In ihrem neuen Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung?” betrachtet die Autorin Sibel Schick das Thema der reproduktiven Gerechtigkeit aus einer neuen, umfassenderen Perspektive. Im Interview spricht sie darüber, was es wirklich braucht, um sich frei für oder gegen eine Schwangerschaft entscheiden zu können und warum dieses Thema nicht von anderen gesellschaftspolitischen Fragen zu trennen ist.
Vor fünf Jahren hat uns die Autorin und Journalistin Sibel Schick sehr persönlich von ihrer ungewollten Schwangerschaft erzählt. Jetzt ist ihr Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen” im S. Fischer Verlag erschienen. Sibel nimmt ihre eigenen Erlebnisse darin als Startpunkt, um das Thema groß und politisch weiterzudenken. Wir haben sie wiedergetroffen und darüber gesprochen, was reproduktive Gerechtigkeit konkret bedeutet – und warum wir neue Regelungen brauchen, von Schwangerschaftsabbruch bis hin zu Leihmutterschaft.
„Die menschliche Fortpflanzung hat in unserer Gesellschaft fast Heiligenstatus – dementsprechend emotional ist auch die Debatte um das Thema. Es gilt als Tugend, sich fortzupflanzen. Deshalb ist es superschwierig, über reproduktive Selbstbestimmung zu sprechen, wirklich Gehör zu finden und ernst genommen zu werden.
Uns wird suggeriert, dass ein Kinderwunsch per se gegeben sein muss und gebärfähige Menschen ihre negativen Gefühle oder Erfahrungen in Bezug auf das Thema nicht richtig einschätzen können. Oft wird auch die Zurechnungsfähigkeit von Menschen infrage gestellt.
Ich wünsche mir mehr Offenheit bei dem Thema und eine sachlichere Betrachtung. Es braucht einen realistischen Blick auf die Lebenserfahrungen von Menschen, auf strukturelle Probleme in der Gesellschaft sowie auf die materiellen und körperlichen Auswirkungen einer Schwangerschaft.“
„Einerseits fühlt es sich an, als hätte ich etwas ganz Großes geschafft, weil ich von meinen schweren Erfahrungen erzählen konnte, ohne dabei unterzugehen. Andererseits war das ein großer Kraftakt: Ich habe viel geweint im Entstehungsprozess des Buches. Das Schreiben hat viel aus dieser Zeit zurückgebracht, was ich verdrängt oder vergessen hatte.
Kurz vor Erscheinen des Buches wurde mir dann bewusst, dass ich mich mit dieser Publikation verletzlich mache und Gefahren aussetze. Gerade im digitalen Zeitalter und mit den bestehenden Dynamiken auf Social Media birgt Sichtbarkeit das Risiko, dass man zur Projektionsfläche wird. Manche Menschen nehmen keinerlei Rücksicht auf die individuelle Leidensgeschichte eines Menschen, sondern instrumentalisieren persönliche Geschichten für ihre Scheindebatten.“
„Die Opfergrenze ist eigentlich das, was wir als ,Kompromiss‘ bezeichnen, der in Paragraf 219 festgeschrieben wurde: Eine Person kann straffrei abtreiben, wenn sie der Beratungspflicht für Schwangere in einer sogenannten Not- und Konfliktlage nachkommt. Entschieden wurde das von Menschen, die Macht haben. Sie bestimmen, was andere Menschen verkraften müssen und unter welchen Bedingungen sie leben müssen. Exakt wegen dieses Machtungleichgewichts ist die aktuelle Regelung kein echter Kompromiss.
Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch muss kompromisslos zugänglich sein. In meinem Werteverständnis ist das Teil unserer Grundrechte, auch wenn das in Deutschland nicht so ausgelegt wird.
