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Sarah Große-Johannböcke | © Sarah Große-Johannböcke
© Sarah Große-Johannböcke
18.02.2026 • 15:32
Autorin Sarah Große-Johannböcke | © Lara Abul-Ella Sarah Große-Johannböcke
9 Minuten
EDITION F Voices Kolumne

Veränderung ist keine Katastrophe – Was Polyamorie mir über Verluste beigebracht hat

Wie liebt man heute, wenn Liebe mehr als nur zu zweit sein kann? Ein Text über Polyamorie, Trennungsschmerz mitten in Beziehungen und dem Lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Eigentlich hat es der Hot Priest aus Fleabag schon ganz gut zusammengefasst:
„Love is awful! […] So no wonder it’s something we don’t want to do on our own.“
(„Liebe ist schrecklich! […] Kein Wunder also, dass wir sie nicht alleine erleben wollen.“). 

Als ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit Polyamorie auseinandersetzte, dachte ich an Liebe und Spaß, vielleicht noch an Planungschaos und Google-Kalender. Ich dachte nicht an Trennungen. In all den Büchern und YouTube-Videos, die ich mir zu dem Thema reinzog, ging es fast nur darum, glücklich und gesund in mehreren Beziehungen zu sein. Selten ging es darum, wie man sich eigentlich gesund trennt, während man noch mit einer anderen Person zusammen ist. Vielleicht war ich naiv in der Annahme, dass man sich, wenn man sich erst einmal vom Korsett der Monogamie befreit hat, mit dem Thema gar nicht mehr befassen muss. Ich lag falsch.  

Von Gott zum Gartenzaun

Irgendwann, spätestens als Teenager, habe ich gelernt, dass ich eine lebenslange, leidenschaftliche und glückliche Partnerschaft (mit einem Mann) brauche, um langfristig glücklich zu sein. Das ist natürlich auch kein Zufall.   

In Der Konsum der Romantik beschreibt Eva Illouz, wie die Liebesbeziehung im 20. Jahrhundert zur zentralen Konsumeinheit wurde. Paare, bestehend aus einem Mann und einer Frau, finden zueinander, verlieben sich unsterblich, kaufen gemeinsam Häuser, Autos und Versicherungen. Unser Alltag ist in vielen Teilen darauf ausgerichtet, diese spezielle Form des Zusammenseins strukturell zu unterstützen. Während die höchste Form der Liebe im Westen lange Zeit Gott und der Kirche vorbehalten war und Kinderkriegen oder das Eingehen einer Ehe oft ganz andere, wenig romantische Gründe hatte, erhob die Romantik irgendwann Sex zum höchsten Ausdruck der Liebe.  

Auch wenn wir als Gesellschaft nie wirklich ehrlich monogam waren, wurden Ehebruch, Fremdverliebtheit oder ausbleibender Sex in der Partnerschaft als Zeichen des Versagens der Partner*innen oder sogar der ganzen Beziehung angesehen, weil körperlicher und emotionaler Exklusivität ein enorm hoher gesellschaftlicher Wert beigemessen wurde. Das Ende der körperlichen und/oder emotionalen Exklusivität hatte das Ende der Beziehung zur Folge. Der*die richtige Partner*in soll uns verstehen und zugleich seelenverwandt und beste*r Freund*in sein – am besten von Anfang an und für immer. So stellen wir uns Liebe oft noch immer vor. Dieses Ideal begegnet uns überall und wird selten hinterfragt, auch wenn es längst brüchig geworden ist.  

