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Foto der Illustratorin Irmela Schautz und der Autorin Kathrin Köller, die gemeinsam Bücher veröffentlichen.  | © Oliver Look | Irmela Schautz (links) und Kathrin Köller
© Oliver Look | Irmela Schautz (links) und Kathrin Köller
09.04.2026 • 16:54
Autorin Linda-Rachel Sabiers | © Max Zerrahn Linda Rachel Sabiers
Interview zu ADHS, Autismus & Co. 

„Scham ist für viele neurodivergente Menschen ein großes Thema“

Die Illustratorin Irmela Schautz und die Autorin Kathrin Köller beleuchten in ihrem Buch Richtig anders – anders richtig Neurodiversität aus verschiedenen Blickwinkeln. Im Interview sprechen sie über die neurologische Vielfalt von Gehirnen, unsichtbare Belastungen und die Frage, wer sich eigentlich an wen anpassen muss.

Der Diskurs über Neurodiversität ist trotz wachsendem Bewusstsein für das Thema noch immer stark defizitorientiert und fokussiert auf Störungen und Abweichungen von der vermeintlichen Norm. Mit ihrem Buch Richtig anders – anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent drehen die Autorin Kathrin Köller und die Illustratorin Irmela Schautz diese Perspektive bewusst um. Sie lassen neurodivergente Menschen selbst sprechen, über ihre Erfahrungen, Gefühle und Strategien – und machen sichtbar, was im Alltag oft übersehen wird: den Anpassungsdruck, die Erschöpfung und strukturelle Benachteiligung, aber auch Kreativität, Humor und Widerstandskraft. 

Im Interview sprechen Kathrin Köller und Irmela Schautz darüber, warum Neurodivergenzen wie ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Störung (LRS), Dyslexie oder Dyskalkulie nicht nur Diagnosen sind, sondern blicken auch auf die politische und gesellschaftliche Ebene. Es geht um Schule, Stigma, Klassismus und darum, wie sehr unsere Strukturen noch immer auf neurotypische Menschen ausgerichtet sind. Ein Gespräch über Neurodiversität – und darüber, warum viele neurodivergente Menschen täglich ausgleichen, was die Gesellschaft nicht leistet.

Was ist der Unterschied zwischen Neurodiversität und Neurodivergenz / neurodivergent? 

Autistische Communitys prägten rund um die Jahrtausendwende den Begriff Neurodiversität. Das Konzept basiert auf dem Gedanken, dass es kein „normal“ und „abnormal“ gibt, sondern eine biologische Vielfalt menschlicher Gehirne und Nervensysteme. Als neurodivergent bezeichnet man u.a. Menschen mit ADHS, Autist*innen oder auch Personen mit Lese-Rechtschreib-Störung, Dyslexie oder Dyskalkulie. Der Begriff setzt sich aus „Neuro“ und dem englischen Wort „diverge“ (Deutsch: abweichen) zusammen. Denn wie wir inzwischen wissen und dank moderner Hirnforschung auch nachweisen können, funktionieren die Gehirne neurodivergenter Menschen anders als die der oft als „neurotypisch“ bezeichneten Mehrheit. Neurodivergenz zeigt sich u.a. in der Art, wie Menschen Reize und Informationen verarbeiten, in der Durchblutung verschiedener Hirnareale, in der Art, wie die Botenstoffe Informationen im Hirn hin- und her transportieren oder auch in der Art zu denken, fühlen und Sachen zu verarbeiten. Neurodivergent bedeutet anders – aber eben nicht falsch. (Quelle: Richtig anders – anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent von Kathrin Köller und Irmela Schautz)

Weitere Begriffsdefinitionen findest du übrigens in unserem hier verlinkten Glossar.

Euer Buch Queergestreift, das queere Lebensrealitäten sichtbar macht, wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Nun richtet ihr den Blick auf neurodivergente Perspektiven. Zieht sich durch eure Arbeit ein roter Faden – vielleicht sogar eine bewusste Entscheidung, normative Vorstellungen von Körper, Identität und Leistung immer wieder zu hinterfragen?

Kathrin Köller: „Die kurze Antwort ist: Ja. Es war eine sehr bewusste Entscheidung, verschiedene Lebensrealitäten normativen Vorstellungen entgegenzusetzen und andere Personen, andere Stimmen und anderes Leben sicht- und hörbar zu machen. Beide Bücher arbeiten stark mit Own Voices und bringen viele unterschiedliche Perspektiven ein, die wir – beziehungsweise ich als Autorin – allein gar nicht hätten repräsentieren können. Das ist ein bewusster Teil des Konzepts.“

Irmela Schautz: „Uns war wichtig, nicht über, sondern mit den Menschen aus den unterschiedlichen Communities zu reden und sie zu Wort kommen zu lassen. Diversität zieht sich auf allen Ebenen durch unsere Bücher. In meinen Illustrationen werden Menschen in ihrer Vielfalt gezeigt. Verschiedene Hautfarben, Körper und Geschlechter sorgen dafür, dass alle sich gesehen fühlen. Bei Richtig anders – anders richtig versuche ich zudem, die Vielfalt der Gehirne und Nervensysteme abwechslungsreich umzusetzen. 

