Im Interview spricht die Journalistin und Autorin Ronya Othmann über die Angriffe auf die kurdisch geführten Gebiete in Syrien, die Situation der Minderheiten im Land und die Bedrohung durch islamistische Kräfte.
Jin Jiyan Azadî – dieser Slogan ist aus feministischen Kreisen kaum mehr wegzudenken. Seinen Ursprung hat die Parole in der kurdischen Frauenbewegung und ist spätestens seit dem Sieg der kurdischen Kämpfer*innen über den IS in Rojava im Jahr 2019 weltbekannt. In Rojava, im Nordosten Syriens, haben die Kurd*innen seit 2012 eine Selbstverwaltung aufgebaut, die Frauen und marginalisierten Gruppen im Land Schutz gewährte und zugleich das Ziel verfolgte, allen Einwohner*innen ein gleichberechtigtes Leben in Demokratie und Freiheit zu ermöglichen.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes übernahm Ahmed al-Scharaa mit seinem islamistischen Miliz-Bündnis Hay'at Tahrir al-Scham (HTS) Ende 2024 die Macht in Damaskus und strebt seither ein zentralistisch geführtes Syrien an. Zu Beginn dieses Jahres startete die syrische Armee dann Angriffe auf die kurdisch geführten Gebiete. Es kam zu Kämpfen zwischen al-Scharaas Truppen und dem kurdisch angeführten Militärbündnis SDF (Syrian Democratic Forces). Die Folge: Gewalt durch islamistische Gruppierungen, Vertreibung, Flucht, Angst und eine katastrophale humanitäre Lage in Teilen der Region.
Ende Januar einigten sich die Parteien auf einen Waffenstillstand und ein Abkommen, das von vielen Kurd*innen als „Diktatfrieden“ bezeichnet wird und ein Ende der kurdischen Autonomie bedeutet. „Vieles rund um das Abkommen ist unklar. Es gibt keine Garantien, dass es nicht zu weiteren Massakern kommt“, sagt die Journalistin und Autorin Ronya Othmann im Interview. Im vergangenen Jahr reiste sie gemeinsam mit ihrem Vater, einem jesidischen Kurden, durch dessen Heimatland Syrien. Mit großer Sorge blickt sie auf die Lage der Frauen und Minderheiten in dem Land.
„Rojava heißt übersetzt ,der Westen‘ und bezeichnet die kurdischen Gebiete innerhalb der syrischen Staatsgrenzen. Die Kurd*innen sind weltweit die größte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat und leben über vier Staaten verteilt. Neben Rojava in Syrien gibt es ,Bakur‘ (Norden) in der Türkei, ,Bashur‘ (Süden) im Irak, und ,Rojhelat‘ (Osten) im Iran. In Rojava haben Kurd*innen seit 2012 die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien aufgebaut. Diese De-facto-Autonomie entstand im Windschatten der Proteste gegen das Assad-Regime 2011 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg.
Rojava wurde weltweit durch die kurdischen Kämpfer*innen bekannt, die jahrelang mithilfe der USA und Frankreich den IS in der Region bekämpft und 2019 schließlich militärisch geschlagen haben. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass sich diese bewaffneten Milizen, die Syrian Democratic Forces (SDF), aus verschiedenen Gruppen zusammengesetzt haben. Der Großteil der Kurd*innen in Rojava ist muslimisch, jedoch überwiegend säkular. Aber es gab auch jesidisch-kurdische und christliche Einheiten sowie Araber*innen, die in dem Gebiet gegen den IS gekämpft haben.“
„Rojava ist Herkunftsort und Zuhause vieler Kurd*innen. Die kurdischen Gebiete im Nordosten von Syrien, aber auch kurdische Viertel in Damaskus und Aleppo gab es lange, bevor es überhaupt einen syrischen Staat gab. Syrien war mehr als jahrzehntelang eine brutale Diktatur, 60 Jahre Baath-Partei, 54 davon Assad – erst der Vater dann der Sohn. Kurd*innen machten um die 15 Prozent der syrischen Bevölkerung aus; gemäß der syrischen Staatsideologie des Arabischen Nationalismus waren sie jedoch nicht als Bevölkerungsgruppe anerkannt. Viele waren deshalb staatenlos. Tausende Kurd*innen wurden im Rahmen des Projekts ,Arabischer Gürtel‘ zwangsumgesiedelt, enteignet und als Feinde bezeichnet. Die kurdische Sprache, Bücher oder Musik waren in der Öffentlichkeit verboten. Und kurdische Dörfer und Städte haben arabische Namen bekommen.
