Im Rahmen der Medienpartnerschaft zwischen EDITION F und dem German Haus beim SXSW in Austin (Texas, USA) spricht Katja Lucker, Geschäftsführerin der Initiative Musik, im Interview über die große Bedeutung von Live-Erlebnissen in Zeiten von KI – und warum gerade die Nachwuchsbühnen verschwinden, auf denen die Stars von morgen entstehen.
Katja Lucker ist die Geschäftsführerin der Initiative Musik – die Bundesfördereinrichtung für Popularmusik und Jazz. Davor gründete sie das Music Board Berlin und leitete es über elf Jahre. Sie ist eine der einflussreichsten Figuren in der deutschen Musikwirtschaft – und eine Frau, die in politischen Räumen kämpft, damit Kultur die Mittel bekommt, die sie verdient. Anne-Kathrin Heier, Redaktionsleitung von Edition F, hat sie kurz nach ihrer Rückkehr vom South by Southwest Festival in Austin, Texas gesprochen. Dort war die Initiative Musik mit dem German Haus vertreten – und feierte den erfolgreichsten Auftritt in der bisherigen Geschichte.
„Die Musiknächte waren wirklich herausragend. Besonders beeindruckt hat mich Miss Bashful – mit ihrer ganz speziellen Art, experimentellen, elektronischen Pop auf der Bühne zu performen. Und Modeselektor: Die spielen normalerweise in riesigen Hallen, auch bei ihrer aktuellen US-Tour. Bei uns standen sie vor ein paar Hundert Menschen im vergleichsweise kleinen German Haus, ohne Barrieren zwischen Künstler*innen und Publikum. Draußen standen Leute Schlange, die Fenster waren weit geöffnet, und auf der Straße feierte man die Musik mit. Das war ein ganz besonderer Moment – genau das, worum es beim German Haus geht: Nähe, Energie, echte Begegnung.
Das Feedback war so gut wie nie zuvor. Agents aus den USA waren euphorisch, Gespräche wurden geführt, Verbindungen entstanden. Genau dafür machen wir das. “
„Ja, es war das erfolgreichste German Haus, das wir je hatten. Wir zählen zu den größten Länderpräsentationen in Austin, zusammen mit dem UK Haus. Insgesamt gab es in diesem Jahr rund 20 Länder, die sich mit einem eigenen Haus präsentierten – von Kanada bis zu Pop-up-Formaten aus Tschechien oder Polen. Das Feedback war überwältigend. Wir haben Tech-Szene, Start-ups, Musik und Medien zusammengebracht, und das hat wirklich funktioniert.“
„Das German Haus hat eine längere Geschichte, die vor meiner Zeit beginnt. In der Pandemie gab es eine kleine Lücke, letztes und dieses Jahr haben wir es wieder mit voller Kraft gemacht – in der Location, die wir inzwischen sehr gut kennen: mehrere Ebenen, unten ein echter Musikclub, eine Zwischenebene mit Bar und kleiner Bowling Bahn, ein Ballroom für Start-up-Präsentationen, oben eine Dachterrasse für Empfänge, DJ´s und Panel. Das funktioniert wunderbar, weil es alle Gewerke unter einem Dach zusammenbringt: Techszene, Start-ups, Musik, Medien.
Das German Haus wird vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert – nicht über klassische Kulturförderung, sondern weil es um Wirtschaft, Musik und Technologie geht. Der US-amerikanische Markt ist nach wie vor der größte der Welt. Wir organisieren das nicht nur für die Musik, sondern in Kooperation mit Startup Germany für alle deutschen Branchen, die dort sichtbar sein wollen.