Wichtig ist mir außerdem, dass meine Illustrationen Gefühle visualisieren, wie beispielsweise die Hin- und Hergerissenheit zwischen Über- und Unterstimulation bei ADHS. Richtig anders – anders richtig ist ein Buch, das Brüche umarmt und lustvoll Wissen vermitteln soll.“

Illustration von Irmela Schautz, die viele verschiedene Menschen zeigt. Text: The world needs all kinds of mind. | We can't all be neurotypical.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Ihr erwähnt im Buch, dass es eine große Schnittmenge zwischen queeren und neurodivergenten Menschen gibt, was auch daran liegen könnte, dass neurodivergente Menschen normative Vorstellungen stärker hinterfragen. Ist Richtig anders – anders richtig als logische Konsequenz aus Queergestreift entstanden?

Kathrin Köller: „Auf der Buchpremiere von Queergestreift kam eine befreundete Lernpädagogin auf uns zu, die viel mit Menschen mit ADHS, LRS und Dyskalkulie arbeitet. Sie sagte, dass sie den empowernden Ansatz des Buches sehr möge und dass genau so etwas den Menschen fehle, die sie betreue. Der Blick auf diese Kinder und Jugendlichen sei oft sehr störungsfokussiert – und sie würde sich da etwas anderes wünschen. Aus diesem Gedanken, der zunächst nur ein Nebensatz auf einer Party war, ist dieses Buchprojekt gewachsen. 

Der Zusammenhang von neurodivergent und queer ist komplex und intersektional. Es gibt Zahlen, die belegen, dass der Anteil der Personen, die trans* und/oder nonbinär sind, unter autistischen Personen höher ist als unter nicht-autistischen Personen. Eventuell liegt das daran, dass soziale Normen und Konstrukte für autistische Personen weniger relevant sind, aber das ist bislang eine Vermutung. In einer Welt, die trans* und/oder nonbinäre Personen mehr respektiert, würden sich vielleicht auch mehr nicht-autistische Personen outen. Grundsätzlich setzen sich queere Personen oft sehr gründlich mit der eigenen Identität auseinander. Da fällt einem eventuell auch schon ein bisschen früher auf, wenn man ,anders tickt‘.

Neurodivergente und queere Personen machen oft ähnliche Diskriminierungserfahrungen, stoßen auf vergleichbare Erwartungshaltungen und haben vieles davon verinnerlicht. Scham zum Beispiel ist für viele queere wie für neurodivergente Menschen ein großes Thema.“

Irmela Schautz: „Unsere beiden Bücher sind selbstinitiierte Projekte. Nicht der Verlag kam auf uns zu, sondern beide Bücher sind auf unsere Initiative hin entstanden.“

Kathrin Köller (sie/ihr), selbst selbstbewusst neurodivergent, glaubt daran, dass alle Gehirne gebraucht werden. Dafür gilt es, Barrieren abzubauen und Anderssein zu umarmen. Lustvoll aufzuklären und Komplexes knackig zu erzählen ist Kathrin Köllers Spezialgebiet. Für ihr Buch Queergestreift | Alles über LGBTIQA+, das sie 2022 ebenfalls im Hanser Verlag veröffentlicht hat, wurde sie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Autorin und Übersetzerin lebt in Berlin. 

Irmela Schautz (sie/ihr) liebt Themen, die inhaltlich und illustrativ herausfordern. Wenn sie sich so richtig der Recherche hingeben und dann mit kreativen Lösungen wieder aufschlagen kann, ist sie ganz in ihrem Element. Die freie Illustratorin studierte Malerei, Grafik sowie Bühnen- und Kostümbild. Seit 2012 lehrt sie an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. 2022 veröffentlichte sie gemeinsam mit Kathrin Köller Queergestreift | Alles über LGBTIQA+ und wurde dafür mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Seid ihr selbst neurodivergent?

Irmela Schautz: „Ich habe eine neurodivergente Tochter. Deshalb sind viele der Themen, über die wir hier sprechen, für mich nicht nur theoretisch, sondern sehr persönlich.“

Kathrin Köller: „Ich bin auch eine von den vielen spätdiagnostizierten ADHSler*innen. Ich ärgere mich daher immer sehr über den Vorwurf der Modediagnose. Insbesondere für ADHSler*innen ist der Prozess, überhaupt eine Diagnose zu erhalten, die Hölle. Es gibt eine massive Unterversorgung, es werden so viele Menschen, die strugglen, jahrelang nicht gesehen. Es ist unglaublich kompliziert, überhaupt irgendwo einen Termin zu bekommen – und für jemanden mit ADHS, der vielleicht auch noch mit Scham zu kämpfen hat, ist das besonders schwierig. Wenn du dann dreimal irgendwo anrufst und hörst: ‚Nein, auch die Warteliste ist geschlossen‘, gibst du schnell wieder auf. Bei Autismus ist es ähnlich: Durch die langen Wartezeiten verzögern sich die Diagnosen.“

Was hat das mit dir gemacht, eine ADHS-Diagnose zu erhalten und in welcher Form hat das deine Lebensrealität verändert, Kathrin?

Kathrin Köller: „Für mich war das tatsächlich eine Reise – und ist es auch immer noch. Es war alles dabei. Ein großes Stück Erleichterung, gewisse Dinge endlich zu verstehen und zu begreifen, dass sie aus der Neurodivergenz kommen und nicht daher, dass ich irgendwie ,bescheuert‘ bin. Das sitzt sehr tief, gerade bei vielen Menschen, die erst später diagnostiziert werden. Man hat lange dieses Gefühl: ‚Ey, irgendwas stimmt doch nicht mit mir.‘ Insofern hatte das auch einen sehr befreienden Moment.