Die aktuelle Gesetzeslage zu Schwangerschaftsabbrüchen ist nicht tragbar. Es ist inakzeptabel, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland dieses Gesetz nicht beibehalten möchte und es dennoch fortbesteht, bloß weil eine Handvoll Menschen sich daran festbeißt.“
„Diese Aspekte von Fortpflanzung gehören zusammen. Das Thema ist größer als sexuelle Selbstbestimmung, weshalb ich mich auch entschieden habe, im Buch von reproduktiver Gerechtigkeit zu sprechen. Selbst wenn der Paragraf 218 morgen aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen wird, bleiben viele Fragen zu reproduktiver Gerechtigkeit offen: Wer darf gebären? Wie gehen Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch um? Wird Schwangerschaft in Form von Leihmutterschaft an Menschen ausgelagert, die weniger privilegiert sind? Gibt es einen Anspruch auf ein eigenes biologisches Kind?“
„Ja. Die Situation von trans Personen in Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Gesetzeslage Menschen zwingt, sich zwischen zwei Rechten zu entscheiden, und dadurch eigentlich eine Rechtsverletzung entsteht: Bis 2011 mussten sich trans Personen sterilisieren lassen, wenn sie ihren Geschlechtseintrag und Namen korrigieren lassen wollten. Und auch heute wird es trans Menschen nicht leicht gemacht, ein Kind zu zeugen. Wenn ein trans Mann oder eine nicht-binäre Person ein Kind bekommt, wird auf der Geburtsurkunde des Kindes meist ,Mutter’ und der abgelegte Vorname eingetragen. Das gleiche Problem haben trans Frauen und nicht-binäre Menschen, die, oft unter falschem Namen, als ,Vater' eingetragen werden.
In unserer Gesellschaft gibt es genaue Vorstellungen davon, wer Kinder bekommen soll und wer nicht – und das wird teilweise sehr gewaltvoll durchgesetzt. Bestimmte Gruppen von Menschen sollen sich unbedingt fortpflanzen, anderen wiederum traut man das nicht zu oder macht deutlich, dass sie nicht dem gesellschaftlich erwünschten Bild von einer Familie entsprechen. Das betrifft unter anderem queere Personen, aber auch behinderte, geflüchtete, rassifizierte, als muslimisch gelesene oder arme Menschen.
Teile unserer Gesellschaft haben sehr genaue Vorstellungen davon, welches Modell von Familie erstrebenswert ist. Diese realitätsferne und fast schon fundamentalistische Betrachtung von Familie muss neugedacht werden. Anstatt anhand bestimmter Kategorien beurteilen zu wollen, wer sich angeblich gut um Kinder kümmern kann und wer nicht, sollten wir individuelle Lebensrealitäten in den Blick nehmen.“
„Die Debatte dreht sich stark um die Doppelmoral, dass Jens Spahn sich bis zum bitteren Ende politisch gegen die Leihmutterschaft einsetzte, gleichzeitig aber am anderen Ende der Welt eine Leihmutter engagierte und für diese Dienstleistung vermutlich eine üppige Menge Geld bezahlt hat – in den USA kann das bis zu 200.000 USD kosten, hinzu kommen die vielen Reisen und Aufenthalte, die ebenso mit sehr hohen Kosten verbunden sind. Für mich ist die Selbstverständlichkeit, mit der er sich durch die Welt und durch das Leben bewegt, viel interessanter. Jens Spahn muss jahrelang gedacht haben, dass die politische Position gegen Leihmutterschaft für ihn keinerlei Konsequenzen haben könnte. Dass er selbst von der Politik, dessen Mitverfechter er war, nicht betroffen sein könnte. Er muss sich unantastbar gefühlt haben – und das war er ja auch sehr lange, wir haben es sowohl bei der Masken-Affäre als auch bei der Finanzierung seiner Villa und der Vetternwirtschaft gesehen.
