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© Gülay Ulaş, Co-Gründerin GoBanyo | Bild: Fabia Suhl
© Gülay Ulaş, Co-Gründerin GoBanyo | Bild: Fabia Suhl
28.01.2026 • 08:00
Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze Mona Siegers
7 Minuten
GoBanyo-Duschbus

Waschen ist Würde – Mobile Duschen für wohnungslose Menschen

Wo duschen eigentlich Menschen, die auf der Straße überleben müssen? Das Team von GoBanyo hat für dieses Dilemma eine Lösung geschaffen: Ein Duschbus, der an fünf Tagen die Woche in ganz Hamburg unterwegs ist.

Wir sind Mitte November mit Winterjacke und Kameraequipment in Hamburg St. Pauli unterwegs. Wir, das sind mein*e Redaktionskolleg*in Sarah Große-Johannböcke und FUNKE-Videoredakteur*in Fabia Suhl. Die Temperatur ist innerhalb der letzten Woche von 15 auf drei Grad gefallen. Während ich friere und mit den beiden darüber spreche, wie sehr ich meine gut geheizte Wohnung gerade vermisse, leben allein hier in Hamburg fast 4.000 Menschen auf der Straße.

Wir sind auf dem Weg zum Fußballstadion des FC St. Pauli. Auf dem Parkplatz direkt vor dem Stadioneingang steht jeden Donnerstag der GoBanyo-Duschbus, wo wir mit Gülay Ulaş verabredet sind. Gemeinsam mit Dominik Bloh und Chris Poelmann hat sie vor acht Jahren das gemeinnützige Unternehmen gegründet. Die drei engagieren sich für Menschen, „die auf der Straße überleben müssen“, wie Gülay sagt.

Der Duschbus ist ihr bekanntestes Projekt. Schon aus der Ferne ist er kaum zu übersehen. Es handelt sich um einen alten Linienbus, der mit auffällig bunten Farben foliert wurde. Neben dem großen GoBanyo-Schriftzug steht: „Waschen ist Würde.“
Das Team von GoBanyo setzt auf Sichtbarkeit. „Uns war von Anfang an wichtig, das relativ triste Thema Obdachlosenhilfe bunt zu gestalten, um für möglichst viele Menschen den Anreiz zu schaffen, sich zu engagieren. Das heißt, in unserer öffentlichen Kommunikation versuchen wir, laut zu sein, bunt zu sein und vor allem die guten Seiten und die Freuden des Engagements zu transportieren“, erklärt Gülay.

Auf dem GoBanyo Duschbus unter dem Seitenfensters des*der Busfahrer*in steht "Waschen ist Würde". | © "Waschen ist Würde." Bild: Fabia Suhl
© "Waschen ist Würde." Bild: Fabia Suhl

Mehr als nur Duschen

Wir kommen kurz nach Betriebsschluss beim Bus an. So hatten wir es abgesprochen, um die Duschgäst*innen nicht unnötig zu belästigen und den Duschbus dennoch „in action“ erleben zu können Gülay führt in den Bus hinein und erklärt den generellen Ablauf. „Meistens kommen unsere Duschgäst*innen sehr geschwächt bei uns an. Deshalb haben wir immer Bananen und Heißgetränke an Bord, damit sie sich erstmal aufwärmen und zu Kräften kommen können, bevor sie duschen.“

Das Innere des Busses wurde so umgebaut, dass fast die gesamte Fläche vollständig für die Sanitäranlagen genutzt werden kann. Es gibt drei gut ausgestattete und sehr saubere Badezimmer, jeweils mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Vor dem Bus hat das Team zwei Pavillons aufgebaut, die für die Anmeldung und Ausgabe von Utensilien genutzt werden – hinter einem Tisch stapeln sich dutzende sorgfältig sortierte Kisten mit allen möglichen Drogerieprodukten, Textilien und mehr.

„Wenn unsere Gäst*innen angekommen sind, bekommen Sie immer ein frisches, großes Handtuch, Rasierer, Rasierschaum, Zahnpasta, Zahnbürste, Duschgel und Pflegeprodukte.“ Unterhosen, T-Shirts und Socken gehören auch zum „Standardequipment“. Wenn vorhanden, so Gülay, gibt das GoBanyo-Team auch andere frische Kleidung, Schuhe, Jacken und Schlafsäcke aus.