Zwischendurch verspürte ich auch große Trauer. Ich habe gedacht: ,Oh Mann, hätte das mal jemand früher bemerkt. Wie anders hätte mein Leben aussehen können?‘ Und was es mich gekostet hat, keine Diagnose zu haben. ADHS hat Auswirkungen auf meine Beziehungen, auf meine Finanzen – das sind existenzielle Dinge.

Vorherrschend ist jedoch ein anderes Empfinden: Ich bin wahnsinnig neugierig – was typisch für ADHSler*innen ist – und finde diesen Prozess der Selbstfindung total spannend. Die positivere Seite in mir sagt dann: Naja, immerhin darfst du jetzt auch deine Stärken kennenlernen, ihnen vertrauen und kannst zumindest andere Leute dabei unterstützen, sich für ihre Schwächen nicht so fertig zu machen.

Und was ich persönlich besonders schön finde, ist die Möglichkeit, das Ganze auch künstlerisch zu verarbeiten, gleichzeitig mit einer wissenschaftlichen Brille darauf zu schauen und die Erfahrungen anderer mit einzubeziehen. Das empfinde ich als Geschenk.“

Illustration von Irmela Schautz: Ein*e Astronaut*in steht auf einem bunten Planeten und hält eine Fahne in der Hand, auf der in Regenbogenfarben das Unendlichkeitszeichen abgebildet ist. Text: Welcome to the Neurodiverse Universe.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Ihr seid beide Mütter. Hat sich euer Blick auf Neurodivergenz durch eure eigene Elternschaft verändert – vielleicht auch im Spannungsfeld zwischen Schutzinstinkt und dem Wunsch, Kinder stark und selbstbewusst in ihrem Anderssein werden zu lassen?

Kathrin Köller: „Mir ist es wichtig, eine Lanze für neurodivergente Eltern von neurodivergenten Kindern zu brechen. In unserer Gesellschaft neurodivergent zu sein und gleichzeitig neurodivergente Kinder großzuziehen, ist ein Kraftakt. Es werden einem so viele Hürden in den Weg gestellt, und gerade bei Müttern führt das nicht selten in den Burnout.

Es ist ein permanenter Kampf, zum Beispiel mit der Schule, die oft gar nicht auf die Bedürfnisse neurodivergenter Kinder ausgerichtet ist. Als Eltern ist man ständig damit beschäftigt, das eigene Kind zu erklären und zu verteidigen. Das ist eine enorme Arbeit, die kaum gesehen wird – Hut ab vor allen neurodivergenten Eltern.“

Irmela Schautz: „Ich empfinde es als Grenzgang. Ich habe ein Inklusionskind, und das hat enorme Auswirkungen auf den Beruf, auf die persönliche und familiäre Situation, eigentlich auf das ganze Leben.

Was mich persönlich mit meiner mittlerweile erwachsenen – und übrigens sehr coolen – Tochter getroffen hat, ist, dass auch das Umfeld von Freund*innen schnell mit neurotypischen Sprüchen kommt wie: ‚Ist ja typisch, du Helikoptermutter.‘ Oder: ‚Typisch Einzelkind‘ oder ähnliche Zuschreibungen. Von der Gesellschaft hätte ich mir da mehr ,Wie können wir dich unterstützen?‘ und weniger ,Das muss sie aber jetzt alleine können‘ gewünscht. Das tut wirklich weh.

In vielen Situationen hat mich das ins Schwanken gebracht, weil ich mich immer wieder gefragt habe: Handle ich gerade richtig? Diese ständige Balance zwischen Schutz und Loslassen ist bis heute schwierig – selbst jetzt, wo meine Tochter eine erwachsene junge Frau ist. Ich habe lange mit den Vergleichen zu kämpfen gehabt – mit anderen Müttern, anderen Familien, bei denen scheinbar alles ‚glatt‘ läuft. Gerade als Mutter, und überhaupt in Familien mit Inklusionskindern oder neurodivergenten Personen, spielt das Thema Ressourcen eine große Rolle.“

Bei der Diskussion über Neurodivergenz ist Klassismus bzw. finanzielle Ressourcen neben Ableismus ein wichtiger Aspekt. Geld gleicht nicht alles aus, aber macht an vielen Stellen einen Unterschied, wie sehr Neurodivergenz in einer neurotypischen Welt zum Problem wird für Betroffene. Wie seht ihr das?

Irmela Schautz: „Ich war zehn Jahre zu Hause, um mein Inklusionskind zu begleiten. Parallel zu arbeiten war in dieser Zeit nicht möglich. Das hatte auch Auswirkungen auf mein Leben als Frau und als Mutter.

Dieser Kampf während der Schulzeit meines Kindes hat nicht nur Kraft und Ressourcen gekostet, sondern eben auch Geld. In anderen Lebenssituationen als der, in der ich damals war, wäre es gar nicht möglich gewesen, zu Hause zu bleiben. Genau da zeigt sich, wie wichtig Zeit und Geld sind, um ein Kind überhaupt unterstützen zu können.“

Kathrin Köller: „Gleichzeitig gibt es auch sehr privilegierte neurodivergente Menschen – etwa solche, die auf Privatschulen gehen, wo vieles gut funktioniert und wo sie sich individuell entwickeln können. Manche machen dann auch sehr erfolgreich Karriere. Das unterstreicht Irmelas Punkt: Es hat viel mit den Möglichkeiten zu tun, die jemand hat. Das Mindeste, was wir als Gesellschaft tun können, ist neurodivergente Familien zu unterstützen, sie nicht zu beschämen, sondern zu fragen: ‚Wie kann ich helfen?‘

