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Zwei Personen (Millie Boella und Nick Piperno von "Decolonizing Love") schauen lächelnd in die Kamera | ©  Millie Boella/Nick Piperno
© Millie Boella/Nick Piperno
30.04.2026 • 08:00
Autorin Sarah Große-Johannböcke | © Lara Abul-Ella Sarah Große-Johannböcke
15 Minuten
Liebe, dekolonisiert. 

„Viel von dem, was sich für uns natürlich anfühlt, ist es eigentlich nicht“ – Was Monogamie mit Kolonialismus zu tun hat

Millie und Nick betreiben den Kanal „Decolonizing Love“ und erklären im Interview, warum unsere Vorstellungen von Liebe, Monogamie und Attraktivität tief im Kolonialismus verwurzelt sind und was es bedeutet, diese Vorstellungen zu hinterfragen.

Bei nicht-monogamen Beziehungsmodellen scheiden sich die Geister. Die einen sehen darin Freiheit, die anderen pure Bindungsangst. In vielen Debatten geht es vor allem um Eifersucht und die Frage, ob alternative Beziehungsmodelle überhaupt funktionieren können. Was im Diskurs um polyamore Beziehungen oder offene Ehen jedoch kaum zur Sprache kommt, ist die Frage, warum wir eigentlich so lieben, wie wir lieben. Warum gilt Monogamie als Standard, den man verteidigen oder verlassen kann, aber nie als Konstrukt, das selbst eine Geschichte hat? Was hat die eigene Präferenz bei der Partner*innenwahl mit rassistischen Beauty Standards zu tun? Warum fällt es uns so schwer, Beziehungsmodelle jenseits der heterosexuellen Paarbeziehung zu denken? 
Millie Boella und Nick Piperno betreiben gemeinsam den Kanal Decolonizing Loveauf dem sie seit 2021 Inhalte an der Schnittstelle von Polyamory und Dekolonialität teilen. Wer die beiden fragt, lernt schnell, dass jede Antwort eigentlich drei neue Fragen aufwirft. Em Ende bleibt aber doch immer eine These deutlich bestehen: Vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, wen wir begehrenswert finden, wen wir lieben, wie wir lieben, ist nicht natürlich gewachsen. Es hat eine Geschichte. Eine koloniale.

Euer Kanal heißt „Decolonizing Love“, also Liebe dekolonialisieren. Was bedeutet das?

Millie: „Bei der Dekolonisierung geht es in erster Linie darum, die Auswirkungen des Kolonialismus zu verstehen und rückgängig zu machen. Wir vergessen allzu oft, dass der Kolonialismus auch unsere Wertesysteme fundamental geprägt hat. Was wir für ‚normal‘ halten und was nicht, ist geprägt von kolonialen Narrativen. Hier geht es nicht nur um eine Dekolonialisierung des Landes oder Menschen, sondern auch um eine Dekolonialisierung unseres Denkens.

Vielen von uns ist gar nicht bewusst, wie stark diese Prägung auch heute noch fortbesteht. Wir halten bestimmte Dinge einfach für selbstverständlich, besonders wenn es um Beziehungen geht. Aber tatsächlich wurden viele dieser Vorstellungen – wie zum Beispiel die Monogamie – durch Systeme wie Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat überhaupt erst hervorgebracht.“

Nick: „Der koloniale Kapitalismus wurde auf der Logik des Besitzes aufgebaut. In diesem System wurden Körper und Arbeitskraft genauso besetzt und besessen wie das Land, auf dem sie lebten.

Kolonialismus hat Gemeinschaften zerstört und in einzelne Kleinfamilieneinheiten atomisiert. Das machte es Regierungen leichter, Steuern einzutreiben, Menschen zu kontrollieren und sie zu bekehren, auch im religiösen Sinne. Viele Indigene und nichtwestliche Traditionen hatten kollektivere Modelle von Verwandtschaft, Kindererziehung und emotionaler Unterstützung. Die Kolonisierung hat das zerstört. Dieselbe Logik hat sich auch in unser intimes Liebesleben eingeschrieben, in Form von Besitzdenken in der Liebe. Dieses Denken, dass ein Mensch dir gehört, das kommt nicht aus dem Nichts.“

Habt ihr konkrete Beispiele dafür, wie kolonialistisches Denken uns heute noch prägt?

