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Max Schneller | © Max Schneller
© Max Schneller
19.05.2026 • 06:46
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
19 Minuten
Podcast „Echt & Unzensiert“

Rettet der Osten die Demokratie? Aktivist Max Schneller über Hass, Haltung und Heimat

In der 72. Folge unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“ ist Max Schneller zu Gast. Der 17-Jährige ist einer der jüngsten und reichweitenstärksten politischen Aktivist*innen aus Ostdeutschland.

Max Schneller hat im April 2025 in seiner Heimatstadt Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt das offene Mikrofon auf einer Querdenker-Demo genutzt, um rechten Geschichtsverdrehungen klar zu widersprechen – und das im Alter von 16 Jahren. 
 
Seine Rede ging viral und brachte enorme Aufmerksamkeit mit sich. Seitdem erlebt er viel Solidarität, aber auch massiven Hass bis hin zu Morddrohungen, die polizeilichen Schutz notwendig machen. Seinem Kanal @maximal.demokratisch folgen allein auf Instagram über 65.000 Menschen.

In der Folge spricht Max über sein Aufwachsen in Ostdeutschland, seine Erfahrungen als politischer Aktivist und warum er trotz Gegenwind in Sachsen-Anhalt bleiben will. Es geht um Demokratiebildung an Schulen, Chancen und Risiken von Social Media für unsere Debattenkultur und die Verantwortung von Medien im Umgang mit extremen Positionen. Außerdem spricht er über CSDs im Osten, aktuelle politische Entwicklungen, den Mut, trotz Angst laut zu sein sowie die anstehenden Wahlen und was jetzt zählt.

Mit seinem Engagement, seiner Direktheit und seiner Sichtbarkeit zeigt Max, wie junge Menschen heute Demokratie lebendig halten. Er ist ein Vorbild, insbesondere auch für junge Menschen, und er macht ganz klar: Demokratie ist kein Selbstläufer.

Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier.

Lieber Max, du bist in Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt großgeworden. Wie hast du das erlebt?

„Bad Dürrenberg ist ein 12.000-Einwohner-Städtchen mit einer sehr lebendigen Stadtgesellschaft. Und ich glaube, was mich vor allem an Bad Dürrenberg und an Sachsen-Anhalt generell so ein bisschen gekoppelt hat – beziehungsweise weshalb meine Person lauter geworden ist –, sind die Montagsproteste, die dort stattfinden: anfangs noch gegen Corona-Maßnahmen, mittlerweile gegen irgendwie all das, was sie halt nicht gut finden. Das ist gefühlt ganz schön viel und meistens auch die Hälfte von dem, was die Politik gerade beschließt.

Und ich denke, das Leben in Sachsen-Anhalt allgemein ist sehr bodenständig, also man lebt jetzt nicht in den reichsten Villen und in den reichsten Häuschen.“

Kannst du dich an einen konkreten Moment erinnern, in dem dir bewusst wurde: Ich lebe in einem Teil von Deutschland, in der rechtes Gedankengut besonders verbreitet ist?

„Das ist allgegenwärtig. Ich lebe hier im Saalekreis, in dem zum Beispiel der Vordenker der extremen Rechten, Götz Kubitschek, seinen Wohnsitz hat und dort seine jeweiligen Treffen veranstaltet, zu denen viele Neonazis und Rechtsextreme aus allen Bundesländern und teilweise sogar international kommen.

In Schkopau haben wir außerdem ein Hausprojekt der Identitären Bewegung. Das konnten sie anfangs in Halle nicht aufbauen, jetzt sind sie mittlerweile hier – direkt vor unserer Haustür. Ich lebe in einer besonders krassen Region, also dort, wo wirklich die Kader und auch sehr extreme Strukturen zu finden sind.“

Welche Werte hat dir denn deine Familie mitgegeben?

„Meine Familie war eher unpolitisch. Wir hatten nicht viel Geld, meine Mutter war oft vom Staat abhängig, daher weiß ich, wie es ist, wenig zu haben, bodenständig aufzuwachsen und mit dem zufrieden zu sein, was man hat.

