Suchen
"PUSH - Geheimnisse": Lou (Lisa Moell) liegt in der Klinik. Greta (Lydia Amasko) und Meryem (Tua El-Fawwal) stehen daneben während Dr. Mohn (Katia Fellin) Lou untersucht. | © ZDF | Andrea Hansen: Lou bringt ihr Kind anonym zur Welt. Greta (Lydia Amasko, l.) und Meryem sind für die junge Frau da. Das Kind wird direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben.
© ZDF | Andrea Hansen: Lou bringt ihr Kind anonym zur Welt. Greta (Lydia Amasko, l.) und Meryem sind für die junge Frau da. Das Kind wird direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben.
04.05.2026 • 17:57
Autorin Anne-Kathrin Heier | © Heike Bogenberger Anne-Kathrin Heier
11 Minuten
Welt-Hebammentag 2026

Lydia Amasko: „Hebammen erbringen unter konstantem Druck eine immense Leistung“

In der neuen Staffel der Serie PUSH verkörpert Schauspielerin Lydia Amasko die junge angehende Hebamme Greta, die im Berliner Klinikalltag gegen strukturelle Missstände kämpft. Im Interview spricht sie darüber, wie sie sich auf diese Rolle vorbereitet hat und warum eine echte Revolution in der Geburtshilfe nur durch gesellschaftliches Umdenken gelingen kann.

Da ist diese grandios gespielte Szene: Die Hebamme Anna stellt ihrer Kollegin Elke eine harmlose Frage zu einer vergangenen Geburt – und Elke bricht unter der Last der Erwartungen zusammen. „Ich bin einfach nicht mehr ich selbst“, gesteht sie entkräftet. „Ich bin so müde.“ In diesem Moment kulminiert alles, was das System Hebammen und Gebärenden gleichermaßen abverlangt: chronische Erschöpfung, Personalmangel und der enorme Zeitdruck in einem maroden Gesundheitswesen.

Die Serie PUSH von Luisa Hardenberg hat bereits mit der ersten Staffel einen Nerv getroffen, indem sie die Realität von Geburten in ihrer emotionalen und physischen Vielfalt zeigt – was auf dem Bildschirm lange unterrepräsentiert war. Mit zehn neuen Folgen kehren nun die Hebammen Nalan, Anna und Greta zurück, um die komplexen Facetten des Elternwerdens weiter zu beleuchten. Dabei wird deutlich, dass Themen wie Pränataldiagnostik, Leihmutterschaft, Kinderwunsch oder Erwartungen an Mütter eine gesamtgesellschaftliche Relevanz besitzen, die weit über den Kreißsaal hinausreicht.

In der Serie verkörpert Lydia Amasko die junge Hebamme Greta, die als idealistisches Korrektiv fungiert und die Missstände im unterfinanzierten System klar und deutlich hinterfragt. In unserem Interview erzählt Lydia von ihrer intensiven Vorbereitung auf diese Rolle. Außerdem sprechen wir darüber, warum eine wirkliche Reform der Geburtshilfe nur gelingen kann, wenn am Ende auch die Männer als Teil des Systems Verantwortung übernehmen. Und was die Integration queerer Lebensrealitäten im Film für den gesellschaftlichen Diskurs bedeutet. 

Lydia Amasko, Schauspielerin | © Tina Massumi: Schauspielerin Lydia Amasko
© Tina Massumi: Schauspielerin Lydia Amasko

Wir alle kennen die konventionelle Art der Darstellung von Geburten im Film: Plötzlich kommen Wehen, jemand bringt heißes Wasser, wir hören herzzerreißende Schreie hinter der Tür und dann ist das Baby da. Ist es ein bewusstes Ziel der Serie Push, die hohe Komplexität und Individualität von Geburten und allem, was dazu gehört, mitzuerzählen? 