Versaut, dreckig, unreif – Nicht-Monogamie hat immer noch ein Image-Problem

Formen der ethischen Nicht-Monogamie, also Konstrukte, bei denen wir uns sexuell oder romantisch (oder beides) auf mehr als eine Person einlassen, sind in den Medien präsenter geworden. Sie werden jedoch selten als stabile, „ernsthafte“ Alternativen wahrgenommen. In einem auf Monogamie basierenden System, das vor allem in der heterosexuellen Zweierbeziehung Erfüllung sieht, ist es schwer vorstellbar, das eigene Glück nicht von einer einzigen Person abhängig zu machen. Mehr als eine Person zu lieben, sich zu binden und vielleicht eine Zukunft zusammen zu planen, wirkt utopisch. Fällt eine derartige Beziehung auseinander, werden die Gründe natürlich schnell im Konzept der Nicht-Monogamie an sich gesucht. Vor, während und nach meiner eigenen Trennung gab es immer wieder Momente, in denen ich diesen Fehlschluss erklären musste. Dass sich nicht-monogame Beziehungen auflösen, liegt manchmal auch an denselben Gründen wie bei monogamen Paaren. Man hat sich entliebt, die Zukunftspläne passen nicht zusammen oder es bestehen unüberwindbare bzw. wiederkehrende Konflikte. Und ja, manchmal liegt es natürlich auch daran, dass die Liebe zu mehr als einer Person für zu viel Unruhe sorgt. Aber wir alle wissen: Das tut sie bei monogamen Paaren auch.    

Ich glaube, Nicht-Monogamie bekommt auch deshalb in Deutschland so viel schlechte Presse, weil sie wie eine Jugendsünde dargestellt wird: Sie wirkt versaut und dreckig und ist für diejenigen gemacht, die sich noch zwischen Sex auf Clubtoilette und Stricktreffs finden müssen (nicht, dass das schlecht wäre). Sie mag für junge Menschen attraktiv sein, aber spätestens mit 30 sollte man sich zu zweit hinter dem Gartenzaun eingefunden haben. Trotz einer größeren medialen Repräsentation gibt es immer noch wenige reale Vorbilder und Konstellationen, an denen wir uns orientieren können.  

Wie wir uns trennen gelernt haben  

Wenn eine monogame Beziehung endet, dann sitzt in der Regel jemand mit Eis auf dem Sofa und heult. So oder so ähnlich habe ich es zumindest im Fernsehen gesehen. Plötzlich bricht ein ganzer Teil des Lebens weg, denn man hat gelernt, alles zu zweit zu machen.  

Nach einer monogamen Trennung gibt es gewisse Skripte, die, vor allem, Frauen ansprechen sollen. Die „Slutphase“ zum Beispiel, bei der man sich nach der Trennung erlaubt, hemmungslos auf Partys zu knutschen und zu vögeln, um danach „geheilt“ in die nächste „ernste“ Beziehung zu gehen. Oder der Post-Break-up-Glow-Up, bei dem uns in zehn Schritten beigebracht wird, wie wir besser und vor allem schöner aus einer Beziehung gehen. Passend dazu fragt die For-you-Page dazu dann: „Ist dein Ex ein Narzisst?“ – denn irgendwas muss ja mit dieser Person nicht stimmen, die man mal an sich rangelassen hat, nur um sich das Herz brechen zu lassen. Auf Social Media scheinen wir Exes ohnehin zu hassen, während uns eine kleine Armee an selbsternannten Life Coaches erklärt, dass mit uns selbst natürlich nichts falsch ist. 

In diesem Skript dürfen Trennungen zwar dramatisch und chaotisch sein, Trauer darf laut gefühlt, muss aber auch möglichst schnell wieder verarbeitet werden. Sich radikal abzugrenzen, wird allzu oft als gesunde und einfache Alternative dargestellt. Vor allem aber werden Trennungen uns immer als schicksalshafte Zäsuren gezeigt. Gestern warst du mein Lebensinhalt, heute bin ich es selbst. Es sind Skripte, die sehr gut zu unserem schnelllebigen Online-Alltag passen, aber schlecht darin sind, Grauzonen anzuerkennen.