In dem Schreiben, in dem er seinen Rücktritt ankündigt, schiebt er das Kind als Grund vor, als müsse er wegen des Kindes zurücktreten. Das halte ich für eine Instrumentalisierung: Er scheint in einer Welt zu leben, in der er keinerlei Verantwortung trägt – weder für sein eigenes Verhalten noch für die Menschen, von denen er gewählt wurde. Nicht das Baby ist schuld, sondern Jens Spahn selbst, der sich als marginalisierte Person jahrelang an konservativer und neoliberaler Politik bereichert hat. Aber er wird weich fallen. Das einzig Positive in dieser Sache ist, dass wir jetzt die überfällige Debatte über Leihmutterschaft führen.“
„Ich glaube, dass Leihmutterschaft legalisiert werden muss, um Leihmütter vor Gewalt, Diskriminierung und Rechtsverletzungen schützen zu können. Gleichzeitig müssen wir als Gesellschaft über die Bedeutung von Familie sprechen: Ein unerfüllter Kinderwunsch, so schmerzhaft wie er auch sein kann, gibt keinem Menschen das Recht, etwas so gesundheitsgefährdendes wie Schwangerschaft und Geburt auf Dritte zu verlagern. Und lieben kann man Kinder auch, wenn sie nicht aus der eigenen DNA entstehen, auch wenn sie nicht die eigenen sind. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, sich um Kinder zu kümmern, wenn man das will. Die Gesellschaft muss sich grundlegend ändern, wir müssen Vertrauen aufbauen und dafür müssen wir Verantwortung als kollektive Frage verstehen. Außerdem müssen wir sehr wirksame Strategien der Gewaltprävention entwickeln.“
„Diese Slogans klingen erstmal schlüssig. Im Einzelfall ist das auch korrekt. Doch diese individuellen Entscheidungen treffen wir innerhalb übergeordneter Strukturen und Systeme, die Einfluss auf unsere jeweilige Situation haben.
,Mein Körper, meine Entscheidung‘ trifft insoweit zu, dass eine Person sich in Deutschland für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden kann. Unter welchen Bedingungen Menschen diese Entscheidungen treffen müssen und welchen Einfluss das auf ihr weiteres Leben hat, ist jedoch nicht nur von individuellen Faktoren abhängig. Es genügt nicht, über individuelle Entscheidungen zu sprechen. Wir müssen auch die gesamtgesellschaftliche Ebene bedenken.“
„Viele Eltern in Deutschland sind mit großen Herausforderungen konfrontiert. Beispielsweise weil sie arbeiten müssen, aber zugleich mit der Krise im Betreuungssystem konfrontiert sind, die Vereinbarkeit fast unmöglich macht. Oder weil sie so viel Lohn- und Care-Arbeit parallel leisten müssen, dass sie durch die enorme Belastung krank werden und vereinsamen.
Menschen mögen sich für ein Kind entscheiden, aber damit doch nicht für Folgen wie Einsamkeit, Armut, psychische oder körperliche Belastungen sowie Diskriminierung aufgrund der Elternschaft. Die wenigsten leiden unter der Elternschaft selbst, sondern unter den dadurch erschwerten Lebensbedingungen.
Das Leben, so wie wir es heute führen, macht viele von uns krank. Und wir suchen ständig auf der individuellen Ebene nach Wegen, mit den bestehenden Strukturen umzugehen. Irgendwie kriegen das viele von uns auch hin, aber mit welchen Folgen? Uns ist die Gemeinschaft verlorengegangen, was uns nicht nur einsam und krank macht, sondern auch verletzlich.“
„Uns fehlen Räume, in denen wir einander begegnen können. Durch diese Begegnungen würden wir feststellen, dass wir unter ähnlichen Problemen leiden, deren Ursachen strukturell bedingt sind. Ohne diese Erkenntnis machen wir uns selbst für unseren Schmerz verantwortlich, obwohl wir oft nichts dafürkönnen.