„Ja, ich glaube, der Autorin Luisa Hardenberg und uns allen ist die Verantwortung für dieses Thema sehr bewusst. Mit Push haben wir die Möglichkeit, ein Berufsbild sichtbar zu machen, das vorher kaum Sichtbarkeit erfahren hat. Gleichzeitig wurden Geburten im deutschsprachigen Raum vorher noch nie so explizit körperlich, aber vor allem emotional porträtiert, ohne dabei sexualisiert oder objektifiziert zu werden. Dass wir Frauen hinter der Kamera haben – Frauen, die Regie führen, die Geschichten schreiben, recherchieren und intensiv mit Hebammen ins Gespräch gehen – das zahlt intensiv auf diese Erzählweise ein.“

Also auch auf eine ganz bewusste Dekonstruktion dieser romantisierenden Bilder?

„Ja. Die Romantisierung entspringt ja oft dem ,Male Gaze’. Alles, was mit dem weiblich gelesenen Körper zu tun hat, wird oft dramatisiert oder beschönigt. Bilder haben eine große Macht über uns und die Gesellschaft. Das größte Anliegen dieser Serie ist es, diese Bilder zu dekonstruieren und aus einem ,Female Gaze’ heraus von Körpern zu erzählen, die aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten und Situationen kommen.“

Wurde dir persönlich im Zuge der Dreharbeiten die Tabuisierung rund um Geburten noch mal besonders deutlich?

„Die Tabuisierung der Geburt vielleicht nicht unbedingt, aber das Sprechen über die Emotionen. Das war mir vorher natürlich nicht so bewusst, da ich selbst keine Mutter bin. Mich hat vor allem bewegt, dass wir uns als Privatpersonen oft nur in einem sehr kleinen Zeitfenster mit Geburten beschäftigen. Das hört nach der Entbindung oder der Nachsorge auf. Schnell verschwindet das Thema wieder aus den Köpfen. Was aber bleibt, sind die Emotionen der Mütter, oder der gebärenden Personen. Das können Glücksgefühle sein, aber eben auch Trauer, Traumata oder Verletzungen. Push stellt eine große Bandbreite von Charakteren dar, in denen man sich als Zuschauer*in oder Mutter wiederfinden kann – fast wie Gesprächspartner*innen, wenn man im echten Leben niemanden zum Reden hatte. Das finde ich ganz bedeutsam.“

"PUSH - Geheimnisse": Lou (Lisa Moell) liegt im Kreißsaal und schaut auf ihr Handy. Greta (Lydia Amasko) sitzt neben ihr und hält ihre Hand. | © ZDF/Andrea Hansen: Die vertrauliche Geburt der 17-jährigen Lou (Lisa Moell, l.) ist ins Stocken geraten – doch sie will auf keinen Fall einen Kaiserschnitt. Greta (Lydia Amasko) versucht, ihr die Angst zu nehmen.
© ZDF/Andrea Hansen: Die vertrauliche Geburt der 17-jährigen Lou (Lisa Moell, l.) ist ins Stocken geraten – doch sie will auf keinen Fall einen Kaiserschnitt. Greta (Lydia Amasko) versucht, ihr die Angst zu nehmen.

So ging es mir tatsächlich auch. Wie können wir einen ehrlichen und wertschätzenden gesellschaftlichen Dialog über Geburten schaffen, der Realismus vermittelt, ohne Angst zu schüren?

„Ein erster Schritt ist, überhaupt über Geburten zu sprechen. Viel wird über Körper gesprochen, aber es fehlt an Räumen, in denen diese Gespräche differenziert stattfinden können. Dort kann sich dann vielleicht auch die tiefsitzende Unsicherheit lösen. Der weibliche Körper ist so stark und jede Geburt ist individuell. Es gibt nicht die eine ,Beispielgeburt’. Diese Vielfalt sichtbar zu machen, kann Orientierung schaffen, ohne Angst zu verstärken. Die Serie ist vielleicht ein Anfang. 
Luisa war am Anfang mit dem Drehbuch ziemlich allein. Diesen Themen gegenüber gab es erstmal viel Skepsis. Ich freue mich, dass wir uns diesen Raum erarbeitet haben. Und ich wünsche mir, dass die Gespräche, die die Serie auslöst, dazu führen, dass insgesamt viel mehr darüber gesprochen wird.“

Der weibliche Körper – gesellschaftlich wird er ja häufig zum reinen Objekt degradiert, das ständiger Bewertung ausgesetzt ist. Die Serie wirkt auf mich auch wie ein Versuch der Rückeroberung des weiblichen Körpers – weg von der Objektivierung, hin zur Selbstbestimmung.

