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Foto von Jennifer Sutholt, Expertin für Co-Elternschaft | © Jennifer Sutholt
© Jennifer Sutholt
02.03.2026 • 12:54
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
15 Minuten
Podcast „Echt & Unzensiert"

Co-Elternschaft: Eltern werden ohne Liebesbeziehung? So klappt's!

In der 68. Folge unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“ ist die Expertin für Co-Elternschaft Jennifer Sutholt zu Gast und beantwortet alle relevanten Fragen zum Thema.

Seit 2016 lebt Jennifer selbst in einer Co-Elternschaft – also in einem Modell, bei dem zwei oder mehr Menschen gemeinsam ein Kind bekommen und großziehen, ohne ein Liebespaar zu sein. Auf ihrer Informationsplattform planningmathilda.com unterstützt sie Menschen auf ihrem Weg zum Wunschkind und teilt ihr Wissen rund um alternative Familienmodelle.

Mit Tino spricht Jennifer darüber, wie man ein passendes Co-Elternteil finden kann, welche Absprachen das Fundament einer guten Co-Elternschaft bilden und welche rechtlichen und finanziellen Aspekte dabei wichtig sind. Die beiden gehen außerdem darauf ein, wie der Weg zur Schwangerschaft aussehen kann und wie sich der gemeinsame Umgang mit dem Kind im Alltag gestaltet.

Jennifer spricht dabei auch offen über ihren eigenen Weg und ihre persönlichen Erfahrungen. Dabei wird deutlich, dass Co-Elternschaft nicht einfach „Plan B“ ist, sondern für viele Menschen eine echte Alternative – mit eigenen Herausforderungen, aber auch mit vielen Vorteilen. Die Folge zeigt, wie vielfältig und flexibel Familie heute sein kann, wenn man bereit ist, alte Bilder loszulassen.

Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier.

Liebe Jennifer, lass uns den Begriff Co-Elternschaft zum Einstieg gerne noch einmal genauer definieren. Wie würdest du das jemandem erklären, der den Begriff noch nie gehört hat?

„Also, die Definition von Co-Elternschaft lautet ungefähr so: Zwei oder mehr Personen entscheiden sich gemeinsam, ein Kind durchs Leben zu begleiten, ohne miteinander in einer romantischen Beziehung zu sein.

In letzter Zeit verändert sich das allerdings ein wenig, denn zunehmend entscheiden sich auch Menschen, die in einer romantischen Partnerschaft leben, dafür, ein Kind in Co-Elternschaft mit einer anderen Person als ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu bekommen.“

Was denkst du, warum Menschen nach alternativen Familienmodellen suchen?

„Also, ich glaube, es gibt im Wesentlichen zwei Gründe. Der erste ist eine Art Notwendigkeit. Es hat mit der heteronormativen Kleinfamilie – also Mutter, Vater, Kind – nicht geklappt. Dafür brauche ich ja einen Partner oder eine Partnerin, um das überhaupt leben zu können. Und wenn das nicht funktioniert, war es früher häufig so, dass dann auch die Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, nicht bestand – oder nur über Wege, die nicht unbedingt wünschenswert sind, wie zum Beispiel ein One-Night-Stand im Falle einer Frau.

Mittlerweile gibt es aber die Möglichkeit, zu sagen: Ich muss nicht krampfhaft einen Partner oder eine Partnerin suchen oder mich vielleicht für jemanden entscheiden, den ich ohne diesen starken Kinderwunsch gar nicht gewählt hätte. Ich kann sagen: Es gibt Alternativen. Es gibt Co-Elternschaft, es gibt Solo-Mutterschaft – ein breites Spektrum an Möglichkeiten, den Kinderwunsch auch ohne romantische Beziehung zu erfüllen.

Das bedeutet: Nur weil das klassische Partner-Modell nicht funktioniert, muss ich meinen Kinderwunsch nicht mehr aufgeben.“

Du machst auch viele Beratungen zu dem Thema. Hast du das Gefühl, dass alternative Familienmodelle in den letzten Jahren immer beliebter werden?