Millie: „Ein Beispiel sind rassistische Fetische. Viele Menschen – nicht alle – haben rassistische Wünsche und Vorlieben, die vollständig mit weißer Vorherrschaft und Kolonialismus übereinstimmen. Zum Beispiel die Fetischisierung Schwarzer Männer aufgrund ihrer Körper, auf eine Weise, die sie übermäßig maskulinisiert oder als brutal darstellt. Oder die Fetischisierung asiatischer Frauen als unterwürfig.

Weiße Menschen gelten als die neutrale Norm, und alle anderen werden entweder als zu maskulin oder zu feminin eingestuft. Wenn Menschen heute also andere wahrnehmen, sehen sie oft keine Personen, sondern erstmal Stereotype, die einst dazu dienten, Kolonialismus zu rechtfertigen: ‚Du bist zu maskulin und brutal, du bist zu feminin und schwach, also sollten wir euch kolonisieren‘.

Diese Form von Desirability Politics zeigt sich auch in Bezug auf andere Faktoren. Menschen mit körperlichen Behinderungen werden beispielsweise entsexualisiert und dicke Menschen gelten als körperlich nicht dem Standard entsprechend und demnach unsexy. Es ist diese ständige Entmenschlichung, die einem bestimmten Ideal entspricht, das von weißer Vorherrschaft, Kolonialismus und Patriarchat begünstigt wird.“

Nick: „Im heteronormativen Denken, in Schönheitsidealen, hinter all dem steckt ein kolonialer Kern, weil beides von kolonialen Standards geprägt ist. Wenn wir also davon sprechen, Beziehungen zu ‚dekolonisieren‘, dann geht es darum, all das zu hinterfragen. Viel von dem, was sich für uns natürlich anfühlt, ist es eigentlich nicht.

Die Dating-App OkCupid hat zum Beispiel vor Jahren eine Studie darüber durchgeführt, welche Frauen und Männer nach Hautfarbe am häufigsten und am seltensten nach rechts gewischt werden. Die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich. Es zeigte sich sehr deutlich, wie exotisierte Körper bewertet werden und wie weiße europäische Körper nach wie vor als der Standard von Attraktivität gelten.

Für mich gehört das Hinterfragen von Monogamie aber auch untrennbar mit dem Hinterfragen patriarchaler Vorstellungen im Allgemeinen zusammen. Wenn man Beziehungen dekolonisieren will, kann man diese Systeme nicht getrennt betrachten. Man muss verstehen, wie sie ineinandergreifen und sich gegenseitig stützen. Ich komme aus Québec, also aus einem sehr katholisch geprägten Umfeld, in dem die Kirche lange fast alles bestimmte: Bildung, Krankenhäuser, Waisenhäuser, soziale Dienste. Entsprechend stark war die Vorstellung verankert, dass die heterosexuelle, monogame Ehe die einzige legitime Form von Liebe sei.“

Wie beeinflusst das alles unsere Fähigkeit, stabile Beziehungen aufzubauen?

Millie: „Uns wird beigebracht, dass eine einzige Person all unsere Bedürfnisse erfüllen soll, dass sie uns vervollständigt. Wir stellen dann häufig fest, dass wir in unseren Beziehungen unglücklich werden. Ich glaube, viel von der Unzufriedenheit, die Menschen empfinden, liegt nicht daran, dass mit ihnen oder ihrer Partnerperson etwas nicht stimmt, sondern daran, dass die Erwartungen unrealistisch sind. Eine einzige Person war nie dafür gedacht, alles für dich zu sein, schon gar nicht über 60 oder 70 Jahre hinweg.

Wir sollten uns wesentlich öfter fragen, warum wir Intimität überhaupt eingehen, welche Art von Anziehung wir empfinden und inwiefern diese politisch geprägt und durch verschiedene Formen von Unterdrückung geformt wird. Es gibt Grauzonen zwischen platonischer, romantischer und sexueller Liebe und wir sollten lernen, diese anzuerkennen. Wenn wir offen dafür sind, mehrere Menschen im Leben zu haben, die unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen, dann ist das der erste Schritt hin zu einer Dekolonialisierung unserer Köpfe und unseres Liebeslebens.“

In einer Welt, in der Monogamie der Norm entspricht, stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund die bewusste Wahl der Nicht-Monogamie als Beziehungsform? Ist das bereits ein subversiver Akt?

Millie: „Nicht-Monogamie betrachtet Liebe als Pluralität, während wir Liebe in einer neokolonialen Welt eigentlich aus dieser besitzergreifenden, kapitalistischen, sehr engen Perspektive betrachten sollen.

