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Trauerbegleiterin Caro Zündorf hält eine Pride-Flagge hoch | © Jana Sauer Weddings
© Jana Sauer Weddings
17.03.2026 • 10:40
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
19 Minuten
Podcast: „Echt & Unzensiert"

Queere Trauer: Zwischen Verlust und fehlender Anerkennung

In Folge 69 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“ ist Caro Zündorf zu Gast. Als freie Rednerin und Trauerbegleiterin unterstützt sie Menschen dabei, Abschied zu nehmen und einen eigenen Weg durch die Trauer zu finden.

Gemeinsam mit Host Tino Amaral spricht Trauerbegleiterin Caro Zündorf unter anderem darüber, warum der Tod in unserer Gesellschaft immer noch ein so großes Tabuthema ist, wie unterschiedlich Menschen trauern und warum es nicht den einen „richtigen“ Weg gibt, mit Verlust umzugehen. Außerdem geht es darum, welche Rolle Rituale spielen können, worauf im Umgang mit trauernden Personen zu achten ist, warum zum Beispiel queere Menschen eine besonders sensible Begleitung brauchen und vieles mehr.
 
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier.

Liebe Caro, was denkst du, warum der Tod immer noch so ein großes Tabuthema ist?

„Ja, das ist irgendwie ganz komisch. Der Tod wird oft an den Rand der Gesellschaft gedrückt, bis es auf einmal so weit ist. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass er so schmerzhaft ist, so weh tut und so traurig macht. Und wie bei vielen negativ konnotierten Gefühlen versuchen wir, das lieber auszuklammern. Dabei ist es eigentlich total wichtig, durch die Trauer hindurchzugehen und offen darüber zu sprechen.“

Trauer wird auch oft als persönliche Angelegenheit abgetan, oder?

„Ja, total. Gerade in Deutschland gilt Trauern oft als Privatsache. In anderen Kulturen – und auch in früheren Jahrhunderten – war Trauer ein sehr kollektives Erlebnis. Man hat gemeinsam getrauert. Heute passiert das meistens hinter verschlossenen Türen zu Hause, und das macht es für viele Menschen noch schwieriger.“

Wie bist du eigentlich dazu gekommen, das Thema zu deinem Beruf zu machen und Trauerbegleiterin zu werden?

„Tatsächlich aus eigener Trauererfahrung heraus. Ich habe meine Mama fünf Jahre lang begleitet, während sie Krebs hatte. Einen Monat nach meinem 18. Geburtstag ist sie dann gestorben. Das war ein total einschneidendes Erlebnis – für mich, für meine Familie und auch für meine Freund*innen.

Knapp zehn Jahre später ist dann auch mein Vater gestorben. Plötzlich war ich mit 28 Vollwaise. Das war einfach total surreal, weil weder ich noch mein Umfeld wirklich eine Sprache dafür hatten oder wussten, wie man damit umgeht. Alle haben natürlich ihr Bestes gegeben – ich auch –, aber wir waren irgendwie alle ein bisschen lost.

Irgendwann habe ich gedacht: ‚Das kann doch eigentlich nicht sein, dass niemand so richtig weiß, was in solchen Situationen hilft.‘ Deshalb habe ich mich letztes Jahr als freie Rednerin selbstständig gemacht, sowohl für Hochzeiten als auch für Bestattungen. Gleichzeitig mache ich jetzt noch eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin.

Ich habe aber auch schon jetzt meine eigenen Trauergruppen gestartet, weil ich es super wichtig finde, möglichst früh Unterstützung anzubieten. Ich handle also aus meiner eigenen Trauererfahrung heraus, versuche das Ganze jetzt aber auch weiter zu professionalisieren.“

Wie kann man sich den Job als Trauerbegleiterin denn genau vorstellen? Was gehört alles dazu?

„Das ist tatsächlich sehr individuell und sowohl abhängig von den Menschen, die begleitet werden, als auch von denen, die begleiten. Trauerbegleitung kann schon weit vor einem Todesfall beginnen, zum Beispiel wenn jemand palliativ begleitet wird oder sich in einem Hospiz befindet. Häufiger beginnt sie aber erst nach dem Todesfall.

Dann wird meistens das Bestattungsinstitut eingebunden und darüber kann auch eine Trauerbegleitung vermittelt werden. In der Begleitung wird dann ganz konkret geschaut: Was brauchen die Menschen gerade?