Das hat mich geprägt: nicht politisch, sondern menschlich. Jeden Menschen gleich zu behandeln, so wie er ist, ohne Unterschiede zu machen. Das Politische habe ich mir ein Stück weit selbst beigebracht.“

Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen? Mit zwölf Jahren hast du zum Beispiel auch noch auf einer Corona-Demo gestanden.

„Politik hat mich schon früher berührt. Zur Bundestagswahl 2017 habe ich mitgefiebert – ich fand es damals irgendwie spannend, gegen Angela Merkel zu sein. Zur Landtagswahl 2021 war ich durch die Corona-Maßnahmen sehr politisiert, aber nicht im Sinne von ‚Ich finde die AfD gut‘. Mich hat zum Beispiel überzeugt, dass die FDP digitale Endgeräte für Schulen versprochen hat. Tablets statt Schulbücher, das fanden viele attraktiv. In den Monaten danach bin ich dann eher zur Linken rübergerutscht und seitdem auch Mitglied, wenn auch nicht groß aktiv.

Mit zwölf war ich ein paar Mal auf Montagsdemonstrationen – nicht, weil ich alle Maßnahmen schrecklich fand oder Corona geleugnet habe, sondern weil mir in der sechsten Klasse die sozialen Kontakte extrem gefehlt haben. Monatelang zu Hause zu sitzen, ohne Austausch, geht an einem Kind nicht spurlos vorbei. Nach drei Teilnahmen habe ich gemerkt, dass die Veranstalterin auf Facebook AfD- bzw. pro-AfD-Inhalte teilt. Da war für mich klar: Das mache ich nicht weiter.

Einen deutlichen Dämpfer hat mir damals auch meine Kinderärztin gegeben: ‚Wozu machen wir hier noch Corona-Tests, wenn ihr dort mitlauft?‘ Das hat mich stark zum Nachdenken gebracht. Seitdem war ich nicht mehr dort – und das ist auch gut so. Man sieht: Zwischen zwölf und 17 kann sich viel verändern, und das ist bei mir passiert.“

Hast du direkt Anfeindungen erlebt, als du angefangen hast, dich anderweitig politisch zu äußern? Deine Schulzeit war ja zum Beispiel eher nicht so schön, oder?

„Also ja, meine Schulzeit war jetzt nicht unbedingt toll, sagen wir’s mal so. Mit Beginn des Sozialkundeunterrichts und rund um Bundestags-, Landtags- und Europawahlen wurde die Debatte über Parteien immer größer. Für mich war es sehr klar, eine Position gegen eine Partei zu vertreten, die offensichtlich nicht allen Menschen den Artikel 1 des Grundgesetzes zuspricht. Das war in der Klasse natürlich ein strittiges Thema – auch bei Lehrer*innen, das ist das Spannende. Ich war damals schon öffentlich sichtbar mit dem Parteilogo unterwegs, und da hieß es schnell: ‚Da ist ja der Linke, die linke Zecke.‘

Eine Wendung nahm das, als zum Frauentag 2024 meine Nummer einfach weitergegeben wurde und ich über WhatsApp Nachrichten mit Hakenkreuzen und Ähnlichem bekam. Da war ich natürlich mit der Polizei in Kontakt. Ein Jahr später gab es dann diese Querdenker-Demo, auf der ich eine Gegenrede gehalten habe, die natürlich nochmal krass viel ausgelöst hat.

In der Schule ging es so weit, dass ich mich im Sozialkundeunterricht mit einem Lehrer gestritten habe, der offen pro-AfD-Inhalte geäußert hat und laut Aussagen anderer Mitschüler*innen auch gerne mal den Hitlergruß macht. Also eine Person im Staatsamt, eine Person, die Beamter ist, die solche Aussagen tätigt, Migration zum Problem macht und der Auffassung ist, dass die AfD nicht das absolut Böse ist. Eine Person, die wahrscheinlich überhaupt nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Dass diese Person immer noch Lehrer ist, zeigt ein bisschen, wie wenig sich dieser Staat gegen seine eigenen Feinde stellt.“

Du hast an deiner Schule auch eine U18-Wahl durchgeführt, bei der die AfD letztlich auf fast 50 Prozent gekommen ist. Das Ergebnis wollte die Schulleitung am liebsten unter den Teppich kehren, oder?