Neurodivergenz bringt oft hohe finanzielle Belastungen mit sich – und auch viel Scham. Dafür fehlt in der Gesellschaft noch immer das Bewusstsein, und Klassismus spielt dabei eine große Rolle. Armut kann sich so verstärken, etwa wenn Menschen aus Angst nicht einmal mehr ihre Briefe öffnen. Geld kann vieles erleichtern – diese Unterstützung sollte aber nicht nur wohlhabenden Familien zur Verfügung stehen. Genau deshalb ist Neurodivergenz auch ein so umkämpftes Thema, weil echte Unterstützung finanzielle Konsequenzen hätte.“

Wenn ihr sagt „anders, aber richtig“ – an wen richtet sich dieser Satz zuerst: an neurodivergente Menschen, an die Mehrheitsgesellschaft oder auch an euer jüngeres Ich?

Irmela Schautz: „An alle.“
Kathrin Köller: „Genau in dieser Reihenfolge.“

Oft hört man den Satz: „Jedes Gehirn ist anders, wir ticken doch alle verschieden.“ Das stimmt einerseits – andererseits verwischt es die Unterschiede zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen. Wie seht ihr das?

Kathrin Köller: „Dieser Satz kann vielleicht helfen, um sich zu vergegenwärtigen, dass bloß, weil etwas für mich einfach ist, das nicht auch für dich so sein muss. Ganz wertfrei. Wenn wir uns das öfter vor Augen führen, ist das gut. Wir sehen diesen Satz aber auch kritisch, weil er strukturelle Benachteiligung neurodivergenter Menschen ausblendet. Außerdem stimmt er biologisch so nicht. Gehirne von Menschen mit ADHS, LRS oder Autismus sehen auf MRT-Aufnahmen tatsächlich anders aus.

Natürlich ist jede Person individuell und jedes Gehirn einzigartig. Aber das bedeutet nicht, dass es keine strukturellen Unterschiede gibt – und damit auch keine strukturellen Privilegien. Genau das wird durch solche Sätze oft unsichtbar gemacht.“

Neurodivergenz wird romantisiert – etwa als „Superkraft“ oder „besondere Begabung“ – und gleichzeitig problematisiert. Wie bewegt ihr euch zwischen diesen beiden Narrativen?

Kathrin Köller: „,Superkraft und Schwierigkeiten‘ sind zwei Seiten derselben Medaille. Beides gehört zusammen – jedes für sich allein greift zu kurz.

Romantisieren kann schädlich sein. Wenn wir zum Beispiel bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibstörung nur betonen, wie kreativ sie sind, mag das zwar stimmen. Aber wenn ich mich in der Schule ständig als defizitär erlebe und sehe, dass meine Mitschüler*innen das alles können, dann verkümmert diese Kreativität schnell. Oder ich werde eher kreativ darin, Dinge zu vermeiden.

Deshalb ist es wichtiger, sich dem früh zu stellen und zu sagen: Hier gibt es Schwierigkeiten, und hier braucht es Unterstützung. Nur so kann ich die Kreativität, die natürlich da ist, auch wirklich entfalten.“

Irmela Schautz: „Ich finde in dem Zusammenhang auch den Begriff Nachteilsausgleich in der Schule total wichtig. Der wird oft als Bevorzugung missverstanden – und leider auch genau so an Kinder vermittelt. Dabei geht es beim Nachteilsausgleich gar nicht darum, jemanden zu bevorzugen, sondern darum, bestehende Nachteile auszugleichen.“

Kathrin Köller: „Ein schönes Bild dafür ist: Ein großer und ein kleiner Mensch stehen vor einem Zaun. Der Große kann einfach darüber schauen, der Kleine bekommt eine Kiste, auf die er sich stellen kann. Erst dann sehen beide dasselbe. Diese Kiste ist der Nachteilsausgleich.“

Irmela Schautz: „Da hätte ich wirklich einen Wunsch und auch eine klare Forderung an Schulen: dass sie über solche Themen besser Bescheid wissen. Die Schule meines Kindes war damals kaum informiert. Zum Glück waren die Lehrer*innen offen, und wir konnten als Eltern Aufklärungsarbeit leisten. Aber das muss man erst einmal können und auch die Kraft dafür haben.“

Kathrin Köller: „Und sich dafür zu öffnen, ist die erste Voraussetzung. Oft begegnet man dem Thema nämlich mit einem gewissen Generalverdacht – als wolle sich da jemand eine Sonderbehandlung erstreiten.“

Neurodivergenz wird – besonders in sozialen Medien – häufig als Trendthema dargestellt. Der Vorwurf lautet dann: „Plötzlich hat jeder ADHS.“ Wie schaut ihr auf diese Debatte? Ist sie euch in der Recherche begegnet oder eher im Alltag mit euren Kindern?

