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Porträt der Autorin Sanata Doumbia-Milkereit  | © Simon Rue | Porträt der Autorin Sanata Doumbia-Milkereit
© Simon Rue | Porträt der Autorin Sanata Doumbia-Milkereit
15.04.2026 • 17:34
Sanata Doumbia-Milkereit sitzend im weißen Kleid  | © Claus Bergmann Sanata Doumbia-Milkereit
8 Minuten
Essay

„Colorism schafft Konkurrenz, wo Solidarität sein sollte“

Colorism hierarchisiert Menschen anhand ihres Hauttons: Je heller, desto mehr Privilegien – je dunkler, desto stärker die Diskriminierung. Unsere Autorin erklärt, weshalb diese Form von Rassismus oft subtiler daherkommt, aber umso wirkmächtiger ist. Ein persönlicher Essay über koloniale und kapitalistische Schönheitsnormen. 

Ich bin 1991 in der Côte d’Ivoire geboren, mit mütterlichen Wurzeln in Mali. Meine Haut ist dunkel. Schwarz. Mit sechs Jahren kam ich nach Deutschland. Die politischen Unruhen in meiner damaligen Heimat spitzten sich zu, mein Vater beantragte Asyl. Kurz zuvor war meine ältere Schwester gestorben – an den Folgen eines Schlangenbisses. Dieser Verlust war mein erster großer Bruch.

Doch die Wunden, die mich prägten, waren nicht nur politisch oder familiär. Es waren auch die Botschaften über meinen Körper, die sich tief in meine Kindheit einschrieben. Bereits damals wusste ich: Ich galt als zu dunkel. Zu schwarz.

Ich erinnere mich an meine Mamamousso, meine Großmutter. Sie zog mir regelmäßig an der Nase. Mit einer Sanftheit, die nichts Bedrohliches hatte und doch war die Botschaft schwer. Die Nase sollte schmaler werden. Schmaler bedeutete: schöner. Schmaler bedeutete: näher am Ideal. Es war Liebe, durchzogen von kolonialen Normen. Ein Ritual, das Zuwendung und Abwertung zugleich war.

Die unsichtbare Hierarchie

Jahre später lernte ich das Wort, das meine Erfahrung benannte: Colorism.

Colorism beschreibt die Bevorzugung hellerer Haut zwischen oder auch innerhalb ethnischer oder rassifizierter Gruppen. Eine unsichtbare Hierarchie, die Menschen nach Nuancen sortiert – von begehrenswert bis „zu dunkel“.

Seine Wurzeln liegen tief im Kolonialismus und in der Sklaverei. Während der Kolonialzeit bedeutete hellere Haut oft, näher an der Macht zu sein. Wer heller war, konnte als Hausangestellte oder Hausangestellter arbeiten statt auf den Feldern, wurde seltener brutal bestraft, galt als „zivilisierter“. Später begünstigten Kolonialverwaltungen sogar gezielt „Mischehen“ oder stellten hellhäutige Menschen als Mittler*innen zwischen Kolonisator*innen sowie Kolonisierten ein. Diese Spaltung setzte sich wie ein Gift in die Gesellschaft. Sie wirkt bis heute nach.

Colorism ist subtiler als offener Rassismus. Genau deshalb ist er auch so wirkmächtig. Er verkleidet sich als „Geschmack“ oder als „Vorliebe“. Aber es sind keine neutralen Präferenzen. Es sind Erben kolonialer Gewalt.

Kindheit in Deutschland

Als ich in Deutschland ankam, lernte ich eine andere Dimension der Unsichtbarkeit kennen. Ich war nicht nur „zu dunkel“ für westafrikanische Schönheitsnormen. Ich war plötzlich eines der wenigen schwarzen Kinder in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Im Klassenzimmer war meine Haut der erste Kommentar. „Schokokuss“, „dreckig“. Worte, die andere Kinder mir ohne Böswilligkeit, aber mit einer verletzenden Normalität zusprachen. Lehrer*innen schwiegen. Und ich? Ich schwieg mit.

In der Werbung, in Kinderbüchern, in Filmen sah ich niemanden, der so aussah wie ich. Wenn schwarze Frauen vorkamen, dann selten in der Rolle der Schönen oder der Heldinnen. Eher als Dienerinnen, Opfer oder exotische Nebenfiguren. Für ein Kind bedeutet das: Unsichtbarkeit.

Colorism war plötzlich doppelt präsent: als Erbe meiner Herkunft und als Spiegel in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Die mediale Bühne

Kaum irgendwo ist Colorism so sichtbar wie auf den großen Bühnen von Mode, Film und Popkultur.

Wer schafft es auf die Cover? Wer wird zur Stilikone? Beyoncé, Rihanna, Zendaya – Frauen, die für schwarze Schönheit stehen, aber deren Haut heller ist. Ihre Gesichter sind vertraut, begehrt und auf jeder Bühne sichtbar.