Die im Windschatten des Krieges und der Befreiung vom IS etablierte Selbstverwaltung in Rojava hat eine wichtige symbolische Bedeutung für viele Kurd*innen. Allerdings wurde diese Autonomie nie offiziell anerkannt, weder in Syrien noch international. Ganz im Gegensatz zur Autonomen Region Kurdistan im Irak, die in der Verfassung verankert wurde. Rojava hatte immer einen schwierigen Status, trotz Errungenschaften wie der Verankerung von Frauen- und Minderheitenrechten, einer eigenen Infrastruktur in Form von Schulen, Sicherheitskräften oder auch dreisprachig gekennzeichneten Ortsschildern, die der Vielfalt in der Region Rechnung tragen. Eine wichtige Forderung an Damaskus war und ist noch immer Dezentralisierung, die Schaffung eines föderalistischen Systems in Syrien. Das fordern nicht nur Kurd*innen, sondern auch andere Minderheiten im Land wie die Drus*innen.“
„Bevor wir auf die aktuelle Lage schauen, muss man sich bewusst machen, dass in Syrien verschiedene Kräfte unterschiedliche Gebiete kontrollieren. Einerseits gibt es die kurdisch dominierte Selbstverwaltung im Nordosten, andererseits das von den Drus*innen kontrollierte Suwaida im Süden. Und dann gibt es seit dem Sturz von Assad die ,Übergangsregierung‘ von Golani (Anm. d. Red.: dschihadistischer Kampfname, heute tritt al-Golani unter seinem bürgerlichen Namen al-Scharaa auf) in Damaskus und seine mittlerweile in die syrische Armee eingegliederten islamistischen HTS-Milizen. De facto ist niemand demokratisch legitimiert.
Die von Golani veranstalteten Wahlen vergangenes Jahr waren nicht demokratisch. Ein Drittel der Parlamentssitze wurde direkt von ihm selbst bestimmt und die restlichen indirekt. Es kann also nicht von einem demokratischen Prozess gesprochen werden. Ich finde es verwunderlich, dass Golani von vielen Staaten als rechtmäßiger Präsident angesehen wird, nur weil er mit seinem Bündnis islamistischer Milizen nach Damaskus marschiert ist und die Macht übernommen hat. Gemäß dieser Logik wären die Drus*innen die rechtmäßigen Machthaber, die noch vor der HTS in Damaskus waren.“
„Ich nenne Golani weiterhin bei seinem dschihadistischen Kampfnamen, bis er sich glaubhaft von der islamistischen Ideologie distanziert. Er hat im Irak für Al-Qaida gekämpft, zu einer Zeit, in der brutalste Terroranschläge und Massaker an Jesid*innen und Iraker*innen verübt wurden. Dann war er Teil des Islamischen Staats Irak, dem Vorgänger des IS und schließlich hat er Al-Kaida Syrien kommandiert, aus dem die Al Nusra-Front und zuletzt die islamistische Miliz HTS hervorgegangen ist.
