Unsere Autorin hat als Kind ihre beste Freundin durch einen Femizid verloren. In ihrem persönlichen Essay verbindet sie diese Erfahrung mit aktuellen Fällen und der Frage, warum patriarchale Gewalt noch immer so verbreitet ist.
Es gibt Geschichten, die sich in den Kopf setzen und nicht mehr gehen. So geht es mir mit dem Post von Collien Fernandes, in dem sie öffentlich macht, was ihr Ex-Mann Christian Ulmen ihr mutmaßlich angetan hat. Sie nennt es virtuelle Vergewaltigung. Der Vorwurf: Über zehn Jahre lang habe er KI-generierte sexualisierende Deepfake-Bilder und -Videos von ihr erstellt, sei über Fake-Profile von ihr mit Dutzenden Männern in Kontakt getreten und habe mit der von ihr gestohlenen Identität obszöne Online-Beziehungen geführt. Ein Jahrzehnt. Während sie, damals noch mit Ulmen verheiratet, versucht hat, herauszufinden, wer ihr diese digitale sexualisierte Gewalt antut.
Ich sitze hier und weine, während ich über Colliens Schilderungen nachdenke. Nicht weil ich Collien Fernandes persönlich kenne, sondern weil ich nicht begreifen kann, wie ein Mensch einem anderen Menschen so etwas antun kann – gerade dem Menschen, den er angeblich liebt. Dem Menschen, der ihm am nächsten steht.
Vor nicht allzu langer Zeit hat sich Gisèle Pelicot entschieden, ihren Prozess öffentlich zu machen. Sie hatte erfahren, dass ihr vermeintlich liebevoller, fürsorglicher Ehemann sie jahrzehntelang betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten und überlassen hatte. Die Frau, mit der er angeblich alt werden wollte. Die Frau, der er morgens den Kaffee ans Bett brachte. Es geht nicht in meinen Kopf. Wie kann das sein?
Es sind solche Fälle, die mich zur Auseinandersetzung mit patriarchaler Gewalt bewogen haben. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich diesem Thema schon viel früher begegnet. Mit dem ersten Femizid in meinem direkten Umfeld. Damals gab es das Wort Femizid noch nicht. Es wurde „Familientragödie“ genannt. Das klingt, als wäre es ein Schicksalsschlag gewesen, ein Unglück, das über eine Familie hereinbrach wie ein Unwetter.
Das war es nicht.
Eine Ehefrau trennt sich von ihrem Mann. Der Mann akzeptiert das nicht und nimmt ihr das Leben. Und nicht nur ihr – weil die beiden Kinder nicht ohne Mutter und Vater aufwachsen sollen, entscheidet er, sie mitzunehmen. Per Schuss in den Kopf. Vermutlich aus Scham nimmt er seine Eltern auf dem gleichen Weg mit. Den letzten Schuss hebt er für sich selbst auf.
Eines der Kinder hieß Celine. Sie war meine beste Freundin seit dem Kindergarten. Meine Sitznachbarin in der Grundschule. In den Tagen danach saß ich an unserem Tisch, neben Grabkerzen und Stofftieren, und der Stuhl neben mir war leer. Celine wurde sieben Jahre alt. Ihr Bruder vier. Wie erklärt man einem Kind so etwas? Ich weiß es nicht.
Ich kann mich nicht an viel aus dieser Zeit erinnern. Die Erinnerung setzt aus, wie ein Schutzreflex, der das Unbegreifliche wegsperrt. Aber ein Moment ist geblieben: Jahre später, als meine Eltern sich scheiden ließen, fragte mein Papa mich in einem ruhigen Moment, ob ich Angst hätte, dass uns das Gleiche passiert wie Celine und ihrer Familie.
