In der 70. Folge von „Echt & Unzensiert“ ist Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler zu Gast, Leiterin der Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin.
In der Folge spricht Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler über den Gender Data Gap in der Medizin, seine historischen Ursachen und die Folgen für Diagnosen, Behandlungen und Forschung. Sie erklärt, was Gendermedizin wirklich bedeutet, warum es dabei um mehr als das biologische Geschlecht geht und räumt mit Mythen auf.
An Beispielen wie dem Herzinfarkt wird deutlich, wie unterschiedlich Symptome je nach Geschlecht verlaufen können. Außerdem geht es um Vorurteile gegenüber klinischen Studien, die Bedeutung von Diversität unter Forschenden und die Frage, was sich politisch ändern muss, um eine gerechte Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten. Eine Folge, die zeigt, warum geschlechtersensible Medizin uns alle betrifft.
Diese Ausgabe von „Echt & Unzensiert“ wird unterstützt von STUDIEN WIRKEN. Die Initiative setzt sich dafür ein, klinische Studien in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Denn klinische Studien sind essenziell, um innovative Therapien zu entwickeln, die Versorgung zu verbessern und Patient*innen echte Teilhabe an medizinischem Fortschritt zu ermöglichen.
Gemeinsam mit Patient*innen und Vertreter*innen aus Forschung, Versorgung, Politik und forschender Industrie stärkt sie Wissen und Vertrauen auf breiter gesellschaftlicher Basis und arbeitet parallel in Arbeitskreisen und mit einem Patientenrat an besseren Bedingungen für klinische Studien in Deutschland.
Mehr Infos findest du auf Instagram, LinkedIn oder unter: www.studien-wirken.de
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier.
„Grundsätzlich ist es so, dass das Problem sehr weit zurückreicht – in der Medizin sogar bis ins alte Griechenland. Damals gab es die Vorstellung, dass der Mann der Standard ist und die Frau eher eine Art Abweichung davon. Genau so hat es zum Beispiel auch die Philosophin Simone de Beauvoir später beschrieben.
„Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich;
sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen." – Simone de Beauvoir
Dazu kommt, dass für anatomische Untersuchungen lange Zeit mehr männliche als weibliche Leichen zur Verfügung standen. Das lag daran, dass es sich dabei oft um Menschen am Rand der Gesellschaft handelte – und darunter waren einfach mehr Männer. Auch das hat die Perspektive geprägt.
Später hat der Contergan-Skandal das nochmal verstärkt, was in der Medizin ohnehin schon im Raum stand: die Frage, ob Frauen überhaupt in Studien einbezogen werden sollten. Es gab die Sorge, sie könnten zu viel ‚Rauschen‘ in die Daten bringen oder seien zu komplex. Nach dem Skandal wurde der Schutz von Frauen und Kindern dann so interpretiert, dass man sie für etwa zwei Jahrzehnte aus Studien ausgeschlossen hat. In dieser Zeit wurden aber viele Medikamente und Behandlungen entwickelt, die heute Standard sind.
Was man auch sagen muss: In Zellstudien war es lange gar nicht üblich anzugeben, welches Geschlecht die Zellen hatten – obwohl jede Zelle ein Geschlecht hat. Und bei Tierversuchen ist es bis heute so, dass überwiegend männliche Tiere verwendet werden. Ich glaube, etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Versuche werden ausschließlich an männlichen Tieren durchgeführt.
So zieht sich das durch die gesamte Forschungspipeline: von eher männlich geprägter Grundlagenforschung bis hin zu klinischen Studien. Frauen werden oft erst in späteren Phasen stärker berücksichtigt – wenn überhaupt. Gleichzeitig ist es oft aufwendiger, Frauen für Studien zu rekrutieren, etwa weil sie bei bestimmten Erkrankungen im Schnitt älter sind oder mehr Begleiterkrankungen haben. Das bedeutet, man muss mehr Personen screenen, um passende Teilnehmerinnen zu finden, was Studien zusätzlich erschwert.“
„Das ist sehr breit. In Deutschland steht das Feld allerdings noch ziemlich am Anfang. Es gibt unseren Arbeitsbereich mit meiner Professur, dann in Bielefeld eine halbe Professur, Diversitätsmedizin in Bochum und einige weitere Engagierte – aber institutionell ist die Gender- und Diversitätsmedizin hier noch nicht wirklich verankert.