Frei lieben heißt manchmal auch, allein zu sein

Nach meiner ersten „nicht-monogamen Trennung“ fand ich mich in diesen Skripten nicht wieder. Ich befand mich in einer Situation, auf die ich mich nicht ganz eingestellt hatte. Eine Beziehung zu beenden, zu trauern und zu verarbeiten, während eine zweite weitergeführt und aufgebaut wird. Darauf hatte mich kein Selbsthilfebuch vorbereitet. 

Nach einer Trennung nicht „single“ im herkömmlichen Sinne zu sein, kann sehr ambivalente Gefühle auslösen. Einerseits gibt es immer noch ein Netzwerk an Menschen und Beziehungspersonen, das einen auffangen kann. Andererseits kann auch das Gefühl entstehen, man dürfe nicht ganz so traurig wegen des Verlustes sein, weil ja noch jemand da ist. Hinzu kommt, dass wir auch immer noch Verantwortung unseren anderen Partner*innen gegenüber haben.

Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass es schwierig ist, verschiedene Formen von ethischer Nicht-Monogamie in diesem Text unter einen Hut zu bringen. Dass ein swingendes Paar anders zu seinen Swinger Friends steht als eine Triade, die seit zehn Jahren zusammen ist, sollte aber klar sein. 

Eine Fehlannahme, die ich zu Beginn hatte, war, dass Polyamorie bedeutet, nie allein zu sein. Inzwischen weiß ich, dass das Gegenteil manchmal wahr ist. Was ist also der entscheidende Unterschied? In ihrem Bestseller Polysecure betont Jessica Fern immer wieder, dass Nicht-Monogamie vor allem eines verlangt: emotionale Selbstregulation. Wir alle müssen lernen, mit uns selbst klarzukommen und unsere Gefühle auf gesunde Art und Weise immer wieder sanft zu hinterfragen. Nur dann können wir für uns selbst und andere da sein.

Wie Nicht-Monogamie unsere Bindungsmuster sichtbar macht

Wer mehrere Menschen liebt, lernt früher oder später, mit den eigenen Ängsten umzugehen. Wenn wir mehrere Menschen nah an uns heranlassen und dabei mit uns selbst und allen anderen Beteiligten vernünftig umgehen wollen, müssen wir uns Tag für Tag und in jeder Begegnung mit unserem Innenleben auseinandersetzen und unsere Gefühle offen mit anderen teilen. Nicht-Monogamie wirkt hier wie ein Vergrößerungsglas für unsere Grundannahmen und Bindungsmuster. Darin kann der Schlüssel zu gesunden Beziehungen und eben auch zu gesünderen Trennungen liegen. Deine Partnerin ist auf einem Date mit einer anderen Person. Das konfrontiert dich anfangs unweigerlich mit Ängsten. Selbstwertthematiken, Eifersucht und die Frage „Bin ich genug?” tauchen auf.

Das sind natürlich alles Themen, die in jeder Art von Beziehung angesprochen werden können und wahrscheinlich auch sollten. Der entscheidende Unterschied ist, dass bei nicht-monogamen Formen des Zusammenseins dieser Dialog von Anfang an aktiv angestoßen wird. Genauso wie es keinen festgelegten Weg nach oben gibt, gibt es auch kein klares Skript für die „Deeskalation” romantischer Beziehungen.
Polyamorie verlangt also nicht weniger Autonomie als Monogamie, sondern sogar mehr. Anstatt in der Vorstellung Ruhe zu finden, dass die reine Struktur der Beziehung für Sicherheit sorgt, befindet man sich ständig im Austausch mit den eigenen Gefühlen und denen der Partner*innen. Das ist verdammt anstrengend, schmerzhaft und energiezehrend, aber ich verspreche, dass es sich lohnt.