„Definitiv. Ich glaube, es werden immer mehr Menschen – auch wenn ich keine konkreten Zahlen nennen kann. Aber meine Beratungen nehmen deutlich zu. Das liegt, glaube ich, auch daran, dass das Thema bekannter wird. Es ist nicht mehr so, dass man denkt: ‚Was machen die da?‘ – sondern es kommt zunehmend in der Mitte der Gesellschaft an. Auch Menschen, die sich gar nicht intensiv damit beschäftigen, haben vielleicht schon einmal von Co-Elternschaft oder Solo-Mutterschaft gehört. Es gibt einfach mehr Informationen.

Als ich angefangen habe, mich mit Co-Elternschaft zu beschäftigen, wusste ich gar nicht, was das ist. Eine Kollegin hat mir davon erzählt und ich dachte: ‚Ach, cool, das mache ich auch.‘ Aber ich hatte kaum Informationen – ich habe es einfach gemacht.

Heute gibt es Blogs, Plattformen wie Familyship und viele andere Angebote. Sobald man anfängt zu recherchieren, findet man richtig gute Inhalte. Ich glaube, das ist ein entscheidender Faktor dafür, dass das Thema wächst.“

Trotzdem halten die meisten immer noch an dem klassischen Bild von Familie fest. Was denkst du, warum das so ist?

„Weil wir so sozialisiert sind. Wir wachsen alle mit bestimmten Bildern auf. In meiner Generation – ich bin ein älterer Millennial, fast 45 – gab es lange kaum Alternativen. Zum Beispiel kam mir lange gar nicht in den Sinn, dass es auch möglich wäre, mit einer Frau zusammen zu sein, wenn ich das gewollt hätte. Das wurde mir erst Anfang 20 bewusst, als ich im Berufsleben viel Kontakt mit queeren Menschen hatte. Vorher existierte diese Möglichkeit in meinem Kopf einfach nicht. Das zeigt, wie stark diese Prägungen sind.

Seit Jahrzehnten wird uns ein Bild vermittelt, an dem wir uns orientieren: Mutter, Vater, Kind. Heute wächst eine jüngere Generation heran, die deutlich offener ist. Viele Anfang 20 sagen: ‚Ich möchte erst einmal schauen, wie ich meinen Kinderwunsch umsetzen kann, bevor ich mich überhaupt für eine Beziehungsform entscheide.‘ Sie wissen noch gar nicht, ob sie heterosexuell, homosexuell, polyamor leben oder allein sein möchten. Und ich finde das unglaublich beeindruckend. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen neidisch darauf.

Diese Offenheit, dieses Nicht-Festgelegt-Sein, eröffnet so viele Möglichkeiten. Es ist nicht mehr vorgegeben, dass ‚normal‘ gleich Mutter, Vater, Kind ist – sondern dass alles sein darf. Gleichzeitig sind die meisten von uns anders geprägt. In vielen von uns steckt immer noch die Vorstellung vom Leben mit einem Traumprinzen. Und wenn das nicht in Erfüllung geht, muss man sich davon auch erst einmal lösen. Das braucht Zeit. Es darf sich schwer anfühlen. Das ist völlig legitim.“

Du hast erzählt, dass dich eine Kollegin auf Co-Elternschaft aufmerksam gemacht hat. Magst du ein bisschen mehr ins Detail gehen, wie das bei dir abgelaufen ist?

„Ich war 34 und in einer Beziehung mit einem sehr netten Partner, der sich gegen Kinder entschieden hat – beziehungsweise gegen Kinder mit mir. Das hat er sehr fair und transparent kommuniziert. Ich habe mich dann entschieden, die Beziehung zu beenden, obwohl sie gut war. Und ich war danach natürlich entsprechend unglücklich, mit fast 35.

Ich war dann auf dem Weg in die Solo-Mutterschaft. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich das mit einem Spender machen könnte. Dann habe ich eine Kollegin getroffen, der ich davon erzählt habe. Sie meinte: ‚Ach, guck mal, ich mache das so und so – vielleicht ist das ja auch etwas für dich.‘

Sie ist lesbisch, der Vater ihres Kindes ist schwul, und sie erziehen das Kind gemeinsam. Ich habe damals als Flugbegleiterin gearbeitet, was bedeutet, dass ich viel unterwegs war. Mir war also klar, dass ich eine gute Kinderbetreuung brauche. Da kam mir die Co-Elternschaft natürlich sehr entgegen.