„Genau. Aber wenn ich eine Wahl durchführe, muss das Ergebnis veröffentlicht werden, das gehört zur Demokratie.

Für die Veröffentlichung des Ergebnisses habe ich von der Schulleitung eine krasse Ansage bekommen. Ich durfte mir anhören, wie schädlich das für den Ruf der Schule sei und warum ich angeblich Absprachen gebrochen hätte. Beendet wurde das Gespräch mit der Aussage, dass wir ja schon mal ‚richtige Neonazis‘ mit Springerstiefeln und Bomberjacke an der Schule hatten. Nach dem Motto: Die gibt es jetzt nicht mehr, weil sie sowas nicht mehr tragen. Heute sind New Balance und Lonsdale in – und auch wenn das offiziell keine Marken der extremen Rechten sind, sind sie natürlich in gewisser Weise heute deren Erkennungsmerkmal.

Man sieht es an den Schulen sehr deutlich: Die Seitenscheitel werden immer glatter. Die Gürtel sitzen alle perfekt. Die Szene der jungen Neonazis ist da. Wenn sich Schulleitung und Schulsozialarbeit weiterhin davor drücken, das als ernstzunehmendes Problem anzuerkennen, werden sie mit den Ergebnissen bei den Landtagswahlen und allen späteren Wahlen auf jeden Fall rechnen müssen.“

Würdest du sagen, Demokratie-Bildung kommt an deutschen Schulen generell zu kurz?

„Absolut. Schulen meinen oft, sie müssten sich davor scheuen, so etwas zu machen. Dabei ist es gerade der Auftrag von Schule, junge Menschen zu mündigen Bürger*innen heranzuziehen. Wo, wenn nicht in der Schule, sollte Demokratie so nah wie möglich gelebt und vermittelt werden?

Das fängt damit an, dass Schülerräte endlich echte Entscheidungsgewalt bekommen – nicht nur ein Scheingremium sind, das sich mal trifft und ein bisschen was bespricht. Sie brauchen konkrete Entscheidungsrechte und die Möglichkeit, zu widersprechen, wenn etwas nicht passt, genauso wie Schülersprecher*innen. Genau daran mangelt es an unendlich vielen Schulen.

Natürlich haben Schulen Angst, parteiisch zu wirken. Aber gerade sie sind – auch nach dem Beutelsbacher Konsens – verpflichtet, demokratische Werte zu vermitteln. Parteipolitisch neutral, ja; aber Demokratie ist nicht parteipolitisch, sie ist viel mehr.

Wenn an Schulen schon keine Regenbogenflagge mehr gehisst werden darf, weil sie als ‚Wokeness‘, ‚Gender-Propaganda‘ oder ‚Homopropaganda‘ diffamiert wird, sind wir an einem Punkt, an dem ich klar sagen muss: Das, was jetzt passiert, hat dieses Land schon einmal erlebt. Wenn wir nicht aufpassen und nicht klar widersprechen, kommt es wieder zu solchen Zeiten. Schulen sind in der Pflicht, sich dem entgegenzustellen. Demokratische Werte zu vermitteln ist ihre Aufgabe, ob sie wollen oder nicht.“

Im April 2025 gab es einen Schlüsselmoment in deinem Leben. Magst du noch mal erzählen, was genau passiert ist und wie es überhaupt dazu gekommen ist?

„Es war der 21. April 2025, der Ostermontag. Auslöser war, dass eine der Hauptredner*innen der wöchentlichen Querdenker-Demo in Bad Dürrenberg Holocaust-Leugnungen von Ursula Haferbeck verbreitet hatte. Diese Rednerin stand deswegen vor Gericht und wurde vom Gericht freigesprochen. Das war für mich der Grund zu sagen: Wenn nach fünf Jahren immer noch niemand den Mund aufmacht, klar widerspricht und Grenzen setzt, dann muss das wohl jemand mit gerade mal 16 Jahren tun – was für diese Stadtgesellschaft eigentlich traurig ist.