Die Kämpfer in Golanis Einheiten sind für viele Minderheiten keine Unbekannten, sie haben in der Vergangenheit bereits zahlreiche Massaker verübt. Golani hat eine Al-Qaida-Vergangenheit und viele, mich eingeschlossen, würden sagen, dass das auch seine gegenwärtige Ideologie ist. Dazu muss man nur auf die Massaker im vergangenen Jahr schauen, erst an den Alawit*innen an der Küste Syriens, dann an den Drus*innen in Suwaida und nun in Rojava. All diese Minderheiten eint, dass sie zwar bereit sind, sich in einen neuen syrischen Staat zu integrieren, allerdings auf Basis einer Verfassung, in der ihnen Rechte garantiert werden. Sie wollen nicht unter einem islamistischen Regime leben.“
„Die Lage ist chaotisch und vieles, darunter auch die Anzahl getöteter Menschen, lässt sich aktuell nur schwer verifizieren. Inzwischen ist aber belegt, dass die Islamisten – HTS, SNA-Milizen und nun ganz offiziell Einheiten der syrischen Armee – ganze Familien erschossen, Menschen verschleppt und Gräueltaten an Zivilist*innen begangen haben.
Die Islamisten haben den Kurd*innen immer wieder gedroht, dass nach den alawitischen und drusischen Minderheiten auch sie drankämen. Diese Unterdrückung und Vernichtung ist in der islamistischen Ideologie begründet, wo Kurd*innen und Drus*innen, Alawit*innen als Ungläubige und Abtrünnige gelten. Deshalb ist die Forderung, dass die kurdisch geführte SDF die Waffen abgeben und sich in die von Golani kontrollierte Armee eingliedern solle, absurd. Die Kurd*innen haben gesehen, was anderen Minderheiten angetan wurde.“
„Genau. Rojava bot den Jesid*innen, die 2014 vor dem Völkermord flüchteten, Schutz vor dem IS. Als dann die Türkei mithilfe islamistischer Milizen 2018 Afrin und 2019 Gire Spî sowie Serê Kaniyê angriff und besetzte, sind viele Kurd*innen von dort in andere Teile Rojavas geflüchtet. Und 2025 flüchteten nach den Massakern durch HTS und SNA-Truppen auch Alawit*innen in die Region. Die Kriegsrealität war nie weg, umso beachtlicher ist die in Rojava gelebte Vielfalt in Form von Religionsfreiheit, Geschlechtergerechtigkeit und Frauenquoten.“
„Rojava ist insbesondere durch die kurdischen Fraueneinheiten bekannt, die Seite an Seite mit den Männern gegen die Islamisten gekämpft haben. Das ist nicht nur Symbolik, sondern eine Überlebensnotwendigkeit für die Frauen, denen durch den IS Freiheitsentzug, Unterdrückung, Versklavung, Verschleppung und Tod drohte.
Natürlich gibt es in Rojava Probleme. Ich habe für mein Buch Vertreter*innen verschiedener kurdischer Parteien interviewt. Eine Oppositionspolitikerin hat scharfe und valide Kritik geübt. Sie erkennt die Errungenschaften der Regierung in Rojava an, kritisierte aber, dass Demokratie nicht durchweg gelebt werde. Doch sie hat diese Kritik mir gegenüber in einem öffentlichen Café lautstark geäußert. Das hätte sich unter Assad niemand getraut. Ein Vertreter einer anderen Partei wiederum hatte mehr Verständnis für die Selbstverwaltung, die unter schwierigen Umständen inmitten einer Kriegsrealität versuchte, Vielfalt zu leben.
Die Idealisierung Rojavas sehe ich kritisch, aber es ist ein Kontrastprogramm zu islamistischen Regimen in der Region. In den kurdisch kontrollierten Gebieten trifft man in allen Bereichen des öffentlichen Lebens auf Frauen. Das ist besonders.“
„Bereits vor den aktuellen Kämpfen ging es den Menschen in der Region nicht gut. Eigentlich geht es den Menschen in ganz Syrien nicht gut. Viele Orte sind zerstört, die Menschen sind sehr arm und auch die medizinische Versorgung ist unzureichend.
