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Parshad Esmaeili sitzt auf einem Teppich neben einem Fernseher und schaut nachdenklich in die Kamera.  | © Lottermann and Fuentes / Droemer Knaur
© Lottermann and Fuentes / Droemer Knaur
13.04.2026 • 16:00
Autorin Sarah Große-Johannböcke | © Lara Abul-Ella Sarah Große-Johannböcke
13 Minuten
Interview

Parshad Esmaeili über ‚Neo Match Up‘: „Entertainment kann heilen – mich hat es gerettet“

Im Interview spricht Comedienne Parshad Esmaeili über ihre neue Show, den Kampf mit dem Imposter-Syndrom und ihr Leben als Alleinerzogene in der iranischen Diaspora.

Parshad Esmaeili ist dafür bekannt, ihren Alltag mit jeder Menge Herz und Selbstironie in den Sozialen Medien zu teilen. Noch während ihres Studiums begann sie, beim Hörfunksender Planet Radio zu arbeiten. Kurz darauf moderierte sie ihre eigene Sendung, fand bei Open Mics den richtigen Ton, baute sich online in kürzester Zeit eine riesige Follower*innenschaft auf und erhielt mit gerade einmal 22 Jahren den Deutschen Radiopreis. Mit Neo Match up moderiert sie jetzt ihre erste eigene TV-Show. Parshad ist laut, schnell, pointiert; „so eine, die aktiv entertaint“, wie sie selbst in ihrer Instagram-Bio schreibt. Doch hinter der Bühnenpräsenz und den viralen Clips steckt auch eine andere, stillere Geschichte, die sie in ihrem Buch Papa weg. Mama müde. Ich laut. – Monolog einer Alleinerzogenen erzählt. Darin blickt die Comedienne sehr persönlich auf die eigene Kindheit und das Leben als Alleinerzogene zurück. 
Ein Interview, das vom Umgang mit dem Imposter-Syndrom über die Suche nach der eigenen Lautstärke bis zum Krieg im Iran und zum Leben in der Diaspora führt.

Anfang März ist dein neues Buch Papa weg. Mama müde. Ich laut – Monolog einer Alleinerzogenen erschienen, im April startet mit Neo Match Up deine erste eigene Show und Mitte des Jahres gehst du auch noch auf Tour. Wie geht es dir gerade bei all dem Trubel?

„Es ist sehr viel dieses Jahr. Ich bin davon ein bisschen überwältigt und kämpfe aktuell noch mit meinem Impostor-Syndrom und den ganzen Gedanken, die damit einhergehen: ‚Habe ich das wirklich verdient? Irgendwann werden alle merken, dass ich doch nicht so gut bin.‘
Ich setze meinen Erfolg immer noch oft in Anführungszeichen. Wahrscheinlich sollte ich irgendwann mal lernen, ihn anzunehmen.
Aber dann habe ich immer das Gefühl, mich anschließend dafür entschuldigen zu müssen.“

Das klingt, als könntest du die ganzen positiven Dinge, die gerade passieren, gar nicht richtig genießen.

„Ich habe Angst davor, dass Menschen meine Show sehen und denken ‚Ach, kann jetzt jede*r auf einmal eine eigene Show bekommen?‘ Natürlich weiß ich rational, dass ich jahrelang hart dafür gearbeitet habe, jetzt dort zu stehen, wo ich stehe, dass mir all die Dinge nicht einfach in die Hand gelegt wurden. Und trotzdem ist da immer diese kleine Stimme in meinem Kopf, die fragt: ‚Hast du das denn wirklich verdient, Parshad?‘“ 

Du bist eine Person, die trotz Diskriminierung, trotz Rassismus- und Sexismuserfahrungen zu ihrer eigenen Lautstärke zurückgefunden hat. Trotzdem zweifelst du jetzt. Woran liegt das?

„Ich wollte als Kind schon Entertainerin werden. Ich wollte immer ich selbst bleiben. Aber ich habe gelernt, dass das nicht immer gern gesehen wird.

In den letzten Jahren habe ich so vieles gehört, das mich geprägt hat: Man könne mich wegen meiner Aussprache, meines hessischen Akzents, nicht verstehen, ich sei für das Publikum zu fremd. Es wäre leicht gewesen aufzugeben und ich habe mehrfach ernsthaft darüber nachgedacht.