Irmela Schautz: „Auf unseren Lesungen stellen wir auch ältere neurodivergente Personen vor und machen sichtbar, dass es sie schon immer gab – auch wenn früher die Worte dafür fehlten. Das ist ähnlich wie bei queeren Menschen: Die Begriffe sind neu, die Erfahrungen nicht. Der erste Text über ADHS wurde bereits Mitte des 18. Jahrhunderts geschrieben.“

Kathrin Köller: „Ich kann Irmelas Punkt nur unterstreichen. Viele Menschen waren früher schlicht undiagnostiziert oder haben stark abwertende Labels bekommen. Dass Neurodivergenz heute manchmal als Modewelle abgetan wird, hat aus meiner Sicht auch etwas Bösartiges. Es ist viel einfacher, eine Bewegung zu diskreditieren, als sich mit Inklusion zu beschäftigen und tatsächlich etwas zu verändern. Wenn ich sage, das sei nur ein Social-Media-Trend, nehme ich das Thema nicht ernst. Dann entsteht für mich auch keine Verpflichtung, etwas zu tun – zum Beispiel Geld in die Hand zu nehmen, um Schulen inklusiver zu machen.“

Illustration von Irmela Schautz, die einen müde-lächelnden Geist zeigt. Text: Some Disabilities are invisible.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Unsere Welt gilt als immer reizintensiver und überfordernder. Welchen Einfluss hat das aus eurer Sicht auf die steigende Zahl an Diagnosen?

Kathrin Köller: „Ja, wir leben heute in einer sehr überreizten Gesellschaft, und das betrifft natürlich alle. Bei neurodivergenten Personen ist der Stress oft noch einmal deutlich höher. Wir sind häufig reizoffener, und wenn mehr Reize auf uns einströmen, bedeutet das auch mehr Stress. Die autistische Autorin Maria Zimmermann hat den schönen Vergleich vom Kaffeefilter für ein neurotypisches Hirn und dem Nudelsieb für ein autistisches Hirn beschrieben. Unter dem Nudelsieb steht dann auch noch die kleine Kaffeetasse, sodass der Tisch schnell überschwemmt ist. Aber auch der Kaffeefilter und die sehr viel größere Kanne, die da drunter steht, kommen irgendwann an ihre Grenzen. 

In ruhigeren Zeiten oder Umgebungen war es für manche Menschen vielleicht gar nicht so entscheidend, eine Diagnose zu haben. Sie sind irgendwie zurechtgekommen – vielleicht auch, weil es mehr Gemeinschaft und passende Räume gab.“

Und heute bewegen wir uns mehr in digitalen Räumen und auf Social-Media-Plattformen, die sehr reizintensiv sind und süchtig machen können …

Kathrin Köller: „Ich sehe das auch nicht nur beim Thema Ablenkung durch Social Media. Es geht genauso um die ständige Flut an Nachrichten, die einen emotional überwältigen kann. Wenn ich eine Nachricht sehe, mache ich mir sofort viele Gedanken darüber. Wenn dann ständig neue Informationen auf Bildschirmen oder im Feed auftauchen, bin ich schnell komplett raus aus dem, was ich eigentlich tun wollte. Dieses Gefühl, permanent überflutet zu werden, ist einfach immer da.“

Irmela Schautz: „Und das kommt von allen Seiten. Auf allen Kanälen.“

Kathrin Köller: „Für uns neurodivergente Personen, die Reize nicht so leicht ausblenden können, ist das besonders schwierig. Das kann wirklich lähmen. Gleichzeitig merke ich, dass diese Überforderung inzwischen auch viele neurotypische Menschen betrifft – es ist einfach insgesamt sehr viel.

Vielleicht kann man da sogar etwas von neurodivergenten Strategien lernen. Zum Beispiel hilft es mir als ADHSlerin zu wissen, dass ich anfälliger für Suchtmechanismen bin, etwa bei Social Media. Dieses Bewusstsein hilft dabei, bewusst Grenzen zu setzen, sich Strategien zu überlegen und sich immer wieder Ruheräume zu schaffen. Davon profitieren am Ende alle.“

Illustration von Irmela Schautz: Eine Person hängt an der Nadel eines Metronoms und wird dadurch von hin- und hergeschwenkt.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Neurodivergenz wird historisch wie gegenwärtig stärker bei männlichen Personen wahrgenommen – viele Mädchen und Frauen werden später oder anders diagnostiziert, ihre Strategien sind oft stärker auf Anpassung ausgerichtet. Seht ihr Neurodiversität auch als feministische Frage – als Teil einer größeren Debatte darüber, wessen Anderssein sichtbar sein darf und wessen lange übersehen wurde?

Kathrin Köller: „Mir ist wichtig zu betonen, dass das nicht nur Frauen und Mädchen betrifft, sondern auch trans und nicht-binäre Personen. Und das klassische Bild von ADHS – etwa der ‚Zappelphilipp‘ – waren lange stark cis männlich geprägt. Dabei wurden aber auch männliche Personen übersehen, wenn sie eher dem sogenannten ADHS-Typ 2 entsprachen, bei dem die Unruhe eher im Kopf stattfindet und nicht nach außen sichtbar wird.

Aber natürlich spielt hier das Patriachat, unter dem auch Männer leiden, eine Rolle. Historisch galten Mädchen und Frauen schnell als hysterisch oder wurden als Borderlinerinnen diagnostiziert. Das gleiche Verhalten wird bei cis männlichen Personen eher als ADHS, kreativ, wild, boys will be boys gelesen. Männern gesteht man zudem gesellschaftlich oft eine andere Form von Wut und Exzentrik zu.“

Welche Mythen, Missverständnisse oder falschen Vorstellungen rund um Neurodivergenz begegnen euch besonders häufig?

Irmela Schautz: „Zum Beispiel der Vorwurf von Faulheit. Oder dass Neurodivergenz nur eine Ausrede sei. Und ganz oft auch die Unterstellung, jemand wolle einfach nur etwas Besonderes sein oder sich abheben. Solche Zuschreibungen begegnen uns immer wieder.“

Kathrin Köller: „Gerade im Schulkontext hört man oft: ‚Ich muss die doch alle gleich prüfen können.‘ Meine Antwort darauf ist: Die sind aber nicht alle gleich. Wenn Schule immer mit denselben Erwartungen an alle herangeht, wird sie schnell zu einem echten Nadelöhr.