Inhaltlich arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen. Ein Schwerpunkt bei uns ist die geschlechtersensible Prävention. Wir schauen uns an, wie Prävention für unterschiedliche Gruppen – also junge Mädchen, nicht-binäre Kinder und später Frauen, Männer und nicht-binäre Erwachsene – so gestaltet werden kann, dass alle möglichst lange gesund leben können. Es geht darum, diese ‚gewinnbaren‘ gesunden Lebensjahre für alle zugänglich zu machen. Wir sind da auch international gut vernetzt, aber insgesamt ist Deutschland noch nicht besonders weit.“
„Wir arbeiten mit einem biopsychosozialen Modell. Hier spielen zum einen biologische Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel Unterschiede bei Geschlechtsmerkmalen, reproduktiven Funktionen oder der Hormonausstattung. Wir sehen zum Beispiel, dass Hormone stark schwanken und sich von Person zu Person unterscheiden – und bei Frauen auch über die Lebensphasen hinweg, etwa in der Menopause, die noch nicht ausreichend erforscht ist.
Neben diesen biologischen Grundlagen schauen wir uns aber immer auch die psychosozialen Faktoren an. Also: In welcher sozialen Lage lebt jemand? Welche Geschlechterrollen und -normen wirken? Was gilt als ‚normales‘ Verhalten? Gerade in der Prävention ist das entscheidend.
Zum Beispiel wird Substanzkonsum oft eher als männlich markiert und kann bei jungen Frauen dann auch als Ausdruck von Emanzipation verstanden werden. Solche Prägungen muss man mitdenken, wenn man Gesundheitsverhalten verstehen will.“
„Genau. Im biopsychosozialen Modell gehen wir davon aus, dass biologische Grundlagen, individuelle Entscheidungen und Umweltfaktoren eng zusammenspielen. Gene bestimmen also nicht alles. Wir haben als Gesellschaft und auch individuell einen großen Gestaltungsspielraum.
Das ist eine große Chance, denn unser Ziel ist ja, dass möglichst alle Menschen ein langes und gesundes Leben führen können. Dabei geht es auch darum, soziale Ungleichheiten auszugleichen und Gesundheit für alle zugänglich zu machen. In Deutschland gibt es grundsätzlich den gesellschaftlichen Konsens, eine hochwertige Gesundheitsversorgung für alle bereitzustellen – anders als zum Beispiel in den USA, wo dieser Konsens so noch nie bestanden hat.
Das bedeutet aber auch, dass wir diesem Anspruch für alle Geschlechter gerecht werden müssen – für Frauen, Männer und nicht-binäre Menschen. Und da haben wir definitiv noch viel Luft nach oben.“
„Genau. Bei uns ist es so, dass wir Geschlecht immer intersektional denken. Das heißt, wir betrachten nicht nur biologische und psychosoziale Geschlechterfaktoren, sondern beziehen weitere Dimensionen mit ein. Alter wird in der Medizin zwar standardmäßig berücksichtigt, aber oft nicht differenziert nach Lebensphasen – zum Beispiel prä-, peri- oder postmenopausal.
Ein ganz wichtiger Faktor ist auch die soziale Lage. Da sehen wir teilweise Unterschiede von mehreren Jahrzehnten in der Gesundheit zwischen Menschen mit geringen und mit hohen sozialen Chancen.
Darüber hinaus schauen wir uns viele weitere Diversitätsdomänen an. In unserem Diversity Minimal Item Set ist zum Beispiel auch Sorgearbeit enthalten – also sowohl bezahlte Arbeit als auch Care-Arbeit. Außerdem berücksichtigen wir psychische Gesundheit, sowie das Leben mit Beeinträchtigungen und Behinderungen.