Aus meiner Erfahrung heraus ist es so, dass eine würdige Verabschiedung ein essenzieller erster Schritt für den Trauerprozess ist. Also wenn es eine schöne Trauerfeier gab, eine persönliche Rede und die Angehörigen wirklich das Gefühl haben, noch einmal auf das Leben der verstorbenen Person zurückblicken zu können. Das ebnet sozusagen den Weg dafür, dass die Trauer ‚gut‘ verlaufen kann.

Dabei sprechen wir allerdings erst einmal von eher ‚normativen‘ Todesfällen. Es gibt natürlich auch Situationen wie Suizid oder den Verlust eines Sternenkindes, die den Trauerprozess noch einmal deutlich komplizierter machen können.“

Lass uns etwas ausführlicher über den Umgang mit Trauer sprechen. Ein großes Vorurteil ist ja, dass Trauer linear verläuft. Wie würdest du den Trauerprozess beschreiben?

„Trauer kommt in Wellen. Der Körper wird durch Trauer in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Wenn wir die ganze Zeit nur traurig wären, könnte der Körper das gar nicht dauerhaft aushalten. Trauer kann ja auch mit starken körperlichen Reaktionen einhergehen – dass man nicht essen kann, einem übel ist, einem ständig kalt ist oder sich die Brust eng anfühlt. Deshalb ebbt die Trauer immer wieder ab.

Und ganz wichtig: Auch mitten in einem Trauerprozess darf es Momente geben, in denen gelacht und gefeiert wird oder in denen man einfach das normale Leben weiterlebt. Das bedeutet nicht, dass jemand falsch trauert. Nur weil ich vielleicht eine Woche nach einem Todesfall auf einer Party bin, heißt das nicht, dass ich nicht richtig trauere. Von dieser Vorstellung sollten wir uns dringend verabschieden.

Für jede Person ist das individuell. Und das ist auch ein bisschen meine Mission, weil ich mich selbst lange gefragt habe: ‚Trauere ich eigentlich richtig? Funktioniert das gerade so, wie es soll?‘

Und die Antwort ist: Ja. Alles, was einem in der Situation hilft, ist erst einmal okay. Das kann bedeuten, dass ich an einem Tag zu Hause sitze, Tagebuch schreibe und mir die Augen ausweine – und am nächsten Tag auf ein Festival fahre, das Leben feiere und glücklich bin. Beides kann gleichzeitig existieren.“

Eine Frage, die sich viele stellen, ist: Wie viel Zeit sollte man sich für die Trauer nehmen? Wie viel ist zu wenig – und wie viel vielleicht zu viel?

„Auch da gibt es keine pauschale Antwort. Oft kommen Todesfälle ja relativ unerwartet. Zwischen dem Todestag und der Bestattung liegen meist zwei bis drei Wochen. In dieser Zeit müssen Angehörige sehr viel organisieren und funktionieren. Und das ist auch erst einmal gut, weil sie beschäftigt sind: Welche Blumen sollen es sein? Welches Foto wird für die Trauerfeier ausgewählt? Welche Musik? Dazu kommen viele Behördengänge.

Diese Phase gibt den Trauernden eine Aufgabe. Schwieriger wird es oft danach. Dann sind viele Menschen aus dem Umfeld wieder stärker in ihrem Alltag angekommen und für sie scheint das Thema ein Stück weit abgeschlossen zu sein. Im Arbeitsleben gibt es, je nachdem, wer verstorben ist, vielleicht ein oder zwei Tage frei. Danach wird erwartet, dass man wieder normal funktioniert. Aber so einfach ist das natürlich nicht.

Eigentlich könnte man sagen: Die Trauer hört nie komplett auf. Sie verändert sich nur. Am Anfang ist sie meist sehr intensiv und akut, später wird sie leiser. Aber es gibt auch viele Jahre später noch Momente, in denen sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt.

Meine Mama ist vor 13 Jahren gestorben – und trotzdem gibt es noch Situationen, in denen mich der Verlust auf einmal wieder komplett überrollt.“

Wenn Menschen an Trauer denken, verbinden sie damit oft vor allem Traurigkeit. Dabei kann Trauer viele unterschiedliche Gefühle auslösen. Was begegnet dir im Austausch mit anderen?

