Warum scheinen gerade alle die 2010er zu romantisieren? Unsere Autorin geht dem Millennial Optimism auf die Spur.
Neulich im Zug: Die Timeline, die ich eher passiv als aktiv konsumiere, ist voll von schlechten Nachrichten aus aller Welt. Reel für Reel bohre ich mich durch das Leben anderer Leute: Videos von Kindern, die in Trümmern spielen, Aufnahmen von Drohnen, „Coachella get ready with me”, Berichterstattungen aus dem nächsten Kriegsgebiet, Wal, Interview, Interview, Trump, Merz, Handelskrieg, Krieg-Krieg, Boomer-Kommentare unter Videos von KI-Obst. Ich bin schon kurz davor, mein Handy endlich gegen mein Kreuzworträtselheft auszutauschen, da spült mir Instagram ein Video in die Timeline. Der Titel, der über die Bildabfolge des Reels hinweg gleichbleibt, wird den weiteren Verlauf meiner Zugreise und auch diesen Text hier bestimmen: Millennial Optimism.
Es sind Sommerferien, ich bin 14 Jahre alt und sitze schwitzend auf dem Boden meines Kinderzimmers irgendwo in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Ich trinke löslichen Eistee aus dem Discounter. Zwischendurch schütte ich die kleinen Eisteekrümel auf den Deckel der Dose, kippe sie mir auf die Zunge, lasse sie langsam an meinem Rachen festkleben und zerlaufen. Auf meinem Schoß liegen eine Tüte Chips und mein viel zu heiß laufender alter Laptop. Irgendeine Serie wird illegal gestreamt.
Ich hatte damals ein sehr klares Bild von meinem späteren Ich: die Art von Mensch, die ich in meinen 20ern und 30ern sein wollte, wenn ich mich endlich mal geoutet und meine Body Issues überwunden hätte. Mein erwachsenes Ich hat in irgendeiner deutschen Großstadt in einem renovierten Industrie-Loft mit Backsteinwänden und alten Wasserrohren als Kleiderstangen gewohnt. Der Balkon war gleichzeitig ein Fire Exit. In lauen Sommernächten hat es dort gesessen, melancholisch in die Sterne geschaut und geraucht. Die Miete hatte ein Job im Café nebenan bezahlt. Vielleicht hätte es auch etwas mit Medien studiert und anschließend in diesem Bereich gearbeitet, vielleicht bei Buzzfeed oder Vice, oder Videos für YouTube geschnitten. Es ist auf Partys gegangen, auf denen alle miteinander rumknutschen, und auf dem Nachhauseweg hat es seine Schuhe ausgezogen und ist barfuß durch die Großstadt gelaufen. Klar, es hat auch gestruggelt, aber niemals so wirklich existenzbedrohend. Sein Struggle war eher so… charakterbildend.
No Joke, das war die Zukunft, wie ich sie mir ausgemalt habe, so wie in Serien wie Girls oder How I Met Your Mother. Mit 15 ist man eben noch nicht so richtig knusprig in der Birne. Ich jedenfalls war es nicht. Aber abgesehen davon war mein jugendlicher Optimismus vielleicht auch einfach Teil eines Zeitgeistes, den sich junge Menschen heute zurückwünschen und auf TikTok und Instagram unter dem „Millenial Optimism“ suchen, um dem aktuellen Nachrichtenstrom für einen Moment zu entkommen.
Was sie finden, sind Bildfolgen von Coffee Shops in rustikaler Optik, Schlauchschals, Indie Folk, Szenen aus dem urbanen Nachtleben, Michael Cera, Twee Fashion & Indie Sleaze, American Apparel, Notizbücher, ein verträumter Blick in die Kamera, Peter Bjorn and John, Of Monsters and Men, Tumblr, Blogging, unironischer Spaß, Vampire Weekend, GOOD. VIBES. ONLY. Untermalt wird der Trend gern von Blood von The Middle East oder MGMT.
Übersetzt soll das alles für ein bestimmtes Lebensgefühl der späten 2000er und 2010er Jahre stehen. Es geht um Jugend und Aufbruchsstimmung.
Generationen sind nicht immer unbedingt die sinnigste Art, Menschen in Kohorten einzuteilen, sie sind mitnichten homogen. Es gibt auch Beiträge von Millennials, die sich zu ihrem neu gewonnenen Ruhm äußern. Einige von ihnen wirken gerührt und bestätigen das hoffnungsvolle Gefühl, das viele, sie eingeschlossen, im Rückblick auf ihre Jugend erfüllt. Andere betonen aber auch immer wieder, dass sie genauso angsty Teens waren wie die Jugend heute. Humor als Coping. Für die Erklärung des Trends ist aber die künstlich aufgebrühte ästhetische Essenz eines Teils der Generation wichtiger als ihre tatsächliche Verschiedenheit. Tun wir jetzt also mal so, als hätte es den Prototypen Millennial gegeben.
