Am Beispiel einer bedrohten Kiezbuchhandlung in Berlin-Steglitz zeigt sich ein alarmierender Trend: Rasant steigende Gewerbemieten verdrängen das soziale Leben aus unseren Städten. Während die Politik über Mietendeckel streitet, kämpfen Anwohnende um ihre Begegnungsorte. Eine Reportage über den Wert der Nachbarschaft in Zeiten maximaler Verwertung.
Wo sich Bismarck- und Sachsenwaldstraße im Berliner Stadtteil Steglitz kreuzen, kreuzen sich auch die alltäglichen Wege der Anwohnenden. Zwischen Discounter und Rewe, nur zwei Minuten von der Grundschule entfernt, laufen sich Nachbar*innen hier gleich mehrmals am Tag über den Weg. Es ist die Adresse von Walthers Buchladen. Und das bereits seit dem Jahr 1969.
Martina Barry hat die kleine Kiezbuchhandlung 2011 übernommen. Diesen Ort, an dem sich Menschen zu Themen austauschen, die die Bücher, die man hier kaufen kann, in sich tragen: Gleichberechtigung, Demokratie, Verbindung. „Viele schätzen diese Breite an Themen. Wir schauen nicht nur darauf, was sich gut verkauft. Wir wollen Gespräche anregen und zeigen, welche Möglichkeiten des Miteinanders es in einer Gesellschaft gibt. Das ist unser Antrieb.“ Bis vor wenigen Wochen die plötzliche Kündigung ins Haus flatterte.
An einem Mittwochnachmittag bin ich mit den beiden Buchhändlerinnen Martina Barry und Andrea Anton verabredet. Wir sitzen auf der Empore, oberhalb des Kassenbereichs. Auf einem hellen Lesesofa, wo normalerweise Kinder und Jugendliche in Bilderbüchern, Leselöwen oder Romanen nach neuen Geschichten suchen. Von hier aus hat man einen guten Blick über die fein sortierte Belletristik-, Graphic-Novel- und Sachbuchauswahl.
Ich lebe hier seit acht Jahren und muss mich auf jedem Gang zum Supermarkt zwingen, keinen Zwischenstopp bei Walthers zu machen. Denn sobald ich drin bin, verliere ich das Zeitgefühl. Was man hier findet: unglaublich gute Bücher. Was man hier nicht findet: Spiegel-Bestseller-Aufkleber. „Die machen wir immer sofort ab, wenn neue Ware reinkommt“, sagt Andrea Anton. „Wir bestellen die Bücher, weil wir sie gut, wichtig und relevant finden. Nicht, weil sie einen Aufkleber haben. – Kaffee?“, fragt sie. Ich nicke.
Auch Martina Barry kommt nun die drei Treppenstufen nach oben, in der Hand einen Teller mit Keksen. Sie stellt ihn auf einem kleinen Schemel zwischen uns ab. In den Gesichtern der beiden Frauen spiegelt sich das, was in den letzten Wochen passiert ist, deutlich wider: Irritation und Enttäuschung einerseits. Aber auch Entschlossenheit und positive Überwältigung von der immensen Unterstützung durch die Nachbarschaft.
Die Odysee begann Anfang März. Ein Bote der Hausverwaltung brachte das Kündigungsschreiben, das drohende Aus kam aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung. „Wir waren geschockt. Die Bank behauptete, es handele sich nur um eine ,Änderungskündigung’ zur Mietanpassung. Als wir dann das Gespräch suchten, hieß es: ,Wenn Sie bleiben wollen, kostet es ab Januar so und so viel.’“ Eine Mieterhöhung auf 22 Euro pro Quadratmeter.