Ich zweifle weniger an meiner eigenen Lautstärke als vielmehr daran, wie ich wahrgenommen werde, wenn ich meine Erfolge feiere und habe gelernt, mich selbst kleinzuhalten. Damit können sich vermutlich viele Frauen identifizieren.“ 

Wie gehst du damit um?

„Ich spreche ganz direkt mit meinen Ängsten und habe einen engen Austausch mit meinem Inner Circle. Sechs Jahre lang habe ich alles gegeben, meine Arbeit oft vor mein Privatleben gestellt und hart dafür gekämpft, mir meine eigene Lautstärke zu bewahren.

Mit 22 hat alles angefangen. Mit 28 habe ich jetzt meine eigene Show. Natürlich waren das auch Jahre der Reizüberflutung – aber vor allem ist es ein Beweis: für mich selbst und für alle, die mir gesagt haben, das wäre nichts für mich. Jetzt weiß ich, dass ich stolz auf mich sein darf. Deshalb versuche ich gerade, meiner inneren Kritikerin endlich eine Gegenstimme entgegenzubringen.“

Neo Match up, deine neue Show, startet im April auf ZDFneo. Es geht darum, Menschen zu lesen. In jeder der vier Folgen gibt es ein vorgegebenes Thema zu dem du und ein*e Gäst*in Begriffe oder Konzepte fünf Protagonist*innen zuordnen müsst. Wie ist die Idee für die Show entstanden?

„Das Format ,Zuordnen‘ begleitet mich schon seit Jahren. Für die Show haben wir uns eine frische Dynamik überlegt, die dem Ganzen noch einmal einen neuen Anstrich verleiht. In jeder Folge spiele ich gegen eine Gäst*in und muss Menschen bestimmte Eigenschaften zuordnen.

Es liegt eine Direktheit in dem Format, die sich auch sich auch in meiner Art widerspiegelt, Fragen zu stellen. Bei mir gibt es kein vorsichtiges Abtasten. Das kenne ich schlichtweg nicht. Ich stelle immer direkte Fragen, weil ich verstehen will, wer du bist und woher du kommst.“

Worauf können sich die Zuschauer*innen bei der Show einstellen?

„Auf ganz viel Spaß, auf das Selbstertappen, auf gute Comedy-Momente, und auf ein bisschen Kopffickerei.

Der Kern des Spiels ist dieser Moment der Selbsterkenntnis, in dem man sich dabei ertappt, wie man selbst in Stereotypen denkt. Ich finde das Spiel besonders spannend im direkten Duell mit einer anderen Person, vor allem, wenn der erste Eindruck täuscht und man die eigenen Annahmen hinterfragen muss. Ich halte das für ein gleichermaßen unterhaltsames wie wichtiges Format.

Wir haben kürzlich die letzten Arbeiten an der Show abgeschlossen: vier Folgen mit großartigen Gäst*innen und starken Themen. Jetzt bin ich gespannt darauf, wie das Format bei Zuschauer*innen ankommt.“

Wie war der Moment, als du dein Set zum ersten Mal gesehen hast?

„Ich bin auseinandergefallen. Stell dir vor, du bist mit MTV aufgewachsen, mit Formaten wie Pimp My Ride, Catfish, Date My Mom. Und stell dir vor, du hast dem Kind in dir dieses Versprechen gegeben: Irgendwann machst du auch Fernsehen. Als ich klein war, hat Entertainment gerettet, weil es mich für einen kleinen Augenblick von der Realität abgelenkt hat und mich gelehrt hat, Tragödie und Komödie zusammenzusehen. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass Entertainment heilen kann. Mich hat es gerettet.
Und dann stehe ich mit 28 vor meiner eigenen Show und denke mir: ‚Wow. Vielleicht rettet dieses kleine Stück Fernsehen gerade irgendjemanden da draußen‘ – und wenn das nur für eine einzige Person zutrifft, reicht mir das vollkommen.“

© Lottermann and Fuentes / Droemer Knaur
© Lottermann and Fuentes / Droemer Knaur

Lass uns auch über dein Buch sprechen. In Papa weg. Mama müde. Ich laut – Monolog einer Alleinerzogenen schlägst du einen sehr persönlichen Ton an. Beim Lesen hat man fast das Gefühl, mit einer guten Freundin zu sprechen. Woher kommt dieser Impuls zur Offenheit?

„Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem über Familienprobleme nicht gesprochen wurde. Wir sollten uns nach außen hin nie verletzlich zeigen.  Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich so nicht sein möchte, also habe ich rebelliert.

Ich habe lange Zeit nicht für mich gelebt und wollte immer nur den Erwartungen gerecht werden, die mir entgegengebracht wurde. Ich wollte in die Politik gehen, Anwältin werden. Eine Zeit lang habe ich auch so gelebt, bis mir mit 19 klar wurde, dass das nicht der richtige Weg für mich sein kann. Ich war schon immer Entertainerin. Und deswegen bin ich genau das geworden.“

Für wen hast du das Buch geschrieben?

„In erster Linie habe ich es für mich selbst geschrieben. Das klingt vielleicht nicht nach dem, was ein Verlag hören will, aber es ist die Wahrheit. Dieses Buch zu schreiben war meine Therapie.       
Aber das Buch ist auch für alle Alleinerzogenen und alle Scheidungskinder. Ich habe meiner Mutter als Kind die ganze Schuld an der Trennung gegeben, ihr das Leben zur Hölle gemacht und nichts davon verstanden, was in ihrem Leben zu der Zeit eigentlich abging. Es ist erstaunlich, wie viel Geduld sie mit mir hatte. Deswegen ist das Buch auch für sie und andere Alleinerziehenden.“ 

Gibt es etwas, das Alleinerziehende und Alleinerzogene unbedingt aus deinem Buch mitnehmen sollten?

„Es ist nicht eure Schuld. Das würde ich gerne allein Scheidungskindern und Alleinerzogenen sehr entschlossen sagen. Ihr habt es nicht verdient, dass eure Träume platzen, nur weil eure Eltern Überstunden machen müssen, um über die Runden zu kommen.

Und für alle Alleinerziehenden gilt: Haltet durch! Es kommen immer bessere Zeiten. Sucht euch Support in der Familie oder bei Freund*innen. Auch wenn sich euer Kind gerade wie ein Arschloch benimmt und alles zu viel wird. Und zieht eure Kinder bitte nicht in eure Trennung rein. Eine Kinderseele zu brechen ist das Schlimmste, was man tun kann.“

Alleinerziehende Familien sind nach wie vor die am stärksten von Armut betroffene Familienform in Deutschland. Hast du das Gefühl, mit deinem Buch genau das anzusprechen, wofür du ursprünglich Anwältin werden wolltest?

„Das wäre zu viel gesagt. Ich kann mit meinem Buch nur Stimmen verstärken. Fakt ist: Alleinerziehende brauchen viel mehr Unterstützung. Da muss die Politik greifen. Das Schicksal einer ganzen Familie hängt daran, was eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater verdient. Soziale Hilfen existieren zwar, können aber kaum auffangen, was an Aufwand und Arbeit anfällt.

Mein Traum ist eine Stiftung für Alleinerziehende und Alleinerzogene. Private Förder*innen gewinnen, Geld an Scheidungskinder spenden. Ihre Träume sollten nicht automatisch platzen müssen.“

Dein Buch beginnt mit einer Widmung an deine Mama. Aber auch deinem Onkel widmest du Zeilen. Du schreibst: ‚Mein lieber Onkel […] Ich hoffe, dass du stolz auf mich bist. Je mehr ich über dich erfahre, umso mehr verstehe ich, woher mein revolutionäres Ich stammt. Ein Teil von mir bist du. Und dafür bin ich für immer dankbar.‘ Was bedeutet dir diese Widmung?

„Meinen Onkel habe ich tatsächlich nie kennengelernt. Er wurde als politischer Gefangener in den 1990er-Jahren vom Regime im Iran ermordet. Über sein Leben weiß ich nur das, was meine Mama und meine Tante über ihn erzählen. Aber trotzdem ich mein Onkel für mich der Maßstab. Allein das, was er für die Freiheit seiner eigenen Schwestern getan hat, ist unglaublich. Als Freiheitskämpfer hat er aber nicht nur an seine Geschwister, sondern an alle Menschen im Iran gedacht.

