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Take Back The Night Demo 2024 in Hamburg | Foto: IMAGO / Moritz Schlenk
28.04.2026 • 08:00
Portraitfoto von Mona Siegers | © Noelle Schwarze Mona Siegers
5 Minuten
Voices Kolumne | Meinung

Whose streets? Our streets! Wie wir uns die Nacht zurückholen

Was wäre, wenn sich die Straßen einen Abend lang für FLINTA* sicher anfühlen würden? Unsere Autorin Mona hat auf einer Demo genau diese Erfahrung gemacht. 

Dieser Text erschien erstmals im Voices Newsletter | Mai 2025.

Wann hast du dich das letzte Mal nachts draußen unsicher gefühlt? Vermutlich kennst du solche Situationen: In der Nacht allein auf dem Heimweg. Eigentlich ist es gar nicht mehr weit, aber trotzdem bist du im Schnellschritt unterwegs, weil du endlich ankommen willst. Vorhin lief noch ein Mann hinter dir. Du hast keine Ahnung, ob er dich überhaupt beachtet hat, aber seine Anwesenheit reicht, um Anspannung in dir auszulösen. Du weißt nicht, ob er noch in der Nähe ist. Du hörst ihn nicht mehr, aber du traust dich nicht, dich umzudrehen. Vielleicht hältst du deine Schlüssel in der Hand, obwohl du gar nicht weißt, ob sie dir bei einer Konfrontation helfen würden, aber sie geben zumindest ein kleines bisschen Sicherheit. 

Ich würde von mir behaupten, dass ich mich nachts meist relativ sicher fühle. Also nicht wirklich „sicher-sicher“, aber sicherer als andere, die es im Gegensatz zu mir teilweise vermeiden, nachts unterwegs zu sein. Ich fühle mich lieber unwohl auf dem Heimweg, als Geld für ein Taxi zu bezahlen. Ich bin überdurchschnittlich groß für eine Frau, mit 1,80 Meter so groß wie der durchschnittliche Mann in Deutschland, und ich habe das Gefühl, dass mir das einen Vorteil gibt – dass Männer sich nicht ganz so überlegen fühlen.

Leider bedeutet das nicht, dass ich vor Übergriffen sicher bin. Und auch wenn ich von mir selbst behaupte, mich von diesem Umstand nicht einschränken zu lassen, passe ich mein Verhalten dennoch an. Ich würde das Haus in der Regel eher nicht verlassen, um allein feiern oder spazieren zu gehen. Es gibt bestimmte Orte, die ich generell meide, in Hamburg zum Beispiel die Reeperbahn, aber auch alles südlich der Elbe, weil ich dort so viele übergriffige Erfahrungen gemacht habe (sorry Harburg, Wilhelmsburg & Co, ich weiß, dort gibt es auch coole Leute). Ich achte darauf, welche Klamotten ich trage oder dass ich im Zweifel etwas zum Überziehen dabeihabe. Nachts entferne ich Pins mit Pride-Flaggen, die ich eigentlich immer trage. Ich rede wenig oder besonders freundlich und feminin, damit mich niemand als queer erkennt. Und auf dem Heimweg bin ich oft übermäßig aufmerksam und laufe im Schnellschritt. Na ja, so viel zu „relativ sicher fühlen“.

Fakt ist, wenn man nachts allein unterwegs ist und als Frau und/oder queer wahrgenommen wird, kann man sich eigentlich nicht sicher fühlen. Selbst Männer fühlen sich oft nicht sicher. Laut einer Studie von Civey fühlen sich 66 Prozent der Frauen, aber auch 39 Prozent der Männer nachts allein unsicher. Die Studie hat nicht nach einem Grund gefragt, aber es ist uns wohl allen klar, dass die meisten Menschen nachts kaum Angst vor Frauen haben, sondern vor Männern.

Take Back The Night


Ich wollte es lange nicht einsehen, dass Männer die Nacht dominieren, dass FLINTA* in Angst leben müssen, weil wir nicht sicher sind. Schon immer wollte ich diese Furcht überwinden, die Nacht zurückholen, aber natürlich hat das nie funktioniert, weil mir immer wieder bewiesen wurde, dass meine Angst berechtigt ist, dass mich Unachtsamkeit in Gefahr bringt und ich meine Sicherheit priorisieren muss. Kurz: Mein persönlicher Widerstand ändert erstmal nichts an den gesellschaftlichen Gegebenheiten. 