Was nicht zu unterschätzen ist, ist die Gemeinschaft, die Nicht-Monogamie bringen kann. Sie ist es, die uns widerstandsfähig gegenüber Kolonialismus und Kapitalismus macht. Wenn man Menschen spaltet, isoliert und entfremdet, werden sie schwächer. Wenn Nicht-Monogamie also bedeutet, zu erkennen, dass unsere Herzen in der Lage sind, in dieser kleinen vorgegebenen Box, in der wir uns befinden, frei zu lieben, Community zu bauen und zu stärken, dann kann sie dadurch so viele andere Narrative zurückdrängen.“

Nick: „Ich stimme Millie zu, würde die Frage etwas anders beantworten. Ja, sie kann subversiv sein, aber auch die Nicht-Monogamie ist letztlich der Gefahr ausgesetzt, von genau den Systemen vereinnahmt zu werden, die sie eigentlich herausfordern will.

Es gibt eine Version von Polyamorie – man kann sie weiße Polyamorie nennen, manche sagen auch Polyfuckery oder Polymormativity – die intensiv individualistisch, stark von der Selbsthilfe-Kultur beeinflusst und zentriert auf persönliches Wachstum und Optimierung ist. Sie reproduziert dadurch viele koloniale und kapitalistische Dynamiken.

Hierarchische Polyamorie, bei der zwischen primären und sekundären Partner*innen unterschieden wird, ahmt viele koloniale Machtstrukturen nach und kann leicht in eine Kommodifizierung umschlagen, bei der Partner*innen „zur Ware werden“. Auch viele Menschen, die Beziehungsanarchie predigen, wissen oft zu wenig darüber, wie man sie vernünftig auslebt. Das sind dann Menschen, die ihre Verständnis Autonomie über alles setzen und Partner*innen wie Pokémon sammeln. Und dann passiert genau das Gegenteil von dem, was wir wollen.“

Was heißt eigentlich...?

Kolonialismus

(lat. für Niederlassung, Ansiedelung) beschreibt, dass europäische Kolonialmächte seit dem 15. Jh. Territorien anderer Kontinente eingenommen und eine Kolonialherrschaft errichtet haben. Viele Regionen und ihre Bewohner*innen wurden in Besitz genommen, ausgebeutet und verdrängt. Die kolonialisierte Bevölkerung in Afrika, Asien oder den Amerikas wurde unterdrückt, versklavt oder getötet. Legitimiert wurde dies mit pseudo-wissenschaftlichen Rassentheorien und dem Glauben an die eigene kulturelle Überlegenheit. Eine einheitliche Definition von Kolonialismus ist ungenau, weil die Kolonialmächte unterschiedlich herrschten. Konkreter lassen sich beispielsweise der deutsche oder französische Kolonialismus fassen. Der Begriff Kolonialismus beschreibt außerdem historisch das Zeitalter des Kolonialismus, das mit Christoph Kolumbus 1492 begann und bis ins 20. Jh. reichte. Ab den 1950er Jahren setzte die sogenannte Dekolonialisierung ein, in der die kolonialisierten Nationen ihre Unabhängigkeit erkämpften. Kritiker*innen sprechen jedoch von einem bis heute wirksamen Neokolonialismus. (Definition: Neue deutsche Medienmacher*innen).

Desirability Politics

Der Begriff Desirability Politics geht zurück auf Da'Shaun L. Harrison und bezeichnet die Art und Weise, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse bestimmen, welche Körper, Identitäten und Lebensweisen als begehrens- und schützenswert gelten („the methodology through which the sovereignty of those deemed (conventionally) attractive/beautiful/arousing is determined"). Was uns als individuelle Vorliebe erscheint, wir durch Kultur geformt und mit Wert aufgeladen. (Definition: Da'Shaun L. Harrison)

Weiterführende Informationen: 

Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte | Kolonialismus | bpb.de
DESIRABILITY: DO YOU REALLY LOVE FAT PEOPLE WHEN YOU CAN’T EVEN SEE US BEYOND THE POLITICAL? - Da'Shaun L. Harrison
Erinnern. Verändern. - Dekolonisierung in Europa
Glossar für eine rassismussensible Sprache | Glossar für eine rassismussensible Sprache
IDA e.V. - Glossar
Kolonialismus - Diversity Akademie
Kolonialismus | Neue deutsche Medienmacher*innen e.V.