South by Southwest selbst ist jetzt 40 Jahre alt – die Mutter aller Showcase-Festivals. Was früher primär Musik war, ist heute ein riesiges Konglomerat aus Film, Tech, Start-up und Musik in einer einzigen intensiven Woche. Wir waren dort in diesem Jahr mit rund 20 Ländern, die sich mit eigenen Häusern präsentiert haben. Das UK House und das German House sind traditionell unter den größten und präsentesten.“
„Da gibt es eine ganze Reihe von Beispielen. Berq, Nina Chuba, AnnenMayKantereit sind neben vielen anderen Künstler*innen, die wir am Anfang ihrer Karrieren in der Künstler*innenförderung unterstützt haben. Wir freuen uns natürlich immer über Erfolgsgeschichten in der Musik.“
„Ich habe Schauspiel studiert, Theater gemacht, viel Interdisziplinäres – auch mit Karlheinz Stockhausen im Bereich der Neuen Musik. Nach Berlin gezogen bin ich 1989/90, direkt nach dem Abi. Irgendwann habe ich über Praktika und eigene Produktionen angefangen, Konzerte und Festivals zu organisieren, damals noch in der Kulturbrauerei, als die noch ein echter Experimentierraum war.
Nach vielen Jahren der Selbständigkeit als Kulturmanagerin habe ich das Musicboard Berlin mit anderen zusammen vorbereitet und dann 2013 auch gegründet– die Landesfördereinrichtung für Musik – und sie über elf Jahre geleitet. Jetzt, seit über zwei Jahren, bin ich Geschäftsführerin der Initiative Musik auf Bundesebene. Es hat sich alles irgendwie logisch gefügt.“
„Die Initiative Musik gibt es seit über 18 Jahren. Sie wurde gegründet, weil es für Popularmusik und Jazz auf Bundesebene keine eigene Förderstruktur gab – für Klassik und Neue Musik schon. Ungefähr 94 Prozent unserer Gelder sind Steuergelder, erhalten vom BKM. Unsere Gesellschafter seit Anbeginn sind die GVL und der Deutsche Musikrat. Gefördert werden wir ebenfalls von Anfang an von der GVL und der GEMA.
Wir fördern Musiker*innen, Festivals über den Festivalförderfonds, Strukturen und die Livemusikszene. Clubs und Spielstätten zeichnen wir jährlich über den Applaus Award – mit knapp 1,7 Millionen Euro Preisgeldern im vergangenen Jahr, aus. Dazu vergeben wir den Deutschen Jazzpreis mit über einer halben Million Euro für Künstler*innen. Wir sitzen in Berlin, arbeiten aber natürlich für ganz Deutschland und fördern im Jahr rund 1.000 verschiedene Projekte, wenn man die rund 400 geförderten Musiker*innen aus der Künstler*innenförderung dazuzählt.“
„Musik erfindet sich immer wieder neu – das ist das eine. Genres kommen zurück, es entstehen neue Sounds, es gibt immer wieder Überraschungen. Aber die Pandemie war ein unglaublicher Einschnitt für die Livebranche. Und die Nachwirkungen spüren wir bis heute: Clubs und kleine Spielstätten können sich Nachwuchsförderung kaum noch leisten, weil alles teurer geworden ist und das Ausgehverhalten der jüngeren Generation sich stark verändert hat. Das heißt: Emerging Artists verlieren die Bühnen, auf denen sie reifen können. Große Acts haben keine Probleme – Taylor Swift, Bad Bunny, die ziehen Millionen. Aber der Weg dahin wird schwieriger. Das ist eine der größten Herausforderungen gerade.
Was ich aber auch sagen möchte: Es war schon immer so, dass nicht alle, die Musik oder Kunst insgesamt machen wollen, davon leben können. Das ist nicht neu. Und diejenigen, die sich ganz alleine durchschlagen müssen, zum Beispiel ohne Rückhalt aus einem wohlhabenden Elternhaus, haben es immer schwerer gehabt. Aber sie haben vielleicht auch die spannenderen Geschichten zu erzählen.“
„KI bietet Chancen, aber auch Risiken. Es gibt Künstler*innen, die sehr gut damit arbeiten. Gleichzeitig entstehen KI-generierte Songs, die in Playlists landen – ohne echte Urheberschaft. Die Frage, wer da eigentlich schöpferisch tätig ist, ist noch nicht beantwortet. Ich glaube, es braucht Regulierung – aber das muss global gedacht werden, und das ist die eigentliche Schwierigkeit. Wir beschäftigen uns natürlich auch intern damit: Wie könnten wir unsere Förderinstrumente mit Hilfe von KI smarter gestalten? Da brauchen wir Expertise von außen und Beratung von Fachpersonen. Verschließen können wir uns natürlich nicht vor neuen Entwicklungen, man muss nur mit Augenmerk und Bedacht an die Sache herangehen.“
„Ja, das Bedürfnis nach Live-Erlebnissen ist nach wie vor groß. Die Menschen wollen den Bühnenstaub riechen, in der Menge sein, etwas gemeinsam spüren – das kann kein Algorithmus ersetzen. Das haben die vollen Konzerte in Austin wieder sehr deutlich gezeigt.