Und dann gibt es noch Bereiche, die oft tabuisiert sind: sexuelle Identität, Sprache, Herkunft, Regionalität, Ethnizität, Religion und Weltanschauung. Auch der Beziehungskontext spielt eine Rolle, denn es macht einen großen Unterschied, ob jemand allein versucht, seinen Lebensstil zu ändern oder Medikamente einzunehmen, oder ob andere im Haushalt unterstützen, zum Beispiel beim Besorgen von Medikamenten oder bei gemeinsamer Bewegung.“
„Eine wichtige Voraussetzung ist eine umfassende Digitalisierung. Wenn wir zum Beispiel Nebenwirkungen von Medikamenten reduzieren wollen, müssten wir eigentlich schon mit personalisierten Anfangsdosen arbeiten. Dafür fehlen uns aber derzeit noch die digitalen Unterstützungssysteme und auch große, ausreichend differenzierte Datensätze. In anderen Ländern ist man da teilweise schon weiter, deshalb arbeiten wir viel mit internationalen Daten und hoffen, das bald auch in Deutschland stärker umsetzen zu können.
Grundsätzlich gilt: Wenn wir nicht nur das binäre Geschlecht, sondern mehrere Diversitätsfaktoren berücksichtigen wollen, wird es schnell komplex. Leitlinien geben zwar Empfehlungen, aber um diese wirklich individuell anzupassen – etwa bei der Wahl der Therapie oder der Anfangsdosis – brauchen wir digitale Unterstützung.
Außerdem ist eine bessere Vernetzung wichtig: zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sowie der Pflege. Es geht darum, interprofessionell zu arbeiten und Wissen zu bündeln, um Patient*innen möglichst gut zu versorgen. Digitalisierung ist dafür ein zentraler Baustein.“
„Ja, beim Herzinfarkt zeigen sich die Geschlechterunterschiede besonders deutlich. Frauen bekommen ihren ersten Herzinfarkt oft sieben bis zehn Jahre später als Männer. Allerdings ist dann die Sterblichkeit bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern.
Über die gesamte Behandlungskaskade hinweg gibt es Unterschiede. Viele klassische Herzinfarktsymptome – Schmerzen in der Brust, die in Arm, Nacken oder Kiefer ausstrahlen – treten bei Männern und Frauen ähnlich auf. Aber etwa 20 % der Frauen zeigen Symptome, die sehr schwer als Herzinfarkt zu erkennen sind: extreme Müdigkeit, starke Abgeschlagenheit, vegetative Symptome wie Übelkeit oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern. Diese Symptome werden häufig übersehen, weil man eher an die klassischen Herzinfarktsymptome denkt, die häufiger bei Männern vorkommen.
Deshalb ist es besonders wichtig, dass Frauen – und auch ihr Umfeld – aufmerksam sind, wenn jemand plötzlich stark erschöpft ist oder ungewöhnliche Beschwerden zeigt, und diese ernst genommen werden.
Ein weiteres Problem ist die Diagnostik. In der Notaufnahme gibt es bisher keine standardisierten geschlechtersensiblen Schwellenwerte, etwa beim Troponin, das für die Herzinfarktdiagnose entscheidend ist. Erste Studien zeigen, dass man Troponinschwellen geschlechtersensibel anpassen kann.
Aber selbst wenn der Herzinfarkt besser erkannt wird, bleiben Frauen oft unterversorgt: Sie erhalten seltener eine weiterführende Behandlung oder Reha, und die Behandlungsergebnisse sind schlechter. Teilweise hängt die Sterblichkeit und die Behandlungsergebnisse auch mit dem höheren Alter bei Frauen beim ersten Herzinfarkt zusammen, aber insgesamt zeigt es: Wir müssen noch viel tun.