„Ja. Und es geht auch um den Blick: Wer schaut auf die Körper? Wir erzählen zwar auch Männer oder männlich gelesene Personen, aber es ist nie ihr Blick. Es bleibt die Perspektive aus einer weiblichen Sozialisation heraus.“

Kommen wir zur Figur der Greta, die von dir gespielt wird. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

„Zur Vorbereitung auf das Projekt konnte ich selbst im Krankenhaus bei einer Hebamme im Schichtdienst mitlaufen. Das war unglaublich wertvoll für das Verständnis dieses Berufs: Vor dem Hintergrund dieses enormen Zeitdrucks immer wieder in den Raum hineinzugehen, Empathie zu zeigen, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln – und im nächsten Moment wieder auf den Flur zu rennen zur nächsten Geburt. Dass Hebammen diese immense körperliche Leistung und Empathie unter konstant hohem Druck erbringen, hat mich zutiefst beeindruckt.
Danach habe ich viele Gespräche mit Hebammen ganz unterschiedlicher Generationen geführt. Ich habe gemerkt, dass es ein großes Mitteilungsbedürfnis gibt, weil ihre Geschichte endlich mal erzählt werden.“

"PUSH - Akzeptanz": Sibel (Nuriye Jendroßek) liegt im Patientenbett und schaut zu Tara (Lorna Ishema), die an ihrem Bett sitzt und eine Hand auf Sibels Babybauch legt. Sibel hält Taras Hand. | © ZDF/Clara Marnette: Sibel (Nuriye Jendroßek, l.) bekommt Zwillinge. Tara (Lorna Ishema, r.) darf bei der Geburt dabei sein. Nach ihrer Krebserkrankung kann sie selbst keine Kinder zur Welt bringen und möchte einmal eine Geburt miterleben, um emotional damit abzuschließen.
© ZDF/Clara Marnette: Sibel (Nuriye Jendroßek, l.) bekommt Zwillinge. Tara (Lorna Ishema, r.) darf bei der Geburt dabei sein. Nach ihrer Krebserkrankung kann sie selbst keine Kinder zur Welt bringen und möchte einmal eine Geburt miterleben, um emotional damit abzuschließen.

Hast du in den Gesprächen mit den jungen und den älteren Hebammen diesen Konflikt aus der Serie wiedergefunden? Dass also die Jüngeren das System kritisieren und die Älteren sich eher damit abgefunden haben?

„Ja. Die älteren Hebammen konnten mir erklären, unter welchen Bedingungen sie arbeiten und wie sie innerhalb des Systems agieren, auch um sich selbst zu schützen. Die jungen Hebammen organisieren sich schon anders untereinander, tauschen sich vor allem auch über Arbeitsbedingungen aus und kritisieren das Bestehende lautstark. Es gibt zum Beispiel die Organisierung der JuWeHen, ‚Junge und werdende Hebammen im Deutschen Hebammenverband‘. Ich hoffe sehr, dass diese neue Generation Veränderungen bewirkt.“

Auch die junge Greta in Push sagt zu der erfahrenen Anna: „Ich war mir mal so sicher, dass ich das will.“ Warum gerät sie ins Zweifeln?

„Weil sie sieht, wie gewaltsam dieses System zurückschlagen kann. In der Nacht vor dem Gespräch wird von einer Hebamme eine sogenannte ,Cord Traction’ (Anm. der Red.: Zug an der Nabelschnur) vorgenommen. Greta erlebt, wie Entscheidungen in Zeitfenstern getroffen werden müssen, die vielleicht nicht richtig sind, weil einfach die Zeit für Rückversicherungen fehlt. Greta benennt das als einen Moment von Gewalt
Wo zieht man die Grenze? Eine Frau unter der Geburt kann diese Grenze oft nicht selbst ziehen. Greta gerät an moralische Fragen: Sie will keine Gewalt ausüben, aber es passiert in ihrer Anwesenheit. Sie möchte von der diensthabenden Hebamme wissen: Wann ist ein Eingriff zu viel? Für Greta war es eine Grenzüberschreitung, die sie als Teil des Systems hinterfragt.“

Greta wirkt hier wie ein Korrektiv in diesem unterfinanzierten, unterbesetzten und schnellen Klinikalltag. Warum ist ihre Perspektive so wichtig für die Serie?

