Das Thema HPV betrifft nur Mädchen? Ein weit verbreiteter Irrtum. Ein Praxisbesuch zeigt, wie viel Entlastung ein einfaches Aufklärungsgespräch bringt. Über HPV, den Alltag mit Kindern und die Frage, wann man solche Themen eigentlich anspricht.
„Ich hole euch heute etwas früher von der Schule ab“, sage ich. „Wir müssen zum Arzt.“
Meine Kinder sind neun und zehn Jahre alt. Zoé liebt es, zum Arzt zu gehen. Eric eher nicht. Er fragt: „Warum denn? Ich bin doch gesund.“
„Und damit das hoffentlich so bleibt, müssen wir ab und zu dahin.“
Eric verdreht die Augen, während Zoés Augen leuchten.
Mittags sitzen wir im Wartezimmer der Kinderarztpraxis. An der Wand hängt ein großes Plakat, auf dem steht: „Mit 9 kann dein Kind Vieles. Aber beim Thema Krebsprävention braucht es dich.“ Darunter ein Aufruf, man solle sich vom Arzt oder der Ärztin beraten lassen.
„Und worum geht’s heute bei der Ärztin?“, fragt Zoé.
Ich schaue wieder auf das Plakat und überlege, wie ich das jetzt erkläre. Über Krebs haben die Kinder schon viel gehört. Zwei Mütter von Schulfreundinnen sind erkrankt, dadurch ist es immer wieder mal Thema. Und dennoch: Ich möchte ihnen ja keine Angst machen.
„Wir sprechen heute mit der Kinderärztin über die HPV-Impfung“, sage ich. „Meine Frauenärztin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das für euch Kinder ab 9 Jahren sehr wichtig ist.“
„Und was ist das, dieses HPV?“ – Zoé sieht mich fragend an.
Ich zücke das Handy, denn ich habe schon wieder vergessen, wofür die Abkürzung steht: „HPV steht für Humane Papillomviren.“
Zum Glück sind wir jetzt dran, und die Kinderärztin übernimmt.
„Human bedeutet Mensch“, sagt die Ärztin. „Daran sehen wir schon: diese Viren kommen nur im Menschen vor.“
„Kann man davon krank werden?“, fragt Eric.
„Also, die meisten Menschen stecken sich irgendwann mit HPV an, denn etwa 4 von 5 Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mehrfach damit – sowohl Jungen und Männer als auch Mädchen und Frauen. HP-Viren sind sehr unterschiedlich, viele von ihnen sind ganz harmlos. Da merkt ihr gar nichts. Es kann aber sein, dass man sich mit einem der bösartigen Typen infiziert. Diese können unter bestimmten Umständen gewisse HPV-bedingte Krebsarten auslösen. Und genau deshalb sprechen wir heute über die HPV-Impfung. Sie ist die wichtigste Maßnahme, um bestimmten HPV-bedingten Erkrankungen vorbeugen zu können.“
„Und wie werden diese Viren übertragen?“, frage ich.
„Zum Beispiel über direkten Körperkontakt, meist im Intimbereich.“ Eric verzieht das Gesicht: „Ihhh…“
Die Impfung ist ab 9 Jahren möglich, damit sie ihre Wirkung am besten entfalten kann, sollte sie erfolgen, bevor man sich zum ersten Mal mit HPV ansteckt. Die STIKO, das ist die „Ständige Impfkommission“, empfiehlt die HPV-Impfung deshalb ausdrücklich für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren. Wer den Zeitpunkt verpasst hat, kann sie bis zum Tag vor dem 18. Geburtstag nachholen.
Ich nicke, als hätte ich das alles schon lange gewusst.
Dabei war das Thema HPV bei mir bis vor Kurzem einer dieser Punkte auf der inneren Liste „Muss ich mich mal drum kümmern“, irgendwo zwischen Zahnarzt-Termin, Elternabend und der Beantragung des Hortgutscheins. Wer Kinder hat, kennt diese Liste. Sie wird nie kürzer.
Eric lässt nicht locker. „Und was, wenn ich es schon habe?“
„Da es wie gesagt über den direkten Körperkontakt übertragen wird, ist es bei dir vermutlich nicht der Fall. Aber auch wenn, dann würdest du es vielleicht gar nicht merken. Und meistens ist das auch gar nicht schlimm.“
Meist bleibt die Infektion unbemerkt. Dank einer funktionierenden Immunabwehr heilt sie in der Regel innerhalb etwa eines Jahres von allein aus.
Bei manchen Menschen bleibt eine Infektion mit bestimmten, krebsauslösenden HPV-Typen jedoch bestehen. Dann können sich über viele Jahre bestimmte HPV-bedingte Krebserkrankungen und deren Vorstufen entwickeln. Z.B. wird Gebärmutterhalskrebs fast vollständig durch HPV ausgelöst. Weltweit geht schätzungsweise eine von 20 neuen Krebsdiagnosen auf HPV zurück.