Die Kollegin sagte dann: ‚Ich habe da einen Freund, der ist auch Kollege von uns. Frag den doch mal, der möchte unbedingt ein Kind.‘ Ich dachte: Es kostet ja nichts. Ich habe ihn angeschrieben, wir haben uns getroffen – eigentlich nur auf einen Kaffee. Und dann haben wir sechs Stunden lang geredet. Wir sind direkt sehr tief eingestiegen. Und wir haben relativ schnell gesagt: ‚Das könnte funktionieren.‘

Im Nachhinein muss ich sagen: Das war ziemlich naiv. Wir haben uns etwa sechs Monate gekannt. Heute, mit meiner Erfahrung aus fünf Jahren Beratung, würde ich dringend davon abraten, das so schnell zu machen. Ich hatte Glück. Andere haben dieses Glück nicht. Wir hatten keine Vorbilder, keine Struktur. Wir haben einfach versucht, über alles zu sprechen, was uns eingefallen ist – bis hin zu hypothetischen Situationen, die bis ins Schulalter reichen.“

Welche Absprachen wichtig sind, besprechen wir gleich noch ausführlicher. Vielleicht zuerst noch die Frage: Wenn nicht gerade eine Kollegin einen geeigneten Co-Eltern-Partner „in petto“ hat, welche Wege gibt es denn noch, um ein geeignetes Match zu finden?

„Ich würde immer zuerst im eigenen Freundeskreis schauen – und im erweiterten Umfeld. Einfach offen kommunizieren, was man vorhat. Vielleicht kennt man selbst niemanden, aber jemand im Freundeskreis schon. Das ist oft sicherer, weil diese Personen dann auf eine gewisse Weise schon ‚vorausgewählt‘ sind und sich in einem ähnlichen sozialen Umfeld bewegen.

Wenn man online sucht, würde ich immer Plattformen mit Bezahlschranke empfehlen, weil dort mehr Sicherheit gegeben ist. Es gibt auch viele andere Wege, etwa über Foren oder soziale Netzwerke – aber da ist wirklich Vorsicht geboten. Gerade wenn es um private Samenspenden geht und gegeben falls noch Geschlechtsverkehr ins Spiel kommt, kann es schnell unangenehm oder unseriös werden.

Es gibt leider auch Menschen mit schlechten Absichten. Deshalb sollte man immer genau prüfen, wer hinter einer Plattform steht. Es gibt zum Beispiel Seiten, die von einem einzelnen Spender betrieben werden, obwohl sie den Anschein machen, dass viele verschiedene Profile dahinterstecken. Da sollte man wirklich sehr wachsam sein.“

Welche Absprachen gehören zum Fundament einer guten Co-Elternschaft?

„Sehr viele. Ich sage meinen Klient*innen immer: Fangt bei euch selbst an. Was sind meine Werte? Was ist mir wichtig? Ehrlichkeit, Verlässlichkeit – diese grundlegenden Dinge. Dann geht man einen Schritt weiter: Was stelle ich mir für ein Elternteil vor? Und was für ein Elternteil möchte ich selbst sein?

Natürlich ist Elternschaft nicht wirklich planbar. Ich sage immer: Es ist ein wilder Ritt durch die Nacht. Man kann ein bisschen steuern, aber komplett vorhersehen lässt sich nichts. Trotzdem ist es wichtig, so viel wie möglich im Vorfeld zu besprechen. Die Betreuungsaufteilung zum Beispiel – und die kann bei Co-Elternschaft sehr unterschiedlich sein.

Das Spektrum ist riesig: von gemeinsamem Wohnen wie in einer WG über regelmäßige Treffen mehrmals pro Woche bis hin zu klassischen Modellen wie jedes zweite Wochenende. Oder auch Modelle, in denen der Vater eine eher geringe Rolle spielt – das nennt man dann oft ‚Onkelfunktion‘. Alles ist möglich. Wichtig ist nur, dass es für alle Beteiligten passt.

