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Glitterclit schafft effektive Aufklärungsarbeit.  | © Jeanette Petri
© Jeanette Petri
29.06.2026 • 10:36
Autorin Sarah Große-Johannböcke | © Lara Abul-Ella Sarah Große-Johannböcke
10 Minuten
So geht Aufklärung 

Glitzernde Sexualpädagogik gegen Scham & Wissenslücken

Die anatomisch korrekten Genitalmodelle von glitterclit sind weich, plüschig, manchmal glatt, mit Schlangenmustern oder in knalligen Farben gestaltet, vor allem aber glitzern sie. Erst auf den zweiten Blick wird klar, was man da eigentlich in der Hand hält und dass sich Penis und Vulva gar nicht so sehr unterscheiden, wie vielleicht gedacht. Im Interview spricht Linu Lätitia Blatt darüber, warum Aufklärung manchmal gerade dann am besten funktioniert, wenn sie bunt ist.

Wie funktioniert moderne Aufklärungsarbeit eigentlich? Zunächst einmal natürlich über Sprache: schambefreit über „das da unten“ sprechen, Wörter finden für Körperteile, die lange nicht oder nicht richtig benannt wurden, und den eigenen Körper erkunden. Doch sobald es um Anatomie im engeren Sinne geht, zeigt sich schnell, dass viele Schulbücher und klassische Darstellungen bis heute erstaunlich ungenau bleiben. Und das ist ein Problem. Insbesondere bei Vulven, Vaginen und Klitoris (ja, das ist der korrekte Plural) klaffen Wissen und visuelle Vermittlung oft weit auseinander.
Genau diese Lücke wollen Noa Lovis Peifer und Linu Lätitia Blatt schließen. Die beiden Gründer*innen von glitterclit sind Sexualpädagog*innen und haben ein Bildungsprojekt aufgebaut, das seit 2019 sexuelle Aufklärung buchstäblich neu anfasst. 

Anatomisch korrekte Plüsch-Genitalien – Wie entstand die Idee hinter euren Modellen zum Anfassen?

„Mit den Plüschmodellen haben wir tatsächlich noch während des Studiums begonnen. Damals haben wir ehrenamtlich in einem Aufklärungsprojekt gearbeitet. Dabei ist uns aufgefallen, dass es zwar gute Penismodelle gibt, etwa zum Üben des Kondomüberziehens, dass diese Modelle aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt dessen zeigen, worüber man eigentlich sprechen sollte. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass es kaum Materialien zur Klitoris gab.
Wir selbst haben erst in unseren Zwanzigern gelernt, dass die Klitoris viel mehr ist als die kleine Klitoriseichel, die äußerlich sichtbar ist. Als wir dann ein Modell gesucht haben, um das Schüler*innen anschaulich erklären zu können, fanden wir schlicht keines. Also haben wir selbst eines gebaut. So macht man das eben, wenn man Kunst auf Lehramt studiert hat und gewohnt ist, Dinge selbst zu gestalten.
Alles begann mit ‚Doris der Klitoris‘, unserem ersten Modell. Uns war wichtig, die Klitoris anatomisch korrekt darzustellen, weil sie damals noch viel unsichtbarer war als heute. Später kamen dann noch andere Modelle dazu. ‚Penelope der Penis‘ oder ‚Moni die Monatsblutung‘ zum Beispiel.“

Ihr heißt „glitterclit“ und der Name ist Programm. Eure Genitalmodelle sind bunt und funkeln. Warum habt ihr euch für dieses spezielle Design entschieden und Variationen von Hauttönen abgelehnt?

„Weil wir finden, dass Glitzer Spaß macht. So einfach ist es. Das bunte Design lädt Menschen dazu ein, unsere Modelle zu erforschen und zu berühren. Oft wollen Leute die Modelle erstmal in die Hand nehmen. Einfach, weil sie glitzern. Das ist unserer Meinung nach der beste Zugang zu dem Thema. Wir wollen ganz bewusst nicht zu sehr an echte Körper erinnern, damit sich erstmal alle damit identifizieren können und sich niemand ausgeschlossen fühlt. Es ist also eine Art Abstraktion, die es leichter macht, damit zu arbeiten. So fallen vielleicht erstmal bestimmte Farben oder Stoffe auf, über die man sich austauschen kann. Unsere Modelle sind so niedrigschwellig konzipiert, dass man nicht sofort das Wort ‚Klitoris‘ sagen muss, sondern sich auch erst einmal annähern kann.“ 

Es geht euch in eurer Arbeit auch um queere Sichtbarkeit und den bewussten Bruch mit Binaritäten. Inwiefern lässt sich bei euren Modellen intergeschlechtliche Anatomie abbilden?

