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© Philipp Gladsome
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26.03.2026 • 12:00
Autorin Sarah Große-Johannböcke | © Lara Abul-Ella Sarah Große-Johannböcke
11 Minuten
Musikerin Paula Carolina im Interview

Paula Carolina: „Im Zweifel bin ich das Genre“

Man könnte versuchen, Paula Carolina in eine Schublade zu stecken. Man würde scheitern. Wir haben Paula Carolina im Interview getroffen und sie gefragt, wie man gleichzeitig tanzbar und gesellschaftskritisch sein kann, warum sie Weltschmerz lieber anderen überlässt und wie es in ihrer persönlichen Utopie aussieht. 

Ein bisschen Neue Deutsche Welle, ein bisschen Punk, ein bisschen Pop – Auf die Frage nach dem eigenen Genre zuckt die Künstlerin im Interview nur mit den Schultern. Im Zweifel, sagt sie, sei sie eben selbst das Genre. Die 26-Jährige, 1999 in Hannover geboren und später im Allgäu aufgewachsen, lebt heute in Berlin. Wer sie als Musikerin zu sein hat, sucht sie sich auch unter Druck von Label-Vertreter*innen stets selbst aus. Ihr Motto: Lieber in einer kleinen Garage stehen und zu jeder Zeile stehen, als vor tausend Leuten auf der Bühne zu spielen.
Am 27. März erscheint wild, ihr zweites Album, und der Titel ist Programm.

Liebe Paula, kennst du die „Mausig-Fotzig-Atzig-Skala“? Wo würdest du dich und deine Musik darauf verorten?  

„Das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen, ich bin eher wenig mausig. Ich finde es zwar sehr cool, dass das Wort ‚fotzig‘ gerade durch Künstler*innen wie IKKIMEL neu besetzt wird, würde mich trotzdem nicht als ‚fotzig‘ beschreiben.

Ich bin kein großer Fan davon, wie das Wort ‚Maus‘ gerade verwendet wird. Gerade, wenn es von Männern kommt. Von Typen ‚mausig‘ genannt zu werden, bedeutet für mich, schüchtern und klein zu sein, noch nicht bereit, die eigene Stärke zu leben.

Es gab immer wieder Momente, in denen ich die Chefin des Hauses war und dann von Männern ‚Maus‘ genannt wurde. Auch wenn es cool und liebevoll gemeint ist, finde ich es trotzdem herabwürdigend. In bin die Person, die ihre Rechnungen bezahlt. Als Frau in der Musikindustrie muss man das erst einmal schaffen. In diesem Sinne fühle ich mich eher fotzig als mausig, auch wenn ‚fotzig‘ eigentlich nicht so meins ist. Per Ausschlussprinzip wäre ich auf der Skala also am ehesten atzig.“ 

Da wir gerade bei Rechnungen sind: Dein neues Album wild erscheint am 27. März. Beim Hören hatte ich das Gefühl, dass du dich in vielen Songs mit neoliberalen, kapitalistischen Narrativen auseinandersetzt. Worum geht es dir mit dem neuen Album? 

„Das Album hat bewusst nicht nur ein Thema. Es heißt ja auch ‚wild‘, weil die Themen, zwischen denen ich springe, absolut wild sind. Die Bandbreite geht von Songs, wie KOPIERER, in denen es um Urheberrechte geht, über Themen, wie Macht und Geld wie in „GIB MIR DEIN GELD!“ Es geht auch um Ultrareiche, um Menschen, die so viel Geld haben, dass sie den Welthunger beenden könnten, es aber nicht tun. Von denen gibt es jedes Jahr mehr, und das hat mich in letzter Zeit extrem zum Nachdenken gebracht. 

Geld und Fairness sind Themen, die mich persönlich und als Musikerin aus mehreren Gründen interessieren. Ich frage mich beispielsweise: Ab welchem Punkt ist es nicht mehr Punk, wenn Leute zu deinen Konzerten kommen und Geld dafür ausgeben? Wie viel darf ein Ticket kosten? Wie teuer darf eine Tour sein? Ab welchem Punkt verdienen wir zu wenig, sodass ich mein Team nicht mehr bezahlen kann?“ 

Und wie gehst du mittlerweile mit dem Thema um?  