In Rojava ist die Versorgung der Menschen erschwert durch die Binnenvertriebenen. Viele Familien mussten bereits in der Vergangenheit mehrfach flüchten und haben alles verloren. Die Angst vor islamistischen Milizen ist allgegenwärtig. Und die aktuellen Kämpfe haben die schon schwierigen Bedingungen weiter verschärft. Die Menschen brauchen Sicherheit und Versorgung mit Grundlegendem wie Lebensmittel, Heizöl, Wasser und Medizin. Die Stadt Kobanê wird zudem bis heute belagert, das ist nochmal eine ganz andere humanitäre Katastrophe.“
„Tausende Menschen sind vor den Islamisten nach Kobanê geflüchtet. In der Region lag zu dem Zeitpunkt Schnee, die Häuser sind nicht gut isoliert und aufgrund der vielen Geflüchteten mussten Menschen teilweise in Autos übernachten. Infolge der Belagerung der Stadt gehen Essen, Wasser, Medizin und auch das Heizöl aus – und mittlerweile hören wir immer mehr Berichte, wonach insbesondere Kinder aufgrund der prekären Versorgungslage krank werden.
Die Stadt wurde von der syrischen Armee vom Strom und vom Internet abgeschnitten, die Menschen hatten also zeitweise kein Netz, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Nach neuesten Berichten sollen die Menschen in der Stadt nun von Hilfsorganisationen versorgt werden, gleichzeitig gilt wohl weiterhin eine Ausgangssperre und die Hilfslieferungen erreichen die Menschen nur unzureichend.“
„Die syrischen Armeetruppen, die von Golani befehligt werden und die SNA, ein von der Türkei finanziertes Milizbündnis. Kobanê steht symbolisch für kurdischen Widerstand, seit es vom IS überfallen und von der SDF zurückerobert wurde. Die Stadt liegt direkt an der südlichen Grenze zur Türkei und ist deshalb seit Jahrzehnten ein umkämpftes Gebiet. Die türkische Regierung sagt offen, dass sie eine kurdische Selbstverwaltung nicht akzeptiert. Und Golani will ebenfalls keine kurdische Autonomie, sondern zentralistische Herrschaft.“
„Ich weiß nicht, ob dieses Abkommen tatsächlich Blutvergießen verhindert. Ist das am Ende die Wahl, die die Kurd*innen in Syrien haben: islamistische Tyrannei oder Tod? Künftig sollen nun Grenzübergänge in den kurdischen Gebieten von den Islamisten kontrolliert werden. Journalist*innen brauchen dann ein Visum aus Damaskus, was Golani die Kontrolle darüber gibt, wer überhaupt noch aus der Region berichten kann. Ich weiß nicht, ob die im Abkommen beschlossenen islamistischen Stützpunkte in den kurdischen Städten ein Versuch von Golani sind, sein Gesicht zu wahren – oder ob das eine Falle ist.
Vieles rund um das Abkommen ist unklar. Klar ist: Die USA haben die Kurd*innen fallengelassen und es gibt keine Garantien, dass es nicht zu weiteren Massakern kommt. In Rojava gibt es verschiedene kurdische Parteien und eine Opposition, die der Selbstverwaltung kritisch gegenübersteht. Geeint sind aber alle in der Überzeugung, nicht unter islamistischer Terrorherrschaft leben zu wollen. Ich befürchte deshalb, dass das nicht der letzte Versuch war, den Kurd*innen sämtliche Kontrolle über Rojava zu entziehen.“
„Wenn ich auf jene Teile des Landes schaue, in denen Golani und seine Truppen die Kontrolle übernommen haben, blicke ich mit Sorge in die Zukunft. Während meiner Reise durch Syrien habe ich Idlib besucht, wo Golani und die HTS bereits viele Jahre geherrscht haben. Die Cafés in der Stadt haben nach Geschlechtern getrennte Bereiche und die Frauen verhüllen sich. In vielen Regionen werden Frauenrechte zunehmend eingeschränkt, beispielsweise dürfen in Latakia in Behörden angestellte Frauen nicht mehr geschminkt erscheinen.
