutlich oft mit einer professionellen Distanz über Leid, die hier nicht gegeben ist. Wie gehst du nun persönlich damit um?

„Ich gehe zu Demos, mache viel Sport und ziehe mich zeitweise bewusst zurück. Ich meditiere zweimal am Tag und seit Ausbruch der Proteste bestehen meine Meditationen zu einem Großteil aus Weinen. Tränen zuzulassen, fällt mir eher schwer. Viele von uns empfinden Scham dabei, zuzugeben, dass wir weinen. Das möchte ich ablegen, auch weil ich als Therapeutin eine Verantwortung empfinde, zu entstigmatisieren. Bloß weil jemand in einer Phase des Leids viel weint, muss das nicht direkt in die Kategorie Depression oder depressive Verstimmung einsortiert werden. In meinem und im Fall meiner Landsleute ist Trauer ein nachvollziehbares Gefühl, das sein darf. Das ist auch etwas, was ich mir für uns als Gesellschaft wünsche: Wir sollten Gefühlen mehr Raum geben.

Der Mediziner Gabor Maté erklärte kürzlich in einem Interview zum Iran, dass wir Gefühle rauslassen müssen, weil wir sonst nicht integrativ denken können – und das wiederum führt zu Spaltung. Das beobachte ich teilweise auch bei den Demos zum Iran. Wir alle empfinden Trauer, Wut, Angst, Hilflosigkeit. Doch statt diesen Gefühlen Raum zu geben, diskutieren viele untereinander und streiten darüber, wie die Situation im Iran gelöst werden kann und wie die Zukunft aussehen soll. Wichtiger ist doch aber Zusammenhalt, vor allem von hier aus, da unsere Landsleute nacheinander umgebracht werden. Uns gegenseitig anzugehen, bringt uns nicht weiter. Zusammenhalt hingegen stärkt. Wir haben ein Ziel. Wir wollen, dass das islamische Regime fällt.“

Du hast eben über den Unterschied zwischen Trauer und Depression gesprochen; auch in deinem Buch schreibst du, dass wir neue Sichtweise auf Leid brauchen.

„Leid wird sehr schnell pathologisiert. Wichtig wäre aber, zwischen Leid und Leidensdruck zu unterscheiden. Wir alle kennen Leid – sei es im Persönlichen oder mit Blick auf aktuelle politische Ereignisse, wenn wir an die ganzen Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten denken. Leid ist leider menschlich. Die Frage ist aber, wie wir mit Gefühlen umgehen und welche Strategien wir haben.

Zu wissen, dass meine iranischen Schwestern und Brüder ermordet werden, ist schmerzhaft. Meine Tränen sind aber eine gesunde Reaktion auf das Leid meiner Landsleute. Emotionen zuzulassen, verhindert in der Regel, dass das Gefühl pathologisch wird. Sport, Meditation, Demonstrationsbesuche, Weinen – das sind meine Copingskills im Umgang mit Leid. Ohne diese Strategien würde Leidensdruck entstehen.

Im Gegensatz zu Leid geht Leidensdruck mit Symptomen einher: Sei es, dass sich das Gedankenkarussell nonstop dreht, dass ich es nicht mehr zur Arbeit schaffe, dass ich den Appetit oder die Lust auf das Leben verliere. Als Therapeutin arbeite ich mit Menschen, die Leidensdruck empfinden – und stelle dabei immer wieder fest, dass irgendein Gefühl im Leben dieser Klient*innen keinen Raum bekommen hat.

Wenn wir Gefühle dauerhaft internalisieren, verbleiben die im Körper und zeigen sich irgendwann durch Krankheitssymptome. Das ist oft der Punkt, an dem wir dann reagieren und uns mit den Gefühlen auseinandersetzen. Unsere Gesellschaft hat tatsächlich mehr Angst vor den physiologischen Reaktionen als vor psychischen. Dabei wäre es so wichtig, Gefühle rauszulassen, bevor Leidensdruck entsteht.“

Deswegen plädierst du für eine neue „Leidkultur“, wie du es nennst?