Ich wünschte, ich könnte all seine Geschichten erzählen. Leider kann ich das nicht. Aus Sicherheits- und juristischen Gründen – und auch zum Schutz meiner Familie im Iran – musste ich einige Geschichten streichen. Was er alles für die Freiheit getan hat, wie er schließlich erwischt wurde, wie er im Gefängnis behandelt wurde. Vieles von dem, was er getan hat, kennt man sonst nur aus Filmen.

Er wusste, worauf er sich einlässt. Er wollte für die Freiheit sterben. Alles, was er getan hat, hat er im Namen der Freiheit getan. Auf Persisch heißt Freiheit ,Azadî‘. Für Azadî hat er gekämpft. Und darum ist mein Buch ihm gewidmet.“

Das klingt nach einer unfassbar starken Person. Wie schaust du mit Blick auf deinen Onkel auf die vielen Menschen im Iran, die in den letzten Monaten vom Regime inhaftiert oder ermordet wurden?

„Wenn ich auf Social Media Videos sehe, in denen Familien um ihre Kinder, Neffen oder Nichten trauern, ist es, als hätte ich auch einen Teil meiner eigenen Familie verloren. Es ist, als wäre mein Onkel erst vor Kurzem gestorben, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe. Und jedes Mal, wenn das Regime zuschlägt, habe ich das Gefühl, mein Onkel stirbt von neuem, und das ist eine Qual. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, wenn man es nicht selbst schon erlebt hat.“

Wie blickst du zusammen mit deiner Familie gerade auf die Situation im Iran? Wie geht es deiner Mutter und deiner Tante?

„Das Regime hat unsere Familie gebrochen. Meine Mutter ist bis an ihr Lebensende traumatisiert, meine Tante ebenso. Seit dem Kriegsausbruch hat sie einen extremen Ausschlag am Bein. Sie ist 72 Jahre alt und muss immer noch dabei zusehen, wie ihre Heimat brennt. Aktuell kann sie kaum gehen, weil der Stress sie so belastet und in eine Zeit zurückversetzt, in der sie weder leben noch an die sie überhaupt denken möchte.

Meine Mutter ist trotzdem diejenige, die irgendwie immer lächeln kann. Ich finde es faszinierend, wie sie trotz allem, was sie in ihrem Leben erlebt hat, noch funktioniert. Wie jeder Exiliraner, jede Exiliranerin das kann. Diese Diaspora ist ein Becken voller Finsternis und düsterem Schmerz. Das kann man niemandem erklären, der nicht Teil dieses Kreises ist. Wir als nächste Generation verstehen unsere Eltern gerade mal zu 80 Prozent. Zu 100 Prozent würden wir es verstehen, wenn wir es am eigenen Leib erfahren hätten.“

Wie sprichst du mit deiner Familie über den Iran?

„Wir reden nicht viel über den Iran. Wenn wir es tun, dann vor allem über die aktuellen Ereignisse und den Krieg.

Meine Mutter erzählt mir nichts von ihrer Kindheit. Das geht nicht. Ich habe keine Ahnung, wie sie wirklich aufgewachsen ist und kenne nur Bruchstücke. Ich habe sie zwar auch interviewt, aber sie hat eine Art Amnesie entwickelt. Sie tut nicht so, als hätte sie Dinge vergessen – sie hat sie aus Schutz wirklich vergessen. Wenn wir einmal vor Ort wären, könnte sie mir vielleicht Dinge erzählen und zeigen.

Meine Tante hingegen erzählt mir viel. Von ihr habe ich einige Informationen erhalten, weil sie sich noch an alles erinnert.“

Wie blickst du darauf, dass die USA gemeinsam mit Israel einen Krieg begonnen haben, den sie unter anderem auch als Befreiung der iranischen Bevölkerung darstellen?

„Die Frage ist: Ist der Iran jetzt frei? Stell dir vor, du kommst aus einer Familie, in der man nur trauert und in der man nichts anderes getan hat, als Familienmitglieder zu begraben. Khamenei ist tot und soll in der Hölle schmoren. Wobei ich ihn sehr gerne in Handschellen gesehen hätte.

