Drei starke Stimmen, drei wichtige Perspektiven: Nene Opoku bringt machtkritische Blickwinkel in die Klimadebatte ein, Nela Riehl verbindet Bildungspolitik mit sozialer und globaler Verantwortung, und Andrea Schöne denkt die Klimakrise konsequent intersektional weiter. Gemeinsam eröffnen die drei ein Gespräch darüber, wie Klima, Bildung und gesellschaftliche Machtverhältnisse zusammenhängen – und warum diese Verbindungen gerade jetzt entscheidend sind.
Bei der Diskussion um die Klimakrise geht es um weit mehr als CO2-Emissionen, steigende Temperaturen und eine reine Umweltkrise. Es geht um Macht, Verantwortung und Ungleichheit. „Wir sitzen alle im gleichen Boot, aber wir sinken nicht alle gleichzeitig“, sagt Expertin Nene Opoku. Denn Fakt ist: Der Klimawandel verschärft bestehende Ungleichheiten. Letztendlich leiden diejenigen am meisten unter der Krise, die am wenigsten dazu beigetragen haben. 19 Prozent der Weltbevölkerung sind für 92 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Die restliche Weltbevölkerung für die letzten acht Prozent.
Es ist deshalb unerlässlich, darüber zu sprechen, wie sich die Klimakrise auf marginalisierte Gruppen auswirkt, welche Ungleichheiten durch die Klimakrise verschärft werden und wie eine globale Klimagerechtigkeit aussehen kann. Genau das taten wir auf dem Female Future Force Day – zusammen mit Nene Opoku, Nela Riehl und Andrea Schöne, moderiert von der Journalistin Fiona Rohde.
Nene Opoku macht politische Bildungsarbeit zu Antisemitismus und Rassismuskritik und setzt sich dafür ein, dass machtkritische Perspektiven in der deutschen Debatte um Klimaungerechtigkeit mehr Raum bekommen. Derzeit arbeitet sie an einem Podcast zu Umweltrassismus in Deutschland.
Nela Riehl ist Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung im Europäischen Parlament. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Verbesserung des Zugangs zu öffentlicher Bildung, Bekämpfung von Desinformation in Europa, Förderung hochwertiger Arbeitsplätze und sozialer Gerechtigkeit sowie den Einsatz von Bildung für globale Gerechtigkeit und internationale Zusammenarbeit.
Andrea Schöne ist freie Journalistin, Moderatorin, politische Bildnerin und Autorin, die sich intensiv mit dem Thema Klimakrise und Ökoableismus auseinandersetzt. Derzeit studiert sie an der Uni Bologna.
Nene Opoku: „Eine einfache Definition wäre zu sagen, dass diejenigen Länder, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, am meisten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.
Als die Weltgemeinschaft zu dem Schluss gekommen ist, endlich den Klimawandel als ein Problem weltweit anzuerkennen und Maßnahmen gegen den Klimawandel einzuleiten, hat ein Großteil von Aktivist*innen und Menschen im globalen Süden schnell verstanden, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige ist. Anstatt über die gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu sprechen, wurde im Kontext der internationalen Klimaverhandlungen vor allem marktbasierten Logiken gefolgt. Der Klimawandel wurde vor allem als ein technisches Problem verstanden, weshalb heute vor allem die Einsparung von CO2-Emissionen im Fokus steht.“
Nene Opoku: „2002 sind Aktivist*innen aus dem Kontext des globalen Südens zusammengekommen, um den Klimagerechtigkeitsansatz, wie wir ihn heute kennen, überhaupt erst zu prägen. Dabei haben sie sich bewusst als Opposition gegenüber dem internationalen Klimaverhandlungsrahmen positioniert. Statt den Klimawandel als ein rein technisches Problem zu verstehen, das auf CO2-Emissionen und Reduktionen setzen sollte, ging es vielmehr darum, die Klimakrise im Kontext sozialer Gerechtigkeitsfragen zu verstehen und dabei vor allem den kolonialen Ausbeutungszusammenhang der Klimakrise in den Mittelpunkt zu stellen.“
Nene Opoku: „Häufig hören wir, dass der Ausgangspunkt der Klimakrise die Industrialisierung sei. Was in dieser Betrachtung jedoch fehlt, ist die Tatsache, dass die europäische Industrialisierung ohne die Ausbeutung im Kolonialismus überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Deswegen sollten wir auch nicht von Anthropozän sprechen, sondern vielmehr davon, dass wir in einem rassistischen Kapitalozän-Zeitalter stecken.“
Nene Opoku: „Mit dem Kolonialismus nimmt eine in der Geschichte beispiellose Entwicklung ihren Anfang. Es ist nicht nur der Beginn des transatlantischen Versklavungshandels, durch den Millionen von Menschen aus ihren Ursprungsländern in die Welt hinaus versklavt wurden, sondern es ist eben auch der Beginn von Landraub und Ressourcenausbeutung. Mit dem Kolonialismus wurde die Grundlage für den heutigen Kapitalismus gelegt. Das heißt: Die Handelsstrukturen und Wege, wie Ressourcen vom globalen Süden in den globalen Norden transferiert werden, ist ein System, das wir auch heute immer noch sehen.