Und ich finde, das sehen wir gerade auch politisch: Selbst Hilfen, die es einmal gab, werden wieder abgebaut – mit dem Argument, es müsse für alle gleich sein.“

Im Buch stellt ihr die Frage, ob wir womöglich in einer „niedrigfunktionalen Gesellschaft“ leben – einer, die es nicht schafft, neurodivergente Menschen mitzudenken. Was meint ihr damit genau?

Kathrin Köller: „Oft wird von hochfunktionalen ADHSler*innen oder Autist*innen gesprochen. Dabei übernehmen diese Menschen häufig – und oft auf eigene Kosten – Aufgaben, die eigentlich die Gesellschaft leisten müsste. Gerade weil die Strukturen dafür fehlen, gleichen sie vieles selbst aus. Deshalb fand ich den Begriff der ‚niedrigfunktionalen Gesellschaft‘ ganz passend. Er dreht die Perspektive um und macht deutlich: Vielleicht schauen wir da bisher auf das falsche Problem.“

Könnt ihr hierfür ein Beispiel geben?

Kathrin Köller: „Ein Beispiel ist der enorme Energieaufwand, den viele neurodivergente Menschen leisten müssen, um mit einem hohen Reizpegel umzugehen. Das funktioniert oft eine Zeit lang – kostet aber unglaublich viel Kraft. Viele sind danach völlig erschöpft, liegen nachmittags im Bett und bekommen dann noch Ärger, weil ihr Umfeld denkt, sie müssten mehr leisten. Dabei wird diese Anpassungsleistung oft gar nicht gesehen.

Eine mögliche Lösung wäre ein flexibleres Schulsystem, wie es das in anderen europäischen Ländern teilweise gibt. Dort ist Präsenz nicht immer zwingend, sondern hybride Teilnahme möglich. Im Arbeitsleben kennen wir solche Modelle längst – in der Schule dagegen sind die Strukturen oft noch sehr rigide, obwohl genau das vielen neurodivergenten Schüler*innen helfen würde.

Tatsächlich werden viele autistische Personen nicht beschult; weil sie mit den vielen Reizen nicht klarkommen. Viele brechen irgendwann zusammen und werden damit total allein gelassen. Für viele Familien ist es ein immenser Kampf, jeweils individuelle Lösungen zu finden, obwohl das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wäre.

Ein junger Autist hat mir bei der Recherche für unser Buch erzählt, dass es ihm nicht hilft, in der Pause auf den lauten, wuseligen Hof gehen zu müssen. Besser wären Ruheräume oder Kontakt zu Tieren, die einen beruhigenden Effekt haben. Das sind Kleinigkeiten, die am Ende auch nicht nur autistischen Kindern guttun. Für manche Kinder ist es super, sich auszutoben und Krach zu machen, aber das funktioniert nicht für alle. Wichtig wäre, zu berücksichtigen, was verschiedene Menschen brauchen.“

Irmela Schautz: „Spannend finde ich auch, dass ich im Gespräch mit Freundinnen merke: Gerade Frauen halten solche Belastungen oft sehr lange aus. Zum Alltag – etwa als Alleinerziehende mit Kindern – kommt dann irgendwann noch die Peri- oder Menopause dazu. Und plötzlich funktionieren die Strategien, die sie sich über Jahre aufgebaut haben, nicht mehr. Dann entsteht oft eine echte Krise, die sich sehr existenziell anfühlt. Man steht da und denkt: Scheiße, wo fange ich jetzt überhaupt an?“

Diagnosen können wichtig sein, weil sie Zugang zu Unterstützung schaffen. Gleichzeitig werden Diagnosenamen wie „Autismus-Spektrum-Störung“ oder „ADHS“ kritisiert, weil sie stark defizitorientiert sind. Brauchen wir andere Begriffe?

Irmela Schautz: „Im Buch visualisieren wir das auf einer Seite, die man tatsächlich auf den Kopf stellen muss, um sie lesen zu können. Dort wird über neurotypische Menschen so gesprochen, wie sonst oft über autistische Menschen gesprochen wird.

Wenn ich daran denke, wie Kathrin mir diesen Text das erste Mal vorgelesen hat, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Zuerst fängt man an zu grinsen – und dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken, weil die Beschreibung so defizitär und abwertend ist. Diese Sprache ist wirklich schrecklich.“

Kathrin Köller: „Die Recherche für das Buch war oft schmerzhaft, weil der Blick auf neurodivergente Menschen so defizitär ist. Eine befreundete Lernpädagogin erzählte zum Beispiel, dass viele Eltern große Schwierigkeiten haben, wenn sie eine ADHS-Diagnostik empfiehlt. Sie wehren sich, weil das Thema so stark stigmatisiert ist.

Das ist schwierig, denn dadurch bekommen die Kinder oft nicht die Hilfe, die sie eigentlich bräuchten. Gleichzeitig kann ich die Reaktion der Eltern auch verstehen – dieses Zögern entsteht oft aus dem Wunsch, die Kinder vor Stigmatisierung zu beschützen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir alle mehr über Neurodiversität lernen und Stigma abbauen.“

Illustration von Irmela Schautz, die Medikamente für neurotypische Menschen abbildet, damit sie neurodivergente Menschen besser verstehen.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Vermutlich übersehen viele Menschen aus Angst vor Stigmatisierung, welche Risiken eine fehlende Diagnose mit sich bringen kann.

