Als klar wird, wer Collien Fernandes die Gewalt, über die sie seit langem spricht, angetan hat, wird der Aufschrei begleitet von einem Raunen: Der doch nicht! Echt? – Diese Gewalt ist kein Einzelfall, kein Promi-Skandal, kein isoliertes Thema. Sie ist eine gesellschaftliche Infrastruktur, die von Politik, Algorithmen und alltäglicher Gleichgültigkeit gleichermaßen gestützt wird. Wie das endlich aufhört? – Ein Kommentar.
„Das ist so krass, oder?“, sagt er plötzlich, während wir spazieren gehen. „Ich mochte den Ulmen immer total.“ Er lächelt kopfschüttelnd, den Blick weiter auf den Weg gerichtet.
In mir zieht ein Sturm auf: Bitte nicht. Bitte mach das nicht. – Ich drehe mich weg. Weiß nicht wohin mit mir, mit der Wut, weiß nur: Er würde es nicht verstehen. Wenn ich jetzt alles, was in mir ist, ausgieße, dann geht die „Not-all-men“-Diskussion los, und die endet immer in Eskalation.
Es ist ein Schlag ins Gesicht. Weil es in diesem Nebenbei-Nebel wie eine von vielen Meldungen behandelt wird – ausgesprochen mit einem leicht entrückten Lächeln, weil die Aufmerksamkeit eigentlich woanders ist, bei den in seinem Leben wichtigen Dingen.
Genau dieser Schlag wird auch alle zwei Minuten auf Social Media in den Kommentarspalten verteilt. „Och nö, nicht der.“ Oder: „Echt? Der Jerks-Typ? Der ist doch so lustig?“ Oder: „Unglaublich, warum sollte der das machen?“
Atmen.
Der „Fall“ Collien Fernandes ist eben kein isolierter Einzelfall. Er steht für eine zähe Substanz, die sich über die Gesellschaft spannt. Sie klebt an uns, wird ständig erneuert, Schicht um Schicht, man kann es regelrecht hören, das klebrige Zeug, wie es aufgetragen wird, feucht und zäh, dicker und dicker, während gerade auch auf politischer Ebene niemand ernsthaft mit einem wirksamen Gegenmittel darangeht, um die Menschlichkeit freizulegen – im Gegenteil. Es wird immer weiter neu aufgetragen, wenn F. Merz die „explodierende Gewalt“ auf die „Gruppen von Zuwanderern“ zurückführt und damit erneut allen Betroffenen mit der Faust ins Gesicht schlägt, einerseits indem er vom Thema, vom Schmerz und von der Verantwortung ablenkt, andererseits, indem er seine eigene unmenschliche Agenda in den Vordergrund rückt. Oder Familienministerin Karin Prien, die das Projekt zu „Intersektionalität im Frauenhaus“ der Frauenhauskoordinierung e.V. zu Ende 2026 nicht mehr fördert und nach Verkündung dieser Nachricht ihrerseits die „Not all Men“-Debatte eröffnet. Doch sobald wir Räume betreten, in denen wir offen reden können, packen sämtliche Anwesenden ihre persönliche(n) Geschichte(n) mit patriarchaler Gewalt aus! Jede einzelne Frau. Jede einzelne Person of Color. Jede einzelne Person mit Behinderung. Jede einzelne queere Person.
Und während die Politik ohne Rücksicht auf Verluste ausschlachtet, frisst sich die Neugier der Manosphere tiefer in den Schmerz. Man muss sich nur die Algorithmen ansehen, die in Echtzeit mitprotokollieren, wie die Gesellschaft auf diesen Schrei reagiert: Die Suchanfragen nach „Collien Deepfakes“ oder „Collien Ulmen, nackt“ oder „Collien, Sex“ schnellen nach oben. Es ist eine ununterbrochene Verlängerung der Taten. Der Schmerz der Betroffenen wird zum Content degradiert, den man konsumieren, begaffen und bewerten will. Das ist ein Teil der zähen Substanz, der so besonders widerwärtig klebt: Die Mitwisserschaft durch den Klick, der Voyeurismus, der in diesem Moment vorgibt, nur „wissen“ zu wollen, aber in Wahrheit die Gewalt reproduziert.
Atmen.
Die Fläche, auf der all das stattfindet, ist so massiv und groß, dass die Demonstrationen, Proteste, Reden, Gespräche und geschaffenen Austausch-Räume am Ende nur ganz punktuell wirken. Und ich lese und lese, ein Kommentar nach dem anderen, werde immer wütender und gleichzeitig immer hilfsloser und denke an all das, was meinen Freund*innen passiert ist. An all das, was mir selbst passiert ist. Und ich weiß: Wer jetzt noch diese Kommentare formuliert, niederschreibt und postet, der ist ein mit allen Privilegien dieser Welt ausgestatteter Unmensch, der unwillig und gleichgültig ist, sich in umstehende Leben hineinzudenken – und damit ein gewaltiger Teil des Problems.
