Ein Handschlag-Moment, der Bände spricht, und eine Fanbiografie zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss: Julias Geschichte zeigt, wie Männlichkeitsinszenierungen und Hierarchien in Ultra-Gruppen wirken – trotz Gegeninitiativen, Netzwerken und klarer Erkenntnisse über Sexismus im Fußball.
Es ist nur ein kleiner Moment nach dem Achtelfinal-Hinspiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Bayern München Mitte März. Und doch hat er Gewicht. Die TV-Expert*innen Christoph Kramer, Mats Hummels und Tabea Kemme stehen am Spielfeldrand. Die Spieler des FC Bayern schlagen mit den Experten ein – einer nach dem anderen. Ja, nur mit den männlichen Experten. Tabea Kemme geht leer aus. Für sieben Spieler scheint sie nicht anwesend zu sein. Erst Serge Gnabry und Nicolas Jackson geben ihr die Hand. Ist diese Szene symbolisch für das Standing von Frauen im Fußball?
Fußball ist ein männerdominierter Sport. Immer noch. Auf dem Platz. Am Spielfeldrand. Und auf den Rängen. Jede*r, der*die schon einmal in einem Stadion war, weiß aber, dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten auch einiges getan hat. Viel mehr Menschen, überwiegend Frauen, schauen sich Frauenfußball an. Und auch beim Herrenfußball finden sich im Publikum mehr Frauen, als es früher der Fall war.
Julia* ist eine von ihnen. „Meine Oma hat mich mitgenommen, da war ich noch ein Kind.“ Dabei ist Fußball für sie mehr als nur ein alle paar Wochen anstehendes Abenteuer. Julia schaut sich nicht nur gelegentlich mit einem Sitzkissen unter dem Hintern 90 Minuten lang ein Spiel an. Vielmehr lebt sie ein aktives Vereinsleben. Das besteht für sie hauptsächlich aus dem Support der ersten Herrenmannschaft ihres Vereins, welcher recht erfolgreich in der zweiten Liga kickt. Sie hat aber auch eine Dauerkarte für die Frauenmannschaft und verfolgt regelmäßig die Spiele bei den Amateuren. Auch an Mitgliederversammlungen nimmt sie teil, um ihre Ansichten zu Vereinsfragen einzubringen.
Julia steht der aktiven Fanszene ihres Vereins nah – dem harten Kern, der das Stadion an Spieltagen zum Beben bringt und seinen Verein um jeden Preis unterstützt. Doch sie gehört nicht wirklich dazu. Und das seit zwölf Jahren. Denn in allen Ultra-Gruppierungen, die zu ihrem Verein gehören, gibt es keine einzige Frau. Im Umfeld hingegen sind Frauen durchaus präsent, meist aber nur als „die Freundin von…, die Schwester von…, die Bekannte von…“ abgestempelt.
Unser Gespräch startet holprig. Julia antwortet kurz und knapp, ist bedacht darauf, mir nicht zu viel zu erzählen. Mit der Presse sprechen – das ist für sie vermutlich kein leichter Schritt. Ultras und das engere Szeneumfeld stehen der Presse oft skeptisch gegenüber. Nicht, weil Medien pauschal abgelehnt werden, sondern weil sich viele in der Berichterstattung häufig missverstanden oder auf negative Schlagzeilen reduziert fühlen. Im Laufe des Gesprächs taut Julia auf – so sehr, dass sie mir später noch eine Sprachnachricht schickt: „Mir ist noch eingefallen, dass…“
Hierarchien, wie sie in den Ultra-Gruppen von Julias Verein zu finden sind, sind kein Einzelfall und bei weitem auch nicht nur auf Ultra-Gruppen beschränkt. Sie sind Ausdruck einer inszenierten Männlichkeit – dazu später mehr. Es gibt auch viele positive Beispiele, ganz ohne Frauen bleiben die Fanszenen in diesem Land nämlich nicht. Vereine wie Jena, Babelsberg, Heidenheim, der FC St. Pauli und einige mehr zeigen, dass es auch anders geht. Bei vielen Ultra-Gruppen sind Frauen Gründungsmitglieder.