Es gibt eine große Recherche von der Nachrichtenagentur Reuters, in der die Verschleppung alawitischer Frauen und Zwangsverheiratung mit Dschihadisten dokumentiert wurde. Eltern behalten ihre Töchter deshalb mittlerweile vielerorts aus Angst zu Hause. Und Frauen nehmen immer weniger am öffentlichen Leben teil, weil sie sich nicht mehr auf die Straße trauen.
Außerdem erreichen uns wiederholt Nachrichten, wonach Menschen verschleppt, erschossen, entführt und erst nach Lösegeldzahlungen an islamistische Truppen wieder freigelassen werden. Es gibt Berichte, denen zufolge in den von Golani kontrollierten Gefängnissen Menschen zu Tode gefoltert werden. Außerdem werden immer wieder Angriffe gegen ethnische und religiöse Minderheiten sowie gegen politische Gegner*innen und queere Menschen gemeldet. Und doch werden die Sorgen der Kurd*innen und der vielen Minderheiten im Land nicht wirklich wahrgenommen.“
„Angst machen mir nicht nur weitere drohende Massaker, sondern auch die Entwicklung in einen islamistischen Staat, die so lange nicht ernst genommen wird, bis wir bei afghanischen Zuständen angekommen sind. Bei den Taliban haben viele Expert*innen auch erst abgewunken.
Für viele Minderheiten in Syrien ist die Lage existenzbedrohend. Es gibt bereits heute kaum mehr jesidisches Leben in Syrien. In Afrin, wo viele Jesid*innen gelebt haben, wurden jesidische Stätten zerstört und Gräber geschändet – und mitten in jesidischen Dörfern Moscheen errichtet. Menschen wurden unter Zwang konvertiert, Frauen verschleppt. Außerdem wurden extremistische Araber angesiedelt.
Die Massaker an den Drus*innen und Alawit*innen vergangenes Jahr waren für viele Jesid*innen retraumatisierend. Jetzt diesen Überfall auf die kurdischen Kämpfer*innen in Rojava, die die Jesid*innen damals aus IS-Gefangenschaft befreit haben, mitzuerleben, ist schrecklich. Wenn Golani vollständig die Macht übernimmt, bedeutet das das Ende jesidischen Lebens in Syrien. Die Jesid*innen, die noch im Land sind, werden versuchen zu gehen.“
„Bei den Massakern an Alawit*innen ist inzwischen belegt, dass diese von Einheiten verübt wurden, die Golani unterstehen. Nun kann man fragen, ob diese Truppen auf seinen Befehl handeln oder ob er sie nicht im Griff hat. Aber keins von beidem wäre eine gute Nachricht.
Es gibt zumindest Indizien, dass die Einheiten auf Golanis Befehl handeln: Es gab massive Drohungen gegen die Ismaelit*innen in Syrien, die dann jedoch verschont wurden. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Oberhaupt der Ismaelit*innen eine Spende an die Regionen Hama und Homs gemacht hat. Das bedeutet: Wenn Schutzgeld fließt, lässt sich ein Ausscheren von Golanis Truppen offenbar verhindern.“
„Es ist schmerzhaft, Videos von IS-Kämpfern zu sehen, die jubelnd aus den Gefängnissen entkommen. Überlebende des Völkermords an den Jesid*innen sind am Boden zerstört. Sie haben brutalste islamistische Gewalt am eigenen Leib erlitten, Familienmitglieder verloren und Jahre in IS-Gefangenschaft verbracht. Nun müssen sie mitanschauen, wie die Täter entkommen und der Rest der Welt kaum reagiert. Nicht nur werden Jesid*innen keine Gerechtigkeit erfahren, sondern müssen nun neue Angriffe durch IS-Kämpfer fürchten. Die Weltgemeinschaft hat es jahrelang versäumt, diesen IS-Kämpfern den Prozess zu machen – und nun ist es zu spät.