„Genau. Leiden ist überall, Leiden ist legitim. Wir dürfen weinen, über unsere Gefühle sprechen. Wir brauchen eine Leidkultur, damit kein Leidensdruck entsteht. Wir brauchen einen bewussten Umgang und eine Wahrnehmungssensibilität im Umgang mit Leid.“

Deine Eltern sind vor deiner Geburt aus dem Iran geflüchtet. In deinem Buch erzählst du, dass deine Eltern stets versucht haben, dich vor Leid zu schützen. Heute ist das aber genau dein Thema, zu dem du als Psychologin arbeitest, forschst, sprichst und schreibst. War diese Entscheidung, dich beruflich mit Leid auseinanderzusetzen, ein Versuch der Annäherung an etwas, das bewusst von dir weggehalten wurde?

„Ich weiß nicht, ob es dazu Theorien gibt. Aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus, empfehle ich heute als Kinder- und Jugendtherapeutin Eltern, mit ihren Kindern auch über leidvolle Phänomene zu sprechen. Meine Eltern haben immer versucht, Leid von mir wegzuhalten, dabei wollte ich bereits als Kind verstehen, was passiert und nah an den Menschen sein. Sehr jung habe ich dann die Kriegsfotografie für mich entdeckt – als mir das Buch ,Iran‘ vom Magnum-Fotografen Bruno Barbey in die Hände fiel und mir ein Bild vermittelte von diesem Land, in das ich nicht einreisen darf.

Ich habe irgendwann erkannt, dass Krieg nicht nur im Außen existiert, sondern wir auch im Innern emotionale Kriege mit uns selbst führen – und bin am Ende Psychologin geworden. Dieser Raum für Begegnung, den Therapie schafft, ist besonders. Ich versuche nicht nur, meinen Klient*innen zu helfen, sondern lerne auch viel von ihnen. Wir alle könnten mehr voneinander lernen, indem wir einander zuhören.“

Du bist Kinder- und Jugendtherapeutin. Wir sprechen hier als Erwachsene über Leid. Wie unterscheidet sich die Reaktion auf Leid und der Umgang damit zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen?

„Kinder können Leid, generell Gefühle, in der Regel sehr gut ausdrücken. Leider erleben sie meist früh im Leben, dass auf einen Gefühlsausdruck eine Wertung folgt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als Kind beim Sport hingefallen bin – und die Lehrerin direkt meinte: Weine nicht! Wir alle haben gelernt, dass Gefühle in unserer Gesellschaft bewertet und kommentiert werden. Deshalb haben so viele Menschen Schwierigkeiten, sich in zwischenmenschlichen Beziehungen vulnerabel zu zeigen oder vor anderen zu weinen.

Diese Bewertung von Gefühlsausdrücken meinen wir in der Regel nicht böse. Sie ist vielmehr Ausdruck davon, dass wir selbst nicht gut mit Gefühlen wie Trauer oder Wut umgehen können, weil wir das nicht gelernt haben. In unserer Gesellschaft gibt es diesen großen Irrtum, dass es negative und positive Emotionen gibt, aber diese Bewertung von Gefühlen ist falsch. Angst, Wut, Trauer, Scham – all diese vermeintlich negativen Gefühle sind in Ordnung. Viele Erwachsene können diese Emotionen aber nicht zuordnen, weil sie sich diese Gefühle selbst nicht erlauben. Wir liegen der Illusion auf, dass wir nicht verletzt werden können, wenn wir keine Emotionen zeigen.

Wir sollten uns den Raum für Emotionen zurückerobern und offen über Gefühle sprechen. Das ist verdammt schwer, aber ich würde mir das sehr für unsere Kinder und Jugendlichen wünschen, denen wir damit den Druck nehmen. Kinder lassen alles raus, bis sie das erste Mal sanktioniert werden. Ich muss deshalb viel mit den Eltern meiner Klient*innen arbeiten und ihnen vermitteln, dass erstmal alle Gefühle sein dürfen.

Unsere Gesellschaft ist sehr stark darauf konditioniert, zu funktionieren. Das ist natürlich ein Ausdruck unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems. Aber dieser Fokus auf Selbstoptimierung macht krank.“

In deinem Buch beschreibst du, dass Leid keinen Platz hat in unserem Wirtschaftssystem. Nach dem Motto: Wer leidet, funktioniert vermeintlich nicht und kann dementsprechend nicht genug leisten.