Irmela Schautz: „Das Problem ist, dass irgendwann die Batterie leer ist. Dann werden neurodivergente Menschen krank. Und genau dann entstehen oft die ganzen Komorbiditäten – etwa Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen.“

Kathrin Köller: „Es ist wichtig, auf Unterschiede zu schauen. Neurodivergenz hat ganz konkrete Auswirkungen – etwa darauf, welche Medikamente jemand braucht oder wie ein Burnout aussieht. Ein autistischer Burnout unterscheidet sich zum Beispiel deutlich von einem neurotypischen. Eine autistische Freundin hat mir erzählt, wie schwierig Arztbesuche für sie oft sind, weil viele Ärzt*innen ihren Autismus gar nicht mitdenken.

Problematisch wird es auch, wenn neurodivergente Menschen bewusst Situationen ausgesetzt werden, die für sie Stress oder Angst bedeuten – in der Hoffnung, sie würden dadurch abgehärtet. Diese Logik funktioniert bei neurodivergenten Personen meist nicht. Umso wichtiger ist es zu wissen, ob jemand neurodivergent ist.

Die Forschung zeigt außerdem immer deutlicher, dass Neurodivergenz den ganzen Körper betrifft und nicht nur das Gehirn. Gerade deshalb müssen wir als Gesellschaft noch viel dazulernen – besonders im Gesundheitswesen.“

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Braucht es andere Begriffe oder sollten wir erstmal mit den gängigen Bezeichnungen arbeiten und das wachsende Bewusstsein in den Vordergrund stellen?

Kathrin Köller: „Ich finde, dass man Begriffe wie ADHS durchaus weiterverwenden kann, weil sie einfach sehr bekannt sind. Auf Lesungen machen wir manchmal ein kleines Spiel und bitten die Gäst*innen, für ADHS eine neue Bedeutung zu erfinden. Eine unserer Lieblingsdefinitionen ist: ADHS steht für ‚außergewöhnlich dramatisch humorvoller Scharfsinn‘.“ (lacht)

Irmela Schautz: „Das spiegelt diesen ressourcenorientierten, empowernden Ansatz unseres Buches wider. Damit möchten wir jedoch nicht den Anschein erwecken, dass man sich keine Hilfe holen soll, um scharfsinnig und humorvoll zu sein.” (lacht)

Der gesellschaftliche Maßstab bleibt oft Leistung und Anpassung. Ist Richtig anders – anders richtig auch eine subtile Kritik an unserer Vorstellung von Normalität?

Kathrin Köller: „Nicht subtil, sondern ganz deutlich.“

Illustration von Irmela Schautz, die eine Person mit Kopfhörern zeigt, die auf einer Batterie sitzt und umgeben von Kabeln ist. Daneben steht auf einem fast leeren Akku geschrieben: Ich bin fast leer - 1%.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Irmela, wie illustriert man Neurodiversität, ohne in visuelle Vereinfachungen zu rutschen? Gab es Motive oder Bildideen, die ihr bewusst verworfen habt, weil sie zu klischeehaft waren?

Irmela Schautz: „Ich liebe es, solche komplexen Themen zu illustrieren. Das ist die Grundvoraussetzung. Und bevor ich überhaupt Bildideen entwickle, spielen die Recherche und die Gespräche mit betreffenden Personen aus den unterschiedlichen Communitys eine große Rolle.

Außerdem arbeite ich sehr assoziativ. Durch Textstellen oder in Gesprächen kommen mir dann die passenden Bilder. Ich mache mir viele Gedanken, wie ich etwas abbilden kann, zum Beispiel Energie, die neurodivergente Menschen verbrauchen, durch Batterien, Akkus und so weiter. Das Mützenbild entstand, als Kathrin sagte, manchmal wäre es schön, wenn sie ihr Gehirn wie eine Mütze absetzen könnte, um mal zur Ruhe zu kommen.

Wirklich wichtig ist uns beiden Vielfalt. Wir möchten das gesamte Spektrum der Neurodivergenz widerspiegeln und die Vielfalt der Welt abbilden, in der wir leben.

Ein wichtiger Punkt ist auch, Dinge sichtbar zu machen, die eigentlich unsichtbar sind – Gefühle und Emotionen. Nehmen wir so etwas wie Selbstliebe. Wie stellt man das dar? Das ist ein sehr abstrakter Begriff. Auf Lesungen bekommen wir dazu oft sehr gutes Feedback. Gerade bei diesen Illustrationen ist es spannend zu beobachten, wie Kinder, aber auch Erwachsene darauf reagieren. Die Bilder greifen Themen auf, die oft schambehaftet sind – und manchmal sagen Leser*innen dann: Genau so fühlt sich das an.

Illustration von Irmela Schautz: Die Person auf dem Bild trägt ein Shirt mit der Aufschrift "ADHD Hyperfokus club" und trägt eine Mütze, die wie ein aus Kabeln gebildetes Gehirn zeigt.  | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz
Illustration von Irmela Schautz, die eine vor dem Spiegel stehende Person zeigt, die sich durch das Glas selbst umarmt. | © Illustration: Irmela Schautz
© Illustration: Irmela Schautz

Das ist für mich als Illustratorin das größte Lob. Ich möchte Bilder machen, die Emotionen zeigen und auch Emotionen auslösen. Gleichzeitig ist mir Humor sehr wichtig. Durch Poesie und Humor lassen sich komplexe Themen oft besser durchdringen und zugänglich machen. Und Humor bringt eine Leichtigkeit hinein, die wir bei solchen Themen gut gebrauchen können. Schließlich wollen wir Bücher machen, die auch Freude bereiten, wenn man sie durchblättert.“

Kathrin Köller: „Auf das Dyslexia-Bild bekommen wir zum Beispiel besonders viele Reaktionen. In dem Kapitel haben wir einen Text in der von Daniel Britton entwickelten Dyslexia-Schrift gesetzt, bei der rund 40 Prozent der Buchstaben fehlen.