Meine Antwort war: Ja. Da war ich zehn Jahre alt. Nicht weil ich meinem Papa misstraute. Sondern weil ich irgendwie abgespeichert hatte , dass das eben passiert bei Scheidungen. Dass es passieren kann, dass der Mann entscheidet, eine ganze Familie auszulöschen. Und dass es dafür eben Gründe gibt. Ein Kind, das glaubt, Auslöschung sei eine logische Konsequenz von Trennung – das ist vielleicht das für mich Verststörendste an dieser Geschichte. Was bleibt, ist nicht nur die Tat selbst, sondern was sie in den Köpfen derer anrichtet, die übrig bleiben.
Da wären wir bei der Frage, die für mich noch immer unbeantwortet bleibt: Wie kann man einem anderen Menschen so etwas antun? Deshalb sitze ich hier und schreibe. Weil diese Gedanken in meinem Kopf keinen Sinn ergeben und vielleicht klarer werden, wenn ich sie vor mir sehe.
Warum gibt es diese Ungerechtigkeit? Diese Machtverhältnisse, in denen ein Mann entscheidet, über das Leben einer Frau zu verfügen – über ihren Körper, ihre Würde, ihre Existenz. Gewalt kommt in so vielen Formen daher: physisch oder psychisch, als digitaler Missbrauch, als stille Kontrolle hinter verschlossenen Türen.
Ich muss immer wieder an ein Video denken. Eine Straßenumfrage. Männer werden gefragt, ob sie sich eine Welt ohne Frauen vorstellen können. Nur unter Männern, nur Gleichgesinnte. Ausnahmslos alle antworten – lachend, mit verschmitztem Lächeln – nein, niemals. Für Männer ein schrecklicher Gedanke.
Dann werden Frauen gefragt, ob sie sich eine Welt ohne Männer vorstellen können. Nur unter Frauen, nur Gleichgesinnte. Ausnahmslos alle antworten – lachend und irgendwie befreit – ja, auf jeden Fall. Sie beschreiben eine Welt, in der sie sich frei bewegen können. Anziehen können, was sie wollen. Und vor allem: keine Angst mehr haben, nachts alleine auf der Straße zu laufen. Ein schöner Gedanke – und gleichzeitig eine Anklage. Dass etwas so Selbstverständliches wie Bewegungsfreiheit für die Hälfte der Menschheit ein Wunschtraum ist.
Was wünsche ich mir als Veränderung? Andere Erziehung und Bildungsmaßnahmen? Aber wie soll man kontrollieren, was hinter verschlossenen Türen weitergegeben wird? Menschen lassen ihre eigene Realität in ihre Kinder einfließen. Dort, wo der Spross eines späteren Übergriffs möglicherweise zum ersten Mal Wurzeln schlägt. Bessere Präventionsmaßnahmen? Bestimmt liegt dort ein Teil der Lösung. Aber in einem System, in dem misshandelte Kinder dem Jugendamt nicht auffallen, in dem Bürokratie wie ein Fiebertraum über allem liegt, ist das eine ernüchternde Aussicht.
Die Probleme und die strukturellen Ursachen in Politik und Gesellschaft sind bekannt – und werden dennoch nicht vollumfänglich bekämpft. Und so kommen jeden Tag kommen neue Geschichten ans Licht. Geschichten, die mich immer wieder erschüttern – aber irgendwie auch nicht mehr überraschen. Und ich frage mich: Ist diese Abgestumpftheit gesund? Vermutlich nicht. Sich mit diesen Abgründen zu beschäftigen, kann nicht gesund sein.
Aber ich finde es trotzdem wichtig. Wichtig für die Menschen, die der Gewalt ausgesetzt sind. Jeden Tag. Hautnah. Menschen, die morgens aufstehen und nicht wissen, ob der Mensch neben ihnen heute noch der ist, den sie zu kennen glauben. Ihnen das Gefühl zu geben, dass da Menschen sind, die für sie die Stimme erheben. Dass jemand hinschaut. Dass jemand die Gewalt und den Machtmissbrauch nicht hinnimmt.
Wir brauchen eine Lösung. Und bis wir sie gefunden haben, brauchen wir zumindest den Mut, nicht wegzusehen.