„Ich denke viel mehr über Fairness nach und versuche, sowohl den Fans als auch den Menschen, die die Shows und die Produktion erst ermöglichen, gerecht zu werden. Wenn aber etwas Großes und Wichtiges entschieden wird, betrachte ich die Sache immer durch die Fan-Brille: Was ist ein fairer Preis für ein T-Shirt für eine Person, die vielleicht noch in der Ausbildung ist oder studiert? Dabei befinden wir, also mein Team und ich, uns auch immer in einem Spagat zwischen Preis und Nachhaltigkeit, denn natürlich wollen wir, dass unser Merch fair produziert wird und nicht um die halbe Welt fliegen muss.  

Und diesen Kurs fahren wir auch live: Wir wollen die tollste Show der Welt auf die Beine stellen. Wenn sich Leute einen Abend freinehmen, um zu unserem Konzert zu kommen, will ich ihnen wirklich etwas bieten. Dafür brauche ich Menschen, die diese Show möglich machen. Gleichzeitig möchte ich, dass auch Studierende ohne viel Geld zu uns kommen können. Deshalb versuchen wir zum Beispiel, immer Soli-Tickets für Menschen mit kleinerem Budget anzubieten.” 

War das schon immer so? 

„Früher war das für mich gar kein Thema. Geld hatte keinen hohen Stellenwert, solange ich genug hatte, um meine Wohnung zu bezahlen, zu essen und einfach Musik machen zu können. Heute ist das anders und ich muss mit dafür sorgen, dass sowohl Menschen, die meine Musik hören als auch die Menschen, die an der Produktion beteiligt sind, fair behandelt werden. Es gibt es so viele Artists, die über 500 Euro für ein Ticket nehmen und eine Arena füllen. Ab einem gewissen Punkt ist das nicht mehr zu rechtfertigen. Es freut mich zu sehen, dass Soli-Tickets gerade ein so großes Thema geworden sind: Wenn du auf Tour gehst und keine hast, wirst du von deinen Fans darauf hingewiesen. Das ist sehr wirksam.“ 

Gibt es ein Thema auf dem neuen Album, mit dem du dich eher schwer getan hast? 

„Lange hatte ich das Gefühl, als Künstlerin alles gleichzeitig sein zu müssen: zart und politisch, tiefgründig und ironisch, verletzlich und stark. Ich wollte beweisen, dass ich jede Facette bedienen kann. Das hat den Produktionsprozess des neuen Albums allerdings eher blockiert. Am schwersten ist mir tatsächlich das Thema Liebe gefallen. Es gibt ein Liebeslied und ein Anti-Liebeslied. Ich konnte keines von beiden einfach so stehen lassen. In den letzten Jahren war ich mir selbst nicht sicher, welche Perspektive ich eigentlich habe. Als weibliche Künstlerin bedienst du sofort ein Klischee, sobald du über Liebe schreibst. Das hat mich total gestört. Ich wollte nicht einfach in dieses Raster fallen. 

Jen von Grossstadtgeflüster hat irgendwann zu mir gesagt: ‚Das Einzige, was du dir schuldest, ist der Grund, warum du das hier machst.‘ Für mich war dieser Grund, einfach Spaß zu haben.“ 

Du hattest schon immer den Anspruch, in deiner Kunst und Musik eine kritische Note mit Ironie und Augenzwinkern einzubringen. Was meinst du: Welche Gestalt sollte Gesellschaftskritik durch Musiker*innen annehmen?  

„Ich mache Musik einfach so, wie ich generell bin: ironisch, lustig, aber kritisch. Es gibt viele Wege, durch Kunst Kritik zu äußern und seinen Standpunkt zu vertreten. Wichtig ist mir dabei, meinen eigenen Background nicht aus den Augen zu verlieren. Ich versuche, mich nicht aus der Kritik herauszuhalten, sondern ziehe mich immer auch selbst mit hinein. 

In einem Song wie ‚Gib mir dein Geld‘ geht es genau darum: Letztendlich sind wir alle Teil eines ausbeuterischen, kapitalistischen Systems und können uns nicht vollständig davon lösen. Mir geht es nicht darum, gezielt gegen einen bestimmten Politiker zu schießen oder Hass gegen Menschen wie Friedrich Merz zu verbreiten. Vielmehr interessiere ich mich für die Strukturen um diese Menschen herum und dafür, wie sich diese Strukturen in kleinen Interaktionen im Alltag zeigen. Das Zwischenmenschliche ist für mich dabei das Spannende.“ 

Ein Song, der auf dem neuen Album viele Themen abdeckt, ist ‚Darf sie das?‘. Du sprichst darin von deiner Utopie, von Nippelfreiheit, bezahlbarem Wohnraum und einer längst Geschichte gewordenen AfD. Was wäre noch Teil deiner persönlichen Utopie und wie kommen wir dahin? 