„Genau, aber das stimmt nicht. Dafür gibt es tausend Beispiele. Nehmen wir Nelson Mandela, dem so viel Leid widerfahren ist und der dennoch so viel erreicht hat. Viele Künstler*innen haben die größten Werke in Zeiten des Leids geschaffen. Menschen können aus Leid auch schöpfen. Die Künstlerin Louise Bourgeois ist ein gutes Beispiel dafür, wie man aus der Konfrontation mit Leid und dem bewussten Umgang damit etwas machen kann. Sie hat das Leid, das ihr Vater in ihrer Familie ausgelöst hat, in grandiose Kunst übersetzt. Wir alle sollten uns solche Räume schaffen.“

Privilegien machen in fast jeder Lebensphase einen Unterschied. Im Gegensatz zu uns in Deutschland stehen die Menschen im Iran vor ganz anderen Herausforderungen. Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Privilegien beim Umgang mit Leid?

„Privilegien machen definitiv einen Unterschied. Wichtig ist aber, dass wir nicht in Hierarchien denken. Durch den Vergleich mit anderen, denen es schlechter geht, bewerten wir und werten uns selbst ab. Das hilft niemandem. Wir dürfen traurig sein, wenn wir eine Absage für einen Job bekommen haben oder enttäuscht, wenn jemand uns im Stich gelassen hat. Die Frage ist aber, wie wir mit Leiderfahrungen umgehen und was wir daraus machen.

Dankbarkeit ist hier ein wichtiger Aspekt. In einer vulnerablen Lebenssituation bekommt vieles eine andere Bedeutung. Das ist belegt durch die Resilienzforschung. Ein gutes Beispiel ist unsere Gesundheit, die viele für selbstverständlich nehmen. Uns wird oft erst bewusst, wie dankbar wir für eine Sache sein können, wenn wir sie verlieren – und das ist schade. Wenn uns bewusst ist, wofür wir alles dankbar sein können, verharren wir nicht im Leid, sondern erkennen auch Ressourcen.

In der Therapie schaue ich mit meinen Klient*innen, wenn sie erstmal stabil sind, immer auf das Thema Dankbarkeit. Sie lernen, dankbar für ihre Fortschritte zu sein und stolz auf alles, was sie geschafft haben. Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir es gut oder besser als andere haben, aber statt uns abzuwerten, sollten wir schauen, was wir daraus machen können. Und da verlieren wir uns oft. Deswegen ist es so wichtig, Emotionen nicht wegzuschieben, sondern sich damit zu befassen.“

Buchtipp: „Leid – Die emotionalen Wellen des Lebens“ von Dr. Nady Mirian, Kösel Verlag, 20 Euro. Mehr erfahren. 

Weltkrebstag
Dr. Babett Baraniec: „Krebs ist politisch – und Patient*innen haben mehr Macht, als sie glauben“
Babett Baraniec, Gründerin des Krebs Campus, spricht im Interview über Gesundheitswissen Krebs und ein digitales Konzept...
Karneval | Kolumne
Kostüm und Körperbild – Warum ich endlich mehr wagen und ausprobieren will
Mona verkleidete sich nie gern – wegen Selbstwertproblemen und internalisiertem Frauenhass.
Ist die Glowbalisierung noch aufzuhalten?
Auf der Suche nach dem „Glow“ – und wie ich daran ermatte
Glow ist kein Hautzustand, sondern ein stiller Dauerauftrag: Zeit, Geld und Selbstzweifel – und diese Kolumne fragt, wer...
Burn-on-Syndrom? – Wieso, ich funktioniere doch!
Burn-out kennt jeder – aber Burn-on? Als unsere Autorin zufällig davon liest, erkennt sie sich sofort wieder und weiß: S...
EDITION F Voices Kolumne
Medical Gaslighting: Symptom eines patriarchalen Gesundheitssystems
Eine neue Plakatkampagne macht strukturelle und geschlechtsspezifische Missstände in der Gesundheitsversorgung sichtbar....
Initiative STUDIEN WIRKEN
Thu Thao Vu Thi: „Eine Studie hat mein Leben gerettet“
Initiative STUDIEN WIRKEN: Klinische Studien können Leben retten – wenn genug Menschen teilnehmen.