Julia beschreibt Fußball als „familiäres Gefühl“, denn „ich kann ins Stadion gehen, allein, und ich weiß, ich kenne dort so viele Leute“. Trotzdem belastet sie, dass sie nicht Teil von etwas Größerem sein darf. Dass sie sich nicht als „Ultra“ bezeichnen darf. Sie fährt zu jedem Spiel, sie erledigt Aufgaben, die weit über ein durchschnittliches Fan-Dasein hinausgehen und all ihre Freunde sind auch Teil von Ultra-Gruppen. Nur sie darf es eben nicht sein, weil Frauen in den Gruppen ihres Vereins nicht zugelassen sind. Das ist Sexismus.
In Julias Fall stellten sich vor allem ältere Männer gegen ihre Aufnahme in die Gruppe. „Es sind immer ältere Männer, die in den Gruppen sind, die sich rechts von der politischen Mitte tummeln und völlig veraltete Denkweisen haben“, sagt sie. Ein Mann aus einer Gruppe ihres Vereins habe sie regelmäßig abgefangen, vor oder nach Spielen, immer, wenn sie allein unterwegs war. Er habe sie eingeschüchtert und ihr körperliche Gewalt angedroht. Ohne Konsequenzen blieb das nicht: Er erhielt, auch wegen anderer Vorfälle, von anderen Gruppen eine Rüge. Die Gruppe verlassen musste er jedoch nie. Und Julia gehört noch immer nicht dazu.
Diese Form von Sexismus und teilweise sogar sexualisierter Gewalt sei für Julia besonders belastend. Auch, wenn sie auch „klassischen Alltagssexismus“ kennt: Ist sie einmal nicht in ihren gewohnten Kreisen unterwegs, mit ihren gewohnten Leuten, so wird sie oft auf ihr Äußeres reduziert. „Ganz oft werden meine Tattoos kommentiert“, aber es sei auch an der Tagesordnung, dass wildfremde, meistens stark alkoholisierte Männer, einfach einen Arm um sie legen, sie berühren. Ihr Dinge ins Ohr flüstern. Anzügliche Kommentare machen. Ungefragt.
Einmal wurde ihr während eines Spiels an den Po gefasst. Als sie sich umdrehte, war die Person in der Menge verschwunden. Keine Konsequenzen also.
Für sie sei das nicht weniger schlimm als gar nicht erst in die Gruppe aufgenommen zu werden, aber hier weiß sie sich zu wehren, hat eine Selbstwirksamkeit: „Ich wurde im Fußball sozialisiert, ich kann deutlich klarmachen, wenn mir was nicht passt.“ Mit dem Umstand aber, nicht offiziell Teil einer Gruppe sein zu dürfen, kann sie nur schwer umgehen. Letztlich bleibt ihr nichts anderes als diese Situation zu akzeptieren.
Aber warum ist das so? Vereine, die Fanszenen und auch Verbände sind bestrebt, den Sexismus aus den Stadien zu verbannen. Warum wird so oft „Keine Frauen in den ersten Reihen“ gelebt?
Dr. Almut Sülzle ist Ethnologin und Fußballforscherin. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sie sich insbesondere mit Männlichkeitskonstruktionen, Queerfeindlichkeit und Sexismus im Kontext von Fußball und Fankulturen. Heute ist sie als Wissenschaftlerin in der Kompetenzgruppe Fankulturen und sportbezogene Soziale Arbeit (KoFaS) tätig.