Das betrifft auch die Prävention: Frauen denken oft weniger daran, dass Sport, Blutdruckkontrolle oder die regelmäßige Einnahme von Medikamenten wichtig für ihr Herz sind. Studien zeigen, dass etwa 50 % der Frauen mit Bluthochdruck ihre Medikamente eigenständig absetzen. Hier müssen wir geschlechtersensible Strategien entwickeln, damit Frauen ihre Therapie einhalten und so Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte vorbeugen können.“
„Ja, ich glaube, bei Frauen muss man besonders deutlich machen, dass eine Reha absolut notwendig ist – sowohl für die eigene Gesundheit als auch langfristig, um für die Familie sorgen zu können.
Es gibt aber noch weitere Faktoren, die es kompliziert machen. Frauen haben oft einen älteren Partner, und Männer sterben im Schnitt früher. Das bedeutet, dass Frauen manchmal keine Unterstützung von ihrem Partner bekommen, um die Reha durchzuziehen. Es geht also nicht nur um die Überweisung, sondern auch darum, dass soziale Bedingungen es ermöglichen, dass Frauen die Reha tatsächlich wahrnehmen.
Ich habe neulich eine Frau getroffen, die einen Herzinfarkt hatte – ihr war zum Beispiel auch gar nicht klar, dass eine Reha die Chancen auf langfristige Gesundheit und auf die Vermeidung eines erneuten Herzinfarkts deutlich verbessert. Hier müssen wir noch besser erforschen, wie wir Frauen den Zugang zur Reha erleichtern können.
Ein weiterer Punkt: Herzsportgruppen und ähnliche präventive Angebote sind oft sehr männlich geprägt. Für Frauen sind sie daher manchmal weniger attraktiv. Wir müssen überlegen, wie wir solche Angebote langfristig so gestalten, dass sie Frauen ansprechen und dabei helfen, erneute Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden.“
„Also wenn Männer in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher sterben, dann kann es ja nicht sein, dass geschlechtersensible Medizin nur Frauen zugutekommt. Ich komme zwar aus der Frauengesundheit, wo es natürlich noch viel zu tun gibt, und ich stimme vollkommen zu, dass Forschungsprogramme Schwerpunkte auf Frauen setzen. Geschlechtersensible Medizin muss jedoch weit darüber hinausgehen.
Wir versuchen an der Charité, das in allen Fachbereichen zu verankern – Forschung und Behandlung sollen für alle Geschlechter relevant sein. Das kommt natürlich auch Männern zugute. Gerade bei Männern spielen soziale Faktoren oft noch stärker eine Rolle: Männer aus benachteiligten sozialen Verhältnissen, mit geringer Bildung oder ohne Abschluss, sterben besonders früh.
Das wurde mir erst bewusst, als wir uns Daten aus Luxemburg angeschaut haben: Schon im Alter von 52 Jahren waren viele sozial stark benachteiligte Männer verstorben. Männer haben zudem ein höheres Unfallrisiko, riskanteres Gesundheitsverhalten, höhere Belastungen am Arbeitsplatz und mehr Umweltrisiken.
Deshalb müssen wir auch gezielt mit Männern arbeiten, um ihnen ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen – besonders für Männer, die nicht aus privilegierten Verhältnissen kommen.“
„Absolut. Dieses Bild vom ‚Marlboro-Man‘ – dass Männer immer stark sein müssen, keine medizinische Hilfe suchen dürfen, psychische Gesundheit keine Rolle spielt und Gefühle nicht gezeigt werden dürfen – schadet der männlichen Gesundheit massiv. Es reduziert die Lebenserwartung und beeinflusst die Longevity negativ.
Deshalb müssen wir in der Gesellschaft gemeinsam daran arbeiten, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, Prävention zu stärken und eine Gesundheitsversorgung für Männer zu ermöglichen, die diese Risiken ernst nimmt. Und da gibt es genauso viel zu tun wie bei den Frauen.“
„Bei den Studierenden und jüngeren Kolleg*innen trifft das Thema auf großes Interesse. Sie sehen Geschlechtersensibilität oft als selbstverständlich an und denken, dass wir in der Praxis schon viel weiter sind, als es tatsächlich der Fall ist.
