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Chappell Roan steht auf der Bühne in einem auffälligen Kleid mit Harlequin Design und einem großen Clownsgesicht auf dem Oberkörper | © Chappell Roan|Bild: Didier Messens | Getty Images
© Chappell Roan|Bild: Didier Messens | Getty Images
03.02.2027 • 08:00
Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze Mona Siegers
7 Minuten
Karneval | Kolumne

Kostüm und Körperbild – Warum ich endlich mehr wagen und ausprobieren will

Ob Karneval, Mottoparty oder Halloween – unsere Autorin Mona Siegers war nie ein großer Fan davon, sich zu verkleiden. Das liegt nicht nur, wie sie sagt, an einem schlechten Selbstwertgefühl und Körperakzeptanzproblemen. Sondern auch an internalisiertem Frauenhass. 

Ich komme aus einer Kleinstadt in NRW. Dort wird der Karneval groß und ausgiebig gefeiert wird. Verkleidungen kenne ich vor allem aus dieser Zeit. An Karneval ist quasi alles erlaubt. Man kann sich anziehen, wie man will, bis zum Filmriss die Kante geben, mit Wildfremden rummachen und sich komplett blamieren, ohne verurteilt zu werden. Oder zusammengefasst auf Kölsch: Jede Jeck is anders. Klingt erstmal gut.

Ich selbst war aber nie der größte Fan vom Karneval und an irgendeinem Punkt merkte ich, dass einige Kostüme, die viele Leute jedes Jahr tragen, so gar nicht in Ordnung sind. Bis heute ist es sehr beliebt, sich als indigene Person zu verkleiden beziehungsweise deren kulturelle Merkmale nachzuahmen: Redfacing. In meiner Stadt gab es einen ganzen Verein von Personen, die Blackfacing betrieben, sich also schwarz anmalten, so als „Afrikaner“ verkleideten und beim Karnevalsumzug mitliefen. Es ist beunruhigend, dass es diesen Verein nach meinem Wissensstand noch bis heute gibt. Kostüme sind also ganz klar nicht immer nur Spaß und gute Laune, sondern können extrem diskriminierend und verletzend sein. Vom Sexismus will ich gar nicht erst anfangen. Je älter ich wurde, desto mehr mied ich letztlich den Karneval – und damit auch die Kostüme.

Unpopular Kid

Ich hatte schon immer Probleme mit dem eigenen Selbstwert und Körperbild. Früher wollte ich nie im Rampenlicht stehen, wollte mich am liebsten immer verstecken. Das ist einer der Gründe, warum ich lange Zeit ausschließlich schwarze Kleidung getragen habe. In einem Kostüm hatte ich das Gefühl, dass mich alle anschauen. Für mich sind Kostüme fast immer gewagt, da sie eine Form der Selbstoffenbarung darstellen.
Auch wenn die Erwartung nicht groß schien – „Zieh ein Kostüm an und komm einfach vorbei“ – war das für eine ängstliche Jugendliche mit ADHS, Selbstwert- und Identitätsproblemen doch ziemlich viel. Das führte dazu, dass ich das Verkleiden vermied und somit auch die Events, bei denen es erwartet wurde.

Ich war nun mal kein beliebtes Kind. Ich wurde viel gemobbt, als ich klein war und hatte deshalb auch in meiner Jugend konstant Angst davor, negativ aufzufallen. Deshalb habe ich Kostüme und Verkleidungen immer als etwas „für die coolen Kinder“ wahrgenommen.

Gay Christmas

Gerade als trans Frau müsste ich aufgrund meiner Community eigentlich einen ganz anderen Bezug zu Verkleidungen haben. Meine gute Freundin Helena hat in dem queeren Online-Magazin Proudr einen Text geschrieben, der mir eine neue Perspektive eröffnet hat. Der Text „Warum Halloween das queere Weihnachten ist” beschreibt sehr gut, warum ein Fest wie Halloween und das Verkleiden gerade für queere Menschen so befreiend sein können. An Halloween (das gilt auch für den Karneval) kann man sich ausprobieren, denn die Menschen akzeptieren in dieser Ausnahmezeit eher, wenn andere ein bisschen „komisch“ sind. Ich kenne einige trans Frauen, die zunächst mit „Cross-Dressing“ begonnen haben, bevor sie überhaupt realisiert haben, dass sie eigentlich eine Frau sind.

