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Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze
© Noelle Schwarze
20.02.2026 • 14:00
Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze Mona Siegers
7 Minuten
Voices Kolumne | Musik

Musik ist Politisch – Warum wir Künstler*innen kritisieren müssen

Vor ein paar Wochen fanden die Grammy Awards 2026 statt und es ist viel passiert. Die wichtigste Nachricht des Abends: Musik ist politisch.

Vor einiger Zeit erschien ein Text von mir im Voices-Newsletter, der anschließend auf unseren Social-Media-Kanälen für großes Aufsehen gesorgt hat. In dem Text über Guilty Pleasures und meine persönliche Beziehung zu Taylor Swifts Musik habe ich es gewagt, sie zu kritisieren – und damit viele ihrer Fans gegen mich aufgebracht.

Mir wurde vorgeworfen, schlechten Journalismus zu betreiben, meine Quellen wurden infrage gestellt und es wurde sogar behauptet, dass ich Teil einer misogynen Hetzkampagne gegen Taylor Swift sei. All das, weil ich Unmut darüber geäußert habe, dass Swift Verbindungen zu MAGA-Supporter*innen hat und sich meiner Meinung nach nicht ausreichend von Trump und seinen Anhänger*innen distanziert.

Schlechte Kritik

Das Ganze hat mich schon ziemlich aus der Bahn geworfen und verunsichert, weil der Text, wie schon gesagt, eigentlich kein Taylor Swift Verriss sein sollte und ich dementsprechend nicht darauf vorbereitet war. Als Reaktion habe ich meine eigenen Quellen überprüft, meine Recherche erweitert und kann guten Gewissens sagen, dass ich weiterhin hinter diesem Text und meinen Aussagen stehe.

Die MAGA-Connections von Swift existieren und sie sind nicht sonderlich schwer zu überprüfen. Abgesehen davon hat die Hetzkampagne, von der ich vermeintlich Teil sein soll, nichts damit zu tun – und es wird vermutet, dass die Kampagne kein klares politisches Ziel verfolgt, sondern eher eine Art Test darstellen sollte. Um zu vermeiden, dass mir wieder unsaubere journalistische Arbeit unterstellt wird, habe ich unterhalb dieses Textes alle meine Quellen verlinkt.

Wenn wir damit alle auf der gleichen faktischen Basis sind, können wir uns auch sachlich über meine kontroverse Meinung unterhalten. Schuldet Taylor Swift uns eine politische Stellungnahme? Natürlich nicht. Sie kann machen, was sie will. Hat Taylor Swift mich als Fan enttäuscht, weil sie sich nicht politisch äußert? Ja. Und die Grammys dieses Jahres zeigen, warum. 

ICE out

Die politische Lage in den Vereinigten Staaten spitzt sich immer weiter zu. ICE-Polizist*innen töten hemmungslos Menschen und die Regierung schützt sie. Migrant*innen, BIPoC und weiße Menschen, die sie auf der Straße verteidigen, müssen mittlerweile damit rechnen, ermordet zu werden. Seitdem Donald Trump ICE in US-Städten wie Minneapolis positioniert hat, um Abschiebungen mit Gewalt durchzuführen, lehnen sich hunderttausende Bürger*innen durch zivilen Ungehorsam aktiv gegen Trumps größte und brutalste Behörde auf. Nachdem vor ein paar Wochen Renée Nicole Macklin Good und Alex Pretti von ICE-Offizieren vor laufender Kamera ermordet wurden, eskaliert die Situation. Ich hatte ICE bereits in meinem letzten Text erwähnt. Darin habe ich kritisiert, dass Swift sich nicht dazu äußerte, dass einer ihrer Songs für ein ICE-Propagandavideo genutzt wurde, während Kollegin Sabrina Carpenter die Nutzung ihrer Musik ausdrücklich ablehnte. Zu diesem Zeitpunkt hat Swift sich in keiner Form zu ICE, Trump oder ähnlichem geäußert. 

Nicht nur ihre Kollegin Carpenter macht vor, wie es gehen kann. Auf den Grammys 2026 hat eine ganze Gruppe von Musiker*innen und Stars gezeigt, wie man die eigene Bühne richtig nutzt. Billie Eilish, Olivia Dean und Bad Bunny haben sich auf der Bühne in ihren Dankesreden gegen ICE ausgesprochen. Weitere Künstler*innen trugen „ICE out“ Pins und solidarisierten sich mit der migrantischen Community in Interviews auf dem Roten Teppich. Sogar Moderator Trevor Noah gab einen Seitenhieb gegen Trump aus – über seine Social Media-Plattform Truth Social drohte der US-Präsident Noah mit einer Klage. 

Musik ist politisch

Dabei wirkt es nicht so, als würde hier irgendeine Art von Tokenism stattfinden oder als würde die Veranstaltung ein politisches Statement machen wollen. Nicht nur für mich wirkte jede Nominierung und jeder Gewinn in Bezug auf die Kunst absolut verdient. Das zeigt nur: Die besten Künstler*innen unserer Zeit sind nicht cis weiß hetero männlich und sie haben was zu sagen.  

Bad Bunny hat als erster Latino-Künstler jemals den wohl beliebtesten Preis des Abends abgestaubt: Das Album des Jahres ging zum ersten Mal an ein ausschließlich spanischsprachiges Album. Zuvor hatte Bad Bunny bei seiner Welttournee explizit keine Termine für die USA angekündigt, was er damit begründete, dass er aufgrund von ICE nicht für die Sicherheit seiner Fans garantieren könne. Er befürchtete, dass ICE-Polizist*innen vor seinen Konzerthallen Leute festnehmen könnten. In seiner Grammy-Rede adressierte er das Problem: „Before I say thanks to God, I’m going to say ‘ICE out’. We’re not savage, we’re not animals, we’re not aliens. We are humans, and we are Americans.” („Bevor ich mich bei Gott bedanke, sage ich: Raus mit ICE! Wir sind nicht brutal, wir sind keine Tiere, wir sind keine Fremden. Wir sind Menschen, wir sind Amerikaner*innen.”) 