Auch wenn wir offiziell im Zeitalter der Dekolonisation leben und viele ehemals kolonialisierte Länder unabhängig zu sein scheinen, sehen wir, dass sich an den grundlegenden Strukturen nichts geändert hat. Noch immer sind die Länder des globalen Südens mehrheitlich dafür da, dass man die Arbeitskraft der Menschen und auch die Natur ausbeutet.
Deswegen ist eine wichtige Erkenntnis, dass es bei Klimaungerechtigkeit nicht nur um die Ausbeutung von Natur geht, sondern um die Frage, wie die Ausbeutung von Natur mit der Ausbeutung von Menschen zusammenhängt.“
Nene Opoku: „Ja, die Klimakrise ist ein Bedrohungsmultiplikator, weil die ganzen weltweiten Krisen durch den Klimawandel noch verschärft werden. Und es führt vor allem dazu, dass die Menschen, die ohnehin schon vulnerabel sind, noch stärker betroffen sind.
Deswegen ist es wichtig, dass wir immer auch soziale Gerechtigkeitsfragen ins Zentrum rücken und dabei vor allem Fragen antirassistischer und dekolonialer Kämpfe im Mittelpunkt stehen. Das bedeutet, mutig zu sein, das System zu hinterfragen und auch weiterhin in Utopien zu denken und sich nicht davon einschüchtern lassen, dass uns gesagt wird, dass es keine Alternative zum bestehenden System gibt. Wenn wir aufhören, in diesen Utopien zu denken und für eine befreite Gesellschaft einzustehen, werden wir niemals eine klimagerechte Zukunft haben. Klimagerechtigkeit heißt nämlich nicht nur, das Klima zu retten, es heißt letztlich für alle eine gerechte Welt zu ermöglichen und vor allem niemanden zurückzulassen.“
„Klimagerechtigkeit heißt nicht nur, das Klima zu retten, es heißt letztlich für alle eine gerechte Welt zu ermöglichen und vor allem niemanden zurückzulassen.“ – Nene Opoku
Andrea Schöne: „Erstmal: Ich kann Nene in jedem Punkt nur voll zustimmen. Ich sehe das genauso, dass insbesondere Menschen aus dem globalen Süden von der Klimakatastrophe betroffen sind. Wir kennen wahrscheinlich alle die Nachrichten, dass 2050 die drei Grad Erderwärmung schon geknackt sein können. Ich weiß aus Kreisen von fast ausschließlich weißen Klimajournalist*innen, dass da gerade eine ziemlich apokalyptische Stimmung herrscht, worauf ich dann darauf hingewiesen habe, dass das Zuhause von Menschen zum Beispiel in Tuvalu und Fidschi jetzt schon untergeht. Dass das sogar bei einer 1,5 Grad Grenze schon der Fall ist. Und dass sich hier Mehrfachdiskriminierung extrem deutlich zeigt.“
Andrea Schöne: „Am meisten betroffen sind zum Beispiel indigene, behinderte Menschen, insbesondere Frauen und Kinder aus dem globalen Süden. Sie haben deutlich schlechtere Möglichkeiten der Migration, aufgrund der Migrationsgesetze, die auf die 1920er Jahre zurückgehen. Es ist wichtig, hier auf multiple Krisen hinzuweisen, weil das miteinander verknüpft ist, dass Migrationsgesetze eugenisch sind.“
Andrea Schöne: „Eugenisch bedeutet, dass Staaten bestimmte Menschengruppen nicht einwandern lassen wollen, um sich ,zu schützen'. Hiervon sind insbesondere Menschen aus dem globalen Süden, also Menschen aus ganz bestimmten Ländern mit rassistischen Zuschreibungen betroffen.