Welche Überschneidungen seht ihr in queeren Kreisen und polyamoren? Sollten wir Polyamorie als Teil eines queeren Umbrellas betrachten oder existiert sie getrennt bzw. neben LGBTQIA+ Interessen?

Millie: „Ich argumentiere gerne, dass Nicht-Monogamie einen eigenen Buchstaben verdient. Das Wort ‚Queer‘ hat in den letzten Jahrzehnten einen Bedeutungswandel vom Schimpfwort zur Selbstbezeichnung durchlaufen. So richtig wiederbelebt wurde es in den 1980er Jahren von der Queer Nation mit der Aussage, dass ‚queer‘ alles bezeichnet, was sexuell nicht der Norm entspricht. Nicht-Monogamie weicht, Stand heute, immer noch eindeutig von der Norm ab.

In den 1980ern gab es innerhalb der queeren Bewegung eine entscheidende Weichenstellung. Mit der AIDS-Krise sahen sich queere Personen, insbesondere schwule Männer und trans Personen noch größeren Anfeindungen ausgesetzt als zuvor, weshalb viele Akzeptanz durch Anpassung suchten. Der Fokus der damaligen queeren Bewegung lag ab dann darauf, möglichst ‚normal‘ wahrgenommen zu werden und für Errungenschaften wie das Recht auf Ehe zu kämpfen. Das sexualisierte Fremdbild sollte abgeschüttelt werden, denn es ging ums Überleben. Dabei wurden polyamore Interessen fallengelassen, obwohl cis-schwule Männerkultur zuvor durchaus offen für Nicht-Monogamie gewesen ist.

Ich glaube, damals wurde eine Chance verpasst, diese Norm selbst infrage zu stellen, statt sich ihr anzupassen. Diese Anpassung hat Nicht-Monogamie für Queers zusätzlich stigmatisiert und den Raum für eine heterosexuelle Vereinnahmung geöffnet. Man könnte behaupten, Nicht-Monogamie sei von Heterosexuellen gentrifiziert worden, aber wir hätten es auch anders rahmen können.

Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Ich vertrete die Ansicht, dass Polyamorie Teil des queeren Kampfes ist, sofern die oben genannte Definition zugrunde gelegt wird. So wie es innerhalb der Community asexuelle Menschen gibt, die heteroromantisch sind, können sich auch nichtmonogame Menschen als Teil der queeren Community betrachten. Letztendlich gibt es niemanden, der alleinige Entscheidungsmacht darüber hat, zu bestimmen, wer oder was queer ist und wer oder was es nicht ist. Mir geht es vor allem darum, anzuerkennen, dass Polyamorie wichtige Berührungspunkte mit der queeren Politik an sich hat. 

Wenn wir heute auf Dating Apps unterwegs sind, sehen wir mehr Menschen die „Nicht-monogam“ in ihrer Bio stehen haben als noch vor einigen Jahren. Was glaubt ihr, woran das liegt?

Nick: „Ich bin mir nicht ganz sicher, wann genau der Wandel stattfand. Ich weiß nur, dass es wahrscheinlich um das Jahr 2010 herum war. Ich glaube, es gab in den 1990er Jahren einige Serien, die anfingen, Polyamorie darzustellen. Da gibt es zum Beispiel ‚Unbreakable Kimmy Schmidt‘ und ‚Wanderlust‘.  Das öffnete den Diskurs darüber etwas mehr. Aber auch hier finden wir überwiegend weiße, mittelständische cis Personen als Repräsentant*innen. Die Konstellationen zeigen oftmals einen weißen cis Mann mit zwei oder mehr Frauen.

Wir müssen auch hier noch viel mehr Vielfalt zeigen, denn dieses Bild entspricht nicht dem, das wir in der Realität erleben.“

Millie: „Die positive Einstellung hat in den letzten 30 Jahren zugenommen. Der Begriff ‚Polyamorie‘ wurde 1990 geprägt und das erste große Buch zu diesem Thema, ‚The Ethical Slut‘, erschien 1994. Als ich nach Toronto kam und Teil der polyamorösen Community wurde, war Polyamorie noch deutlich nischiger. Wenn man Polyamorie erwähnte, dachten viele Leute sofort nur an Swinger. Wenn ich heute davon spreche, polyamorös zu sein, wissen viele Menschen, die selbst nicht polyamorös sind, was das ist. Ich denke, dass viele Menschen in den letzten Jahren erkannt haben, dass sie gar nicht so monogam sind, wie ihnen beigebracht wurde. Schließlich sind wir alle nach einem monogamen Muster erzogen worden. Es gibt so Vieles, das wir verlernt haben und neu lernen müssen. Aber die Katze ist aus dem Sack, und es ist sehr schwer, sie wieder zurückzustecken. Die Menschen erkennen, wer sie sind, und wenn sie einmal die Freiheit gekostet haben, kann man sie ihnen nicht mehr so einfach nehmen.“