Lupita Nyong’o dagegen musste es sich erst erkämpfen, gesehen und gefeiert zu werden. Ihr Erfolg wurde inszeniert – wie ein revolutionärer Moment: der Beweis, dass auch dunkle Haut „glamourös“ sein kann.

Diversität in Kampagnen bedeutet bis heute oft: „Schwarz, aber hell.“ Dunklere Haut, krauseres Haar, breitere Nasen – sie fehlen. Und wenn sie doch gezeigt werden, dann selten als Norm, sondern als „Statement“. Cover mit dunkelhäutigen Frauen sind nach wie vor Ausnahmen – gefeiert, weil sie nicht selbstverständlich sind.

Colorism lebt von dieser Logik: Helligkeit als Standard, Dunkelheit als Abweichung.

Die Gewalt des Bleachings

Colorism verletzt nicht nur das Selbstwertgefühl. Er hinterlässt auch körperliche Narben.

In vielen afrikanischen Ländern ist Hautbleaching ein Milliardengeschäft. Regale in Lagos, Abidjan oder Dakar sind voll mit Cremes, die Aufhellung versprechen. Junge Mädchen, Frauen – und manchmal sogar Kinder – tragen Substanzen auf, die Chlor, Quecksilber oder Hydrochinon enthalten. Viele dieser Mittel sind krebserregend, greifen Organe an und hinterlassen irreversible Hautschäden.

Manche Mütter beginnen von Geburt an: Sie reiben die Haut ihrer Töchter mit Bleichcremes ein. Aus Liebe, aus Sorge und aus der Hoffnung, dass eine hellere Haut eine bessere Zukunft bedeutet. Das Geschäft profitiert von kolonial geprägten Schönheitsnormen. Produkte heißen „Carotone“ oder „White Perfect“. Ihre Werbung zeigt Frauen, die lächeln, weil sie „endlich heller“ sind. Die Realität: verbrannte Haut, Depressionen, zerstörte Selbstbilder. Häufig sogar Krebs. Und Stars, die ihre Haut sichtbar aufhellen, leben dieses Bild vor. Was als „Glamour“ verkauft wird, ist in Wahrheit eine stille Bestätigung: Wer Erfolg will, muss heller sein.

Konkurrenz im Schatten

Colorism wirkt nicht nur von außen. Er frisst sich auch nach innen.

In vielen schwarzen Communities bedeutet hellere Haut bis heute mehr Chancen auf Ehe, auf Anerkennung und auf Bewunderung. Dunklere Haut bedeutet oft: sich stärker beweisen zu müssen, um dieselbe Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das beginnt früh. Schon Kinder vergleichen sich, Mütter vergleichen ihre Kinder miteinander und Familien flüstern, dass die hellhäutige Tochter „mehr Glück“ haben wird. Was als Kompliment erscheint, ist ein Keil, der spaltet.

In meiner eigenen Familie war ich immer eine der Dunkelsten – vielleicht sogar die Dunkelste. Als Kind bekam ich dafür einen Spitznamen, der sich eingebrannt hat: „Asche“. Auf Französisch klang es fast harmlos, fast spielerisch. Doch für mich war es eine Botschaft, die ich nicht abschütteln konnte: Meine Haut war zu dunkel, zu stumpf und damit zu weit weg von dem, was schön sein sollte. 

Solche Worte klingen nach Belanglosigkeiten, doch sie legen sich wie ein Schatten ins Gedächtnis. Ein Kind vergisst nicht, wenn es zum Vergleich gemacht wird. Es verinnerlicht: Du bist weniger. Du bist anders.

Ich erinnere mich daran, wie andere Mädchen – mit etwas hellerer Haut – häufiger „schön“ genannt wurden. Ihre Haare wurden bewundert, ihre Gesichter sanfter beschrieben. Ich stand daneben und spürte: Ich war sichtbar, aber nicht begehrt. Ich war anwesend, aber nicht gewählt. 

Diese Vergleiche sind nicht zufällig. Sie sind die koloniale Hierarchie, weitergetragen über Generationen. Eine Logik, so tief verinnerlicht, dass wir sie oft selbst reproduzieren, ohne es zu wollen.

Colorism schafft Konkurrenz, wo Solidarität sein sollte. Er stellt uns gegeneinander auf, statt uns zu verbinden. Und genau das macht ihn so zerstörerisch.

Familiäre Ambivalenz

Ich verurteile meine Großmutter nicht für ihr Ziehen an meiner Nase. Sie handelte aus Fürsorge und zugleich im Schatten einer Geschichte, die größer war als sie selbst. Colorism zeigt sich oft in solchen Ambivalenzen. Er ist selten blanker Hass.