„Greta hat diesen Außenblick. Sie ist für mich wie das Publikum. Wir bewegen uns mit ihr in einer Position, in der wir mitlernen. Sie hinterfragt die Entscheidungen der anderen Figuren und das gesamte System. Greta hat quasi zwei Augen: Das eine ist das des Publikums, das andere ihr eigenes, weil sie ja auch ihren persönlichen Erzählstrang hat.“

Könnte man sagen, Greta ist für das Gesundheitssystem das, was die Gen Z für die Gesellschaft ist? Also ein Korrektiv, dessen Stimme vielen nicht gefällt, weil sie Wahrheiten ausspricht?

„…oder alte Wahrheiten hinterfragt. Greta hat keine Angst, Dinge infrage zu stellen, die schon seit Jahren so laufen. Dass sie einfach nachfragt, sorgt oft für Irritation, aber sie lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie findet ihren eigenen Weg, auch wenn das bedeutet, dass sie sich zwischendurch zurückzieht, um genau zu überlegen, ob sie als Hebamme weitergehen will.“

Greta (Lydia Amasko) verlangt diese Schicht alles ab: Als eine Kollegin krank wird, muss sie zusätzlich zum Schichtdienst das Telefon übernehmen. Die Anrufe häufen sich, Notfälle kommen hinzu: eine gehörlose Mutter mit schwerem Milchstau, eine verunsicherte Patientin am Telefon – Greta gerät ins Schwimmen. | © ZDF/Clara Marnette: Greta (Lydia Amasko) steht im Klinikflur und schaut aufmerksam über ihre Schulter.
© ZDF/Clara Marnette: Greta (Lydia Amasko) steht im Klinikflur und schaut aufmerksam über ihre Schulter.

Gab es auch für dich Situationen beim Dreh, die dich emotional so mitgenommen haben, dass du Pausen brauchtest oder besonderen Redebedarf hattest?

„An manchen Tagen schon. Das Besondere ist: Der Hauptcast – also die Hebammen – sind die ganze Zeit da. Dann bekommen wir ,Besuch’ von den Schauspielerinnen, die die Gebärenden spielen. Die sind oft nur zwei Drehtage da, obwohl sie die viel größeren Emotionen spielen. Nach einer solchen Geburtsszene lagen wir uns manchmal in den Armen und dachten nur: ,Wahnsinn, was wir da gerade zusammen erlebt haben.’ 
Es ist viel emotionale Arbeit. Man trägt auch Verantwortung, zum Beispiel für die echten Babys am Set, wenn eine Schauspielerin schreit und es laut und stressig ist. Wir sind ein eingespieltes Team, aber die anderen Schauspielerinnen spielen die Geburten, und wir tragen das emotional mit.“

Hat sich dein Blick auf den Beruf der Hebamme durch die Serie verändert?

„Ich habe durch die Serie überhaupt erst einen Blick für die Arbeit von Hebammen bekommen, den hatte ich vorher gar nicht. Ich wünsche mir, dass wir für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, gegen ein System der Ausbeutung.“

Dazu sagt die Hebamme Anna in einer Szene: „Eigentlich braucht es eine Revolution.“ Wie könnte diese Revolution aus deiner Sicht aussehen? Du darfst jetzt ganz utopisch sein.