„Wenn ich an Trauer denke, ist mir erst einmal wichtig zu sagen: Sie hängt nicht immer nur mit dem Tod zusammen. Trauer und Verlust können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Das kann eine beendete Liebesbeziehung sein, ein Umzug oder auch eine plötzliche Kündigung im Job. All das sind Situationen, in denen wir trauern dürfen – und diese Gefühle sollten auch ernst genommen werden.

Lange Zeit wurde zum Beispiel auch der Tod eines Haustiers kaum ernst genommen. Dabei ist es für viele Menschen ein riesiger Verlust, wenn ein Hund nach zehn oder fünfzehn Jahren stirbt. Deshalb sollten wir jede Form von Trauer ernst nehmen und genauer hinschauen.

Trauer zeigt sich außerdem selten nur durch Traurigkeit. Sie ist oft mit ganz unterschiedlichen Emotionen verbunden. Es kann zum Beispiel sein, dass ich in einem Moment total glücklich bin – etwa auf einem Festival tanze und das Leben feiere – und gleichzeitig Trauer spüre, weil das Leben gerade so schön ist, ich es mit der verstorbenen Person aber eben nicht mehr erleben kann.

Trauer kann sich aber auch durch Wut zeigen: Wut auf das Leben oder sogar Wut auf die verstorbene Person, weil man es als unfair empfindet und sich fragt: ‚Wie konntest du mich jetzt hier alleine lassen?‘

Sie kann auch mit Scham oder Schuldgefühlen verbunden sein. Zum Beispiel, wenn das letzte Gespräch im Streit endete und danach etwas passiert ist. Dann spielt man solche Situationen immer wieder im Kopf durch und fragt sich: Hätte ich etwas anderes sagen sollen? All diese Gefühle sind erst einmal völlig in Ordnung. Wichtig ist, dass man sie sich selbst nicht abspricht.

Auch im Umgang mit Trauernden sollte man vorsichtig sein, solche Gefühle sofort wegzuwischen, etwa indem man sagt: ‚Du musst dich nicht schuldig fühlen.‘ Natürlich stimmt das rational vielleicht, aber es ist erst einmal wichtig, die Gefühle der trauernden Person anzuerkennen. Denn oft sind sie auch eine Strategie, um mit dem Verlust umzugehen.“

Was steckt hinter so einer Strategie? Warum fühlen wir uns zum Beispiel schuldig? Weil man dadurch vermeintlich Kontrolle zurückbekommt und denkt, man hätte etwas ändern können?

„Ja, genau. Über solche Gefühle erlangt man ein Stück weit Kontrolle zurück. In der Trauer fühlt man sich oft sehr ausgeliefert. Deshalb greifen viele Menschen auf andere Emotionen zurück, wie zum Beispiel Wut oder Schuld, weil sie sich damit aktiver fühlen. Man hat das Gefühl, man kann zumindest gedanklich noch etwas tun oder analysieren, anstatt nur in der Traurigkeit zu verharren.“

Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie sich nach dem Tod ihrer Mutter erleichtert gefühlt hat, weil die letzte Zeit einfach sehr belastend gewesen ist. Auch ein Gefühl, das seine Berechtigung hat, oder?

„Total. Erleichterung ist ein ganz wichtiges Gefühl und überhaupt nichts Negatives. Man wäre ja genauso erleichtert gewesen, wenn die Person die Krankheit besiegt hätte. Es geht also nicht darum, erleichtert zu sein, weil jemand gestorben ist, sondern weil eine extrem belastende Situation vorbei ist. Dieses Gefühl ist manchmal schwer auszuhalten, weil man sich natürlich gleichzeitig wünscht, die Person wäre noch da.

Auch ich habe das bei beiden meiner Eltern erlebt: Dieses kurze Durchatmen – und gleichzeitig der Wunsch, dass es doch anders ausgegangen wäre. Sowohl für einen selbst als auch für die verstorbene Person.“

Viele Menschen ziehen sich in einer akuten Trauerphase zurück. Wie wichtig ist es, im Austausch mit anderen zu bleiben?

„Das hängt sehr davon ab, was für ein Typ Mensch man ist. Ich persönlich bin jemand, der den Austausch mit anderen sehr braucht. Ich fühle mich unter Menschen wohl, tanke dort Energie und brauche soziale Situationen. Das kann ein Gespräch zu zweit im Café sein, aber genauso ein Treffen mit vielen Leuten – eine Hausparty oder ein Nachmittag im Park mit einer größeren Gruppe. Und auch dort darf über Trauer gesprochen werden, selbst wenn sich das manchmal ungewohnt anfühlt.