Auch der Bürgermeister sucht eher den Dialog mit den Redner*innen, statt ihnen zu widersprechen. Das zeigt mir, wie tief dieser braune Sumpf inzwischen ist und wie wenig klar dagegengehalten wird.

Für mich war deshalb klar: Ich stelle mich hin und halte eine drei Minuten lange Rede. Drei Minuten, die sich für mich endlos angefühlt haben und die am Ende sehr viele Reaktionen ausgelöst haben. Damit habe ich eine Debatte angestoßen und habe jetzt eine Reichweite, mit der ich weiterhin aus Sachsen-Anhalt berichten kann.“

Wie sahen die Reaktionen denn aus?

„Ein Video meiner Rede ging auf Twitter, Instagram und TikTok sehr viral. Die Reaktionen waren gespalten: Einerseits viel Positives. Endlich traut sich mal jemand, endlich widerspricht jemand dem Narrativ vom ‚braunen Osten‘, indem er praktisch zeigt: Hier sind noch andere Leute aktiv.

Gleichzeitig gab es aber auch viele negative Kommentare: Hassnachrichten, Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen. Die wurden angezeigt und führten zu polizeilichen Maßnahmen, die so tief in mein Privatleben eingegriffen haben, dass ich zum Beispiel eine Woche lang nicht zu Hause geschlafen habe.

Wenn dir jemand schreibt: ‚Wenn ich dich auf der Straße sehe, ballere ich dich um, inklusive Familie‘, dann geht das natürlich nicht spurlos an dir vorbei. Und klar: Je sichtbarer du wirst, desto eher musst du mit so etwas rechnen – was ich in einer Demokratie trotzdem sehr fragwürdig finde. Denn gerade diejenigen, die am lautesten nach Meinungsfreiheit schreien und behaupten, man dürfe in diesem Land nichts mehr sagen, sind oft die Ersten, die anderen ihre Meinung absprechen oder verbieten wollen.

Am Ende überwiegt für mich aber das Positive. Darauf habe ich mich zumindest konzentriert – auf die Unterstützung, die Nachrichten, die mich erreicht haben.“

Du wirst auch heute noch regelmäßig zur Zielscheibe, trotzdem willst du Sachsen-Anhalt nicht verlassen. Warum?

„Die extreme Rechte konnte nur so stark werden und sich Hausprojekte im ländlichen Raum von Sachsen-Anhalt mieten, weil dort viele Menschen weggezogen sind und die Zivilgesellschaft fehlt, die lautstark widerspricht. Das ist meine größte Begründung, nicht wegzuziehen. Wenn ich gehe, haben sie vielleicht in zwei Jahren wieder ein neues Hausprojekt, weil wir uns hier nicht dagegen gewehrt haben.“

Warum findet die AfD im Osten eigentlich vermeintlich mehr Anklang als im Westen? Hast du dafür Erklärungen?

„Ich glaube, viele Menschen sind hier anfälliger dafür, jeden Scheiß zu glauben, den ihnen eine Person vorgibt. Es gab mal eine Umfrage, aus der hervorging, dass sich viele Befragte eine starke Führungsfigur an der Spitze vorstellen können. In Sachsen-Anhalt sehen manche dieses Bild in Ulrich Siegmund – den nehmen sie als ‚starken Mann‘ wahr und glauben jeden Mist, den er sagt. Das Problem ist: Es wird immer weniger hinterfragt. Viele geben sich auf TikTok und Facebook mit dem zufrieden, was Politiker*innen ihnen vorsetzen, obwohl sie früher genau dieses ‚Politiker*innen-Klischee‘ kritisiert haben.

Ich habe mich lange dagegen gesträubt zu sagen, ‚die Ossis können keine Demokratie‘. Aber wenn man sich AfD-Demos anschaut, sieht man etliche, die die DDR erlebt haben und offenbar nichts daraus gelernt haben. 1989 sind sie für Demokratie auf die Straße gegangen – und jetzt fordern sie das Gegenteil von dem, wofür sie damals demonstriert haben.