Er ist die Erziehungsidee, „das Beste“ für die nächste Generation zu wollen. Er ist die Hoffnung, dass hellere Kinder es leichter haben. Doch genau hier liegt das Gift: in der vermeintlichen Fürsorge, die eigentlich Abwertung ist. In der Liebe, die ungewollt sagt: „So, wie du bist, reicht es nicht.“

Psychologische Narben

Als Psychologin weiß ich heute, wie tief diese Botschaften wirken. Ein Kind, das ständig hört, seine Haut sei „zu dunkel“, verinnerlicht dies nicht als Schönheitsurteil, sondern als Identitätsfrage. „Bin ich wertvoll?“ wird zur lebenslangen Unsicherheit.

Colorism prägt das Selbstwertgefühl. Er schafft innere Spaltungen: zwischen dem eigenen Spiegelbild und dem Wunsch, ein anderes Gesicht zu sehen. Er beeinflusst Partnerschaften, Berufschancen und Zugehörigkeit.

Auch heute spüre ich die Nachwirkungen. Ich ertappe mich dabei, die Sonne zu meiden. Nicht aus Sorge vor Hitze oder Hautschäden, sondern unterbewusst aus Angst, noch dunkler zu werden. Es ist ein Reflex, gespeist aus all den Botschaften meiner Kindheit, die sich in meinen Körper eingeschrieben haben.

Manchmal zwinge ich mich deshalb bewusst in die Sonne. Ich lege mich ins Licht, gerade weil es sich zunächst verboten anfühlt. Ich trainiere mein Bewusstsein um, Schritt für Schritt. Ich sage mir: Meine Haut ist nicht weniger wert, wenn sie dunkler wird. Sie ist schön. Immer.

Ein globales Muster

Colorism ist kein afrikanisches Phänomen. In Asien boomen „Whitening-Produkte“ seit Jahrzehnten. In Bollywood-Werbungen bedeutet hellere Haut mehr Erfolg und Heiratspotenzial. In Südkorea wird blasse Haut mit Wohlstand assoziiert, in Lateinamerika und den USA bedeutet „light skin“ oft: mehr Sichtbarkeit, mehr Chancen.

Überall auf der Welt verläuft dieselbe Logik: Je näher an weiß, desto „wertvoller“. Das zeigt: Colorism ist kein individuelles Vorurteil, sondern ein globales System, tief verwurzelt im Kolonialismus, im Kapitalismus und in Schönheitsindustrien.

Ein anderes Bild

Und doch: Ich habe gelernt, mich neu zu sehen. Heute sage ich: Schwarze Haut ist schön. Krauses Haar ist schön. Breite Nasen sind schön. Ich sage es nicht, weil ich es muss. Ich sage es, weil ich es fühle.

Ich sage es für mein jüngeres Ich, das daran nicht glauben konnte. Für meine verstorbene Schwester, die nie die Chance hatte, sich selbst im Spiegel zu feiern. Für die Mädchen, die heute noch die Cremes ihrer Mütter riechen.

Sie sind vollständig. Sie sind wertvoll. Sie sind schön.

Und ich? Ich sage es heute mit Überzeugung: Ich bin schwarz. Ich bin dunkel. Ich bin schön.

Was Mode tun kann

Mode hat Macht. Sie prägt Bilder, Sehgewohnheiten sowie Ideale. Wenn Vogue, wenn große Marken, wenn Film und Werbung nicht nur hellere Diversität feiern, sondern wirklich alle Nuancen schwarzer Haut sichtbar machen, dann verändert sich etwas.

Es geht nicht um Tokenism. Es geht darum, Vielfalt als selbstverständlich zu begreifen. Dass ein dunkler Teint kein Statement ist, sondern einfach: Schönheit.

Meine Vision 

Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der kein Kind mehr im Klassenzimmer „zu dunkel“ genannt wird. Eine Zukunft, in der Mädchen nicht mit Cremes eingerieben werden, die sie zerstören, sondern mit Worten, die sie aufbauen. Eine Zukunft, in der schwarze Haut nicht als Ausnahme gefeiert wird, sondern als Teil einer selbstverständlichen Vielfalt

Wenn ein kleines schwarzes Mädchen in ein Magazin blickt, soll es nicht denken: So werde ich nie aussehen. Es soll denken: Da bin ich.

Schönheit neu definieren 

Colorism ist persönlich und politisch zugleich. Er ist die Hand meiner Großmutter an meiner Nase, der Kommentar auf dem Schulhof, das leere Regal in der Spielzeugabteilung, die Chemikalie in der Creme und der Spitzname „Asche“.

Aber er ist nicht endgültig. Bilder können sich ändern. Gesellschaften können sich ändern. Und wir – schwarze Frauen, schwarze Menschen – können unsere Schönheit neu definieren.

Die Zukunft liegt in der Vielfalt aller Töne. 
Und in der einfachen Wahrheit: Zu dunkel? Nie wieder. Zu schön. Immer

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