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Zwei Personen sitzen auf einem Sofa bei leicht gedimmtem Licht. Die eine Person streichelt der anderen Person sanft über den Kopf. | © Getty Images/Ivan Rodriguez Alba
© Getty Images/Ivan Rodriguez Alba
06.04.2026 • 08:00
Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze Mona Siegers
5 Minuten
Asexual Awareness Day

Asexual Awareness – Warum Asexualität mehr ist als keine Lust auf Sex zu haben

Das A in LGBTQIA+ steht für agender, aromantisch und asexuell. Asexuelle Menschen Sie verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung, treffen aber häufig Unverständnis und Ablehnung. Ein Text zum Asexual Awareness Day am 06. April.

Vor einiger Zeit ist ein Post auf X von J. K. Rowling erschienen, der große Aufmerksamkeit bekommen und viel Kritik ausgelöst hat. Die Harry Potter-Autorin hetzt auf der Plattform lange schon gegen trans Menschen, sie ist eine sogenannte TERF (transexkludierende Radikalfeministin). Diesmal ging es ihr ausnahmsweise jedoch nicht um trans Menschen, sondern um asexuelle Menschen.

In ihrem Post schreibt sie am 6. April 2025: „Happy International ‘Fake Oppression Day’ to everyone who wants complete strangers to know they don't fancy a shag.“ „Frohen internationalen ‚Fake-Unterdrückungstag‘ an alle, die fremde Menschen wissen lassen wollen, dass sie keinen Bock auf Sex haben.“ Darunter eine Infografik zum Internationalen Tag der Asexualität, der an diesem Tag stattfand. Die Aussage ist sehr klar: Asexualität sei nicht der Rede wert und asexuelle Menschen erfahren keine Diskriminierung, sondern wollen nur Aufmerksamkeit.

Das A in LGBTQIA+

Das A in LGBTQIA+ steht nicht, wie weiterhin viele Leute glauben, für Ally, sondern für agender, aromantisch und asexuell. Als letzter Buchstabe in dieser Schreibweise des Akronyms wird er nicht nur oft vergessen, sondern auch am ehesten belächelt. Vermutlich noch mehr als Bisexualität und das heißt was! Das „A“ steht hier für die Abwesenheit von etwas. Also die Abwesenheit eines Geschlechts, sexueller Anziehung oder romantischer Anziehung. Die drei Identitäten teilen sich das, existieren aber auch getrennt voneinander. Allerdings werden Asexualität und Aromantik oft gemeinsam betrachtet – weil romantische Liebe und Sex oft miteinander einhergeht und die Begriffe einen gemeinsamen Ursprung haben. Dieser Text konzentriert sich allerdings vor allem auf Asexualität, die von J. K. Rowling so öffentlich belächelt wird.

Es gibt so einige Mythen und Falschauffassungen, was asexuelle, auch als „ace“ abgekürzt, Menschen betrifft. Ace zu sein, bedeutet, dass man keine sexuelle Anziehung verspürt – nicht, dass man keinen Sex hat, mag oder will oder gar, dass man keine sexuelle Lust empfindet. All das kann zusammen mit Asexualität auftreten, spricht aber nicht dafür oder dagegen.
 
Die sexuelle Anziehung beschreibt ausschließlich, welche Menschen man sexuell attraktiv oder anziehend findet. Eine hetero Frau findet Männer sexuell attraktiv, eine lesbische Frau findet Frauen sexuell attraktiv, bi und pan Personen finden Menschen unterschiedlicher Geschlechter beziehungsweise alle Geschlechter sexuell attraktiv. Wichtig ist zu beachten, dass die sexuelle Orientierung nichts über das Sexualverhalten einer Person aussagt. Es gibt schließlich auch Menschen, die nicht asexuell sind, aber trotzdem abstinent leben oder Sex mit Menschen haben, die sie nicht sexuell attraktiv finden.