In einer Zeit, in der vielleicht wirklich alle dachten, wir könnten mit MacBooks und Chai Lattes im Co-Working-Space sitzen und die zehnte Dating-App erfinden, war Feminismus gerade dabei, „cool” zu werden. Zumindest augenscheinlich. Zumindest kurz. Das Berufsbild YouTuber*in oder Influencer*in war gerade erst dabei, sich zu entwickeln, und plötzlich entstanden in der neuen Medienbranche unfassbar viele neue Stellen. Eine junge Tech-Elite hatte gefühlt gestern erst Social Media erfunden und anderen jungen Menschen das Gefühl gegeben, mitbestimmen zu können, relevant zu sein und eine Zukunft zu haben. Wir haben unsere Ideen, unseren Alltag und alles erdenklich Blöde, das damals dazu gehörte, online geteilt, ohne so richtig darüber nachzudenken, wer es lesen konnte. Ich schreibe bewusst „wir“, weil ich als früher Teenager zumindest in den letzten Ausläufern dieser Zeit schon alt genug war, um am Rande an Kultur teilzunehmen.
In den USA waren das die Obama-Jahre. Ob queere Bildungsprojekte, Diversity-Stellen in Unternehmen oder Black Lives Matter: Vieles, was heute von rechten Politiker*innen mutwillig zusammengestrichen wird, um Platz für eine vermeintlich „vernünftigere" Wachstumslprojekte zu schaffen, wurde damals massiv gefördert. Cro trug noch seine Panda-Maske, und ich war mir sicher: Wenn ich erst einmal erwachsen bin, wird das Leben großartig.
Unter dem Video, das mir im Zug begegnet, gibt es eine lebendige Kommentarspalte. Ich swipe weiter, lese Substack Essays, Zeitzeug*innen berichten von einem Leben vor Short-Form Video Content und ChatGPT. Ich schaue mir mehr Videos an und lese halbironische Dinge wie: „I wasn’t meant to be 23 in this age. I was meant to be a 23-year-old hipster living in Brooklyn in 2012 wearing too many floral patterns, listening to vampire weekend, and writing absurd listicles on buzzfeed while it was at its peak. I’m a converted millennial apologist now because what a time to be alive”. Eine andere Person kommentiert: „We really believed we were changing the world“, wieder eine: „I think life was just better back then.“
Das Gute an Millennial Optimism ist, dass er endlich Frieden schafft zwischen den beiden Generationen Gen Z und Millennials, die sich historisch gern im Internet zanken.
Let's not forget: Der Zeitgeist der Nuller- und Zehnerjahre, peak Millennial Culture, war auch damals schon Teil eines ultrakapitalistischen Projekts, das von zahlreichen sozialen Ausschlüssen geprägt war und jegliche Form des Widerstands in verwertbare Güter übersetzte. Die Tatsache, dass Feminismus in dieser Zeit „cool“ wurde, bedeutete nicht mehr, als dass er marktfähig wurde. Zweifellos gab es neben dem weißen Girl-Boss-Feminismus auch intersektionale Zugänge, eine Schwarze und queerfeministische Bewegung. Was vielen aus dieser Zeit jedoch in der Rückschau im Gedächtnis bleibt, sind Slogans wie „Feminism is bae“.
Denn der absolute Endgegner, mit dem sich jede erfolgreiche Bewegung oder Subkultur auseinandersetzen muss, heißt nach wie vor Kapitalismus. Und der verklärt und verschluckt leider alles und spuckt es uns am Ende als kaufbare Lifestyle-Idee wieder aus.
Je weiter wir uns von den 2010ern entfernen, desto skurriler erscheinen sie uns. Eigentlich. Noch vor Kurzem schien das Internet sich recht einig darüber zu sein, dass es nichts Peinlicheres gibt, als öffentlich als Millennial enttarnt zu werden. Das liegt vor allem daran, dass die Cringe-Kultur und unbeschwertes Spaßhaben, die Live-Laugh-Love-Attitüde, die wir so gern mit den Millennials assoziieren, nicht zu einer Welt der multiplen Totalcrashes passen, wie wir sie heute vorfinden.