Während meiner Reise durch Syrien habe ich das Gefangenenlager Al-Hol besucht. Manche der eingesperrten IS-Angehörigen haben sich über Golanis Machtergreifung gefreut. Offenbar haben auch Mitglieder der ,Übergangsregierung‘ in Damaskus Angehörige in diesen Camps. Im Westen heißt es oft, dass HTS und der IS verfeindet seien. Doch nur weil die einen Faschisten die anderen Faschisten hassen, sind sie nicht weniger gefährlich. Aus Golanis Vergangenheit wissen wir, wie schnell sich Loyalitäten verlagern können. Die Tatsache, dass die USA nach diesen Ereignissen nun hochrangige IS-Gefangene in den Irak verlegen, zeigt, dass man Golani nicht vertraut – und die Sorgen der Minderheiten nicht unbegründet sind.“
„Im Moment ist es noch zu früh, das abschließend zu bewerten. Gut ist, dass Abdi und Ehmed überhaupt eingeladen wurden, das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich hoffe, dass es nun weitergeht, dass die Kurd*innen Sicherheitsgarantien bekommen, und in Zukunft auch Autonomie.
Ein Grund aufzuatmen, ist es leider nicht. Die Menschenrechtsverletzungen gegen Kurd*innen vor Ort gehen weiter, in Form von Entführungen, Folter, Mord. Und die Häuser derjenigen, die vor den Islamisten geflohen sind, wurden geplündert. Davon betroffen sind auch andere Minderheiten wie Alawit*innen, Drus*innen, Christ*innen.“
„Mich erschreckt, dass der Umgang mit den Minderheiten in Syrien eine Nebensache oder gar nicht der Rede wert zu sein scheint. Sie werden als störende Elemente betrachtet, die der Einheit des Landes im Weg stehen, weil sie sich nicht unterwerfen. Diese Verlagerung der Schuld auf die Opfer, statt auf den brutal durchgesetzten Anspruch eines zentralistischen Herrschers, finde ich schlimm. Es gab kaum Reaktionen auf die Verbrechen des vergangenen Jahres, die Massaker betrachtet man als singuläre Ereignisse. Hauptsache man kann wieder nach Syrien abschieben. Mit Blick auf Menschenrechte ist diese Haltung eine Katastrophe.“
„Ich glaube nicht, dass Entscheidungsträger*innen die Situation unterschätzen. Die breite Bevölkerung mag mit dem Thema nicht vertraut sein. Doch Menschen, die sich mit Syrien beschäftigen, wissen, wie gefährlich die Situation ist. Die Polizeigewerkschaft hat nicht ohne Grund vor IS-Rückkehrern gewarnt.
Mich schockiert, dass die EU Golani 620 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Landes zur Verfügung stellen will und niemand die langfristigen Konsequenzen bedenkt. Dieses Geld dient eines islamistischen Regimes als Machtinstrument. Europa wiederholt immer wieder die gleichen Fehler. Assad wurde auch lange verharmlost und als Garant für Stabilität betrachtet, das Gleiche gilt für Putin oder das iranische Regime.
Es ist naiv, Syrien von einem Islamisten, der stolz über seine Vergangenheit spricht, kontrollieren zu lassen. Wenn all diese ausländischen Kämpfer nun syrische Pässe erhalten und das Land als Drehkreuz für den internationalen Dschihadismus nutzen, birgt das auch Gefahren für Europa.“
„Das Problem ist, dass hierzulande immer in Wahlperioden gedacht wird. Den Wähler*innen wurden Abschiebungen versprochen und nun soll dieses Wahlversprechen eingelöst werden. Viele Politiker*innen denken wohl, dass man den Kopf schon noch aus der Schlinge ziehen kann, falls Probleme aus der Lage in Syrien entstehen. Irgendjemand kümmert sich schon, scheint die Devise. Das ist naiv.
