In Film und Fernsehen steht es – wie auch im Rest der Gesellschaft – nicht gerade gut um die Geschlechterverteilung. Ab dem 50. Lebensjahr kommen im deutschen Fernsehen auf drei Männer nur noch eine Frau. Eine Diskriminierung, sagt die Schauspielerin Gesine Cukrowski und kämpft für mehr Sichtbarkeit und gegen Stereotype wie die des Mannes als Retter und die der immer dünnen Hauptdarstellerin.
„Silke und ich waren ganz unabhängig voneinander als Zuschauerinnen frustriert, weil wir unsere Altersgruppe in Film und Fernsehen nicht mehr abgebildet gesehen haben. Natürlich kann man sich auch unterhalten lassen durch irgendwelche Knallereien, aber wenn ich fernsehe, möchte ich etwas für mich mitnehmen, das mich im besten Falle auch bereichert. Wir Älteren wollen gleichwertig vorkommen, wir wollen uns als erzählte Geschichte wiederfinden, denn uns interessiert ja zum Beispiel auch, was auf uns zukommen könnte. Doch diese Vorbilder und Perspektiven fehlen.“
„Ja, die MaLisa Stiftung hat das schon zusammen mit der Uni Rostock 2017 analysiert. Silke Burmester und ich haben als Auswirkung der Kampagne eine Analyse des fiktionalen Hauptabendprogramms der ARD-Degeto für das Jahr 2022 vorgenommen. Was trotz einiger Verbesserungen nach wie vor ein totales Tabu ist und als Geschichte einfach nicht vorkommt, ist die Zeit der Wechseljahre und die spannende Zeit danach, also die erzählten Jahre zwischen 50 und 60, wo bei Frauen so viel passiert. Das ist tatsächlich eine Leerstelle.“
„Das ist Diskriminierung! Es gibt den Medienstaatsvertrag. Demnach haben die TV-Sender eine Verpflichtung, die Gesellschaft abzubilden, in all ihrer Vielfalt und in ihrer Diversität. Theoretisch müsste jede vierte Figur in Film und Fernsehen eine Frau über 47 sein, denn nur das würde unsere Gesellschaft real widerspiegeln.“
„Ja, denn ab dieser weiblichen Lebensphase gibt es dann keine Angst mehr vor den Frauen. Das nämlich gibt es tatsächlich: eine Angst vor dem Altern von Frauen! Das zeigt sich an ganz vielen Dingen, nicht zuletzt auch an uns selbst, die wir teilweise selber nicht gut damit klarkommen, wenn wir in den Spiegel schauen und dann Geld investieren, bloß damit man keine Falte sieht. Daran können wir gut erkennen, wie tief das in uns allen steckt und vor allem von außen verankert wurde. Und das wird ja eher schlimmer als besser. Jetzt fangen schon die Kinder an, sich mit Anti-Aging auseinanderzusetzen, das ist doch völlig absurd.“
„Die wenigen, die sich damit auseinandersetzen und echte Veränderungen wollen, die feiern das. Ganz viele andere aber leider nicht! Tatsächlich ist Pamela Anderson extremen Anfeindungen ausgesetzt, von Leuten, die ihr übel nehmen, dass sie sich als ehemaliges Sexidol plötzlich verweigert, dieses Spiel weiter mitzuspielen und das tut, was sie für richtig hält. Aber in unseren Bubbles ist sie ein tolles Vorbild und lässt sich auch von Häme nicht beirren.“
„Vielen Männern, die in unserem patriarchalen Wertesystem erzogen wurden, fällt es ausgesprochen schwer, vor einer Frau Schwäche zu zeigen. Das gilt natürlich auch für Schauspieler. Auch wenn sie nur eine Rolle spielen, tun sich viele schwer, einer Frau gegenüber – selbst wenn es nur für eine kleine Szene, einen kurzen Moment ist – in den sogenannten Tiefstatus zu gehen. In der Schauspielerei sprechen wir von Hoch- und Tiefstatus: Je nachdem, welche Beziehungen Figuren dramaturgisch zueinander haben; wer ist dominant oder überlegen und umgekehrt. Spannende Dynamiken, die es erzählerisch braucht, die aber nicht