Der Begriff Aromantik ist durch das sogenannte „Split Attraction-Model“ entstanden. Das Split Attraction-Model trennt die sexuelle Anziehung von romantischer Anziehung. Demnach findet eine asexuelle Person eine andere Person vielleicht nicht sexuell attraktiv, entwickelt aber trotzdem romantische Gefühle. Genauso wie bei verschiedenen sexuellen Orientierungen verschwimmen hier die Grenzen. Asexuell zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass man keine Beziehung führen will.

Es bedeutet nicht mal zwingend, dass man gar keine sexuelle Anziehung verspürt. Manche Menschen finden nur selten andere sexuell attraktiv, was auch als „graysexuell“ bezeichnet wird. Andere können sexuelle Attraktion nur dann verspüren, wenn sie schon eine Bindung oder Beziehung mit einer Person haben, was auch „demisexuell“ genannt wird.

Es ist nicht zwingend wichtig, sich die Begriffe merken zu können, doch ich finde es wichtig, die Lebensrealitäten von Menschen zu verstehen, um sie auch wirklich zu akzeptieren. Queer sein ist vielfältig, also ist ace zu sein auch vielfältig.

Asexuelle Lebensrealitäten

Aussagen wie die von J.K. Rowling gibt es leider häufig. Dass Asexualität keine richtige Sexualität sei, dass sie sogar eine Entscheidung sei und es gar keine Diskriminierung gegen ace Menschen gibt. Doch genauso wie Homosexualität, Transgeschlechtlichkeit und alle anderen queeren Identitäten weicht Asexualität von der gesellschaftlichen Norm ab. Wenn man asexuell ist, fühlt man sich eben nicht „normal.“

Viele asexuelle Menschen wachsen mit dem Gefühl auf, dass mit ihnen etwas kaputt sei, weil sich so vieles in unserer Gesellschaft um Partnerschaft, Dating und Sex dreht – implizit und explizit. Einige von ihnen sind ebenfalls aromantisch, weswegen sie sich grundsätzlich mit all diesen Thematiken kaum identifizieren können. Dafür gibt es Initiativen und Tage wie den Asexual Awareness Day, um Menschen zu zeigen, dass sie vollkommen okay sind, dass es andere Menschen gibt, die so fühlen wie sie und dass es sogar ein Wort dafür gibt. Mit „Fake-Oppression“ hat das nichts zu tun.

Ironischerweise ist genau diese Behauptung, also dass asexuelle Menschen nicht unterdrückt werden würden, eine Form der Unterdrückung. Betroffene werden dadurch kleingemacht und ihre Sexualität wird als unwichtig abgestempelt, während sie wahrscheinlich jahrelang aufgrund ihrer Sexualität mit ihrer Identität gerungen haben.

Noch viel schlimmer, Asexualität wird bis heute pathologisiert. Im letzten Jahrhundert war es noch fachlicher Konsens, dass keinen Sex zu wollen beziehungsweise keine sexuelle Anziehung zu verspüren, krankhaft sei. Nicht nur Lesben und Schwule sind von Konversionstherapien betroffen gewesen, also von Versuchen, ihre Identität und Sexualität zu „heilen“ und sie so cis und heterosexuell zu „machen.“ Heutzutage gibt es diese Form der „Therapie“ zum Glück kaum noch, doch viele Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen können immer noch im besten Fall nichts mit Asexualität anfangen oder, deutlich schlimmer, haben weiterhin eine pathologisierende Auffassung davon.

Doch die Unterstützung bleibt aus. Wie schon zu Beginn erwähnt, wird Asexualität oft vergessen und sogar belächelt. Selbst Menschen innerhalb der LGBTQIA+ Community und Allys sind da nicht ausgenommen. Asexuelle Menschen werden schlichtweg nicht gesehen. Wenn sich jemand als schwul outet, kann er heutzutage glücklicherweise oft damit rechnen, Unterstützung zu erfahren, wenn sich eine Person als asexuell outet, wohl eher nicht. Sie muss eher damit rechnen, dass sich ihr Umfeld zurückzieht oder Verwirrung zeigt.

Asexuelle Menschen verdienen mehr. Sie verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung. 

Dieser Text erschien im April 2025 in unserem Voices Newsletter, für den du dich hier anmelden kannst.

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