Das wirkt bis heute so weit, dass ich zum Beispiel nicht nach Australien auswandern könnte, weil die diese Bestimmungen haben. Auch Deutschland hat wohlgemerkt diese Gesetze 2023 verschärft, dass behinderte Menschen jetzt nicht einfach so die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben können. Das ist gerade in Klimadebatten wirklich wichtig zu erwähnen, weil Klimamigration eine riesige Rolle spielt und spielen wird.“
Nela Riehl: „Da gibt es einen ganz schönen Fachbegriff für, das ist Intersektionalität. Es sind mehrheitlich dann Frauen, weil sie erstmal die größte marginalisierte Gruppe an sich sind. Vielleicht haben sie auch noch eine Behinderung oder sind People of Color. Frauen sind zudem häufiger in sozialen Berufen oder in der Landwirtschaft im globalen Süden zu finden. Das heißt, genau an den Stellen, die von der Klimakrise sehr betroffen sind.“
Nela Riehl: „Durch dieses Verharren in Geschlechterrollen sind Frauen eher diejenigen, die in sozialen Berufen arbeiten, in Schulen oder in der Landwirtschaft. Bei Dürren sind sie es, die zuerst unmittelbar betroffen sind, z.B. wenn sie weite Wege zum Wasserholen zurücklegen müssen. Bei Dürren werden auch vor allem Mädchen aus den Schulen genommen. Frauen und Mädchen sind also die Ersten, die das tatsächlich am eigenen Leib spüren.
Wenn wir uns die Politik anschauen, dann müssen da die marginalisierten Gruppen mit an den Tisch. Wir müssen uns diese Expertise der Menschen direkt dazuholen. Es kann nicht sein, dass wir von hier aus mit einer mehrheitlich weißen Politikerschaft – und da muss ich gar nicht gendern – bestimmen, was die besten Maßnahmen wären.
Und wir müssen in Bildung und Weiterbildung von Frauen investieren. Es ist wichtig, dass wir Wege schaffen, die Klimakrise zum einen abzuwenden, aber auch die Teile der Welt, die jetzt schon zerstört sind, zumindest so auszustatten, dass dort weitergelebt werden kann. Da haben wir ganz, ganz viel an ganz verschiedenen Stellen zu tun.“
Andrea Schöne: „Indigene behinderte Menschen aus dem Globalen Süden leisten die wichtigste Arbeit, um die spezifische Betroffenheit von Menschen mit Behinderung im Kontext der Klimagerechtigkeit überhaupt erst sichtbar zu machen. Ein Blick auf die COP-Klimakonferenzen zeigt jedoch das strukturelle Defizit: Dort fehlt es bis heute an einer offiziellen Vertretung. Um dies zu ändern, ist eine dringende Vernetzung innerhalb der Klimaszene notwendig – insbesondere unter weißen Aktivist*innen sowie in journalistischen Klima-Netzwerken. Es braucht eine grundlegende Auseinandersetzung mit Diversität und intersektionalen Perspektiven.
Im Klima-Journalismus-Netzwerk stelle ich ehrlich gesagt überhaupt keine Diversitätsdiskussion fest bisher. Was ich auch sehr merkwürdig finde, weil warum bleibt ein Netzwerk in der eigenen Blase? Warum komme ich nicht auf die Idee, dass Menschen, die andere Perspektiven haben, mir auch etwas mitgeben könnten zu einem Thema, von dem ich noch nichts weiß und das für die eigene Arbeit relevant ist?