Spätestens nach Bo Burnhams White Woman’s Instagram, allerspätestens nach den Pandemie-Jahren, gehörte es fast schon zum guten Ton, Avocado-Toast und andere kleine Freuden des Lebens, die wir mit Millennials assoziierten, peinlich zu finden. Die ursprünglichen Träger*innen des Millennial Optimism hingen schon alle fest in der Berufswelt, fingen an, Kinder zu bekommen und saßen müde im Daily irgendeines StartUps, dessen „flache Hierarchien“ sich mit der Zeit mehr und mehr als ausbeuterische Attrappe auf dem Weg zur 50-Stunden-Woche entpuppten (Stichwort: „Millennial Burnout“). Es muss entmündigend gewesen sein, zu erleben, wie man Teil der ersten Generation wird, deren Aufbruchsgedanken sofort durch ebendie Medien kapitalisiert wurden, die sie erst entstehen ließen. Zu sehen, wie alles langsam zum digitalen Marktplatz wird. Es hätte doch so schön sein können.
Es gibt diesen Moment im Leben eines Kindes, in dem es versteht, dass seine Eltern neben Ernährer*innen und Zimmeraufräumer*innen auch Menschen mit eigenen Wünschen und Vergangenheit sind. Millennial Optimism ist genau diese Einsicht.
Es ist ultraskurril, in einer Zeit zu leben, in der man Zugriff auf den ganzen Content der Nuller‑ und Zehnerjahre hat und gleichzeitig von 20‑jährigen Looksmaxxern zu seinem Wert auf dem Sexualmarkt beraten wird. Wir erleben gerade alle, wie verhandelbar Demokratien und Menschenrechte scheinbar sein können. Wenn man heute zuschaut, wie schnell gesellschaftliche Fortschritte wieder zurückgenommen werden und Bemühungen um Klima- und Menschenrechte als fanatisch linksradikal eingeordnet und infrage gestellt werden, wirkt der Optimismus der 2010er Jahre plötzlich erschreckend fragil. Es fühlt sich nach Betrug an, wenn das, wofür so lange gekämpft wurde – queere Rechte, reproduktive Rechte, Sichtbarkeit, Antirassismus – erst versprochen und dann wieder zurückgezogen wird. Irgendwie kann man sich gar nicht mehr richtig auf die Zukunft freuen, wenn die AfD in seinem Bundesland über 20 % hat.
Die politische Oberfläche der Zehnerjahre wirkt dagegen, zumindest online, vergleichsweise besser. Stabiler war sie vielleicht auch. Aber die politische Realität der 2010er war ja wie gesagt etwas anders, als sie uns durch den Trend vermittelt wird. Bis 2011 mussten sich trans Personen einer Zwangssterilisation unterziehen, um ihren Personenstand ändern zu können, bis 2017 durften queere Paare in Deutschland nicht heiraten, PEGIDA und die AfD entstanden und verbreiteten schon damals verquere Theorien über eine angebliche „Islamisierung des Abendlandes“. Sich „YOLO“ rufend einen Löffel Zimt in den Mund zu schieben, war irgendwie auch nur eine Form von Eskapismus für diejenigen, die ihn sich leisten konnten. Gut ging es denen natürlich auch nicht. Niemandem, der Harry Potter zu seinem Lebensinhalt macht, geht es gut.
Auch wenn ich es persönlich höchst merkwürdig finde, sich die 2010er zurückzuwünschen, kann ich es doch auch irgendwie verstehen. Nostalgie lebt von unsicheren Zeiten und klar ist auch, dass im Rückblick schon so manches Jahrzehnt romantisch verklärt wurde. Im Trend steckt ganz offensichtlich jede Menge Ironie und die Suche nach einer unbeschwerten freien Jugendkultur, die auch ohne Instagram und TikTok lebt. Offline sein. Natürlich wollen wir nicht alle zurück in die Zehnerjahre. Was jedoch diejenigen wollen, die sich dem Millennial Optimism hingeben, das ist wohl dieses Fünkchen Hoffnung auf die Zukunft zurück, das ihnen als Kindern vermittelt wurde. Sich über Millennials lustig zu machen hatte immerhin noch einen Rest von Zuversicht, das Wissen, das wir aus ihren Entwicklungen etwas gelernt haben: „Wir sehen euch, aber wir glauben, dass wir es besser können. Lasst uns mal lieber feministische Projekte klassensolidarisch und antirassistisch denken, statt sie durch Beauty- und Lifestylemarken zu sinnbefreiten Slogans mutieren zu lassen“. In einer Zeit vor 2020 erschien das alles noch sehr plausibel und machbar. Aber die Zeiten ändern sich. Wenn wir die Millennials jetzt schon zu Stil und Popikonen verklären, was sagt das über unseren Blick auf uns selbst und die Zukunft aus? Wie schlecht muss es uns gehen, dass unser größter Lebenswunsch ein eigener Vintage-Schallplattenspieler und ein sinnloser BuzzFeed-Job sind?
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