22 Euro pro Quadratmeter. Dass dieser Preis keine Ausnahme ist, belegt eine aktuelle Datenrecherche des Tagesspiegel-Innovation-Labs: Demnach sind die Mieten für Gastronomie und Läden in Berlin seit 2010 um 90 Prozent gestiegen. Mit durchschnittlich 18,93 Euro pro Quadratmeter liegt die Hauptstadt bundesweit bereits auf Platz fünf. Dabei liegt Walthers Buchladen in einer sehr ruhigen Gegend, weit weg von der „pulsierenden Hauptstadt“. Doch gerade hier ist man aufeinander angewiesen. Viele ältere Menschen leben im Kiez. Sie treffen sich bei Walthers oder auf dem Weg dorthin. Walthers bedeutet Halt, soziale Kontakte, Lebendigkeit. Eine feste Institution. „Wenn Walthers nicht mehr ist, bin ich auch bald nicht mehr“, lese ich in der Kommentarspalte bei Facebook unter einem Post, in dem die Situation der Kiezbuchhandlung beschrieben wurde.
Die Buchhändlerinnen schütteln voller Unverständnis den Kopf, während sie eine Metapher aus dem Banktermin zitieren. „Uns wurde das Beispiel vom Frosch im Kochtopf genannt: Wenn man das Wasser langsam erhitzt (also: die Miete schrittweise steigert), merkt der Frosch es nicht und überlebt. Wenn man ihn in kochendes Wasser wirft, stirbt er. Man betrachtete uns also als Frösche, die man langsam ,garen’ muss…“ Wobei der Vergleich hinkt: In beiden Fällen ist das Ergebnis für den Frosch tödlich. Geht es in dieser Logik nicht weniger um das Überleben des Mieters, als um die Geräuschlosigkeit seiner Verdrängung?
Wie den Frauen in Walthers Buchladen geht es vielen Einzelhändler*innen. Innerhalb von fünf Jahren ist allein die Zahl der Buchhandelsunternehmen um fast ein Viertel eingebrochen. Gab es 2018 noch über 3.900 Betriebe, waren es 2023 lediglich 2.980. Jede 4. unabhängige Buchhandlung ist somit verschwunden. Dieser Rückgang zog einen Verlust von rund 5.400 Arbeitsplätzen nach sich. Das ist bitter. Denn unabhängige Buchhandlungen wie Walthers sind Teil des demokratischen Rückgrats unserer Gesellschaft.
„Wir haben unsere Situation auf der Website geschildert, Aushänge gemacht und Social Media genutzt. Eine Kundin hat die Campact-Petition unter dem Titel ,Kiezbuchhandlungen sind Kulturgut – Walthers Buchladen in Steglitz erhalten!’ gestartet“, erzählt Martina Barry.
Andere Kund*innen, die selbst bei der Bank Konten oder Genossenschaftsanteile haben, schreiben Beschwerdebriefe. Auf Social Media Plattformen ploppen Kommentare auf: „So eine Sauerei, Walthers Buchladen rauskündigen zur Gewinnmaximierung.“ Oder ein erschrockenes „Hier haben sich meine Eltern kennengelernt!“
Eine Welle der Solidarität geht über das Viertel, über Berlin, über das ganze Land. Der kleine Buchladen im ruhigen Steglitzer Bismarckkiez wird binnen einer Woche nahezu berühmt. „Wir sind ganz furchtbar gerührt“, heißt es auf der Website von Walthers Buchladen, „von dem Engagement und der Unterstützung, die uns seit Anfang März erreicht hat. Wir fühlen uns durch Ihren und euren Zuspruch gestärkt. Walthers Buchladen ist ein Teil des Kiezes und Sie und ihr habt es geschafft, dieses Signal hier in Steglitz und darüber hinaus strahlen zu lassen.“
Die Immobilie ging 2019 in den Besitz der PSD Bank Berlin-Brandenburg über, die mittlerweile mit der BBBank verschmolzen ist. Für die Verwaltung ist heute die PSD Berlin Immobilien GmbH verantwortlich. Es ist dem Druck der Öffentlichkeit zu verdanken, dass die Kündigung schließlich zurückgezogen wurde. „Aber es ist noch immer ein Wechselbad der Gefühle“, sagt Martina Barry. Erst gestern hatten sie wieder einen dieser wichtigen Termine bei der Bank.