Wie hat sich die Repräsentation nicht-monogamer Menschen in Medien und Popkultur entwickelt und wie groß ist die Lücke zwischen dieser Sichtbarkeit und der rechtlichen Realität?

Millie: „Hier in Kanada, wo Nick und ich wohnen und arbeiten, wurden tatsächlich einige großartige neue Gesetze verabschiedet, die Nicht-Monogamie z. B. für Eltern erleichtern. Wenn man hier in einem Polykül lebt – einer Gruppe von Menschen, die miteinander in Beziehungen stehen –, können derzeit in einigen Provinzen bis zu drei Personen in einer Geburtsurkunde aufgeführt werden und Familienrechte geltend machen. Das gilt nicht nur für Co-Eltern, Geschiedene und Stiefeltern, sondern für jede*n, der*die in einer Beziehung lebt. Das Recht wurde also speziell für polyamore Menschen erweitert.

Insgesamt bin ich mir aber nicht sicher, ob mehr Gesetze unbedingt die Antwort sind, nach der wir suchen. Was ich mir wünsche, ist vor allem mehr Aufklärung und Bewusstsein. Ich möchte die Gesellschaft dahin bringen, dass wir erkennen, dass alles auf einem Spektrum liegt, und aufhören, all diese verschiedenen Schubladen zu betrachten und diese binäre Denkweise zu haben. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen verstehen, dass Menschlichkeit in jeder Hinsicht auf einem Spektrum existiert.“

Also weg von den Skripten, sodass wir irgendwann vielleicht an einen Punkt kommen, der Labels überflüssig macht?  

Millie: „Ja, genau. Natürlich können Labels hilfreich sein, um zu beschreiben, wer wir sind. Aber wenn man auf andere zugeht, finde ich es genauso legitim, das erstmal nicht zum Fokus zu machen.

Ich selbst bin in Kenia aufgewachsen – dort gibt es z. B. keine geschlechtsspezifische Pronomen in diesem Sinne. Das habe ich immer als sehr befreiend empfunden. Mir war lange gar nicht bewusst, welche Wirkung das hat, bis ich in den Westen gezogen bin. Dort habe ich dann diesen starken Fokus auf Pronomen erlebt, und mir wurde klar, dass viele Menschen zuerst einordnen wollen, wer du bist, bevor sie sich damit beschäftigen, was dich eigentlich ausmacht.“

In einem Podcast hast du mal erzählt, dass du in Kenia sehr unterschiedliche Beziehungsmodelle erlebt hast – vom christlichen Ideal der monogamen Ehe bis zu polygamen Strukturen bei den Maasai. Wie hat dich dieser Kontrast geprägt?

Millie: „Ein Teil meiner Familie ist stark christlich geprägt, mit Vorstellungen, die auf britische koloniale Einflüsse zurückgehen. In Nairobi, wo ich aufgewachsen bin, wurde mir früh vermittelt, dass polygame Strukturen, wie sie bei den Maasai vorherrschen, vor allem für Frauen schlecht sind und Monogamie fortschrittlicher und überlegen ist.

Erst später, als meine Familie in eine Maasai-Region zog und ich dort gelebt habe, begann sich dieses Bild zu verschieben. Vor Ort habe ich erlebt, dass Frauen durchaus selbstbestimmt sind, dass es viel gegenseitigen Respekt gibt und dass die Familien oft stabiler scheinen, als in der Stadt. Kinder werden von der Gemeinschaft aufgefangen, kaum jemand bleibt außen vor.

Mit dieser Erfahrung im Hinterkopf habe ich angefangen, die Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin, zu hinterfragen. Denn während ich in diesen polygamen Strukturen viel Offenheit und wenig Versteckspiel wahrgenommen habe, habe ich in monogamen Kontexten immer wieder Untreue und Brüche erlebt. Das stand für mich zunehmend im Widerspruch zu dem, was uns als ‚normal‘ und ‚gesund‘ vermittelt wurde.