Dann kommen Themen wie finanzielle Aufteilung, Organisation, rechtliche Fragen: Sorgerecht, Umgangsrecht, Unterhalt, Eintrag in der Geburtsurkunde. Auch medizinische Entscheidungen gehören dazu. Das ist ein riesiger Themenkatalog. Ich habe dazu ein Workbook entwickelt, das den gesamten Prozess begleitet – von der ersten Überlegung bis zur fertigen Vereinbarung. Das umfasst 159 DIN-A4-Seiten. Das zeigt schon, wie intensiv die Vorbereitung sein darf.

Wie lassen wir unser Kind impfen? Soll es auf die Regelschule oder auf die Waldorfschule? Was machen wir an Weihnachten? Wie feiern wir den Geburtstag des Kindes? Es geht dabei nicht darum, das Leben eines Kindes bis zum 18. Lebensjahr durchzuplanen – das funktioniert sowieso nicht. Kinder verändern alles. Aber grundlegende Dinge sollten geklärt sein, damit es später keine bösen Überraschungen gibt. Und ganz wichtig: alles schriftlich festhalten. Damit alle jederzeit wissen, was ursprünglich vereinbart wurde.

Wenn man es schafft, sich auf viele dieser Punkte zu einigen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man auch später gemeinsam Lösungen findet – selbst dann, wenn viele ursprüngliche Pläne nicht mehr funktionieren.“

Also sagst du, es ist sinnvoll, eine Art Vertrag aufzusetzen, den beide Co-Eltern unterschreiben?

„Genau. Das ist dann eine private Vereinbarung. Da kann man erst einmal alles festhalten, was man möchte. Gleichzeitig muss man wissen: In Deutschland ist Elternschaft gesetzlich geregelt, und zwar ziemlich klar. Wenn es zu einem Konflikt kommt und man vor Gericht landet, dann gelten die Rechte des Kindes.

Ein Beispiel ist der Unterhalt. Der ist kein Recht der Mutter, sondern ein Recht des Kindes. Selbst wenn Eltern untereinander etwas anderes vereinbaren, kann das später anders bewertet werden. Deshalb ist es wichtig, sich auch rechtlich beraten zu lassen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie stark und detailliert Elternschaft gesetzlich geregelt ist und welche Verantwortung damit einhergeht.“

Dein Co-Eltern-Partner hat dich auch intensiv durch die Schwangerschaft begleitet. War er auch bei der Geburt dabei?

„Ja, ich hatte mir das offengelassen und wollte situativ entscheiden. Es wurde dann aber ein medizinisch geplanter Kaiserschnitt, und da gibt es klare Abläufe.

Zuerst war meine Mutter dabei und hat mir die Hand gehalten. Und als das Baby geboren war, wurde es kurz untersucht, und dann kam er dazu.“

Wie läuft das eigentlich mit der Vaterschaft ab? Muss die extra anerkannt werden oder passiert das automatisch?

„Das passiert nur automatisch, wenn man verheiratet ist. Dann gilt der Ehemann rechtlich als Vater – unabhängig davon, ob er biologisch der Vater ist oder nicht.

In unserem Fall waren wir nicht verheiratet, deshalb mussten wir zum Jugendamt gehen und eine Vaterschaftsanerkennung machen. Das haben wir noch während der Schwangerschaft erledigt. Dabei erklärt der Mann offiziell, dass er der Vater ist und übernimmt alle Rechte und Pflichten. Das ist schon ein sehr bedeutender Schritt.“

Eure Tochter wurde 2016 geboren. Wie hat sich die Aufteilung der Betreuung über die Jahre verändert?