Neben den geplanten Rückführungen spielen auch Wirtschaftsinteressen eine Rolle. In einem zerstörten Land wie Syrien kann viel aufgebaut werden, hier lassen sich neue Wirtschaftsbeziehungen knüpfen. Hinzu kommen jene, die Islamismus aus ideologischen Gründen verharmlosen.“
„Ich bin nicht dagegen, ihn einzuladen, wenn richtig Druck auf ihn ausgeübt wird. Überhaupt Druck zu machen, wäre gut – unabhängig von einer Einladung nach Berlin. Das fehlt mir mit Blick auf die Diaspora in Deutschland total. Es gibt hierzulande schätzungsweise 1,5 Millionen Kurd*innen. Das sind ganz schön viele Menschen, die sich aktuell sehr verraten fühlen.“
„Viele haben nicht auf dem Schirm, dass es verschiedene Formen von Faschismus gibt und unsere freie Gesellschaft, die wir hier in einem Rechtsstaat genießen, aktuell von vielen Seiten bedroht ist. Einerseits durch Putins Regime, aber auch durch Trumps antieuropäische Haltung, die im Gegensatz zu unseren Werten steht – und durch den Islamofaschismus, der insbesondere Frauen und Minderheiten bedroht.
Uns muss bewusst sein, wie gefährlich Islamofaschismus ist. Da gibt es eine ganze Reihe an Gruppierungen: Taliban, IS, Boko Haram, HTS, SNA, Hamas, das Regime im Iran, die Hisbollah. Es ist nicht links, solche Gruppierungen zu verteidigen. Die bedrohen alles, wofür Linke sich einsetzen. Islamisten können nie Verbündete sein.
Wichtig finde ich, zu betonen, dass Islamofaschismus auch Muslim*innen bedroht. Wir müssen dringend unterscheiden zwischen Muslim*innen und Islamist*innen. Nehmen wir Rojava: Der Großteil der Kurd*innen sind qua Herkunft Muslim*innen. Diese Menschen haben gegen den IS gekämpft, leben säkular und leiden unter dem Islamismus, weil sie als Ungläubige gelten.“
„Das ist eine Realität. Diese Angst begleitet uns immer. Auf dem Weg zum Interview las ich, dass in Genf ein syrischer Menschenrechtsaktivist von Golani-Anhängern zusammengeschlagen wurde. Als Person, die sich öffentlich gegen Islamofaschismus und für Minderheiten einsetzt, erhalte ich viele Beleidigungen und Drohungen. Diese Nachrichten kommen von Golani-Anhängern, die sich hier in Deutschland und nicht etwa in Syrien befinden.“
„Wir blicken aktuell auf eine Vielzahl von Krisen, von denen viele zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich kann nicht jede*r zu allem laut werden. Cool wäre aber, sich wenigstens zu informieren. Wir leben nicht auf einer Insel, sondern sind Teil einer vernetzten Welt. Alles, was auf dieser Welt geschieht, wird sich irgendwann auch auf uns auswirken.
Die Überdrüssigkeit gegenüber Außenpolitik erschreckt mich. Bitte habt zumindest im Blick, was an anderen Orten passiert und wie das eure Mitmenschen betrifft. Setzt euch bei Abgeordneten für das Bleiberecht von bedrohten Minderheiten ein, geht auf Demos oder macht Druck, wenn Herrscher wie Golani eingeladen werden.“
Buchtipp: „Rückkehr nach Syrien – Eine Reise durch ein ungewisses Land“ von Ronya Othmann, Rowohlt Verlag, 22 Euro. Mehr erfahren.