„Utopisch sein… Also: Wir brauchen auch die Männer. Wir brauchen Männer auf unserer Seite, die diese Serie sehen, die sich selbst hinterfragen, zur Therapie gehen und für eine Revolution mitkämpfen. Im Denken beginnt nämlich die Revolution. Im Alltag, in unserer Sprache, in der Erinnerung und im Sichtbarmachen von dem, was lange unsichtbar gemacht wurde. Revolution ist auch eine Bewegung gegen das Vergessen und gegen das Vereinfachen. Revolution heißt auch, die Erzählungen zu verschieben, weg von Geschichten, die Armut oder Care-Arbeit individualisieren, und hin zu einem Verständnis der Strukturen, die sie erzeugen. Es geht dann darum, dass diejenigen, die den Alltag tragen, auch die Deutungshoheit über den Alltag bekommen. Ich wünsche mir, dass Männer ihren Teil dazu beitragen, dass sich alle Menschen organisieren, informieren, belesen – und gemeinsam kämpfen. “

Push erzählt auch die Liebesgeschichte zwischen Greta und Dr. Mohn. Queere Figuren verschwinden gerade zunehmend von den Bildschirmen. Zum 20. Mal veröffentlichte die amerikanische LGBTI-Organisation GLAAD  ihren Bericht „Where We Are On TV", in dem die Sichtbarkeit queerer Figuren in Film und Fernsehen gemessen wird. „Über 200 queere Figuren (41 Prozent), die dieses Jahr gezählt worden sind, werden nicht zurückkehren", erklärte GLAAD-Chefin Sarah Kate Ellis. 

„Wir leben im Auge des Faschismus. Queere Perspektiven sind massiv bedroht. Das ist eine Katastrophe. Queere Menschen sind keine Ausnahme – wir sind Teil der Gesellschaft. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man sich in Geschichten vertreten sieht. Film und Fernsehen haben eine enorme Macht darüber, wie eine Gesellschaft sich selbst wahrnimmt.“

"PUSH - Ein Mal ist kein Mal": Greta (Lydia Amasko) und Dr. Mohn (Katia Fellin) stehen Kopf an Kopf voreinander und schauen sich innig an. | © ZDF | Andrea Hansen: Nachdem Dr. Mohn (Katia Fellin, r.) Greta (Lydia Amasko, l.) von ihrer Vergangenheit erzählt hat, scheint die Mauer zwischen ihnen gebrochen.
© ZDF | Andrea Hansen: Nachdem Dr. Mohn (Katia Fellin, r.) Greta (Lydia Amasko, l.) von ihrer Vergangenheit erzählt hat, scheint die Mauer zwischen ihnen gebrochen.

Greta lebt diese queere Liebe mit einer großen Selbstverständlichkeit, die hart auf die anfänglich kühle Zurückhaltung von Dr. Mohn prallt. Wie hast du diesen Spannungsabschnitt für dich erarbeitet?

„Mir ist es wichtig, lesbische Liebe zu erzählen. Allerdings werden vor allem die Geschichten gezeigt, die gut in vertraute und weiße Vorstellungen von Familie und Beziehung passen. Lebensweisen, die diese Normen wirklich infrage stellen, kommen dagegen kaum vor. Wenn etwas ‚normal‘ wirkt, heißt das oft, dass es sich an bestehende Vorstellungen anpasst. Queere Lebensrealitäten werden also eher akzeptiert, wenn sie anschlussfähig sind.
Gleichzeitig merke ich auch durch das Feedback zur 1. Staffel, dass junge Frauen das Thema im deutschsprachigen Fernsehen sehr brauchen. 
Formate wie Push können helfen, Sichtbarkeit zu schaffen und neue Bilder zugänglicher zu machen. Sie ersetzen aber nicht die strukturelle Auseinandersetzung damit, warum viele queere Lebensrealitäten weiterhin an den Rand gedrängt werden.“

Merkst du auch den immensen Gegenwind in Bezug auf diverse und inklusive Themen im Medienbereich – gerade auch hier in Deutschland?

„Ja, das merke ich in vielen Situationen. Man sieht es daran, welche Drehbücher gefördert werden, wo das Geld hinfließt und welche Türen für bestimmte Personen verschlossen bleiben. Mit öffentlichen Geldern wird ja auch immer festgelegt, welche Realitäten als erzählenswert gelten. Und in einer Zeit, in der Faschismus wieder verstärkt Vielfalt zurückdrängt, ist es entscheidend, für welche Erzählungen wir kämpfen. Wenn Serien wie ,Schwarze Früchte’ kein Geld für eine weitere Staffel bekommen, finde ich das dramatisch. Wir brauchen eine starke Film-Community in Deutschland, um uns gegenseitig zu unterstützen und Türen offen zu halten.“

Was kann eine Serie wie ‚PUSH‘ leisten, was eine politische Debatte vielleicht nicht schafft?