„In meiner Utopie würden zum Beispiel alle bewusst wählen gehen. Natürlich kannst du sagen: ‚Die da oben müssen es ändern!‘ Und das stimmt, aber die Leute, die da oben sitzen, kriegt man nur von unten verändert, indem man sie wählt.  

Ein anderes Beispiel sind Frauen in Line-ups. Du kannst sagen: ‚Die Booker sind schuld daran, dass wir nur cis Männer in Line-ups haben.‘ Das stimmt auch, aber nur kurzfristig. Langfristig buchen sie nur das, was das Publikum auch hört. Wenn du also keine FLINTA*-Musiker*innen hörst oder ihre Tickets nicht kaufst, gibt es sie auch nicht.  

In meiner Utopie beginnen Menschen miteinander zu reden und auf Basis von Wissen und Fakten zu diskutieren, statt auf Basis von Halbwissen und Stereotypen zu streiten. Nur so kann Veränderung passieren, sonst bleibt alles stehen, weil wir zu viel Angst haben oder die Hürden zu groß sind.“ 

Welche Rolle spielt Musik für dich darin, diese Utopie wahr werden zu lassen?  

„Mir ist wichtig, dass meine Musik in erster Linie Spaß macht. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, Menschen durch meine Texte zu belehren. Für mich ist Musik ein Mittel, um den Zugang zu Emotionen zu erleichtern. Viele Menschen haben heute eine große Distanz zu ihren eigenen Gefühlen, weil sie oft vom Weltgeschehen überwältigt sind. Genau diesen Menschen möchte ich ermöglichen, aktiv zu werden, statt unter dem Druck aufzugeben. Ich sehe in der Musik die Möglichkeit, Menschen zu verbinden, sie zu aktivieren und sie auf politische Themen aufmerksam zu machen. Natürlich werden auf meiner Tour eher Menschen zusammenkommen, die politisch ähnlich positioniert sind. Aber statt sich gemeinsam schlecht zu fühlen, finden sie zusammen und tanzen. Ich glaube, das hat am Ende einen positiven Rückkopplungseffekt. 

Oft bekomme ich Nachrichten von Fans, die mir schreiben, dass meine Musik ihnen in schwierigen Phasen Kraft gegeben hat. Ich weiß nicht immer, welche Lösungen sie finden, aber mir ist wichtig, dass meine Musik dabei hilft, neue Energie zu gewinnen, ohne den Druck zu spüren, alles sofort ändern zu müssen.“ 

Das heißt, du wählst diesen ironischen Weg, behältst dir aber trotzdem die kritische Brille bei, um den Menschen ein bisschen die Batterie aufzuladen.  

„Ja, genau! Mittlerweile achte ich selber sehr darauf, was ich höre und welche Energie ich in die Welt bringe. Ich habe auch viele unveröffentlichte Tracks, die sehr traurig und melancholisch den Weltschmerz besingen. Aber davon gibt es schon genug. Ich möchte lieber Musik machen, die Spaß macht, aber nicht in einer Fake-Welt lebt und vorgaukelt, dass alles wunderbar sei. So bin ich nicht, und zu lügen liegt mir fern. Ich will die Welt nicht verdrängen, aber ich kann humorvoll mit ihr umgehen. Ja, die Welt ist furchtbar ungerecht und brutal, aber man darf auch Spaß haben und im Moshpit abgehen. Deswegen finde ich Livemusik gerade so wichtig wie nie. Wir hängen alle den ganzen Tag zu Hause, am Handy oder in Wohnungen, deren Miete wir kaum bezahlen können. Wenn man dann endlich abschaltet, unter Menschen ist, die vielleicht ähnlich denken wie man selbst, und sich frei fühlt, gibt das Lebensenergie, die man wochenlang in sich trägt. Das geht mir beim Performen dieser Songs auch so.” 

Ich finde, diese Einstellung merkt man deiner Musik auch an: Du stehst voll hinter dem, was du machst, hast enorm viel Spaß dabei und verbiegst dich nicht. Warst du schon immer so? 