Cross-Dressing hat in erster Linie nichts mit trans sein zu tun. Es geht darum, sich wie das „andere“ binäre Geschlecht anzuziehen und zu stylen, unabhängig von der eigenen Geschlechtsidentität. Wie gesagt gibt es einige ehemalige Cross-Dresser*innen, die sich als trans geoutet haben, aber es gibt auch viele Cross-Dresser*innen, die cis (also nicht trans) sind.
Drag ist schon seit langem in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Seit 2009 gibt es RuPauls Drag Race, eine Reality-Show, in der Drag Queens gegeneinander antreten – mittlerweile gibt es mit Drag Race Germany auch eine deutsche Version der Show. 
Drag-Kunst ist ein integraler Teil der queeren Community und dreht sich zu einem großen Teil ums Verkleiden. Dabei spielen die Drag-Künstler*innen mit Stereotypen und brechen mit ihren Kostümen und Performances die Grenzen der Geschlechterbinarität und Heteronormativität auf. Diesen Teil der queeren Kultur schätze ich mittlerweile sehr. Doch das war nicht immer so. 

Schwule Paradiesvögel

Ich bin lange Zeit ohne queere Vorbilder aufgewachsen. Als ich klein war, war mein Umfeld größtenteils weiß, cis und hetero. Hier und da gab es auch mal einen schwulen Mann oder ein lesbisches Paar, aber darüber hat niemand gesprochen. Meine Familie und damit auch ich hatten vor allem einen Bezugspunkt zur LGBTQIA+-Community: die Medien. Allen voran das Fernsehen. In den 2000ern bis 2010ern gab es zwar schon Queerness im Fernsehen, aber es war eben eine Zeit, in der „trans(geschlechtlich)“ als Adjektiv noch nicht genutzt wurde und die Menschen eigentlich nur das Wort „Transe“ kannten und ausschließlich abwertend nutzten.

Trans Menschen gab es ohnehin nicht im Fernsehen, zumindest nicht offen. Stattdessen gab es beispielsweise Olivia Jones. Ich habe großen Respekt vor Olivia Jones. Sie hat es geschafft, sich mit Drag-Kunst in der deutschen Medienlandschaft durchzusetzen, als Drag den meisten Menschen noch gar kein Begriff war. Drag ist eine Kunst und ich möchte keiner Drag-Künstler*in etwas vorwerfen, doch auf mich wirkte es immer so, als würden sich alle eigentlich nur über Olivia Jones lustig machen – einen „Mann in Frauenklamotten“... Einem trans Mädchen macht das nicht gerade Mut.
Eine andere Person, an die ich mich von früher aus dem Fernsehen gut erinnern kann, ist Conchita Wurst, ebenfalls eine Drag Queen, die beim Eurovision Song Contest gewonnen hat. In meinem Umfeld hieß es dann: „Ist er eigentlich eine ‚Sie‘ oder ein ‚Er‘? Oder ein ‚Es‘?“, begleitet von Gelächter.

So traurig es mich jetzt macht – diese Kommentare haben mich damals stark beeinflusst. Abgesehen davon, dass ich dadurch meine eigene Transgeschlechtlichkeit verdrängt und verheimlicht habe, haben sie mich auf eine Art geprägt, auf die ich nicht stolz bin. So habe ich lange Zeit Drag Queens, feminine (im Englischen ausdrucksstärker „flamboyant“) schwule Männer und auffällige „Paradiesvögel“ innerhalb der queeren Community nicht ausstehen können. Ich habe sogar auf sie herabgeschaut. Als ich mich selbst als trans geoutet habe, hatte ich panische Angst davor, wie sie wahrgenommen zu werden. Ich wollte „normal“ sein. Als ich einmal zu Beginn meiner Transition viel zu viel Make-up aufgetragen habe und am Ende Ähnlichkeit mit einer Drag Queen hatte, bin ich in Tränen ausgebrochen.