Mir fallen die Kisten mit Menstruationsprodukten ins Auge. Knapp 43 Prozent der insgesamt ca. 440.000 wohnungslosen Menschen in ganz Deutschland sind Frauen. „Wir haben einen expliziten Frauen- beziehungsweise FLINTA-Tag in der Woche. Da bieten wir darüber hinaus Kosmetikprodukte an, die nachgefragt werden, wie zum Beispiel Nagellack, Lippenstift, Wimperntusche, aber auch Kondome für die Sexarbeiter*innen, die zu uns kommen.“

Man sieht vier befüllte durchsichtige Plastikbehälter mit Deckel. Beschriftet sind sie mit gelben Tape: Damen T-Shirts S/M/L/XL, Binden / Kämme / Q-Tips, Creme / Feuchttücher | © Fabia Suhl
© Fabia Suhl

Gülay betont: „Uns ist es sehr wichtig, für alle Menschen da zu sein. Das bedeutet auch, dass trans Personen bei uns immer willkommen sind, was in vielen Einrichtungen für Frauen leider nicht der Fall ist.“ Dieser Gedanke spiegelt sich auch im Namen wider. Wiktionary listet 17 verschiedene Sprachen, in denen das Wort „Banyo“ in unterschiedlichen Schreibweisen existiert und „Bad“, „Badezimmer“, „baden“ oder „Wasser“ bedeutet – darunter Türkisch, Nordkurdisch und Indonesisch.

„Menschen, die mehrfachdiskriminiert werden, zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft oder weil sie die Sprache nicht sprechen, sind sehr häufig vom Hilfesystem ausgeschlossen, weil sie schlicht nicht an Informationen rankommen“, sagt Gülay. Durch den Namen soll zumindest eine kleine Schwelle abgebaut werden.

Hilfe auf Rädern

An fünf Tagen die Woche ist das GoBanyo-Team an unterschiedlichen Standorten in Hamburg unterwegs. Auf die Frage, woher die Idee einer mobilen Lösung kam, antwortet Gülay: „Menschen, die auf der Straße überleben müssen, sind den gesamten Tag damit beschäftigt, ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Sie müssen in der ganzen Stadt herumlaufen, kilometerweit gehen, haben keinen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln und sind häufig körperlich beeinträchtigt.“ Deshalb wollte das Team von GoBanyo unbedingt eine mobile Lösung schaffen, um mit den Sanitäranlagen dorthin zu fahren, wo die Hilfe gebraucht wird. Die Öffnungszeiten und Standorte bleiben immer gleich, damit der Bus leicht zu finden ist – auch ohne aktuelle Broschüren oder Internetzugang.

Die Duschen sind in der Regel vier Stunden am Stück in Betrieb. „Das wird der Nachfrage natürlich überhaupt nicht gerecht, aber unsere Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen müssen auch irgendwann Feierabend machen“, sagt Gülay. Als hätten sie Gülay gehört, machen sich die Ehrenamtler*innen ans Aufräumen. Der Auf- und Abbau dauert insgesamt jeweils zweieinhalb Stunden. Das Team ist jeweils sechseinhalb Stunden im Einsatz.

Während die Ehrenamtler*innen Kiste für Kiste in den Bus manövrieren und verstauen, berichtet Gülay davon, dass es beim Aufbau häufig trubeliger als gerade zugeht, weil der Andrang bereits vor Betriebsbeginn groß ist. Die Menschen können sich für Duschslots mit festen Zeiten über den Tag hinweg anmelden – so müssen sie nicht vor Ort in der Kälte warten und können die Zeit anders nutzen.

Für eine Dusche wird eine halbe Stunde eingeplant, wovon zehn Minuten für die anschließende Reinigung der Duscheinheit vorgesehen sind. Pro Tag können ungefähr 30 Duschen angeboten werden. „Wir müssen immer wieder Menschen wegschicken, weil alle Slots vergeben sind“, erzählt Gülay.

Spenden erwünscht

Der Duschbus finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Durch ein Crowdfunding wurde der Umbau des Fahrzeugs finanziert, und auch der Bus selbst war eine Spende. Der laufende Betrieb wird viel durch Kooperationen und Sachspenden am Leben gehalten – um die kümmert sich Gülay. Hamburg Wasser zum Beispiel spendet Frischwasser, Hanseatic Help frische Kleidung. Der FC St. Pauli und das Museum für Kunst und Gewerbe stellen zwei der Standorte für die Busstops zur Verfügung. Darüber hinaus bringen zum Beispiel Mitarbeitende des Rathauses Altona – dort steht der Bus montags – immer wieder Sachspenden vorbei. 