„Was unsere Modelle so besonders macht, ist, dass man sie tatsächlich anfassen und verschieben kann. Die Eicheln – sowohl die Klitoriseichel als auch die Peniseichel – lassen sich vor- und zurückbewegen, um verschiedene Ausprägungen zu zeigen. Beim Penismodell können die Hoden außerdem ins Körperinnere geschoben werden.
Hält man beide Modelle dann nebeneinander, sehen sie sich plötzlich sehr ähnlich, was kein Zufall ist, denn die Haut der äußeren Vulvalippen und die Haut des Hodensacks haben embryonal denselben Ursprung. Der Übergang ist auch in der Natur fließend, nicht binär. Uns war in der Entwicklung super wichtig zu zeigen, dass es nicht den einen Penis und nicht die eine Vulva gibt. Die meisten Körper liegen irgendwo auf einem Spektrum.
Ein kleiner Penis mit ins Körperinnere geschobenen Hoden sieht dem Aussehen einer herausragenden Klitoris sehr ähnlich. Soll heißen: Ein kleiner Penis könnte also auch eine große Klitoris sein und umgekehrt. Deshalb haben wir auch die Schwellkörper von Klitoris und Penis in denselben Farben gestaltet, weil sie strukturell sehr ähnlich aufgebaut sind. Die Klitoris kann genau wie ein Penis erigieren und anschwellen und das wird durch die Farbe direkt sichtbar.“

Erst zu Beginn dieses Jahres wurde ein vollständiges 3D-Modell des Nervengeflechts der Klitoris veröffentlicht. Warum hat das so lange gedauert?

„Unsere Gesellschaft und auch viele Gesundheitssysteme sind nach wie vor stark patriarchal geprägt. Wissen über die Klitoris gab es schon lange, aber es wurde nicht Teil des wissenschaftlichen Mainstreams.
Dem Lustempfinden von Menschen mit Klitoris wurde gesellschaftlich schlicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei geht es nicht nur um Lust. Es gibt unglaublich viel Körperwissen, das Menschen helfen könnte, ihren eigenen Körper besser zu verstehen.
Ein klassisches Beispiel ist die Vorstellung vom ‚vaginalen‘ und ‚klitoralen‘ Orgasmus. Viele Menschen glauben bis heute, das seien zwei unterschiedliche Dinge. Anatomisch betrachtet sind jedoch alle Orgasmen mit der Klitoris verbunden. Was häufig als vaginale Stimulation beschrieben wird, stimuliert in Wirklichkeit die inneren Anteile der Klitoris. Wird die Vagina von innen stimuliert, werden einfach nur bestimmte Bereiche des Klitoriskomplexes mitgereizt.
Das lässt sich an unseren Modellen sehr gut zeigen. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Wissen noch immer nicht selbstverständlich Teil sexueller Bildung ist.“

Wenn ich an meinen Biologieunterricht zurückdenke, spielte die Klitoris praktisch keine Rolle.

„Das überrascht mich nicht. Erst 2022 wurde erstmals eine anatomisch korrekte Darstellung der Klitoris in einem deutschen Schulbuch veröffentlicht. Das war ein echter Meilenstein.
Lange Zeit wurde der Penis detailliert dargestellt, während das Gegenstück oft nur als schematischer Schlitz oder in Verbindung mit dem Uterus gezeigt wurde. Selbst wenn die Vulva abgebildet war, wurde sie häufig fälschlicherweise als Vagina bezeichnet. Dabei sind das unterschiedliche Dinge: Die Vulva bezeichnet die äußeren Genitalien, zu denen auch die Klitoris gehört. Die Vagina ist der innere Muskelschlauch. Wenn die Vagina immer nur als Gegenstück zum Penis dargestellt wird, entsteht schnell der Eindruck, sie sei vor allem für Penetration da. Dabei bilden Vulva, Vagina und Klitoris einen eigenen, komplexen Körperbereich, der unabhängig vom Penis betrachtet werden sollte.“

Die Farbgebung ist kein Zufall: Beide Modelle teilen dieselbe Palette, weil sie denselben embryonalen Ursprung teilen. | © glitterclit
© glitterclit
Die Farbgebung ist kein Zufall: Beide Modelle teilen dieselbe Palette, weil sie denselben embryonalen Ursprung teilen.