Ein Schlüsselmoment war schließlich die dritte Hochzeit meines Onkels. Wieder wurde von ‚für immer‘ gesprochen, obwohl er zwei Jahre zuvor schon einmal an genau diesem Punkt stand. In diesem Moment wurde mir sehr klar, wie sehr an einem Ideal festgehalten wird, das in der Realität oft nicht trägt.“

Gab es dann für dich so etwas wie ein Coming-out oder war das in deinem Umfeld gar nicht notwendig?

Millie: „Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die mich grundsätzlich so akzeptiert, wie ich bin. Deshalb hatte ich immer das Gefühl, Rückhalt zu haben. Außerdem bin ich in einem Umfeld großgeworden, in dem unterschiedliche Beziehungsformen sichtbar waren.

Zwei meiner Tanten haben sich zum Beispiel selbst ‚geheiratet‘ – mit Zeremonie, Mitgift und allem Drum und Dran. Sie wollten sich selbst das Versprechen geben, sich zu lieben, statt ihr Leben einem Mann zu verschreiben. Das hat mich schon früh geprägt und bestimmt auch meinen Blick auf Beziehungen geleitet. 

Als ich mich in meinen Zwanzigern vor meiner Mutter geoutet habe, reagierte sie entsprechend gelassen. Heute sagt sie oft: ‚Du bist wie deine Tanten.‘ In gewisser Weise gab es also immer schon einen Platz für mich.“

Wie war das bei dir, Nick? Wie bist du zur Polyamorie gekommen?

Nick: „So richtig ist das tatsächlich erst gekommen, als ich Millie kennenlernte. Dass Beziehungen auch nicht-monogam sein können, war eine Option, die mir vorher gar nicht richtig bewusst war. Und erstaunlicherweise habe ich diese Option als sehr befreiend wahrgenommen.

Ich war ohnehin nie der eifersüchtige Typ, und ich habe auch in Beziehungen immer wieder andere Menschen attraktiv gefunden, während ich gleichzeitig meine jeweilige Partnerperson sehr geliebt habe. Lange dachte ich deshalb, ich sei irgendwie anders oder seltsam, aber Monogamie schien für mich trotzdem die einzig denkbare Form zu sein. Das habe ich anfangs gar nicht hinterfragt.

Als Millie das ansprach, begann für mich ein Lernprozess. Ich merkte, dass ich womöglich schon immer so war und es nur nie benennen konnte. Gleichzeitig musste ich vieles wieder verlernen, was mir in meiner Jugend in einem sehr patriarchalen Elternhaus über Beziehungen beigebracht wurde.“

Was könnt ihr Menschen raten, die gerade erst anfangen, über Nicht-Monogamie nachzudenken?

Nick: „Die Form deiner Beziehung wird dich in der Liebe niemals retten. Was dir helfen kann, ist, wie gut du dich selbst und deine Trigger kennst. Wer sich öffnet, sollte sich zuerst fragen: Wie gut kenne ich mich eigentlich selbst? Was sind meine Trigger? Bin ich eher vermeidend oder ängstlich gebunden? Was passiert mit mir, wenn Eifersucht auftaucht? Kämpfe ich, fliehe ich, friere ich ein oder passe ich mich an? Wie kommuniziere ich in Konflikten? Und kenne ich meine Trigger überhaupt?

Das gilt übrigens nicht nur für nicht-monogame Beziehungen, sondern genauso für monogame. Entscheidend ist nicht die Form, sondern wie gut man sich selbst versteht.“

Millie: „Mein Rat an Menschen, die sich mehr mit Polyamorie beschäftigen wollen, ist: Seid sanft zu euch selbst. Viele sind unglaublich hart zu sich selbst, wenn im Prozess Wunden, Ängste oder alte Muster auftauchen. Dann fragen sie sich sofort, ob sie überhaupt für Nicht-Monogamie geeignet sind. Ich würde sagen: Habt Geduld mit euch und sucht euch eine Community, also eine Begleitung abseits von theoretischen Beschäftigungen mit dem Thema. Was wir auch niemals vergessen sollten, ist, dass Perfektionismus und Scham sehr oft Teil eines kolonialen Denkens sind. Der Weg, Polyamorie gesund und bewusst anzugehen, führt über Selbstannahme und mehr Nachsicht mit dir selbst, deinen Partner*innen und deinem Umfeld.“

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