„Warum bist du denn so wütend?“, fragt er mich.
Und ja, ich kann mir schon vorstellen, dass ihm das jetzt ungerecht vorkommt, er hat ja schließlich nur seine Ungläubigkeit gegenüber einem ihm schon immer sympathisch gewesenen Schauspieler zum Ausdruck gebracht.
Aber: Bei uns, bei allen, die bereits von sexualisierter, physischer, psychischer, digitaler Gewalt betroffen waren oder sind, geht es um alles. Um unseren Körper, um unser Körpergedächtnis, um unser Leben, das so lange Zeit an diesem dünnen Faden hängt, alles fragil, alles dunkel. Wir haben einen Großteil unseres Lebens damit verbracht, mit dem Erlebten irgendwie klarzukommen. Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit damit, zu erklären, warum es notwendig ist, hinzuschauen, und er sieht mich an und sagt erst „Das hätte ich ja nicht gedacht – der Ulmen!“ und fragt sich dann, warum ich so wütend bin?
Ich renne weg, laufe schnell durch die Straßen, weil da gerade zu viel zusammenkommt.
Ein Mann, der mir im beruflichen Kontext sagt, das „Thema“ sei einfach nicht wichtig genug, dabei ist es noch nie ein einzelnes Thema gewesen, sondern der Boden, auf dem wir uns bewegen, die Wände, die uns umgeben, der Schlüssel in unserer Hand, das Herzrasen in unseren Ohren, die Fassaden, die Gesichter, die Angst und die Hoffnung. Aber nicht für: dich. Denn du merkst es nicht. Du sagst, es sei „nicht dein Thema“, dabei bist du täglich mit Frauen und betroffenen Personen zusammen, umgibst dich mit ihnen, arbeitest mit ihnen, sprichst mit ihnen. Wie kann es sein, dass der große Aufschrei – „Es reicht“ – bei dir jetzt nicht ankommt? Und zwar so ankommt, dass du das Fenster aufreißt und es selbst mit deiner eigenen Stimme nach draußen brüllst: „Es reicht!“
Atmen.
Wie kann es sein, dass jetzt kein Geld (ausreichend Geld) ausgegeben wird, um Menschen vor patriarchaler Gewalt zu schützen? Wir haben bei Edition F Statistiken vorgestellt, haben Interviews geführt und führen sie noch, wir produzieren immer und immer wieder mit neuen Ideeansätzen Videos, die wachrütteln sollen, die zeigen sollen, dass es nicht irgendein Thema ist, sondern ein Gift, das sich Generation um Generation in die Biografien aller hineingefressen hat.
„Ja okay, aber du musst doch nicht immer gleich so wütend werden.“ – Ich könnte dir jetzt erneut meine Geschichte erzählen, damit du verstehst, was war und was bis heute ist. Ich könnte dir die Geschichte von einer Freundin erzählen, von meiner Mutter, oder sogar von meiner Oma, deren drei von acht Kindern aus Vergewaltigungen stammen. Aber ich möchte etwas anderes sagen, und zwar am liebsten all jenen Männern, die sich gerade richtig verhalten wollen. Ja klar, ihr sollt Stellung beziehen. Aber haltet doch erst mal inne:
Bleibt stehen. Seid still. Und dann wartet kurz ab in diesem Moment der Ruhe. Bevor ihr auch nur einen weiteren Ton von euch gebt – so unüberlegt oder durchdacht, so verletzend oder nett, so vorsichtig oder zugewandt der gemeint sein soll – schaut euch um! Stellt Fragen, aber dann hört diesen betroffenen Personen zu. Hört lange zu. Bleibt da. Sagt eure Termine ab. Geht nicht ans Telefon. Redet nicht. Blickt der Person, die euch gegenüber sitzt, ins Gesicht. Tretet einen Schritt zurück. Und stellt euch vor, wie verdammt noch mal das ist: Immer mit Angst unterwegs zu sein. Immer dieses mulmige Gefühl zu haben. Immer kämpfen zu müssen. Immer damit rechnen zu müssen, dass diese Bilder wieder hochkommen. Immer wütend sein zu müssen. Immer wieder dieselben Dinge sagen zu müssen in der Hoffnung, dass ihr endlich kapiert, was das Problem ist und was es bedeutet, dieses Problem anzugehen. Sich immer zu fragen, ob uns geglaubt wird, wenn wir darüber sprechen. Immer wachsam zu sein. Immer angespannt zu sein. Immer mit Angriffen zu rechnen. Statt einfach zu leben – so wie ihr.
Atmen.
Ich sage dir nicht, dass du und deine Belange nicht wichtig sind. Ich sage dir, dass sie zu wichtig sind. Und dass wir erst ruhig und zufrieden miteinander leben können, wenn du dich an unsere Seite stellst und genauso wütend bist wie wir.
In unendlicher Solidarität mit allen Betroffenen.