Polyamore Trauer

In ihrem Essay The Grief Nobody Warned You About in Polyamory schreiben die Autor*innen, beide erfahrende Poly-Coaches, dass Polyamorie eine Art der Trauer hervorbringt, für die es keine gesellschaftlichen Rituale gibt: kleine, unsichtbare Enden von Beziehungen, die von einer kapitalistischen, mononormativen Kultur weder benannt noch gemeinsam gehalten werden können. Sie ziehen eine Verbindung von Trauerarbeit in der Nicht-Monogamie zu größeren Kulturen des Trauerns und schreiben dazu:

„Death and grief dismantle our illusions of permanence, autonomy, and certainty. They force us to face what we would rather forget: that everything changes, and that love always leaves a mark.“
(„Tod und Trauer zerstören unsere Illusionen von Beständigkeit, Autonomie und Gewissheit. Sie zwingen uns, uns dem zu stellen, was wir lieber vergessen würden: dass sich alles verändert und dass Liebe immer Spuren hinterlässt.“)

Das Betrauern als Akt taucht nicht nur am Ende einer nicht-monogamen Beziehung auf, sondern auch zu Beginn oder mitten darin. Trauer kann beispielsweise dann auftauchen, wenn man sich dafür entscheidet, die Beziehung für andere Personen zu öffnen. Damit endet die bisherige Form der Beziehung und macht Raum für eine neue. So befreiend und schön das auch sein mag, so wichtig ist es auch, der alten Dynamik in irgendeiner Form zu gedenken. Selbst wenn man die Veränderung selbst initiiert hat, davon überzeugt oder sogar begeistert ist, kann es manchmal schmerzen.

Kein Wundermittel gegen Trennungsschmerz 

All das intellektuell zu verarbeiten, braucht erst einmal Zeit. Es auch körperlich zu verinnerlichen, dauert noch länger. Ich bin weit davon entfernt, alles durchblickt zu haben. Es ist etwas vollkommen anderes, enthusiastisch Bücher über Polyamorie zu lesen, als emotional intensive Gespräche über Bindung und Grenzen an einem Samstagmorgen zu führen.  

Trotzdem würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Erstens, weil ich mich sowieso in mehrere Menschen verliebe und zweitens, weil mich die Beziehungen, die mir die Nicht-Monogamie ermöglicht, persönlich mehr erfüllen und wachsen lassen, als es monogame Beziehungen in der Vergangenheit getan haben.  

Es geht mir nicht darum, Nicht-Monogamie als Lösung für alles oder als Heilmittel gegen Trennungsschmerz zu vermarkten. Denn Trennungsschmerz gibt es genug, das hat sich gezeigt. Er muss jedoch nicht unbedingt dramatisch durch eine Post-Trennungs-Glow-Up wegoptimiert werden und sieht nicht immer groß und drastisch aus. Mein persönlicher „Hot Take“ dazu: Die Katharsis, die uns so manche Trennungsskripte versprechen – die radikale Neuerfindung, die dramatische Zäsur – wirkt nur deshalb so vielversprechend, weil wir nicht gelernt haben, kontinuierlich mit Veränderung umzugehen. Beziehungen sind nie statisch und meine ganz persönliche Erfahrung mit Nicht-Monogamie hat mich gelehrt, das anzuerkennen und bewusster zu fühlen.  

Trennungen waren schon immer Teil des Wandels und ein ganz natürlicher Teil von Beziehungen. Im Alltag ignorieren wir das oft allzu gerne, weil es manchmal einfacher ist, und werden dann erst ganz am Ende durch den Fleischwolf gedreht. Wir haben gelernt, Sicherheit dadurch zu gewinnen, dass unser*e Partner*in keinen Sex mit anderen hat. Wir glauben, dass es das Ende der Liebe ist, wenn dieser Fall eintritt. Natürlich ist es ein hoher Anspruch, das für sich noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen. Denn das haben wir alle nicht gelernt. Aber wir alle dürfen uns davon freimachen.

Dieser Text erschien zuerst in unserem Voices Newsletter, für den du dich hier anmelden kannst.

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