Die Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in Nordrhein-Westfalen (medif-nrw) berichtet in ihrem Jahresbericht 2023/2024, dass Sexismus die häufigste Form der Diskriminierung ist. Gefolgt von Rassismus und Queerfeindlichkeit. Das sei, so Sülzle, in der Gesellschaft ganz genauso. „Wir leben in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft, da gehört Sexismus von oben bis unten, von links bis rechts immer dazu.“
Gleichzeitig sei der Fußball eine Art „Sonderraum“, eine „Männerdomäne“. Schon immer habe es dazugehört, dass Männer sich im Fußball beweisen wollten; Männlichkeitsinszenierungen spielen dabei eine besonders große Rolle. Dieses Verhalten – etwa indem man sich besonders laut oder stark inszeniert – führe oft dazu, dass man sich bewusst von dem abgrenzt, was als vermeintlich anders oder nicht zugehörig wahrgenommen wird. Das ist keinesfalls nur im Fußball so und schon gar nicht nur in Ultra-Gruppen.
Im Gespräch mit Julia wurde deutlich, dass sie häufig auch von Menschen aus den eigenen Reihen enttäuscht ist, besonders dann, wenn diese außerhalb des Fußballs andere Werte vertreten. Viele setzen sich im Alltag für Gleichberechtigung ein und sehen Frauen in der Gesellschaft keineswegs Männern untergeordnet. „Viele sind ja auch links eingestellt, aber das ändert in der Hinsicht trotzdem nichts.“ Dieses Verhalten ärgert Julia, denn „Feminist kann man sich nennen, aber selbst betroffen ist man dann halt doch nicht.“
Wer im Fußball dazugehören möchte, müsse zunächst die dort vorherrschenden Inszenierungen von Männlichkeit sowie die bestehenden Machtstrukturen anerkennen und akzeptieren, meint Sülzle. Aber auch Zugehörigkeit spielt eine Rolle: „Es geht darum, nicht rauszufallen aus der Gruppe.“ Die eigenen Prinzipien seien dabei nicht verschüttet, aber in diesem Rahmen liege der Fokus nicht auf ihnen, so die Expertin. In gewisser Weise sei diese Dynamik sogar nachvollziehbar, denn wenn Menschen mit einer feministischen Haltung gar nicht erst Teil der Gruppe sind, gibt es kaum die Möglichkeit, bestehende Strukturen von innen heraus zu verändern.
Problematiken wie Sexismus, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung sind im Fußball längst als ernstzunehmende Herausforderungen erkannt worden. Verbände, Vereine und Fanorganisationen reagieren darauf mit verschiedenen Maßnahmen: Dazu zählen Aufklärungskampagnen, Antidiskriminierungsrichtlinien, Schulungen für Mitarbeitende und Ordner sowie Melde- und Beratungsstellen für Betroffene.
Auch Netzwerke gelten als wichtige Anlaufstellen, um sich für Betroffene von Sexismus einzusetzen. Dazu zählen beispielsweise das Netzwerk Frauen im Fußball, kurz F_in, das sich für die Sichtbarkeit und Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen des Fußballs einsetzt, sowie das Netzwerk gegen Sexismus im Fußball, das Vereine und Faninitiativen bei der Prävention von sexistischer Diskriminierung unterstützt.
Trotz alldem denkt sich Julia am Ende der Saison oft: „Ich habe keinen Bock mehr.“ Und vermutlich auch keine Kraft. Und doch steht sie, wenn alles wieder von vorn beginnt, wieder in der Kurve. Almut Sülzle betont, dass Frauen, die keinen Zugang zu Gruppen haben, Wege finden sollten, sich trotzdem zu organisieren. Sie sollten trotzdem außerhalb der offiziellen Gruppenstrukturen aktiv bleiben, Präsenz zeigen und kontinuierlich auf bestehende Ungleichheiten aufmerksam machen – quasi immer wieder signalisieren: „Ich bin noch da“.
* Die Protagonistin möchte anonym bleiben, Julia ist nicht ihr richter Name. Der korrekte Name liegt der Redaktion vor.