Olivia Dean gewann den „Best New Artist of the Year”-Award. Die Schwarze britische Künstlerin betonte auf der Bühne, dass sie als Enkelin eines Migranten ein „Product of bravery“, ein Resultat des Mutes, ist und dass Migrant*innen es verdienen, gefeiert zu werden. 

Billie Eilish und Kehlani waren auf der Bühne jedoch am deutlichsten. Eilish gewann mit „Wildflower“ zum dritten Mal in Folge den Song des Jahres-Award. Nach einem absichtlich sehr kurz gehaltenen Dank startet die offen queere Künstlerin mit „No one is illegal on stolen land.“ („Niemand ist illegal auf gestohlenem Land”). Sie sprach über Hoffnung, wie wichtig Protest sei, und schloss mit einem deutlichen „Fuck ICE“ die Rede ab. 

Für den besten R&B-Song und ihre Performance wurde die Schwarze, offen queere Künstlerin Kehlani ausgezeichnet und auch sie beendete ihre Rede mit „Fuck ICE“, nachdem sie betonte, wie viel Macht alle Menschen in diesem Saal haben. Sie rief alle dazu auf, sich gegen Ungerechtigkeit auszusprechen. 

Die Verantwortung

All diese Künstler*innen, die auf den Grammys offen Haltung zeigten, haben eine Sache gemein, die ich sehr wichtig finde: Sie sind alle marginalisiert, sie alle sind direkt oder indirekt von Trumps Politik betroffen und sie sind weniger privilegiert als viele andere Artists.

In den Kommentarspalten zu meinem Artikel wurde als Reaktion darauf, dass ich von Taylor Swift mehr erwarte, mehrmals erwähnt, wie schwierig und gefährlich es doch auch sei, sich zu äußern und was man aufs Spiel setzt. Und um ganz ehrlich zu sein: Das sehe ich nicht ein.

Taylor Swift hat Macht, Einfluss und Geld. Sie ist eine cis hetero weiße amerikanische Milliardärin. Es reicht. Ihr müsst sie nicht in Schutz nehmen. Wenn eine Olivia Dean und eine Kehlani sich äußern können, dann kann Swift es noch fünfmal lauter.

Luxus und Privilegien

Bei der diesjährigen Grammy Preisverleihung war Taylor Swift nicht anwesend. Sie hatte keine Chance auf eine Nominierung, da ihr letztes Studio-Album nach der Frist erschien. „Stille ist auch ein Statement“, sagte ich bereits in meinem letzten Text und hier spricht das Bild Bände. Während Menschen auf der Straße zu Unrecht festgenommen oder sogar erschossen werden, während wir das ansehen müssen, nimmt Taylor Swift sich eine Auszeit und bereitet sich auf ihrer Hochzeit mit ihrem White Knight Travis Kelce vor. 

Ganz unabhängig davon, wie Swifts politische Meinung aussieht, ist es wichtig, nicht zu vergessen: alles in unserem Alltag ist politisch. Dass eine Milliardärin es sich leisten kann, sich aus der Öffentlichkeit rauszuziehen, während Trump komplett eskaliert, ist politisch. Dass Kelce und Swift ihren konservativen amerikanischen Familientraum in Zeiten ausleben, in denen die Weltpolitik immer weiter nach rechts rückt, ist ganz klar politisch. Das wird auch in ihrem neuesten Album deutlich, was Matilda sehr detailliert und schlüssig analysiert hat. 

Ich habe es in meinem letzten Beitrag schon gesagt und ich wiederhole es nochmal: Hört Taylor Swift, wenn ihr wollt. Hört sowieso, wen ihr wollt. Aber hört auf, diese Frau in Schutz zu nehmen. Menschen werden buchstäblich auf der Straße erschossen. Hier geht es nicht darum, einen hohen Standard zu setzen.  

Speak Now

Wir leben in dem Land, in dem gefühlt jede zweite Person davon ausgeht, dass in ihrer Familie keine Mitläufer*innen und Nazis waren und ganz viel eher alle Widerstand geleistet haben. Das ist rein statistisch definitiv nicht der Fall. Wenn Ungerechtigkeit passiert, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Und manche Stimmen werden deutlich lauter gehört als andere. 

Klar ist es ungemütlich, sich auszusprechen, aber wir haben zumindest noch den Luxus. Andere Menschen in den USA, und übrigens auch in Deutschland, müssen sich verstecken, weil ihre Existenz bedroht wird. 

Dabei will ich auch nochmal betonen, dass Swift nicht die einzige Person ist, die ich kritisiere. Ich wünschte mir, dass deutlich mehr Menschen ihre Bühne nutzen würden. Es hat mich auch enttäuscht, dass beispielsweise Lady Gaga, die für ihr Album MAYHEM als Best Vocal Pop Album of the Year ausgezeichnet wurde, sich während der Grammys nicht geäußert hat. Sie hat sich jedoch zumindest auf ihrem Konzert in Tokyo gegen ICE ausgesprochen. 

Taylor Swift ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten unserer Zeit und sie hat schon zu viel Zeit verstreichen lassen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Es ist noch nicht zu spät, doch ich befürchte, dass Swift sich mehr um ihre eigene Macht und ihr eigenes Geld sorgt als um Gerechtigkeit und Menschenleben.

Dieser Text erschien zuerst in unserem Voices Newsletter, für den du dich hier anmelden kannst.

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