Es gibt Fortschritte, aber aus meiner Sicht passiert es noch sehr langsam. Im neuen medizinischen Curriculum sind geschlechtersensible Aspekte deutlich stärker verankert. Wenn dieses Curriculum bundesweit umgesetzt wird, könnte sich sehr viel in der Medizin verändern. Momentan passiert aber mit den wenigen institutionell verankerten Lehrstühlen noch sehr begrenzt etwas in der Lehre – selbst an der Charité.
Wir würden uns wünschen, dass Themen wie Wechseljahre und die Bedeutung von Hormonen für die Gesundheit insgesamt stärker in die Ausbildung einfließen. Auch Prävention ist in der Medizin noch zu wenig verankert, obwohl sie enorme Auswirkungen haben kann. Ein gesunder Lebensstil kann 20 bis 25 zusätzliche gesunde Lebensjahre bringen, während andere medizinische Behandlungen oft nur wenige Monate bis ein halbes Jahr gewinnen.
Wenn wir Prävention geschlechtersensibel in alle medizinischen Versorgungsformen integrieren – zum Beispiel Krebsvorsorge, Nikotin- oder Alkoholkonsum – könnten wir viel mehr gesunde Lebensjahre für alle rausholen. Und das passiert derzeit in der Medizin noch kaum.“
„Je stärker wir die Patient*innen widerspiegeln, die wir versorgen wollen, desto besser ist es. Wir haben zum Beispiel gesehen, wenn Frauen in Forschungsteams was zu sagen haben, dann werden Geschlechterunterschiede öfter untersucht. Und davon profitieren letztlich nicht nur Frauen, sondern auch Männer und nichtbinäre Menschen.
Deshalb ist Diversität in Führungspositionen entscheidend. Wenn Frauen in leitenden Positionen sind, schaffen wir die besten Voraussetzungen, geschlechter- und diversitätssensibel zu forschen und zu behandeln. Bisher sind wir da allerdings noch nicht so weit, wie wir gern wären.
Zur historischen Einordnung: Seit den 1970er-Jahren liegt der Anteil weiblicher Studierender bei 30 %, seit den 1990er-Jahren bei 50 %, aktuell bei über 60 %. Auf Führungspositionen spiegelt sich das jedoch nicht wider – die 30 % aus den 70ern haben wir dort noch nie erreicht. Es ist also kein Selbstläufer; wir müssen aktiv weibliche Talente fördern.
Bei anderen Diversitätsdimensionen gilt natürlich dasselbe, auch wenn wir hier in Deutschland noch deutlich weniger Daten haben.“
„Studien sind die Basis für unsere Versorgung. Wenn wir gute Forschung machen wollen, müssen wir gute Studien durchführen – und dazu gehört auch, die Rekrutierung in Studien zu verbessern. Es ist grundlegend, dass die Patient*innen, denen eine Behandlung zugutekommen soll, auch in den dazugehörigen Studien angemessen repräsentiert sind.
Dafür setze ich mich wirklich jeden Tag ein. Deswegen freut es mich so sehr, dass wir mit ‚Studien Wirken‘ jetzt auch in Deutschland eine formalisiertere Initiative dazu haben.“
„Ich glaube, dass vielen Menschen in Deutschland noch nicht bewusst ist, dass man in einer Studie oft eine bessere Behandlung bekommt, als es bei der Standardbehandlung der Fall ist. Patient*innen werden sehr engmaschig vom gesamten Studienteam begleitet. So ist sichergestellt, dass alle wichtigen Behandlungsschritte eingehalten werden. Und wenn man dann über die Standardbehandlung hinaus noch eine weitere Therapie bekommt, wird genau geprüft, ob diese auch wirklich wirksam ist. Das sind starke Vorteile.