am Geschlecht festgemacht werden sollten. Das aber ist leichter gesagt als getan. Vor allem Männern fallen aufgrund ihrer über Generationen anerzogenen Verhaltensmuster Veränderungen dieser längst überkommenen und schlicht falschen Erzählweisen schwer. Viele Autor*innen haben längst verstanden, wie langweilig es ist, wenn wir immer wieder fälschlicherweise reproduzieren, dass die Frau das schwächere Geschlecht ist und der Mann der Retter. Der Mann, der alles weiß, deshalb erklärt er uns die Welt und so weiter. Das ist auch nichts Exklusives in der Filmbranche. Das gibt es überall. Ganz präsent gerade – zu unser aller Leidwesen – in der Politik. Davon müssen wir weg. Hört den klugen Frauen zu und lasst sie ihre Stärke zeigen!“
„Die sind alle schon da, wenn man sie lässt. Das ist nicht nur eine Frage von Quantität, da passiert schon eine ganze Menge, und deswegen lautet mein Untertitel ,Raus aus der Klischeefalle'. Es kommt darauf an, was erzählt wird. Also nicht nur, dass Frauen überhaupt erzählt werden, sondern dass wir uns von unseren Mustern befreien. Und zwar egal, welches Geschlecht wir haben.“
„Man kann sich gar nicht vorstellen, wie oft das in Krimis passiert. Wenn es nicht anders geht, spielen wir es natürlich – das ist unser Beruf, den möchten wir auch weiter ausüben. Aber oftmals geht das kaum mehr ohne einen Lachanfall am Set. Diese Klischees sind uns sehr bewusst. Noch ein Beispiel: Eine Kollegin hat mir erzählt, sie sollte kürzlich eine demente Mutter spielen, mit 60! Wer hat im Alter von 60 Jahren bereits eine diagnostizierte Demenz? Das wäre ein sehr tragischer Einzelfall, darüber wurde aber nicht nachgedacht. Es ist wirklich krass, was für Vorurteile es gibt und wie diese Klischees funktionieren. Ein weiteres Beispiel ist auch, wenn eine Frau sich für den Beruf entscheidet, muss sie logischerweise ein ganz schlechtes Verhältnis zu den Kindern haben und wird – offen oder subtil bespielt – ganz automatisch als eine sogenannte ,Rabenmutter’ wahrgenommen. Und zwar innerhalb der filmischen Erzählung und damit auch in der Betrachtung der Zuschauer*innen.
Oder was Körperformen betrifft: Die Hauptfiguren, die nach der großen Liebe suchen, tragen fast ausschließlich Größe 34. Das Statistische Bundesamt sagt jedoch, dass die Frau in Deutschland durchschnittlich Größe 42 oder 44 trägt. Diese Kleidergrößen kommen in Hauptrollen nahezu gar nicht vor! Und im nächsten Schritt werden bestimmten Körperformen ganz bestimmte Charakterzuschreibungen übergestülpt: Wer mehrgewichtig ist, muss faul und undiszipliniert sein, weswegen diese Frau auch keine Ärztin oder Anwältin sein oder irgendeinen anderen akademischen Beruf ausüben darf. Akademische Berufe wiederum sind fast immer mit sehr schlanken Frauen besetzt. Es geht am Ende doch darum, dass wir in der Abbildung in Film und TV unserer Bevölkerung gerecht werden, und das tun wir einfach nicht.“
„Die Klischees für Männer fallen aktiver aus und sind körperlich nicht so begrenzend. Sie sind die Abenteurer und die, denen man alles zutraut, die alles können – Tarzane eben! Und wir hatten und haben noch immer seit Jahren und Jahrzehnten auch mehrgewichtige Männer in Krimi-Hauptrollen. Das war und ist scheinbar bei Männern vollkommen normal. Genau wie graue Haare und Falten. Umgekehrt gibt es das für Frauen einfach nicht.“
„Laut der MaLisa-Stiftung kommen im deutschen Film und Fernsehen ab 50 Jahren nur noch eine Frau auf drei Männer, obwohl der Frauenanteil in der Bevölkerung mit zunehmendem Alter immer größer wird.