Aber was ist mit der Zivilbevölkerung? Wie viele Menschen sind gestorben? Wie viele wurden vom Regime umgebracht? Wie viele Menschen sind in den letzten Wochen durch amerikanische oder israelische Angriffe gestorben? Mir ist jede*r Politiker*in dieser Welt egal. Was mir nicht egal ist, ist das Leben der Zivilbevölkerung. Dieselben Menschen, für die mein Onkel sich damals in Gefahr gebracht hat.

Natürlich gab es auch viele Iraner*innen, die nach dem Angriff von Amerika und Israel Hoffnung hatten. Ich doch auch. In meiner Verzweiflung. Wir haben alle gedacht: Okay, jetzt ist Ali Khamenei tot und die Mullahs fliehen aus dem Land. Und jetzt? Jetzt ist Mojtaba Khamenei der Nachfolger.

Wenn es einen freien Iran gäbe und du überall hinreisen könntest, was würdest du besuchen?

„Persepolis. Ich würde nach Persepolis gehen. Anschließend würde ich in die Stadt Yazd fahren und den Feuertempel besuchen. Ich würde so gerne mit den Leuten dort reden und ihre Geschichten hören. Ich würde die Bücher lesen und dann einfach mit ihnen sitzen und herausfinden, welche Geschichte durch meine Adern fließt.

Bevor ich dorthin gehe, würde ich aber als Allererstes das Grab meines Onkels und das Grab meiner Großeltern besuchen. Es ist traurig, aber ich müsste viele Gräber besuchen. Wenn ich erst einmal da bin, würde ich wahrscheinlich stundenlang einfach nur sitzen und von meinem Leben erzählen. Ich bin ja der Meinung, dass sie von oben auf uns herabsehen.“

Fühlst du dich manchmal unter Druck, weil Iraner*innen in der Diaspora in dir eine Art Sprachrohr sehen?

„Nein, obwohl ich in den letzten Wochen auch beleidigt wurde und mir viele Dinge vorgeworfen wurden. Meine DMs sind immer noch verrückt. Was ich so schlimm finde, ist, dass die Leute den Fokus auf das Wesentliche verloren haben. Dass sie einem das Wort im Mund umdrehen und versuchen, mich mal zu einer Mullah-Anhängerin, mal zu einer Trump-Supporterin zu machen, je nachdem, was gerade so in die Story passt.

Aber trotzdem verspüre ich kaum Druck, weil ich einfach als Nichte mehrerer verstorbener Onkel und als Tochter einer leidenden Mutter spreche, die sehnsüchtig zurück will.“

Kannst du gerade irgendwo Hoffnung schöpfen?

„Nein, richtig trocken gesagt, nein. Solange ich nur einen WhatsApp-Haken in Chats von Angehörigen sehe und durchdrehe, habe ich keine Hoffnung. Wie soll ich da Hoffnung haben? Das geht gar nicht. Ich packe es nicht. Nein. Ich habe erst Hoffnung, wenn meine Mutter wieder Tickets in den Iran buchen kann. Erst wenn alles vorbei ist, habe ich wieder Hoffnung.“

Was wünschst du dir, was nach dem Sturz des Regimes passiert?

„Alles, was das Leben der Zivilbevölkerung an erste Stelle stellt. Alles. Regierungen und Politiker*innen sind mir vollkommen egal. Das ist die größte Enttäuschung in der Geschichte der Menschheit. Wenn der liebe Herr im Himmel zu uns herabsprechen könnte, bin ich mir sicher, er würde sagen: ‚Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht?‘ Ich kann diese Politik nicht mehr ertragen. Ich kann einen Friedrich Merz nicht mehr ertragen, der Trump fast schon zu Füßen liegt. Ich kann das nicht mehr.“

Gibt es gerade etwas, das du der Zivilbevölkerung und den Menschen im Iran, vielleicht auch deiner Familie, am meisten wünschst? 

„Azadî. Freiheit. Ich wünsche ihnen nichts sehnlicher als Freiheit. Nach 47 Jahren. Einfach Freiheit. Dass sie endlich leben können.“

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