Bei jungen Menschen kommt dazu: Viele fühlen sich krass abgehängt. Ostdeutschland ist stark ländlich geprägt; wenn hier kein Bus fährt und man nicht von A nach B kommt, entsteht Frust. Das rechtfertigt natürlich nicht, zur AfD zu rennen, aber andere Parteien finden oft keinen Anklang mehr. Die AfD bedient dieses Klischee, bietet einfache Feindbilder und schiebt die Schuld einer Bevölkerungsgruppe zu – hier sind es Migrantinnen und Migranten.

Warum die AfD gerade hier so viel Zuspruch bekommt, würde ich selbst gern eindeutig beantworten können. Manchmal denke ich: Euch geht’s doch eigentlich gut – zwei Autos in der Einfahrt, ein Einfamilienhaus. Was fehlt euch? Trotzdem wählen sie diese Partei, oft wegen Hörensagen (‚der Ausländer hat dies und das gemacht‘) oder Dingen, die sie selbst gar nicht erlebt haben. Ich glaube, viele sind so wohlstandsverwöhnt, dass sie nicht mehr wissen, was normal ist und was eigentlich ausreichen sollte.“

Der Narrativ „die AfD gewinnt im Osten sowieso“ stimmt aber auch nicht so ganz. Auf deinem Instagram-Kanal postest du regelmäßig Wahlergebnisse, die ein anderes Bild zeigen.

„Ja. Die Kommunalwahlen der letzten Tage, Wochen und Monate – oft Bürgermeister- und Landratswahlen in Ostdeutschland – hat die AfD fast alle krachend verloren. Klar, es gab eine Ausnahme in Altenberg in Sachsen, wo sie das Bürgermeisteramt gewonnen hat, aber sonst hat sie die meisten Wahlen verloren. Und genau das sollten wir stärker beleuchten, statt immer nur auf negative Schlagzeilen zu pochen.

Was mich nervt: Am 1. Mai, zum Tag der Arbeit, waren Influencer und Presse in Schönebeck beim AfD-Familienfest, haben Interviews geführt und mit negativen Schlagzeilen Reichweite (und Geld) generiert. Aber über den CSD in Dessau-Roßlau, einen Tag später, mit 700 Menschen – auch in Sachsen-Anhalt – berichtet wieder niemand.

Journalistischer und aktivistischer Anspruch heißt für mich auch, über das zu berichten, was dem etwas entgegensetzt. Das passiert zu selten, und das lähmt mich manchmal: Warum soll ich mich hier engagieren, wenn Leute extra herfahren, um wieder nur zu erzählen, wie ‚blau und braun‘ der Osten sei?

Sachsen-Anhalt sind nicht nur AfD-Feste und Aufmärsche. Sachsen-Anhalt sind auch all jene, die am ersten Montag im Monat in Bitterfeld für Demokratie auf die Straße gehen. Sachsen-Anhalt sind die Menschen, die am 30. Mai in Wernigerode beim CSD sind. Alle, die sich für eine demokratische Gesellschaft einsetzen. Über sie wird aber kaum gesprochen.

Genauso bei den Wahlkarten nach Landtags- und Bundestagswahlen: Am 6. September können alle zeigen, wie blau Sachsen-Anhalt aussieht, als hätte die AfD jeden Wahlkreis gewonnen. Ja, das wird schlimm sein. Aber vielleicht haben am Ende ‚nur‘ 30 oder 40 Prozent AfD gewählt – 60 Prozent eben nicht. Dann hört auf, Karten so einzufärben, als wäre das die Mehrheit. Dieses Narrativ muss aufhören. Sonst werden diejenigen ausgebremst, die dem etwas entgegensetzen.“

Dass das Erstarken der extremen Rechten kein ostdeutsches Problem, wird auch durch die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz klar, oder?

„Richtig. Man muss sich vor Augen führen: In Sachsen-Anhalt lag die AfD 2021 bei 20,8 Prozent, fünf Jahre später bei 40 Prozent. In Rheinland-Pfalz liegt sie jetzt bei rund 20 Prozent – wie sieht das in fünf Jahren aus? Vielleicht auch bei 40 Prozent.