„Also bei uns hat sich das tatsächlich über die Zeit stark verändert. In der Anfangsphase war der Papa sehr präsent. Wenn er nicht arbeiten war, war er eigentlich jeden Tag zumindest für eine Stunde da. Einfach, um mir das Baby mal abzunehmen, damit ich kurz durchatmen oder die nächsten Stunden vorbereiten konnte. Dann kam irgendwann ja auch die Corona-Zeit. Das war natürlich noch mal eine besondere Situation, in der vieles einfach nicht möglich war oder anders lief als geplant.

Mittlerweile sind wir ungefähr bei einer 80-20-Aufteilung angekommen. Das liegt tatsächlich vor allem an der Schule. Wir wohnen beide in Berlin, aber in unterschiedlichen Bezirken, und der Weg durch den Berliner Frühverkehr kann morgens schon eine echte Herausforderung sein, gerade vom Süden in den Norden. Allein dadurch hat sich die Betreuung automatisch etwas verschoben.

Und dazu kommt: Kinder haben ja auch eine eigene Meinung – und davon ziemlich viel. Irgendwann sagen sie dann auch ganz klar, was sie möchten: ‚Heute will ich zu Freundin A, morgen zu Freundin B, dann habe ich hier einen Kurs und dort noch etwas anderes.‘ Der Alltag wird dann ziemlich eng getaktet, sodass gar nicht mehr so viel Spielraum bleibt.“

Wann kam denn der Zeitpunkt, an dem ihr die Co-Elternschaft auch eurer Tochter gegenüber offen kommuniziert habt? Und wie habt ihr das verpackt?

„Also dadurch, dass sich unsere Co-Elternschaft im Alltag gar nicht so stark von anderen Familien unterscheidet – außer dass der Papa nicht mit in der Wohnung lebt –, war das eigentlich nie ein großes Thema, das wir irgendwann ‚offiziell‘ erklären mussten.

Sie kannte den Begriff von Anfang an und ich habe ihr das dann so ab einem Alter von vier oder fünf Jahren auch bewusst erklärt, dass das unsere Form von Elternschaft ist. Für sie ist das überhaupt nichts Negatives oder irgendwie mit einem Mangel verbunden, weil sie es ja gar nicht anders kennt.

Wenn ich heute sagen würde: ‚Wie wäre es denn, wenn wir mit Papa zusammenziehen?‘, dann würde sie wahrscheinlich eher irritiert reagieren und sagen: ‚Das kann ich mir gar nicht vorstellen.‘

Dieses Hin- und Herwechseln zwischen zwei Haushalten kennt man ja hauptsächlich aus dem Trennungskontext. Für Kinder, die das erst später erleben, kann das schwierig sein, weil sich ihr Leben plötzlich komplett verändert. Bei Kindern mit Co-Eltern ist das anders. Die wachsen von Anfang an in dieser Struktur auf. Für sie ist das normal. Sie nehmen das nicht als Verlust wahr, sondern eher als Bereicherung: zwei Zimmer, zwei Lebensmittelpunkte, Freund*innen hier und dort.“

Haben zum Beispiel Mitschüler*innen euer Familienmodell jemals als Aufhänger für blöde Kommentare genutzt?

„Also ich habe ehrlich gesagt noch nie erlebt, dass da etwas Negatives kam. Manchmal sind andere Kinder bei uns und fragen ganz neutral: ‚Wo ist der Papa?‘ Und dann sagen wir einfach: ‚Der wohnt woanders.‘“

Und wie du schon meintest: Das ist ja auch gar nichts Besonderes.

„Genau. Das ist überhaupt nichts Besonderes. In Berlin lebt, ich glaube, jedes fünfte Kind in einer getrennten Familie. Diese Vorstellung, dass nur Mutter, Vater, Kind die Norm ist, entspricht ja schon lange nicht mehr der Realität.

Viele Kinder wachsen in unterschiedlichen Familienkonstellationen auf. Deshalb ist das für Kinder auch gar nicht spektakulär. Im Gegenteil: Unser Kind begleitet manchmal sogar andere Kinder in solchen Situationen. Wir hatten gerade eine Trennung im Umfeld, und sie konnte dann sagen: ‚Bei uns ist das auch so – und das ist gar nicht schlimm.‘ Das zeigt, wie selbstverständlich sie damit umgeht.