Ein Problem, das wir in Deutschland haben, ist die fehlende Digitalisierungsgrundlage für die Auswahl geeigneter Teilnehmer*innen. Deshalb ist die Rekrutierung hierzulande oft langsamer als in Ländern wie Großbritannien oder Israel. Hier müssen wir dringend besser werden, um Studien effizienter und inklusiver durchführen zu können.“
„Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Wir haben eigene Bevölkerungszusammensetzungen und ganz spezifische Voraussetzungen im Gesundheitssystem. Gerade bei Studien aus den USA wäre ich vorsichtig, sie einfach auf Deutschland zu übertragen, weil die psychosozialen Bedingungen und das Gesundheitssystem dort ganz anders funktionieren. In den USA ist zum Beispiel ein großer Teil der Bevölkerung von der regulären Gesundheitsversorgung ausgeschlossen.
In Deutschland haben wir dagegen eine insgesamt sehr gute Versorgung – auch wenn sie nicht die kostengünstigste ist und noch stark arztzentriert funktioniert. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, andere Gesundheitsberufe stärker einzubinden und trotz Fachkräftemangel eine hohe Qualität zu sichern.
Entscheidend ist das Zusammenspiel zwischen Gesundheitssystem und Bevölkerung: Wenn ich eine insgesamt gesunde Bevölkerung habe, die altert, habe ich andere Herausforderungen als in einer Bevölkerung mit zum Beispiel viel Übergewicht.
Deshalb ist es wichtig, eigene Daten zu erheben und Lösungen zu entwickeln, die zu unserem System passen – idealerweise auch im Austausch mit anderen europäischen Ländern mit ähnlich organisierten Gesundheitssystemen.“
„Eine Kritik, die man oft hört, ist, dass die Geschlechterunterschiede gar nicht so groß seien. Darauf antworte ich immer: Auch kleine Unterschiede können eine große Wirkung haben, wenn sie sehr viele Menschen betreffen. Allein die Tatsache, dass Männer im Schnitt fünf Jahre früher sterben als Frauen, ist ja kein kleiner Unterschied.
Deshalb ist es so wichtig, daran zu arbeiten, für alle eine gute Versorgung und vor allem eine bessere Prävention zu erreichen. Und Prävention geht weit über die klassische Medizin hinaus: Dazu gehören auch politische Maßnahmen wie Steuern auf gesundheitsschädliche Produkte – Zucker, Alkohol oder Nikotin – oder auch die Regulierung sozialer Medien, damit Kinder überhaupt eine Chance haben, Freundschaften aufzubauen, ihre Persönlichkeit in der wirklichen Welt zu entwickeln, sich zu bewegen und gesund zu essen. Kinder werden heute mit Werbung für Suchtmittel regelrecht bombardiert. Hier müssen wir in der Medizin aufstehen und dafür sorgen, dass Kinder und auch Erwachsene überhaupt eine Chance haben, gesund zu leben.“
„Vielleicht fangen wir mit dem zweiten Punkt an. Ich denke, dass auch Pharmaunternehmen ein großes Interesse daran haben, dass Medikamente gut vertragen werden und langfristig eingenommen werden. Wenn bestimmte Gruppen stärkere Nebenwirkungen haben und deshalb Therapien abbrechen, ist das für alle Seiten problematisch. Insofern gibt es durchaus ein gemeinsames Interesse, hier bessere, passgenauere Lösungen zu finden.
Was den Zeitmangel angeht: Das ist ein reales Problem. Wenn man nur wenige Minuten pro Patient*in hat, ist es schwierig, komplexe, personalisierte Entscheidungen ausführlich zu besprechen. Deshalb müssen wir andere Wege finden, das zu unterstützen. Dazu gehören verlässliche, gut aufbereitete digitale Informationen, mit denen sich Patient*innen vorbereiten können, und auch digitale Nachbegleitung nach dem Termin.