Damit wollten wir für Menschen, die nicht betroffen sind, sichtbar machen, wie Schrift für Menschen mit Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) aussehen kann – und wie viel Zeit und Energie es kostet, so eine schwer lesbare Schrift zu entziffern.“

Illustration von Irmela Schautz, die ein Porträt von Daniel Britton zeigt. Er hat die sogenannte Dyslexia-Schrift erfunden und ein illustratives Beispiel dafür ist in Form eines Post-it's auf der Illu zu sehen. | © Irmela Schautz | Ausschnitt aus dem Buch mit einer Illustration von Daniel Britton, der die sogenannte Dyslexia-Schrift erfunden hat, wie sie auf dem Post-it zu sehen ist.
© Irmela Schautz | Ausschnitt aus dem Buch mit einer Illustration von Daniel Britton, der die sogenannte Dyslexia-Schrift erfunden hat, wie sie auf dem Post-it zu sehen ist.

Beim Schreiben über Neurodivergenz bewegt ihr euch zwischen Aufklärung und Haltung. Wo habt ihr gemerkt, dass ihr nicht nur informieren, sondern Position beziehen wollt?

Irmela Schautz: „Das ist eine ganz klare Haltung. Das sind Herzensprojekte, die etwas mit uns persönlich zu tun haben.“

Kathrin Köller: „Uns war wichtig, neben der Wissensvermittlung auch zu aufzuzeigen, dass Neurodivergenz eine gesellschaftliche und politische Dimension hat.

Gleichzeitig wissen wir, dass neue Blickweisen Menschen überfordern können – oft nicht aus bösem Willen. Wir klären auf und versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Das Buch richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. Wichtig war uns außerdem, die Menschen selbst sprechen zu lassen – und nicht aus der Perspektive von Begutachter*innen über sie zu schreiben.

Wenn man zum Beispiel ADHS sagt, haben viele noch eine sehr enge Vorstellung davon. Um auf Augenhöhe darüber sprechen zu können, muss man dieses Bild erweitern und zeigen, wie komplex das Thema ist.“ 

Irmela Schautz: „Wir sind oft so dankbar, wenn wir von Lesungen kommen, weil Menschen dort berührende Geschichten mit uns teilen. Es stärkt uns dabei, weiterzumachen und tatsächlich etwas verändern zu können.“

Gab es Begegnungen oder Aussagen während eurer Recherche, die eure eigene Sicht auf Neurodiversität irritiert oder sogar korrigiert haben?

Kathrin Köller: „Grundsätzlich habe ich wahnsinnig viel von allen meinen Gesprächspartner*innen gelernt. Und das Schöne ist, dass dieser Lernprozess auch mit dem Fertigstellen des Buches nicht zu Ende ist, sondern sich in den Gesprächen mit Leuten, die zu unseren Lesungen kommen, fortsetzt. In Momenten, in denen mir selbst alles zu viel wird, lese ich nochmal das Interview mit Sarah im Mental Health-Kapitel. Das hilft.

Aber natürlich habe ich auch viel aus anderen Büchern gelernt. Zwei würde ich hier gerne empfehlen: 
Clara Törnvall, Die Autistinnen, Hanser Literaturverlage 2024. In dem Buch erfährt man auch viel über die teils gruselige Geschichte der Autismusforschung, aber auch ermutigende Geschichten über Temple Grandin und Grunja Sukhareva. Und: 
Maria Zimmermann, Anders nicht falsch, Kommode Verlag 2023.“

Wenn ihr euch vorstellt, das Buch würde in zehn Jahren gelesen: Woran würde man merken, dass sich gesellschaftlich wirklich etwas verändert hat?

Kathrin Köller: „Wir werden uns im Stadtbiotop Berlin an den Baum lehnen, die Augen schließen und mit leichtem Grusel erinnern an die Zeit vor zehn Jahren, als die Leute stress- und angstgetrieben durch die Stadt gegeistert sind, einander unterbezahlte Jobs geneidet und sich geschämt haben, nicht klarzukommen.

Denn wir hatten ja noch nicht gelernt, einander zu glauben, wie wir ticken. Wir hatten noch nicht gelernt, uns auf Lösungssuche zu begeben, statt Schüler*innen zu beschimpfen und abzuwerten. Als wir immer mehr wurden, die sagten, das funktioniert so für mich nicht, griffen wir einander unter die Arme, denn wir konnten ja alle unterschiedliche Sachen besonders gut. Als wir anfingen zu sagen, vielleicht ist nicht unser Nervensystem das Problem, sondern das, was wir ihm zumuten, da begannen wir, die hohe Problemlösungskompetenz neurodivergenter Personen zu nutzen und gemeinsam unsere Lebensbedingungen zu verbessern.“

Buchtipp: Richtig anders – anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent von Kathrin Köller und Irmela Schautz, Hanser Verlag, 22 Euro. Mehr erfahren.

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