Wir haben oft noch dieses Bild im Kopf vom klassischen kirchlichen Trauercafé: einmal im Monat Kaffee, trockener Kuchen und eine Stunde gemeinsames Weinen. Diese Angebote gibt es und sie sind wichtig, aber vor allem für viele jüngere Menschen oft nicht unbedingt das Richtige.

Bei mir war zum Beispiel nicht vorgesehen, dass ich mit 28 keine Eltern mehr habe. Deshalb brauchte und brauche ich persönlich den Austausch sehr. Es gibt aber auch Menschen, die ihre Trauer lieber alleine verarbeiten. Auch das ist völlig in Ordnung. Wahrscheinlich ist am Ende eine Mischung aus beidem wichtig.

Genau deshalb biete ich ja zum Beispiel auch Trauergruppen an. Dort treffen sich Menschen, die etwas Ähnliches erlebt haben. Und dieser Austausch kann unglaublich wertvoll sein, weil sie sich auf einer bestimmten Ebene einfach besser verstehen. Dabei ist es fast egal, ob jemand um ein Elternteil, ein Geschwisterkind oder einen anderen Angehörigen trauert – die Erfahrung verbindet.

In vielen Gruppen höre ich den Satz: ‚Ich fühle mich so alleine gelassen.‘ Dabei wünschen sich viele Trauernde eigentlich nur kleine Gesten: eine Nachricht, ein kurzer Besuch, jemand, der einfach da ist.

Oft herrscht im Umfeld aber große Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit. Viele ziehen sich zurück, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Dabei würde es oft schon reichen, ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll – aber ich bin da.‘ Das ist häufig genau das, was trauernde Menschen am meisten brauchen.“

Du sprichst da einen wichtigen Punkt an: Nicht nur Betroffene selbst fühlen sich oft unsicher im Umgang mit ihrer Trauer – auch das Umfeld weiß häufig nicht, was „richtig“ ist. Worauf können nahestehende Personen denn noch achten?

„Mein größter Tipp ist eigentlich: aktiv auf die Person zugehen. Einfach sagen: ‚Ich bin da, du bist nicht allein. Egal, was du brauchst, ich versuche, dir zu helfen.‘ Oft weiß die trauernde Person selbst nicht, was sie gerade braucht. Dann geht es darum, ein bisschen zwischen den Zeilen zu lesen.

Das kann ganz praktisch sein: Heute vorbeikommen, gemeinsam putzen, zusammen kochen. Oder es kann auch nur eine kurze Nachricht sein: ‚Hey, ich denke an dich.‘ Wichtig ist, dass man immer wieder aktiv da ist und Unterstützung anbietet, auch wenn die Person es gerade nicht einfordert.

Bei meiner eigenen Trauer habe ich das so erlebt: Mit 18, nach dem Tod meiner Mutter, war ich völlig überfordert. Später, nach dem Tod meines Vaters, war ich schon trauererfahrener. Ich habe eine WhatsApp-Gruppe mit meinen engsten Freund*innen gegründet, einen Café-Besuch organisiert und gesagt: Wir treffen uns, reden darüber, wie es mir geht, wie mein Papa war. Damit habe ich die Leute aktiv eingebunden und ihnen gezeigt: Ich will darüber sprechen.

Mit einer Freundin, die nicht vor Ort sein konnte, habe ich Folgendes abgesprochen: ‚Ruf mich zwischendurch einfach mal an. Ich gehe vielleicht nicht immer sofort dran, aber ich sehe, dass du da bist.‘ Das hat uns beiden total geholfen, weil es die Hilflosigkeit gelindert hat, die sowohl die trauernde Person als auch die Helfenden lähmen kann.

Ein weiterer Tipp für Angehörige einer trauernden Person: Sich wichtige Tage in den Kalender eintragen. Das erste Trauerjahr ist entscheidend – alles passiert zum ersten Mal. Das zweite Jahr kann sogar noch intensiver sein, weil man endgültig realisiert, dass die Person wirklich nicht mehr da ist. Geburtstage, Weihnachten – solche Tage sollten im Blick bleiben, um aktiv Kontakt anzubieten: ‚Ich bin für dich da, wollen wir telefonieren oder etwas zusammen unternehmen?‘ Das ist extrem wichtig.“

Viele Angehörige greifen in Trauerphasen zu Floskeln, um aufzumuntern. Aber das ist oft nicht unbedingt hilfreich. Welche Sätze kannst du gar nicht mehr hören?