Wenn man allerdings eine Co-Elternschaft hat, in der zum Beispiel der Vater sehr wenig präsent ist, also eher diese ‚Onkelfunktion‘ hat, dann muss man das natürlich intensiver erklären. Dann kann sonst schnell das Gefühl entstehen: ‚Warum ist der nicht da? Mag der mich nicht?‘ Ähnlich wie bei der Solo-Mutterschaft muss man dem Kind dann sehr bewusst erklären, wie die eigene Geschichte aussieht.

Wichtig ist, dass das Kind eine stimmige, liebevolle Erklärung bekommt. Meine Geschichte ist zum Beispiel: ‚Ich habe mir dich ganz, ganz doll gewünscht. Und ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Partner. Dann habe ich deinen Papa kennengelernt, und wir haben gemeinsam entschieden, dass wir ein Kind möchten. Wir haben uns gut vorbereitet – und dann bist du entstanden. Und wir lieben dich beide sehr.‘ Das ist doch eine schöne Geschichte. Und wenn man so eine Geschichte erzählen kann, dann ist das für das Kind völlig in Ordnung.“

Zum Abschluss: Was sind für dich die konkreten Vorteile einer Co-Elternschaft, die sich vielleicht auch erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert haben?

„Ein großer Vorteil an einer Co-Elternschaft ist, dass man sich wirklich nur auf der Elternebene begegnet. Es gibt keine romantische Beziehungsebene, mit all den Emotionen, die damit verbunden sind.

In einer klassischen Partnerschaft können Konflikte auf der Paarebene schnell auch die Elternebene beeinflussen. Das hat man in einer Co-Elternschaft in der Regel weniger, weil die Beziehung eher freundschaftlich ist und die emotionalen Ausschläge dadurch weniger stark sind. Das kann vieles entspannter machen.

Und aus meiner Perspektive als Co-Mutter gibt es noch einen ganz praktischen Vorteil: Man hat auch Zeiten, in denen das Kind nicht da ist. Und so sehr wir unsere Kinder lieben – es ist auch einfach schön, zwischendurch mal Ruhe zu haben. Mal in der eigenen Wohnung zu sein, ohne dass jemand etwas von einem möchte. Das kann eine große Entlastung sein.“

Die letzte Frage ist vielleicht etwas provokant formuliert: Glaubst du, Co-Elternschaft ist die Zukunft?

„Ich finde, die klassische Kleinfamilie, wenn sie gut funktioniert und alle Beteiligten glücklich sind, ist ein wunderbares Modell. Und sie wird auch nicht verschwinden. Aber Co-Elternschaft ist eine sehr valide Alternative.

Und ich würde mir wünschen, dass vor allem junge Menschen – insbesondere Frauen – dieses Modell kennen. Dass sie wissen: Wenn Plan A nicht funktioniert, gibt es auch Plan B oder Plan C. Und diese Wege sind genauso gut. Sie sind vielleicht anders – aber sie sind genauso erfüllend.

Und wenn ich Alternativen habe, muss ich vielleicht auch weniger Kompromisse eingehen. Dann kann ich mich freier entscheiden: Wie möchte ich leben? Und wer oder was passt wirklich zu mir?“

Du willst noch mehr über das Thema erfahren?

Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Jennifer Sutholt in Folge 68 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Dort spricht sie unter anderem darüber, wie man als Co-Mutter überhaupt schwanger wird (ab Minute 21:54), wie ihr Umfeld mit dem Thema umgegangen ist (ab Minute 24:32), warum die Co-Elternschaft auch zum Spektrum der Solomutterschaft zählt (ab Minute 29:04) und was passiert, wenn sich ein Co-Elternteil dann dagegen entscheidet (ab Minute 40:29)? Zum Schluss gibt Jennifer auch hilfreiche Tipps, wie man sich mit anderen Co-Eltern vernetzen kann (ab Minute 49:12). Unbedingt reinhören!

Neue Folgen von „Echt & Unzensiert“ gibt es alle zwei Wochen immer freitags auf editionf.com oder bei Spotify, Apple Podcasts & Co!

Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!

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