Mit welchen Begriffen oder Vorstellungen von Genitalien bist du aufgewachsen?

„Ich bin noch mit dem Wort ‚Scheide‘ aufgewachsen. Die Scheide, die ja eigentlich nur dazu da ist, das Schwert zu halten. Auch das ist, wie ich finde, ein sehr unpassendes Wort, mit dem viele Wertungen einhergehen. Dass ich angefangen habe, andere Wörter zu benutzen, lag daran, dass Mithu Sanyal das Buch über die Vulva herausgebracht hat.
Erst in meinen Zwanzigern, also nach meiner Schulzeit, habe ich angefangen, mich auch mit der Klitoris als Organ zu befassen. Niemand hat uns das damals beigebracht. Nach viel Eigenrecherche habe ich dann noch viele andere tolle Begriffe wie z. B. ‚Vulvina‘ gelernt. Dieser Begriff wurde von der Sexualpädagogin Souzan AlSabah aus Köln erfunden. ‚Vulvina‘ beschreibt eine Mischung aus ‚Vulva‘ und ‚Vagina‘. Das ist manchmal praktisch, wenn man sich auf beides gleichzeitig beziehen will. 
Welche Wörter ich heute verwende, hängt sehr vom Kontext ab, in dem ich mich bewege. Für meine Arbeit benutze ich oft Wörter, die allen Menschen geläufig sind, um Barrieren abzubauen.“

Die Beschäftigung mit Vulven und die schambefreite Erforschung der eigenen Anatomie haben im Feminismus Tradition. Wo seht ihr eure Wurzeln und Ursprünge?

„Ich für meinen Teil bin Feminist*innen, die in der sogenannten ‚Frauengesundheitsbewegung‘ gearbeitet haben, immens dankbar. In den 1990er Jahren ist beispielsweise das Buch ‚Frauenkörper neu gesehen‘ in der deutschen Übersetzung von Dr. Laura Méritt erschienen. Es ist eine Anleitung zur Selbstuntersuchung von Vulva und Vagina mit vielen ausführlichen Zeichnungen und Beschreibungen, die zumindest auf dem deutschen Markt damals noch äußerst neu und skandalös waren. 
Schon vor 30 Jahren gab es Dinge wie Klitoris- und Vulva-Modelle, zum Beispiel von Dorrie Lane, der Erfinderin der sogenannten Vulva-Puppet. Und auch da ging es schon um Sprachspiele, so wie wir das mit ‚Doris der Klitoris‘ machen, um auf witzige Weise die Scham abzulegen.
Was wir aber natürlich total wichtig finden, ist der queere Blick auf Körper. Den gab es zwar auch schon damals, aber er stand nie richtig im Fokus. Uns ist es beispielsweise sehr wichtig, nicht per se vom ‚weiblichen Körper‘ zu sprechen, sondern von einem Körper mit Klitoris. So können wir mehr Leute ansprechen, denn auch trans- und nicht-binäre Personen können eine Klitoris haben.“

Wie nimmst du die gesellschaftliche Entwicklung rund um sexuelle Bildung wahr? Bewegt sich etwas?

„Ja, durchaus. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit sexualpädagogischem Wissen, feministischer Gesundheitsbildung und Körperwissen und das ist ein riesiger Gewinn. Gleichzeitig beobachten wir aber auch Gegenbewegungen. Vor allem rechte und konservative Gruppen stellen sich zunehmend gegen sexuelle Bildung und körperliche Selbstbestimmung. Aus rechtskonservativer Perspektive sind weiblich gelesene Körper sowie Körper, die keiner binären Norm entsprechen, weniger wert. Es geht dann oft nur darum, für die Reproduktion da zu sein. Nicht ohne Grund wird so heftig gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gewettert. Sexuelle Bildung über Körper mit Klitoris ist immer auch ein Beitrag zur Selbstbestimmung und zur Prävention sexualisierter Gewalt. Und das ist ein Thema, an dem rechte Gruppen kein echtes Interesse haben. Genau deshalb ist sexuelle Bildung gesellschaftlich so wichtig.“

Ihr beide seid ja sozusagen Allrounder*innen der sexuellen Bildung. 2023 habt ihr ein Kinderbuch herausgebracht, in dem es ums Sprechen über Genitalien geht. Wie sollte man am besten damit umgehen, wenn das eigene Kind einen nach Sex und Genitalien fragt? Was sollte man lieber nicht machen?