Der GoBanyo Duschbus mit zwei Pavillons vor beiden Türen.  | © Der GoBanyo Bus kurz nach Betriebsschluss vor dem Millerntorstadion | Bild: Fabia Suhl
© Der GoBanyo Bus kurz nach Betriebsschluss vor dem Millerntorstadion | Bild: Fabia Suhl

Weitere enge Partnerschaften pflegt GoBanyo mit dem Bezirksamt Altona, der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe sowie mit der Caritas, die mit ihrem Medizin-Mobil regelmäßig vorbeikommt, damit die Duschgäst*innen sich gleich nach dem Waschen untersuchen lassen können.

Eine Erfolgsgeschichte?

Auf die Frage, ob Gülay das Projekt nach sechs Jahren Betrieb als Erfolg betiteln würde, äußert sie sich verhalten: „Jede Dusche, die bei uns benötigt wird, ist eine Dusche zu viel. Jeder Mensch sollte Zugang zu eigenen Sanitäranlagen im eigenen Wohnraum haben.“ Sie fügt aber an: „Unser Projekt wird gut angenommen und das freut uns sehr. Unsere Duschgäst*innen vertrauen uns, weil sie wissen, dass wir keine Fragen oder Bedingungen stellen und einfach für sie da sind.“

Ich lese Vorfreude und Erleichterung aus ihrem Lächeln heraus, während sie erzählt, dass es bald endlich einen zweiten Bus geben wird. Allerdings bedeutet das erstmal nicht mehr Duschen für Bedürftige, da der aktuelle Bus nach sechs Jahren Betrieb dringend ausführlich gewartet werden muss.

Der originale GoBanyo Duschbus und sein Nachfolger stehen zueinander gewendet vor dem FC St. Pauli Millerntorstadion | © Der originale GoBanyo-Duschbus (links) und sein Nachfolger | Bild: Julia Schwendner
© Der originale GoBanyo-Duschbus (links) und sein Nachfolger | Bild: Julia Schwendner

Umso wichtiger, dass es bald einen Nachfolger gibt, der den bisher genutzten Citaro 530 vertreten kann. Denn das Projekt ist ziemlich einzigartig, vor allem für Deutschland. Das einzige Vorbild der GoBanyo-Gründer*innen war damals eine mobile Duscheinheit in Los Angeles. Gülay erzählt, dass häufig gefragt würde, ob ihr Projekt auf andere Städte ausgeweitet werden kann, doch dafür fehlen schlichtweg die Kapazitäten. Dennoch gibt es Entwicklungen über Hamburgs Grenzen hinaus. Das MOBALNI der Malteser in Hannover hat das Betriebs- und Duschkonzept von GoBanyo übernommen. Es gab sogar ein Exchange-Programm, verrät Gülay: „Wir haben das MOBALNI-Team besucht, damit sie aus unseren Fehlern lernen können und diese gar nicht erst machen müssen.“

Doch weiterhin ist das Hauptziel nicht Expansion. Ganz im Gegenteil: „Unser Ziel ist, die Hamburger Politik irgendwann so weit zu kriegen, dass sie eigene Sanitäranlagen für Menschen auf der Straße betreibt – und vor allem Wohnraum schafft für Menschen, die auf der Straße überleben müssen. Unsere Arbeit soll es gar nicht mehr brauchen.“ Gülay fordert Wohnraum für alle, „bedingungslos und ganz unabhängig davon, ob diese Menschen gearbeitet haben oder nicht, ob sie aus Deutschland kommen oder nicht. Das ist uns sehr wichtig. Sehr vielen Menschen fehlt der Zugang zum Hilfesystem und für genau diese Menschen wollen wir da sein.“

Mehr erfahren

Das Video zu unserem Besuch im Duschbus findest du bald auf unserem Instagram-Kanal. Mehr Infos zu GoBanyo, Duschpatenschaften sowie weitere Spende- und Unterstützungsmöglichkeiten findest du auf ihrer Webseite.

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