Viele denken, die ‚Ossis‘ seien besonders rechts und schlimm, dabei zeigte schon die Bundestagswahl-Karte: Auch im Westen traf die AfD auf Anklang und war vielerorts zweitstärkste Kraft. Es ist also kein rein ostdeutsches Phänomen. Hier fand die AfD einfach nur schneller Anklang, auch weil viele Menschen in den Westen gezogen sind und lokale zivilgesellschaftliche Gegenkräfte dadurch schwächer wurden.“

Viele Menschen haben Angst davor, ihren Mund aufzumachen und laut zu sein. Was kann man denn tun, um die Leute dazu zu bewegen?

„In erster Linie muss man vermitteln: Eure Angst ist berechtigt – aber sie darf nicht lauter sein als eure Haltung. Wenn die Haltung verschwindet und die Angst überwiegt, bist du gelähmt und mischst dich nicht mehr ein. Genau das ist der Fehler.

Auch ich habe Angst. Sie hindert mich aber nicht daran, mich hinzustellen, zu demonstrieren und Auftritte der AfD oder anderer extrem rechter Gruppen zu widersprechen. Dafür braucht es kein Toolkit.

Wichtig ist einfach: Eure Angst muss leiser bleiben. Und wenn ihr nicht alleine laut sein wollt, dann sucht euch Gruppen und Menschen, die so denken wie ihr. Dann verschwindet die Angst meist von selbst“

Auf dem Dorf bleibt der Gegenprotest oft klein und überschaulich. Siehst du hier die Großstädte auch mehr in der Verantwortung?

„Bei dem Thema werde ich echt sauer. Schnellroda liegt direkt bei Halle, und auch Leipzig ist nicht weit. Wenn bei den Demos gegen die rechtsextremen Veranstaltungen von Götz Kubitschek nur 20 Leute aus dem Landkreis stehen, während sich viele Studierende aus Halle und Leipzig nicht aufraffen, hinzukommen, dann frage ich mich schon, warum.

Es gab Ausnahmen – beim letzten Mal waren viele aus Halle da –, aber oft ist es eben nur eine Handvoll Menschen. Drüben feiern sich die Leute vom IfS dann dafür ab, laufen vermummt herum und finden es toll, wenn Demonstrierende abgeführt werden. Mit einer größeren Menschenmenge wäre das viel schwerer.

Dazu kommt: Das Bündnis „IfS dichtmachen!“ hat kein unbegrenztes Budget für Busse, um Leute aus Leipzig oder Halle herzubringen. Die Leute aus den Städten könnten sich aber auch selbst zusammenraufen, Fahrgemeinschaften bilden und einfach vorbeikommen.

Ähnlich beim Hausprojekt der Identitären Bewegung im Landkreis: In Halle hat das jahrelang nicht geklappt, weil es ein aktives „Halle gegen Rechts“ gab. Jetzt sind sie im Umland, in Schkopau – ohne vergleichbares Bündnis. Dort haben sie ein ruhigeres Leben, zwischen Familien und Nachbarschaften, können sich unbehelligt aufhalten. Das kotzt mich dermaßen an.“

Auch die CSDs im Osten stehen immer mehr unter Druck. Wie erlebst du hier die Lage?

„Ich war dieses Jahr bisher auf einem CSD, in Dessau. Und na ja, es war wenig los – letztes Jahr deutlich mehr. Zur Zubringer-Demo waren nur 25 Leute da. Nur 25. Da dachte ich: Scheiße. Entweder haben viele keinen Bock mehr, weil sie denken, es lohnt sich sowieso nicht, oder sie haben so viel Schiss, dass sie sich nicht mehr trauen, auf die Straße zu gehen. Beim CSD in Schönebeck soll es ähnlich gewesen sein. Ich weiß nicht, wie weit das noch geht.

Der CSD in Halle ist eine Woche nach der Landtagswahl im September. Das wird spannend: Wie viele gehen dann noch auf die Straße, wenn das Ergebnis vielleicht so aussieht, dass die AfD nahe an eine Mehrheit kommt? 