„Am allerwichtigsten ist meiner Meinung nach, dass man offen für die Fragen des Kindes ist. Das klingt so simpel, aber ich glaube, das ist ein ganz großer Faktor. Kinder interessieren sich für so viele Dinge. Warum sollten sie sich also nicht auch für Genitalien interessieren? Wenn Kinder anfangen, Fragen zu stellen, ist es wichtig, sie nicht dafür zu beschämen, sondern ihre Fragen zu beantworten.    
Auf keinen Fall sollten Eltern so tun, als wüssten sie alles. Kinder spüren ganz genau, wenn ein Thema besonders aufgeladen ist und sie es lieber nicht besprechen sollten. Dann kann es sein, dass sie das nächste Mal nicht mehr fragen. Im schlimmsten Fall kommen sie dann vielleicht nicht zu einem, wenn ihnen etwas passiert ist, und erzählen es einem nicht, weil sie ein schlechtes Gefühl zu dem Thema haben. 
Das offene Sprechen über Sex und Genitalien ist deshalb auch ein wichtiger Teil der Gewaltprävention. Kinder, die wissen, wie ihr Körper heißt und wie er aufgebaut ist, sind in der Regel selbstbewusster. Klar ist auch: Egal, wie viele Wörter ein Kind kennt – es ist natürlich nie schuld an einem Übergriff. Aber diese Kinder können sich leichter Hilfe holen und haben eine größere Sprachfähigkeit. Deshalb ist der wichtigste Rat für junge Eltern, ihren Kindern zuzuhören, ihre Fragen ernst zu nehmen, ihnen zu glauben, wenn sie etwas erzählen, und ihnen die richtigen Worte zu geben.“

Wir haben vorhin auch über verschiedene Begriffe gesprochen. Welche Begriffe sollten Eltern ihren Kindern für ihre Genitalien beibringen?

„Ich finde es auch wichtig, die Kinder nicht mit zu vielen Begriffen zu überfrachten. Wenn ein Kind sich zum Beispiel ein Wort ausdenkt und seinen Penis ‚Pipimann‘ nennt, dann kann man diesen Begriff einfach übernehmen. 
Da kann man unterscheiden. In unserem Kinderbuch gibt es eine klare Trennung zwischen Fachsprache, also Wörtern, die Erwachsene verstehen und die Kinder kennen müssen, wie zum Beispiel ‚Vulva‘ oder ‚Penis‘, und Wörtern, die sich Kinder für ihren eigenen Körper ausdenken. Wenn ein Kind seinen Penis also ‚Pipimann‘ nennt, ist das doch toll.
Wir dürfen Kindern zugestehen, dass sie wissen, wovon sie reden, denn sie sind Expert*innen ihres eigenen Körpers.“

Gibt es etwas, das du dir für die Zukunft wünschst? Persönlich oder für glitterclit?

„Das mag jetzt etwas abstrakt klingen, aber ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir die Faschisierung noch aufhalten können. Das hat auch einen ganz konkreten Einfluss auf sexuelle Bildung. Als glitterclit sind wir genauso wie andere sexualpädagogische Projekte bedroht von rechten Parteien wie der AfD, die gar keine Lust haben, dass wir unserer Arbeit nachgehen.
Es ist wichtig, von einem schweren und bedrückenden Aufklärungsunterricht wegzukommen und stattdessen etwas zu bieten, das Spaß macht, einladend ist und trotzdem genauso viel Gewaltprävention bietet. Sexualkunde darf das. Es ist also nicht so, dass wir Kinder umso mehr schützen, je ernster wir über etwas reden. Manchmal schützen wir sie, indem wir niedrigschwellig ins Gespräch gehen und viele Gesprächsanlässe schaffen, die gar nicht immer so ernst und belehrend sein müssen. Und das funktioniert mit unseren Modellen sehr gut, finde ich.“

© Jeanette Petri
© Jeanette Petri
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