„Die Eigentümer verkünden bei jeder Gelegenheit, für Kultur zu stehen, sind am Ende aber doch nur an der Verwertung ihrer Immobilie interessiert. Der Mietvertrag läuft jetzt zwar erst einmal weiter wie bisher, aber unsere Bitte um Planungssicherheit durch einen längerfristigen Vertrag wurde abgelehnt. Wir sind hin- und hergerissen zwischen der Wärme der Nachbarschaft und der Kälte der Eigentümer.“
Da sei auch viel Vertrauen verloren gegangen, fügt Andrea Anton hinzu. Es bleibe eine große Unsicherheit. Man werde gegen andere Gewerbetreibende ausgespielt. „Da könnte ja auch ein Bäcker oder Schuster kommen, heißt es dann. Dabei sind kleine Einzelunternehmen darauf angewiesen, dass die Mieten bezahlbar bleiben, weil sie gar nicht solche Massen erwirtschaften können. Sogar gegen die Mieter*innen im Haus werden wir ausgespielt, weil diese bereits mehr zahlen. Dabei wollen wir solidarisch miteinander leben, statt uns spalten zu lassen. Es geht nicht um Ressourcenknappheit – der Raum ist ja da – es geht nur darum, wie viel Geld man herauspressen kann. Das macht einfach wütend.“
Eine Wut, die zumindest in Teilen der Berliner Politik angekommen ist. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf warnte jüngst im Tagesspiegel, die Entwicklung der Gewerbemieten sei „alarmierend“ und bedrohe den Zusammenhalt. Gewerbemieter dürften nicht länger der Willkür ihrer Vermieter ausgesetzt bleiben, sagte auch Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Während die Grünen und die Linke einen Mietendeckel und besseren Kündigungsschutz fordern, bremst die CDU. Jan-Marco Luczak (CDU) äußerte sich gegenüber einem Gewerbemietspiegel oder einer Mietpreisbremse skeptisch, die einzelnen Gewerbe, Mieter und Lagen seien dafür viel zu unterschiedlich. Eine Filiale von McDonald’s oder ein Aldi habe eine ganz andere Ausgangslage und eine ganz andere Schutzbedürftigkeit als der inhabergeführte kleine Spielzeugladen im Kiez.
Oder eben die Buchhandlung in Steglitz.
Ein älterer Herr betritt den Laden, Andrea Anton ist sofort bei ihm im Erdgeschoss. Man kennt sich hier, in den meisten Fällen sogar namentlich. Und ich frage mich: Wo gibt es das in Berlin noch?
In dieser riesigen Stadt, in der Menschen aneinandervorbeileben und aneinandervorbeisterben, oft Wand an Wand, ohne auch nur je ein Wort gewechselt zu haben. Hier ist das anders. Es ist der physische Ort, der Demokratie im Kleinen lebendig macht, und er ist über Jahrzehnte gewachsen, also nicht einfach so abstellbar oder austauschbar. „Die Menschen kommen her, um Bücher anzusehen, darin zu blättern, darüber zu sprechen – als Gegenentwurf zum anonymen Internetkauf. Aber sie kommen auch einfach zum Schwatzen vorbei“, erzählt Andrea Anton und lässt dabei ihren Blick über die Regale schweifen. Gerade ist Martina Barry unten und bedient eine Kundin mit Kind. „Wir nehmen Schlüssel für Nachbarn entgegen, machen Lesungen und Bilderbuchkino. Zum Welttag des Buches kommen Schulklassen, oft Kinder, die zum ersten Mal eine Buchhandlung von innen sehen. Es ist ein Ort des Austausches. Während Corona war das extrem spürbar: Die Menschen brauchen diesen sozialen Kontakt, sie brauchen ihn dringend.“
Einen neuen Standort finden – auch darüber haben die Buchhändlerinnen gemeinsam mit der Nachbarschaft gesprochen. „Aber wir wollen hier ja nicht weg“, sagt Martina Barry. „Der Laden passt zu uns, die Ecke ist ein Treffpunkt. ,Wir treffen uns bei Waltherchen’, das sagen die Leute hier.“ Und genau darum geht es ihnen: um „die Leute hier“. Und nicht um den großen Gewinn durch den Verkauf von Büchern. Wie auch? Die Buchpreisbindung ist nun mal da, und das sei auch absolut richtig so, sind sich die beiden Frauen einig. Aber viel Luft nach oben sei da eben nicht. Das bisschen Geld, das da ist, wird in Lesungen und Veranstaltungen gesteckt. Die nächste anstehende Lesung findet bereits am 30. April mit der Suhrkamp-Autorin Svenja Leiber statt, die aus ihrem neuen Roman „Nelka“ liest. Am 20. Mai gastiert der März Verlag mit Thea Mantwill und ihrem Buch „Gescheiterte Sterne“, gut vier Wochen später, am 18. Juni, folgt Björn Kröger mit seinem bei Matthes & Seitz erschienenen Debüt „Zunehmende Trübung – Geschichte eines klaren Sees“.