Die Lage spitzt sich immer weiter zu. Die Bundesregierung hat erklärt, dass Vielfalt kein Staatsziel mehr ist. Und ausgerechnet in Zeiten des größten Rechtsrucks fängt sie an, das Bundesprogramm ‚Demokratie leben!‘ umzubauen und anzugreifen, Vereine unter Generalverdacht zu stellen, Engagement kaputtzumachen, Gelder zu streichen – nur weil es angeblich ‚nur das linksliberale Milieu‘ anspricht. Eine bescheuerte Begründung. Rechte nutzen die Gelder nicht, weil sie eben genau dagegen sind.

Die AfD will diesen Sumpf austrocknen, und Bundesministerin Karin Prien schaut entspannt zu. Das macht mich so wütend: Dass Parteien anfangen, vor rechtsautoritären Kräften einzuknicken. Das hat dieses Land schon einmal ins Elend geführt – und wird es wieder.“

Welche Verantwortung haben Medien? Aktuell wird ja ein Podcast heiß diskutiert, in dem Björn Höcke zu Gast war.

„Zum Podcast: Wie wenig Verstand muss man haben, einem Typen viereinhalb Stunden eine Bühne zu geben – ohne kritische Nachfrage, ohne Einordnung –, der offensichtlich eine Rassenideologie vertritt, Artikel 1 des Grundgesetzes nicht allen Menschen zuspricht und sich aktiv gegen die demokratische Grundordnung stellt? Wie kann das wieder als normal gelten?

Man muss keinen Faschisten ‚kennenlernen‘ – auch nicht die ‚Person dahinter‘. Für mich ist klar: Mit solchen Leuten spricht man nicht, man gibt ihnen keine Bühne und behandelt sie erst recht nicht wie normale politische Akteure. Das haben viele verlernt.

Was sind uns die Worte von Margot Friedländer, Esther Bejarano und allen Holocaust-Überlebenden noch wert, wenn wir solche Leute einladen und ihnen unkritisch eine Bühne bieten?“

Du sagst „Mit Faschisten spricht man nicht“ – aber wäre es nicht vor allem das Gespräch, das einige vielleicht umstimmen könnte? Verhärten sich die Fronten nicht immer weiter, indem man jeglichen Kontakt ablehnt?

„Was ist in den zehn Jahren seit Gründung der AfD passiert? Wir sehen doch: Dieses ‚Wir reden mit ihnen und stellen sie inhaltlich‘ hat niemanden zum Umdenken gebracht. Im Gegenteil: Die Partei ist so stark wie nie.

Und es ist ja nicht meine Privatmeinung, dass die AfD rechtsextrem ist. Das ist die Einstufung der Verfassungsschutzbehörden. Wenn der Bundes- oder Landesverfassungsschutz (z.B. in Sachsen-Anhalt) sagt, die AfD sei gesichert rechtsextrem, dann auf Basis jahrelanger Beobachtung, gesicherter Tendenzen, Beweise und Aussagen. Diese Partei steht nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Gerade deshalb halte ich es für den größten Fehler, solchen Leuten – besonders Figuren wie Björn Höcke, die noch mal eine andere Liga sind als Chrupalla oder Weidel – Gesprächsformate zu bieten. Genau damit macht man ihre Anliegen salonfähig. Siehe ‚Remigration‘: Das Wort ist inzwischen so normal geworden, dass Empörung ausbleibt.

Nein, man muss nicht mit Faschisten sprechen. Man muss nicht mit AfD-Leuten sprechen. Für mich ist das eine Nazi-Partei. Konsequente Abgrenzung ist richtig.

Und: Wir brauchen endlich soziale Politik. Warum sind die Menschen so unzufrieden? Schau auf diese Bundesregierung. So unbeliebt wie selten, mit dem unpopulärsten Kanzler der Nachkriegszeit. Da wundert man sich noch, dass Leute zur AfD rennen?“

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt der Landtag neu gewählt – und die neuesten Umfragen zeigen ein besorgniserregendes Bild: Erstmals könnte die AfD in Sachsen-Anhalt den Ministerpräsidenten stellen. Warum ist das so entscheidend für die gesamte Bundesrepublik?