Wenn wir die Lösung auf der individuellen Ebene suchen, scheitern wir und verlieren die Hoffnung. Doch Hoffnungslosigkeit ist Gift. Mit das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann, ist, den Glauben daran zu verlieren, dass uns etwas Besseres zusteht und erreichbar ist. Das steht jedem gesellschaftlichen Kampf für Gerechtigkeit im Weg.“
„Vielen Menschen scheint das nicht so klar zu sein. Selbst auf meinen Lesungen kommen wir oft nicht dazu, über etwas anderes zu sprechen als Schwangerschaftsabbrüche. Das ist allerdings nicht weiter erstaunlich, weil uns eben die Räume fehlen, in denen wir mit Lebensrealitäten konfrontiert werden, die anders sind als unsere. Deshalb sind solche Begegnungen so unverzichtbar. Erst wenn die Geschichten verschiedener Menschen erzählt und gehört werden, können wir diese Debatte so führen, dass wir umfassende Lösungen finden und gesellschaftlichen Wandel herbeiführen können.“
„Das war ein Prozess. Lange kam ich gar nicht auf die Idee, dass ich mich auch gegen eigene Kinder entscheiden kann. Da waren all diese Signale, dass Elternschaft ganz selbstverständlich zum Leben gehört und quasi unvermeidbar ist.
Hinzu kam das mit Mutterschaft verbundene Versprechen auf gesellschaftliche Akzeptanz und Respekt, auf Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Das ist selbst für Menschen ohne expliziten Kinderwunsch verlockend. Dass dieses Versprechen oft nicht eingelöst wird, ist mir mittlerweile klar. Doch um an diesen Punkt zu kommen, musste ich Feministinnen begegnen.“
„Unter anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umständen hätte ich mich sehr wahrscheinlich für Kinder entschieden, so wie vermutlich viele Menschen.
Bestimmt gibt es auch Menschen, die auch unter perfekten Bedingungen für Elternschaft keine Kinder wollten. Und das ist in Ordnung. Die individuellen Gründe dafür sind vielfältig. In so einer feministischen Utopie wäre das Entscheidende vermutlich, dass wir auf Bewertungen verzichten und Menschen Verständnis für ihre individuelle Lebensrealität entgegenbringen würden. Zudem würden wir Familie und Gemeinschaft vermutlich ganz anders verstehen und leben.
Am Ende ist es mir egal, ob Menschen auf der individuellen Ebene einen Kinderwunsch haben oder nicht. Was mich viel mehr interessiert, ist, dass die Entscheidung für oder gegen Elternschaft an bestimmte Zugänge geknüpft wird.“
„Bevor es richtig gut wird, wird es vermutlich erstmal richtig schlimm – und das bereitet mir Sorge. Wir sind im Spätkapitalismus angekommen, weshalb gerade vieles nicht mehr gut funktioniert. Wir befinden uns in einer sehr chaotischen Phase. Das bedeutet aber auch, dass wir an der Schwelle einer sehr großen Bewegung für Veränderung sind.
Ich glaube, dass viele Menschen eigentlich wissen, dass ihnen mehr zusteht und dass sie sich das früher oder später auch nehmen werden. Da können Superreiche und deren Lobbygruppen noch so viel versuchen. Am Ende glaube ich daran, dass die Menschen zueinander finden und gemeinschaftlich eine bessere Welt aufbauen können.
Entscheidend ist aber, dass wir unsere Stimme erheben, wenn Gelder für Förderprogramme wie ,Demokratie leben‘ gestrichen werden. Wir brauchen dringend Strukturförderung für die Zivilgesellschaft und nicht nur projektbasierte, zeitlich begrenzte Förderungen. Genau das ist Teil des Problems, warum sich langfristig nur wenig ändert. Wenn Organisationen Fördergelder immer neu beantragen müssen, bindet das zu viele Ressourcen.
Die Zivilgesellschaft kämpft ums Überleben und wir müssen dafür sorgen, dass diese bestehen bleibt.“
Du möchtest das Buch von Sibel Schick „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen | Das aktuelle Debattenbuch zur körperlichen Selbstbestimmung“ lesen? Support your Local Bookdealer: Hier kaufen.
Du möchtest das Buch von Sibel Schick „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen | Das aktuelle Debattenbuch zur körperlichen Selbstbestimmung“ lesen? Support your Local Bookdealer: Hier kaufen.