„Darüber habe ich heute Morgen erst wieder nachgedacht. Meine Mama ist ja an Krebs gestorben, und danach hat eine Nachbarin gesagt: ‚Na ja, aber sie war ja auch Raucherin.‘ Da dachte ich nur: ‚Okay, das ist jetzt deine Reaktion auf den Tod meiner Mama – sie war also quasi selbst schuld?‘ Das war wirklich schlimm und stößt mir bis heute immer wieder auf.

Es gibt aber auch gut gemeinte Sätze, die trotzdem verletzend sein können. ‚Jetzt muss sie ja nicht mehr leiden.‘ ‚Jetzt ist sie an einem besseren Ort.‘ ‚Zeit heilt alle Wunden.‘ – solche Dinge kann man sich meiner Meinung nach sparen. Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, ist es besser, gar nichts zu sagen.

Wichtig ist: Aktiv ansprechen, ehrlich sein und auch zugeben, wenn man unsicher ist: ‚Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll.‘ Das kann viel mehr bewirken als gut gemeinte Floskeln.

Hier in Köln gibt es zum Beispiel auch den Trauerbegleiter Benni Bauerdick, der erzählt, dass er ‚herzliches Beileid‘ nicht schön findet – und da stimme ich ihm zu. Das ist eine Floskel, die wir gelernt haben zu sagen, aber wenn ich sie sage, hat sie für mich keinerlei Bedeutung. Wenn ich hingegen einfach sage: ‚Mir tut das richtig, richtig leid‘, dann ist das viel ehrlicher, echter und ernst gemeinter – und wird von Trauernden auch so wahrgenommen.“

Welche Rolle spielen Rituale bei Trauer?

„Rituale haben oft so einen kirchlichen oder esoterischen Ruf. Ich finde aber, dass sie total wichtig und schön sind. Ein Ritual kann ja auch einfach sein, dass ich das Essen koche, das die verstorbene Person gerne mochte, und mir ein paar Freund*innen dazu einlade.

Oder man unternimmt irgendetwas, das der Person gefallen hat. Wichtig dabei ist allerdings, dass es einem selbst auch hilft und Freude bringt. Es bringt ja zum Beispiel nichts, jedes Jahr auf Krampf zum Friedhof zu gehen, nur weil man es so ‚macht‘, wenn es einem aber gar nichts gibt. Dann ist es halt besser, am Todestag mit Freund*innen ins Lieblingsrestaurant zu gehen und dort ein bisschen darüber zu sprechen, wie das letzte Jahr so war und wie man sich fühlt.

Ich bin auf jeden Fall ein großer Fan von Ritualen und versuche sie zum Beispiel auch bei Trauerfeiern bewusst einzubauen. Ich höre in den Gesprächen genau hin: Was hat die Person gerne gegessen? Was hat sie gerne gemacht? Welcher ikonische Spruch fiel immer wieder? Darauf baue ich dann die Trauerfeier auf, weil das ist es, woran man sich am Ende erinnert und woran man sich auch ein Stück weit festhält.“

Würdest du sagen, man sollte Trauer aktiv aufsuchen, zum Beispiel, indem man traurige Musik hört?

„Ich würde sagen: Jein. Mir hilft das manchmal, wenn ich bewusst sage: ‚Boah, jetzt muss da etwas raus.‘ Dann mache ich die Playlist an, die mich an meinen Papa erinnert, esse vielleicht etwas dazu, und dann geht es richtig los. Manchmal funktioniert das aber auch gar nicht – und das ist völlig okay.

Was auch wichtig ist, zu verstehen: Trauer bedeutet nicht automatisch zu weinen. Sie kann sich, wie schon gesagt, auf ganz unterschiedliche Weisen zeigen und muss nicht nur Traurigkeit sein.

Viele Menschen sagen: ‚Ich habe noch gar nicht geweint, also habe ich noch gar nicht richtig getrauert.‘ Aber vielleicht hast du zum Beispiel schon eine Reise gemacht, die dich total an die Person erinnert hat, und warst da deiner Trauer schon auf der Spur und hast dich aktiv mit der Person und auch mit dir selbst auseinandergesetzt. Das kann oft schon genug sein.