„Wir zahlen den Autor*innen faire Honorare und halten die Eintrittspreise niedrig, damit niemand ausgeschlossen wird. Das erscheint uns sinnvoller, als das Geld einer Bank zu geben. Wenn das Geld dorthin fließt, hat ja im Kiez niemand etwas davon“, erklären die Betreiberinnen von Walthers Buchladen.
Ein Wunsch für die Zukunft? Martina Barry und Andrea Anton sehen sich an. „Wir brauchen einen Gewerbemietendeckel. Es darf nicht sein, dass Mieten willkürlich erhöht werden können, nur weil man irgendwo länger bleiben möchte. Es braucht Mieterschutz für kleine Gewerbe, damit Schuster, Buchhändler und Kneipen eine Existenzgrundlage haben.“ Ob dieser Wunsch Gehör findet, ist offen. Laut Tagesspiegel prüft der Berliner Senat derzeit zwar eine Bundesratsinitiative zur Einführung eines Gewerbemietspiegels, um mehr Transparenz zu schaffen. Für eine echte Begrenzung der Mieten wolle man sich beim Bund jedoch nicht einsetzen.
Als ich den Laden verlasse, stehen zwei Nachbar*innen vor der Tür. Sie begrüßen mich mit einem „Hast du das gehört? Die Eckkneipe zwei Straßen weiter soll jetzt auch schließen. Der Mietvertrag wird nicht verlängert. Die Wirtin hätte noch zwei Jahre bis zur Rente gehabt.“
Ein Kiez stirbt, geht es mir durch den Kopf.
Aber ein Kiez stirbt nur dann, wenn wir ihn kampflos aufgeben. Der Fall ‚Walthers Buchladen‘ beweist: Die Öffentlichkeit besitzt eine enorme Schlagkraft, die weit über das Vorstellungsvermögen des Einzelnen hinausgeht. Doch Solidarität kann nicht dauerhaft die systemische Unterfinanzierung von Kulturräumen durch überzogene Renditeerwartungen ausgleichen. Wenn die Schere zwischen Miete und Ertrag immer weiter auseinanderklafft, steht mehr auf dem Spiel als ein Ladenlokal – es geht um das demokratische Rückgrat unserer Stadt.
Die Nachbarschaft ist im Fall von Walthers Buchhandlung bereits auf die Barrikaden gegangen. Ob unsere Kieze lebendige Kulturräume bleiben oder zu seelenlosen Renditeflächen verkommen, ist eine Machtfrage. Eines ist klar: Die Gestaltung unserer Lebensräume darf nicht länger der Willkür von Immobilienkonzernen überlassen werden. Hier muss die Politik endlich Farbe bekennen und mit harten gesetzlichen Regulierungen die soziale Rendite vor den Profit stellen.
Unabhängige Buchhandlungen sind keine bloßen Verkaufsstellen, sondern kulturelle Ankerpunkte. Wo Algorithmen den Mainstream füttern, kuratieren inhabergeführte Läden mit politischem Profil und bieten kleinen Verlagen eine Bühne. Wer lokal kauft, investiert direkt in die Vielfalt des Kiezes und setzt ein Zeichen gegen sterile Innenstädte und kulturelle Monokultur.