Doch wenn es allein nicht geht, dann gemeinsam. Jedes Jahr am 30. April, also in der Walpurgisnacht, angelehnt an die Hexenverbrennungen, finden seit den 70-er Jahren die Take Back the Night (TBTN) Demos statt. 2025 fand auch in Hamburg wieder eine Demonstration statt und mein*e Kolleg*in Sarah und ich waren zusammen dort.

Der Gedanke hinter der Demo ist, dass FLINTA* gemeinsam auf die Straßen gehen und sich diese zurückerobern.

Auf der offiziellen Website heißt es: „Die globale Mission von Take Back The Night als gemeinnützige Stiftung besteht darin, alle Formen sexueller Gewalt zu beenden, darunter sexuelle Übergriffe, sexueller Missbrauch, Menschenhandel, Stalking, geschlechtsspezifische Belästigung und Beziehungsgewalt, und Überlebende auf ihrem Weg der Heilung zu unterstützen.“

Offiziell begann die Demo um 20 Uhr an der Sternschanze. In Bewegung setzte sich der Zug erst eine Stunde später, als es langsam dunkel wurde. Ich war zum ersten Mal bei TBTN dabei, deswegen war ich mir nicht ganz sicher, was mich erwarten sollte. Insgesamt kamen etwa 1.200 Menschen zusammen. Wir waren viele. Und es war wundervoll.

Our Streets

Eine riesige Gruppe von FLINTA* zieht los und die Energie ist von Anfang an enorm. Als wir gemeinsam beginnen „Whose streets? Our streets!“ zu rufen, wird mir klar, dass diese Demo besonders ist. Ich war schon auf vielen Demos. Große Demos, kleine Demos – auch auf unzähligen Klimastreiks und CSDs, die ebenfalls immer außergewöhnlich sind. Aber auf keiner Demo habe ich mich so frei, empowert und sicher gefühlt wie auf der Take Back The Night Demo.

Wir laufen von der Sternschanze bis zur Reeperbahn und wieder zurück bis zum Neuen Pferdemarkt. Noch nie in meinem Leben habe ich mich an diesen Orten bewegt, ohne dass mir dabei unwohl war. Doch dieses Mal ist es anders. Wir erobern uns die Straßen wortwörtlich zurück. Während wir durch die Straßen ziehen, stehen auf den Gehwegen Männer vor irgendwelchen Bars und Clubs und können nichts tun, außer ziemlich verdutzt zu schauen. Genau die Männer, vor denen ich sonst Angst hätte, haben in diesem Moment überhaupt keine Macht mehr. Denn wir sind mehr. Und wir sind laut.

Schade, dass es nicht immer so ist. Und auch, dass nicht alle dieses Gefühl teilen konnten – viele Menschen können aufgrund von Barrieren nicht an (solchen) Demos teilnehmen. Doch ich bin einfach unglaublich glücklich, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Zu wissen, dass die Straßen nicht unsicher sein müssen und dass wir, wenn wir Seite an Seite stehen, uns Männern und diesem System entgegenstellen können.

Wir haben an diesem Tag weder sexualisierte Gewalt besiegt, noch haben wir die Straßen für alle anderen 364 Tage im Jahr sicher für FLINTA* gemacht, aber wir haben uns zumindest für diesen einen Abend die Nacht zurückgeholt und Widerstand geleistet. Und für mich hat das die Welt bedeutet.

 

Sei dabei!

Auch in diesem Jahr finden in mehreren deutschen Städten am 30. April Take Back The Night-Demos statt:

  • Berlin: 20 Uhr Zickenplatz (U Schönleinstr.)
  • Hamburg: 19 Uhr, Heiligengeistfeld / Ecke U St. Pauli
  • Bremen: 20 Uhr, Leibnizplatz
  • Dresden: 20 Uhr, Schlossplatz
  • Kassel: 20 Uhr, Rathaus
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