Natürlich kann Trauer manchmal feststecken. Dann kann es auch gut sein, bewusst hineinzugehen, die Gefühle einmal richtig zuzulassen und loszulassen – und danach ist es wieder okay.“

Du bist selbst Teil der queeren Community und setzt dich daher auch intensiv mit queerer Trauer auseinander. Warum brauchen queere Menschen eine sensible Begleitung bei Trauer und im Kontext Beerdigung?

„Mir ist erst im Laufe meiner Arbeit bewusst geworden, dass queere Menschen oft komplexer trauern. Viele Trauerprozesse haben zusätzliche Ebenen, die bei heteronormativen Personen nicht auftreten. Das fängt zum Beispiel beim Coming-out an: Bei manchen läuft es gut, bei anderen nicht – und diese Erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durchs Leben.

Daraus können konkrete Herausforderungen entstehen: Vielleicht besteht kein oder nur schlechter Kontakt zur Herkunftsfamilie. Oder es gibt eine Chosen-Family, aber im Todesfall hat man plötzlich keine Rechte, weil man nicht verheiratet ist oder keine eingetragene Lebenspartnerschaft besteht. Dann kann die Herkunftsfamilie durch Erbrecht oder Bestattungsrecht queere Angehörige komplett ausschließen.

Interessant zu wissen: Viele Strukturen in der Palliativ- und Hospizarbeit sowie freie Reden haben ihren Ursprung in der queeren Community. In den 80er- und 90er-Jahren war die Aids-Krise prägend: Viele schwule Männer – heute würde man sagen queere Menschen – sind plötzlich sehr jung verstorben. Die Community hat sich damals verstärkt selbst organisiert und dafür gesorgt, dass es würdige Bestattungen gibt, die bunt, persönlich und passend zur Identität der verstorbenen Person sind – oft losgelöst von der Herkunftsfamilie.

Eins steht fest: Queere Menschen brauchen im Trauerfall die Sicherheit, dass ihre Trauer, ihre Verbindungen und ihre Wünsche respektiert werden – egal, welche Normen oder rechtlichen Hürden es gibt.“

Wie kann man sicherstellen, dass die Wahlfamilie darüber entscheiden kann, wie man bestattet wird? Sollte man so etwas vorher schriftlich festhalten?

„Vorsorge ist generell super wichtig, egal ob queer oder nicht. Wenn jemand nicht möchte, dass die klassische Bestattungsrechtsreihenfolge greift, muss das schriftlich festgehalten werden. Ich bin zwar keine Juristin, aber grundsätzlich sind drei Dinge besonders wichtig: die Patient*innenverfügung, eine Vorsorgevollmacht und gegebenenfalls eine Bestattungsverfügung. Letztere kann man sogar direkt beim Bestattungshaus hinterlegen.

Dazu kann auch sinnvoll sein, eine Sterbegeldversicherung abzuschließen, damit die finanziellen Fragen im Ernstfall geklärt sind – denn innerhalb von zwei, drei Wochen können schnell ein paar Tausend Euro zusammenkommen, mit denen man gar nicht gerechnet hat.

Gerade für queere Menschen ist das noch einmal entscheidend: Ich lebe zum Beispiel frisch mit meiner Partnerin zusammen. Wenn jetzt etwas passiert, hat sie ohne diese Vorsorge keinerlei Rechte. Sie darf keine Auskunft bekommen und keine Entscheidungen treffen. Deswegen ist es so wichtig, das vorher festzulegen, solange man nicht verheiratet oder in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ist.

Das gilt natürlich auch, wenn man keine Partnerin oder Partner hat, sondern möchte, dass Freund*innen Entscheidungen treffen oder etwas aus dem Hausstand erben dürfen. Das alles sollte schriftlich festgehalten werden. Manchmal reicht das handschriftlich, aber ich finde, es lohnt sich in dem Fall, das Geld für einen rechtlichen Beistand in die Hand zu nehmen und alles sauber abzusichern. Besser einmal richtig machen, als dass es am Ende Probleme gibt.“

Lass uns auch noch mal auf die Trauerfeier an sich zu sprechen kommen. Wie frei kann man hier gestalten? Welche Aspekte sind wichtig, die viele vielleicht nicht auf dem Schirm haben?