„PUSH schafft einen niedrigschwelligen Zugang zu diesen Themen. Es ist wichtig, dass im Fernsehen darüber gesprochen und ,educated’ wird – über alle Generationen hinweg. Ein Beispiel: Meine Oma hat im ganzen Dorf stolz erzählt, dass ihre Enkelin in dieser Serie spielt. Und das ganze Dorf hat zugeschaut, auch die Männer zwischen 60 und 80. Da stehen dann plötzlich Fragen im Raum, die vorher nicht da waren. 
Dieser Austausch zwischen den Generationen, auch durch die Figuren Anna, Nalan und mich, ist extrem wichtig.“

Was steht für dich im Jahr 2026 noch an, Lydia?

„Ich drehe gerade jetzt ein internationales Projekt für Netflix auf Französisch, Englisch und Deutsch in Berlin und Marseille. Danach noch einen französischen Film. Und dann bleibt mir am Ende des Jahres ein bisschen Zeit für das Schreiben eines eigenen Drehbuchs.“

Viel Glück und danke für das Interview – und für PUSH. 

"PUSH - Und dann kamst du": Anna (Anna Schudt), Nalan (Mariam Hage) und Greta (Lydia Amasko) sitzen gemeinsam auf dem Klinikdach. Alle drei sind glücklich und lächeln. | © ZDF | Andrea Hansen: Egal wie lang die Schicht, wie herausfordernd die Geburten: Bei einem gelösten Moment auf dem Dach finden Anna (Anna Schudt, l.), Nalan (Mariam Hage, M.) und Greta (Lydia Amasko, r.) die Leichtigkeit wieder. Jede von ihnen blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.
© ZDF | Andrea Hansen: Egal wie lang die Schicht, wie herausfordernd die Geburten: Bei einem gelösten Moment auf dem Dach finden Anna (Anna Schudt, l.), Nalan (Mariam Hage, M.) und Greta (Lydia Amasko, r.) die Leichtigkeit wieder. Jede von ihnen blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.

Wann und wo kannst du PUSH sehen? 

Streaming: Ab Freitag, 22. Mai 2026, 10.00 Uhr

Bei ZDFneo: Ab 27. Mai 2026, 21.45 Uhr, an drei Mittwochen in Folge, drei Folgen. 

Schlagwörter
Interview
Parshad Esmaeili über ‚Neo Match Up‘: „Entertainment kann heilen – mich hat es gerettet“
Im Interview spricht Comedienne Parshad Esmaeili über ihre neue Show, den Kampf mit dem Imposter-Syndrom und ihr Leben a...
Medienkooperation
Katja Lucker: „Kein Algorithmus kann Bühnenstaub ersetzen“
Katja Lucker von der Initiative Musik, spricht im Interview über das German Haus und die Bedeutung der Live-Musik.
Musikerin Paula Carolina im Interview
Paula Carolina: „Im Zweifel bin ich das Genre“
Die Musikerin Paula Carolina spricht im Interview über Utopien, Punk und ihr zweites Album „wild“.
Voices Kolumne | Musik
Musik ist Politisch – Warum wir Künstler*innen kritisieren müssen
Vor ein paar Wochen fanden die Grammy Awards 2026 statt und es ist viel passiert. Die wichtigste Nachricht des Abends: M...
Interview 
„Alkohol ist ein blinder Fleck unserer Gesellschaft“ – MOLA über Rausch, Liebe, und ihr neues Album
MOLA über ihr neues Album Liebe Brutal, den Druck der Musikindustrie und nüchterne Tourrituale.
Guilty Pleasures
Warum ich Taylor Swift höre und mich dafür schlecht fühle
Unsere Autorin will sich von Guilty Pleasures trennen und reflektiert ihre Beziehung zu Taylor Swifts Musik.