Und im Gegensatz zu den Männern wurden und werden Frauen grundsätzlich in der Erzählung in Film und Fernsehen sexualisiert. Deshalb sieht man so wenig ältere Frauenfiguren, denn man möchte den jungen sexy Körper sehen, so wie man es gewohnt ist.
Man vertraut nicht darauf, dass die Geschichte funktioniert, sondern man würzt sie sozusagen mit sexy Frauen, mit dem männlichen Blick auf Frauen. Dieses Phänomen nennt man zusammengefasst eine Objektifizierung. Man macht die Frau zum Objekt, zum Objekt der männlichen Begierde, und wenn die Frauen älter werden, passt das in den gewohnten Blick nicht mehr rein.
So sind wir alle groß geworden. Seit 100 Jahren schauen wir Filme über genau diese Sexualisierung, ohne uns dessen bewusst zu sein, denn es ist unser ,Normal'. Das heißt im Klartext: Die sexualisierte Frau ist die Norm. Da wir von dieser falschen Normierung des Weiblichen tief geprägt sind, empfinden wir es als unattraktiv, wenn eine ältere Frau gezeigt wird. Kürzlich sagte ein Produzent über eine Ende-60-Jährige: ,Die möchte ich nicht sehen, die sieht aus, als sei da ein Bus drüber gefahren'. Das ist eine starke Form von Diskriminierung. Aber wir sind dieser Altersdiskriminierung ausgesetzt, und das ist nicht nur eine Beleidigung dieser einen Person, sondern gegenüber allen Frauen, die es wagen, einfach nur alt zu werden, ohne kosmetische Eingriffe. Frauen sind keine Menschen, die nur dann eine Berechtigung haben, wenn sie irgendwelche sexuellen Geschichten oder Sichtweisen befriedigen. Wir Frauen machen mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung aus und wir haben kein Ablaufdatum.“
Buchtipp: Gesine Cukrowski: „Sorry Tarzan, ich rette mich selbst! Raus aus der Klischeefalle“, Herder Verlag, 22 Euro. Mehr erfahren.
Am 11. Oktober 2025 findet im bcc Berlin der FFF DAY statt. Gemeinsam mit weiteren Speaker*innen spricht Gesine Curkowski auf der Konferenz über Sichtbarkeit von Frauen 50+ in den Medien, auf dem Panel:
„Vom Mut, unsere Sehgewohnheiten zu ändern: Sichtbarkeit von Frauen 50+ in den Medien“
Sichtbarkeit in den Medien bedeutet Macht – doch ab einem bestimmten Alter verschwinden Frauen oft aus der öffentlichen Wahrnehmung. Stattdessen dominieren klischeehafte Stereotype: die schlanke Ärztin oder die übergewichtige, lustige Krankenschwester. In einer Gesellschaft, in der 20 Millionen Frauen über 50 Jahre alt sind, ist diese Unsichtbarkeit besonders auffällig. Während Männer weiterhin vielfältige Darstellungen finden, stellt sich die Frage: Warum wird das Alter der Frau in den Medien so stark ausgeblendet? In diesem Panel diskutieren wir, wie wir mehr weibliche Role-Models jenseits des gebärfähigen Alters sichtbar machen und dem Klischee der ewigen Jugend entgegentreten können.
Du möchtest bei dem Panel dabei sein? Unter fffday.com findest du Infos zur Konferenz, zum Programm, zu den diesjährigen Speaker*innen und deinem Ticket, das du hier sichern kannst.
Beim FFF Day 2025 im bcc Berlin feiern wir den Mut, für Menschenrechte und Demokratie einzustehen. Wir wollen den verschiedenen Facetten von Mut Raum geben – weltweit und individuell. Gemeinsam erkunden wir, wie Mut sich in unterschiedlichen Kontexten zeigt, wie Privilegien unsere Perspektive darauf prägen und was Mut bewirken kann. Unter dem Motto „Be bold“ feiern wir mutige Menschen, die Grenzen überwinden und Veränderung schaffen. Freu dich auf inspirierende Keynotes, internationale Stimmen und vielfältige Begegnungen, die Mut sichtbar und spürbar machen.
Lasst uns zusammen mutig die Zukunft gestalten! Sichere dir dein Ticket JETZT!