Deswegen glaube ich nicht, dass Live-Musik verschwindet. Aber die Infrastruktur dafür – Clubs, kleine Festivals, Nachwuchsbühnen – müssen erhalten und gefördert werden. Wenn die wegbrechen, fehlt das Fundament.“
„Das ist mir persönlich sehr wichtig. Schon beim Musicboard Berlin haben wir eine Quote eingeführt, mit Jurys gearbeitet und Festivals überzeugt, dass Vielfalt im Line-up keine Ausnahme sein darf, sondern der Standard sein muss. Bei der Initiative Musik achten wir darauf, dass unsere Jurys divers besetzt sind – das wirkt sich direkt auf die Förderentscheidungen aus. Wir unterstützen auch Programme wie den Female Producer Prize oder MEWEM, das sich mit Mentorenschaft für Frauen in der Musikwirtschaft beschäftigt. Wir haben kein separates Diversitätsprogramm, aber Vielfalt ist in allem, was wir tun, organisch verankert. Und ja, ich merke, dass sich etwas getan hat: Festivals sprechen inzwischen fast selbstverständlich über weibliche Headliner – das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.“
„Man merkt, dass bestimmte Errungenschaften in sozialen Netzwerken wieder in Frage gestellt werden, dass antidemokratische Kräfte versuchen, überholte Rollenbilder zurückzubringen. Das beobachte ich. Aber mein Ansatz ist: Ich kann in meinem Wirkungskreis das erreichen, was ich erreichen kann. Agieren, verkörpern, andere mitnehmen. Übertretungen nicht unkommentiert lassen. Und stabil bleiben.“
„Musik ist kein Allheilmittel. Aber sie ist die Kunstform, die am schnellsten und direktesten ankommt – das ist wissenschaftlich belegt. Musik aktiviert das Gehirn auf eine ganz eigene Weise, löst Endorphine aus, bleibt im Gedächtnis – demente Menschen können sich manchmal an Musik erinnern, wenn vieles andere längst vergessen ist.
Gleichzeitig muss man ehrlich sein: Diese Kraft funktioniert in alle Richtungen. Auch Parolen und Aufhetzung kommen über Musik schnell an. Das darf man nicht ausblenden. Aber ja, gerade in der Jugendkultur ist Musik identitätsstiftend – ganze Generationen verbinden sich über bestimmte Klänge. Und das Live-Erlebnis, in einem Raum mit Fremden durch Musik verbunden zu sein – das ist schon etwas sehr Demokratisches.“
„Prince in Hamburg. Mein Vater hat zuhause immer Gitarre und Akkordeon gespielt, wir haben viel zusammen gesungen – Musik war schon früh in meinem Leben. Aber Prince in Hamburg: Wir waren da ganz vorne in der ersten Reihe und dann kam Prince mit einer enormen Energie auf die Bühne. Unvergesslich!“
Ihr habt jetzt richtig Lust, Musik zu hören? Dann kommt hier eine riesige Empfehlung: Die Musikerin KUOKO, die in diesem Jahr auch im German Haus zu Gast war, hat bereits zwei gefeierte Alben „KUOKO“ (2021) und „TROUBLESHOOTER“ (2023) herausgebracht. Nun meldet sich die Hamburger Künstlerin mit ihrer neuen Single „Friends Don’t Break Up“ zurück. Und ihre EP namens „Music Is Medicine“ erscheint am 24. April bei colorburst records.
Besonders freuen dürft ihr euch auf die neue Podcastfolge von Echt&Unzensiert. Unser Host Tino Amaral wird mit KUOKO über ihre Musik und ihre Karriere sprechen, darüber, wie sie ihre Themen mit der Kunst verbindet und über das Musikbusiness für Nachwuchskünstler*innen.