„Ich musste mich erst trauen, das wirklich durchzuziehen. Es gab nicht viele weibliche Vorbilder, die diesen Weg gegangen sind. Wenn Frauen kompromisslos Spaß haben, gilt das schnell als anmaßend, bei Männern dagegen nicht.
Nach meinem ersten Album kamen viele Major-Label-Leute auf mich zu und meinten: ‚Wir wissen jetzt, wer du sein musst und wie du klingen musst.‘ Denen habe ich eine Zeit lang geglaubt. Aber ich wusste schnell, dass es mich unglücklich machen würde, mich an die Ideen und Vorgaben irgendwelcher reichen Männer in Anzügen zu halten. Irgendwann saß ich im Studio und genau in diesem Moment sagte Jen von Grossstadtgeflüster zu mir: ‚Paula, du machst das gerade gar nicht mehr für dich. Du machst es für irgendeinen Typen, der dir sagt, wie es jetzt sein muss.‘ Das hat mich aufgerüttelt.

Beim Musikmachen geht es für mich nicht darum, Erwartungen zu erfüllen, sondern Freude daran zu haben. Lieber spiele ich meine Songs in einer kleinen Garage und stehe voll dahinter, als vor 3.000 Leuten Musik zu machen, die ich gar nicht singen möchte. Diese Einstellung wollte ich mir nie nehmen lassen. Also habe ich verdammt viel Spaß, mache Musik und verdiene damit Geld. Und wenn es nicht klappt, dann gehe ich eben wieder kellnern.”  

In welcher musikalischen Tradition siehst du dich eher: bei den Ärzten oder bei den Toten Hosen

„Ich mag beide. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wahrscheinlich für Die Ärzte. Ich liebe ihren Witz und die Art, wie sie mit Texten umgehen. Da kommt einfach niemand dran. Ich sehe mich sehr in dem Spaßpunkt, den sie gemacht haben, und in der Art, wie sie Geschichten erzählt haben. Oft wusste man bei ihnen auch nicht genau, wo sie sich positionieren.” 

Würdest du sagen, du bist quasi eine feministisch geupdatete Version der Ärzte

„Ich bin ein ganz anderer Mensch. Die Ärzte sind für mich schon eine Inspiration, aber musikalisch mache ich vieles anders. In den 80er-Jahren haben die wirklich krautigen Punk gemacht, so rough ist meine Musik heute gar nicht.  

Was ich an ihnen liebe – und was ich irgendwie auch bei mir selbst sehe –, ist diese totale Verspieltheit. Als 26-jährige Frau in der heutigen Welt ist das jedoch anders, als es für den 18-jährigen Farin Urlaub in seiner Welt war. Ich erzähle andere Geschichten.  

Mich beschäftigen vor allem Fragen zu Machtverhältnissen und Sexismus, weil ich mich in einer Musikwelt bewege, die zwar offener geworden ist, aber immer noch stark von Männern dominiert wird. Darüber handeln viele meiner Songs. Genauso wie Die Ärzte hoffe ich, durch meine Musik auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen.  

Aber ich möchte meinen Hörer*innen keine fertigen Antworten liefern. Ich bin 26 und habe ohnehin auf wenige Dinge eine finale Antwort. Ich finde, Menschen dürfen auch selbst denken. 

Vorhin hast du kurz das Thema Punk angesprochen. Würdest du dich selbst eigentlich als „Punk” bezeichnen? 

„Jen hat einmal zu mir gesagt, dass Punk keine Frage des Schlagzeugs, sondern eine Frage der Attitüde und Einstellung ist. Das fand ich total gut, weil ich nicht immer ‚Punk‘ sein, aber auch nicht krautrockmäßig klingen wollte. 

Gerade deshalb finde ich Die Ärzte so interessant. Die wurden mal als „Bravopunk“ beschimpft. Letztlich haben sie einfach die Musik gemacht, die sie machen wollten. Ich habe nicht das Ziel, irgendeiner Punkwelt gerecht zu werden.” 

Welchem Genre fühlst du dich am meisten zugehörig?  

„Ich selbst weiß gar nicht so genau, in welches Genre ich einzuordnen wäre. Ich mache einfach, was ich mache. Im Zweifel bin ich das Genre. 

Ich höre Bands, die sich Punk nennen, aber auch Pop-Bands. Ich finde einfach Menschen und ihre Musik cool und hoffe, dass anderen meine Musik ebenfalls gefällt. Ich bin, wie ich bin, und das verändert sich auch immer wieder. Wenn Leute mich in irgendeine Schublade stecken wollen, können sie das gern tun.” 

Paula Carolinas neues Album wild erscheint am 27. März. Vor der Veröffentlichung lohnt es sich, ihr letztes Album extra noch einmal zu hören.