„Es braucht eine grundlegende Auseinandersetzung mit Diversität und intersektionalen Perspektiven.“ – Andrea Schöne
Man muss ja auch bedenken, dass Aktivist*innen im globalen Süden meistens sehr gefährdet sind. Ich habe gelesen, dass 2022 177 Land- und Umfeldschützer*innen ermordet wurden, davon ein Drittel Indigene, die eigentlich nur einen sehr kleinen Prozentsatz ausmachen. Das ist dann eine sehr hohe Zahl. Von 2012 bis 2022 wurden insgesamt 1.910 Umweltaktivist*innen ermordet und eben sehr viele aus dem globalen Süden. Deshalb würde man sich ja wirklich eine gegenseitige Unterstützung und Support wünschen.“
Nela Riehl: „Das ist ja tatsächlich hier in Europa sehr wenig bekannt. Diese Klimabewegungen, wenn wir an Fridays for Future zum Beispiel denken, haben Großartiges geleistet. Gleichzeitig war das eine sehr weiße und ich würde fast sagen homogene Veranstaltung. Und da müssen wir jetzt ausbrechen. Wir müssen die Menschen mit an den Tisch holen.“
Andrea Schöne: „Zum einen brauchen wir unbedingt inklusive Bildung zum Thema Katastrophenschutz und Katastrophenprävention. Ich kann dir jetzt mal ein ganz banales Beispiel geben: Brandschutzübungen zu meiner Schulzeit. Am liebsten hätten mich die Lehrkräfte einfach im Zimmer sitzen gelassen. Es bräuchte hier dringendst mehr Verpflichtungen. Wie kann es sein, dass eine Schülerin im Brandfall nicht eine Möglichkeit hat, barrierefrei gerettet zu werden? Es bedeutet, dass in dem Fall auch behinderte Menschen Kollateralschaden darstellen. Das ist auch eine ethische Debatte, die wir mal führen müssen, dass da eine Triage an behinderten Menschen vorgenommen wird.
Ein anderer Punkt ist Barrierefreiheit. Wenn wir zum Beispiel mal an den Warntag denken. Da braucht es auch dringend Auswertungen und es braucht ein Verständnis für das Zwei-Sinne-Prinzip. Das bedeutet zum Beispiel, wenn ich jetzt im Fernsehen Warnungen habe, dass da nicht nur etwas eingeblendet wird. Blinde Menschen können das ja nicht sehen. Nach der Ahrtalflutkatastrophe meinte eine Frau zu mir, sie habe Jahrzehnte nicht gewusst, dass es überhaupt Warnungen im Fernsehen gibt, weil sie es ja nicht sehen kann. Warum wird da das Programm nicht unterbrochen und dann eine Durchsage gemacht? Ebenso braucht es auch Gebärdensprachvideos und mehr Infos in einfacher und leichter Sprache und auch in verschiedenen Sprachen.“
Nela Riehl: „Die Katastrophe damals im Ahrtal war ganz schlimm. Ich hoffe trotzdem, dass wir lernen konnten, dass wir da auch nicht besser sind. Wenn ich ins Europäische Parlament schaue, muss ich allerdings sagen, dass dort noch keine große Diversität vorhanden ist. Das heißt, wir sind immer noch, ich glaube, bei 75 Prozent weißen Männern. Verschiedene Perspektiven fehlen einfach. Und da müssen wir besser werden. Das geht nur über Repräsentation.“
Nela Riehl: „Unbedingt. Wir bewegen uns immer noch in diesem kapitalistischen System. Und die Verantwortung wird auf das Individuum geschoben. Genau das ist das Problem. Wir als Individuen, so sehr wir uns auch anstrengen, werden diese Klimakrise nicht lösen können. Wir müssen das größer denken. Wir müssen das systemischer denken. Wir müssen es intersektional denken. Und ich sehe tatsächlich, wenn ich ganz ehrlich bin, eher einen Rückschritt. Ich sehe in den politischen Diskussionen im Parlament eher ein Diskutieren darüber, ob es sowas wie die Klimakrise überhaupt gibt. Von wirklich progressiven Lösungen sind wir gerade sehr weit entfernt.
„Wir bewegen uns in diesem kapitalistischen System. Und die Verantwortung wird auf das Individuum geschoben. Genau das ist das Problem. Wir als Individuen, so sehr wir uns auch anstrengen, werden diese Klimakrise nicht lösen können. Wir müssen das größer denken. Wir müssen das systemischer denken. Wir müssen es intersektional denken.“ – Nela Riehl
Susan Sideropoulos hat einmal gesagt, sie sei nicht Optimistin, sondern eine Possibilistin. Also etwas ist possible. Wenn wir alle zusammen weiter laut sind, dann ist eine Änderung doch möglich. Wenn wir wirklich zusammen konstruktiv das System hinterfragen und uns dann gemeinsam dagegenstellen.“