Wir werden kurzfristig keine deutlich längeren Arztgespräche bekommen, deshalb müssen wir die vorhandene Zeit besser nutzen – auch interprofessionell. Und ein wichtiger Punkt ist, unnötige oder wenig wirksame Behandlungen abzubauen. In Deutschland gibt es noch viel sogenannte Low-Value-Care. Wenn wir stärker priorisieren, was wirklich zur Lebensqualität und zu gesunden Lebensjahren beiträgt, können wir Ressourcen gezielter einsetzen.
Am Ende geht es darum, gemeinsam eine möglichst gute Versorgung für alle zu erreichen.“
„Ich begrüße das enorm, dass Frauengesundheit jetzt stärker in den Fokus rückt – sowohl im Forschungs- als auch im Gesundheitsministerium. Das ist wirklich ein wichtiger Schritt.
Ich glaube aber, dass wir noch weiter kommen würden, wenn wir international stärker schauen, was andere Länder machen. Kanada hat zum Beispiel interessante forschungspolitische Maßnahmen umgesetzt. Dort ist es so, dass bei öffentlich geförderten Projekten die Ergebnisse geschlechtsspezifisch ausgewertet werden müssen. Dadurch kann viel schneller Evidenz aufgebaut werden, die dann auch geschlechtersensibel genutzt werden kann.
Wenn man feststellt, dass es keine Unterschiede gibt, ist das ja auch eine wichtige Erkenntnis. Wenn es aber Unterschiede gibt, werden sie so schneller sichtbar. Deshalb wäre es wichtig, solche Anforderungen auch in Deutschland stärker in Forschungsanträge und den Begutachtungsprozess zu integrieren.
Aus meiner Sicht gehört das zur Forschungsexzellenz dazu: Subgruppenanalysen von Anfang an mitzudenken und später auch in Meta-Analysen einzubeziehen. Das sollte sich in Anträgen, Begutachtungen und Berichten widerspiegeln. Hier kann die Forschungspolitik noch einiges bewegen.“
„Zunächst ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es Geschlechterunterschiede geben kann – sowohl bei Erkrankungen als auch in der Prävention. Dieses Bewusstsein ist der erste Schritt.
Ich empfehle allen, Nebenwirkungen gut zu dokumentieren. Also wirklich festhalten: Was tritt wann auf? Dann kann man auch gezielt schauen, ob es dazu bekannte Geschlechterunterschiede gibt. Wichtig ist aber: Medikamente nicht einfach selbstständig verändern oder absetzen, sondern immer das Gespräch mit den Behandelnden suchen. Also konkret ansprechen: Ich habe Nebenwirkungen, können wir die Dosis anpassen oder ein alternatives Medikament prüfen?
Generell hilft es sehr, eigene Beobachtungen festzuhalten – zum Beispiel in Form eines Tagebuchs. Gerade bei Therapien mit stärkeren Nebenwirkungen ist das sinnvoll. Auch bei chronischen Erkrankungen, etwa Bluthochdruck, kann man selbst Werte messen und dokumentieren. So kann man beim nächsten Termin konkret berichten: Was wirkt, was nicht, wo gibt es Probleme? Das hilft, die oft kurzen Gespräche bestmöglich zu nutzen.
Ein gewisses Maß an Eigenrecherche ist ebenfalls sinnvoll. Es gibt viele gute und verlässliche Informationsquellen im Internet. Wichtig ist, kritisch zu prüfen: Gibt es Interessenkonflikte? Wird etwas verkauft? Solche Informationen sollte man hinterfragen. Seriöse Quellen können aber eine gute Grundlage sein, um informierte Gespräche zu führen.
Und ganz entscheidend: das Vertrauensverhältnis zu den Behandelnden. Man sollte sich ernst genommen und gut betreut fühlen. Wenn dieses Vertrauen fehlt oder Zweifel an einer Diagnose bestehen, kann man jederzeit eine Zweitmeinung einholen – und das sollte man auch nutzen.“
Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler in Folge 70 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Unbedingt reinhören!
Neue Folgen von „Echt & Unzensiert“ gibt es alle zwei Wochen immer freitags auf editionf.com oder bei Spotify, Apple Podcasts & Co!
Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!