„Sachsen-Anhalt ist das Herz Europas. Hier wird sich erstmals entscheiden, ob Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hat oder nicht – und ob erstmals seit 1945 wieder eine rechtsextreme Partei an die Macht kommen kann.

Ich halte das nicht für unrealistisch, aber ich schreibe es auch nicht fest. Genau das wäre der Fehler: zu sagen, es ist ohnehin verloren. Nein, ist es nicht. Deshalb ist es so wichtig, auf Demonstrationen zu gehen, in Parteien aktiv zu sein, in den Wahlkampf zu ziehen und aktiv für demokratische Werte zu kämpfen. CDU, FDP, Grüne, Linke, SPD: Das sind demokratische Parteien. Wenn sie für ihre Werte einstehen und Politik dafür machen, können sie gemeinsam verhindern, dass die AfD mit 40 Prozent durchmarschiert.

Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass die Bundesregierung in den nächsten Wochen und Monaten so viel Streit produziert und so viele Fehltritte hat, dass die Unzufriedenheit steigt und Landespolitik von bundespolitischen Themen überrollt wird. Das ist mein größtes Risiko-Szenario: dass hier im Land wichtige Themen untergehen, weil Berlin ‚Scheiße baut‘.

Es wird entscheidend sein, ob hier erstmals eine Partei allein regiert, die als gesichert rechtsextrem eingestuft ist und nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Genauso entscheidend wird sein, wie die anderen Parteien danach handeln. Wenn die AfD am 6. September in Sachsen-Anhalt durchrennt, wird sich zeigen, wie sich das auf diese Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zwei Wochen später auswirkt. Auch dort ist die Gefahr real. Fällt hier die Hürde, sinkt anderswo die Hemmschwelle: ‚Die haben’s ja auch gemacht, dann können wir das auch.‘

Trotzdem: Sachsen-Anhalt wird menschlich bleiben, wenn wir es dazu machen – wenn wir alles dafür geben. Ich weigere mich, so zu tun, als stünde das Ergebnis fest, oder als gäbe es nur eine Partei, die alles dominiert. Und deshalb ist es so wichtig, dass Menschen mit Reichweite nicht weiter das ‚braune Sachsen-Anhalt‘-Narrativ befeuern, sondern zeigen: Hier engagieren sich Leute demokratisch, laut, aktiv. Das muss wieder öffentlich sichtbar werden. Wir brauchen neben all den Negativmeldungen auch Positives.

Heute fand ich es zum Beispiel stark, von Razzien gegen rechtsextreme Jugendgruppen zu lesen. Solche positiven Aspekte müssen wieder stärker hervorgehoben werden. Da ist Potenzial – aber dafür müssen alle mitziehen und nicht nur auf eigene Erfolge und eigenes Geld schauen“

Du hast vorhin schon ein paar positive Dinge angesprochen. Fallen dir noch welche ein, die du teilen willst?

„Ja. Ein ganz wichtige Sache, die kaum jemand erwähnt: Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat mit der Parlamentsreform 2026 eines der größten Demokratieschutzprojekte beschlossen. Dabei wurden das Verfassungsgericht gestärkt und besser geschützt, die Landeszentrale für politische Bildung gesetzlich verankert, der 8. Mai (Tag der Befreiung) als offizieller Staatsgedenktag eingeführt, die Immunitätsregeln verschärft, damit der Landtag gesichert arbeiten kann und Regeln zu Verfassung, Geschäftsordnung u.a. klarer festgelegt.

Das sind klare Signale, die deutlich machen: Wir setzen uns dem entgegen. FDP, CDU, SPD, Grüne und Linke haben gemeinsam, gegen die AfD, den Antrag eingebracht und mit einer Zweidrittelmehrheit verabschiedet. Das zeigt: Demokratieschutz kann funktionieren, wenn alle wollen. Und es zeigt auch, dass CDU und Linke zusammenarbeiten können, wenn es darauf ankommt“

Du willst noch mehr über das Thema erfahren?

Noch mehr Impulse gibt Max Schneller in Folge 72 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Unbedingt reinhören!

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