„Eigentlich gibt es fast keine Grenzen. Wichtig ist zunächst, sich zu überlegen, mit welchem Bestattungshaus man zusammenarbeiten möchte, weil die sehr unterschiedlich sein können. Gerade wenn man queer ist, sollte man darauf achten, dass das Bestattungshaus queer-sensibel ist: dass man sich gut aufgehoben fühlt, nicht diskriminiert wird, die Lebenspartnerschaft anerkannt wird und Deadnames oder falsche Pronomen vermieden werden. Am besten legt man das schon zu Lebzeiten fest.

Dann geht es um den Ort der Trauerfeier. Noch immer denken viele automatisch an Kapelle oder Kirche – das kann sein, muss aber nicht. Man kann auch eine Feier im Garten veranstalten, die Zeremonie dort abhalten und die klassische Beisetzung dann im kleinen Kreis auf einem Friedhof, im Friedwald oder per Seebestattung organisieren. Die Möglichkeiten sind mittlerweile sehr vielfältig.

Grundsätzlich gilt: Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt, solange man ein gutes Bestattungshaus und eine kompetente Person hat, die durch die Zeremonie führt. Das muss nicht unbedingt ein Pfarrer oder eine Rednerin sein, es kann auch jemand aus der Familie oder aus dem Freundeskreis sein, wenn die Person sich das zutraut und möchte.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Bei meinen Eltern habe ich selbst gesprochen, und das war schon sehr intensiv. Man muss sich bewusst machen, dass das heftig sein kann. Heute würde ich vielleicht nur kurz etwas sagen und dann die Zeremonie übergeben, aber das hängt ganz von der Situation ab.“

Hast du einen Moment von einer Trauerfeier im Kopf, an den du dich gerne zurückerinnerst?

„Eine Trauerfeier, die mir besonders im Kopf geblieben ist, war die der Oma einer Freundin. Sie hat immer super gerne Pralinen gegessen und verschenkt – das war einfach ihr Ding. Da war mir sofort klar: ‚Wir müssen auf jeden Fall noch mal zusammen Pralinen essen.‘

Am Grab hatten wir dann mehrere Pralinenkartons dabei, haben allen jeweils eine Praline ausgeteilt und dann quasi damit auf die Oma angestoßen. Das war super schön, weil es alle nochmal mit ihr verbunden hat und für jede Person individuelle Erinnerungen zurückgebracht hat.

Solche kleinen Momente machen Trauerfeiern so besonders: Die Person wird nochmal ganz lebendig, greifbar und spürbar, und man kann sich auf liebevolle Weise an sie erinnern.“

Ist Trauer endlich? Hört sie irgendwann auf? Oder begleitet sie uns ein Leben lang?

„Also ich glaube, Trauer begleitet uns ein ganzes Leben, und das ist auch völlig in Ordnung so. Bei den einen fängt die Trauer früher an, bei den anderen später.

Sobald wir raus in die Welt gehen und anfangen, Menschen oder Dinge zu lieben, setzen wir uns automatisch der Gefahr aus, irgendwann trauern zu müssen, wenn etwas oder jemand gehen muss. Das kann ein Todesfall sein, aber auch eine Liebesbeziehung oder ein anderer Umstand, bei dem wir etwas loslassen müssen. Bei queeren Menschen kann es zum Beispiel auch der Abschied von einem Lebensentwurf sein, der heteronormativ ist. All diese Trauerprozesse gehören zum Leben dazu.

Ich bin aber überzeugt, dass wir sie meistern können – und auch dürfen. Wir müssen das nicht alleine schaffen, sondern können auf ein unterstützendes Umfeld oder Profis zurückgreifen, die uns begleiten.

Also: Trauer ist nicht endlich, aber sie ist durchlebbar.“

Du willst noch mehr über das Thema erfahren?

Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Caro Zündorf in der 69. Folge unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Dort spricht sie mit Host Tino Amaral unter anderem darüber, ab wann Trauer pathologisch werden kann (ab Minute 10:17), wie man damit umgehen kann, wenn die Trauer einer geliebten Person zu viel für einen selbst wird (ab Minute 27:00) und wie man sich die Arbeit mit einer Trauergruppe genau vorstellen kann (ab Minute 31:15). Reinhören lohnt sich!

Neue Folgen von „Echt & Unzensiert“ gibt es alle zwei Wochen immer freitags auf editionf.com oder bei Spotify, Apple Podcasts & Co!

Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!

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