Natürlich bringe ich auch Verständnis für mich selbst auf. Ich wollte feminin sein auf eine Art und Weise, auf die cis Mädchen im Alltag auch feminin sind. Ich wollte ohne Kompromisse als Mädchen akzeptiert werden. Das habe ich seit einiger Zeit hauptsächlich durch Hormonersatztherapie erreicht, aber auch durch meine Klamotten, mein Make-up, mein Auftreten. Ich wollte nicht als Mann in Frauenkleidern wahrgenommen werden, denn das war und bin ich nicht. Das führte jedoch dazu, dass ich meine Transition vor allem so gelebt habe, dass sie für die Gesellschaft möglichst wenig irritierend war – eine Form von Femininität und Weiblichkeit, die akzeptiert wird. 

Femininität und Frauenhass

Mittlerweile weiß ich, warum Menschen so über Olivia Jones und Conchita Wurst geredet haben – und warum ich so über sie gedacht habe. Beide wagen es, Femininität auszustrahlen und sich nicht dafür zu schämen. Unsere Gesellschaft ist misogyn, sie hasst Frauen auf einer systematischen Ebene. Dementsprechend hasst sie auch Femininität – bei allen Menschen. Genau aus dem Grund habe ich mich auch dafür geschämt, feminin zu sein. Aber das akzeptiere ich nicht mehr. Femininität ist wundervoll und wir sollten sie alle zelebrieren.

Kostüme können schön und befreiend sein. „Seltsam“ sein, darunter fällt auch feminin sein, wird in Zeiten von Halloween oder Karneval mehr akzeptiert als sonst. Frauen und Mädchen dürfen gewagte Outfits tragen und werden dafür weniger von anderen verurteilt. Sie dürfen auch freizügig sein, wenn sie das wollen – das ist ebenfalls eine Form der Femininität, die oft verurteilt wird.
In Mean Girls (2004) erklärt Cady (Lindsay Lohan) passend: „In Girl World, Halloween is the one night a year when a girl can dress like a total slut and no other girls can say anything about it.”

Kostüme besitzen auf eine gewisse Art Macht. Wie zu Beginn erwähnt, kann diese Macht problematisch genutzt werden. Blackfacing zum Beispiel hat eine Historie, die maßgeblich zur Unterdrückung Schwarzer Menschen beigetragen hat, die bis heute nachhallt, die noch immer stattfindet. Aber gerade in Bezug auf Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen können wir die Macht auch positiv nutzen. Wir können mit den Regeln der Gesellschaft spielen, sie gemeinsam aufbrechen, uns selbst verwirklichen und ausprobieren.

Vor ein paar Wochen war ich auf einem Konzert von Chappell Roan in Berlin. Sie ist ein lesbischer Popstar und auch eine Drag Queen. (Ja, nicht nur schwule Männer können Drag Queens sein!) Dort waren unglaublich viele Menschen, die sich nicht für ihre Femininität geschämt haben. Auch ich habe mich getraut, mich endlich wieder auffällig feminin zu kleiden – freizügig mit Make-up, Netzstrumpfhose und allem. Chappell fängt diese Stimmung perfekt in vielen ihrer Songs ein. Es war ein „Femininomenon“.

Dieses Jahr an Karneval traue ich mich endlich wieder, mich zu verkleiden. Ich habe sogar nur für mein Kostüm meine Haare geschnitten und gefärbt. Ich probiere mich aus und ich zelebriere es. Ich habe mich selbst genug gefunden und akzeptiert, um mich nicht mehr zu schämen. 

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