„Ich muss gestehen: Ich dachte immer, dass sich nur Mädchen impfen lassen sollten“, sage ich.
Blitzschnell sieht mich Eric an und nickt entschlossen. Er wittert eine Möglichkeit, sich rauszuwinden.
„Nein“, sagt die Ärztin. „Das ist einer der häufigsten Irrtümer. Jungen und Männer können sich genauso infizieren, das Virus weitergeben und in bestimmten Fällen selbst von den möglichen Folgeerkrankungen betroffen sein.“
Die Impfung ist laut Robert Koch-Institut die wichtigste Maßnahme, um bestimmten HPV-bedingten Erkrankungen vorzubeugen.
Zoé schaut ihren Bruder triumphierend an. „Siehst du. Ist für uns beide wichtig!“
Etwa 4 von 5 Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mehrfach mit Humanen Papillomviren (HPV).
etwa 7000 Frauen und 3000 Männer erkranken in Deutschland jedes Jahr an HPV-bedingten Karzinomen.
Es wird geschätzt, dass etwa 1 von 20 neuen Krebsdiagnosen weltweit auf HPV zurückzuführen ist.
9 bis 14 Jahre: Altersempfehlung der STIKO für Mädchen und Jungen
bis zum Tag vor dem 18. Geburtstag: Nachholen wird empfohlen
Das Gespräch ist zu Ende. Ich bin sicher: Sobald wir zur Tür raus sind, wird nach einem „Belohnungseis“ gefragt. Mango für Zoé, Schoko für Eric.
Auch ich fühle mich leichter und bin selbst überrascht, wie sehr mich diese ärztliche Beratung offenbar entlastet hat. Fragen zu stellen und zu merken, dass sich die Ärztin Zeit für die Beantwortung nimmt. Der Nebel lichtet sich, wenn man weiß, mit wem man darüber sprechen kann.
Zu Hause schlage ich noch einmal nach. Ich möchte wissen, wie andere Familien damit umgehen.
In Schweden, Portugal, Norwegen und Australien liegen die Impfquoten im Jahr 2024 für eine vollständige HPV-Impfserie bei den 15-jährigen Mädchen und Jungen bei 80 bis über 90 Prozent. In Deutschland hingegen waren 2024 nur 55 Prozent der 15-jährigen Mädchen vollständig geimpft und 36 Prozent der gleichaltrigen Jungen.
Ich starre auf die 36 Prozent. Dass viele Eltern sich damit schwer tun, verstehe ich inzwischen. Das Thema klingt kompliziert, ein bisschen unangenehm, und niemand hat mir je gesagt, dass es dafür ein Zeitfenster gibt. Auch hier ist vor allem eines nötig: Information.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Ziel formuliert, Gebärmutterhalskrebs in der Zukunft zu eliminieren. Dafür sollen bis 2030 unter anderem 90 Prozent der Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren vollständig geimpft sein. Zusammen mit Früherkennung und Therapie soll Gebärmutterhalskrebs als Problem der öffentlichen Gesundheit eines Tages wirklich besiegt werden können.
Am nächsten Morgen beim Frühstück sprechen wir noch einmal über das Gespräch mit der Ärztin. Eric und Zoé erzählen, was ihnen besonders im Kopf geblieben ist und welche Fragen sie noch beschäftigen.
Ich beobachte die beiden und spüre eine neue Klarheit. Die Sorge weicht dem Wissen: Ich verstehe jetzt, was HPV bedeutet und welche Möglichkeiten der Krebsprävention es gibt. Vielleicht ist genau das der Kern von Fürsorge: Nicht alles allein durchzustehen, sondern sich zu informieren, Antworten zu finden, dieses Wissen auch mit den Kindern zu teilen – und dann die nächsten Schritte zu gehen. Gesundheitsvorsorge beginnt jedenfalls immer mit dem ersten Gespräch.
Lass dich beraten. Sprich beim nächsten Arztbesuch das Thema HPV an, zum Beispiel bei der U11. Auf entschiedengegenkrebs.de/eltern findest du alle wichtigen Informationen und kannst dir die Terminerinnerung für dein Kind herunterladen.
*Hinweis: Die hier geschilderte Alltagssituation ist fiktiv. Die medizinischen Informationen basieren auf fachlichen Quellen.
Ziel der Initiative „ENTSCHIEDEN. Gegen Krebs.“ ist es, HPV stärker ins Bewusstsein der Menschen und in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken, vor allem aber, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer so weit wie möglich vor den späteren Folgen einer HPV-Infektion zu bewahren und z. B. Gebärmutterhalskrebs oder andere bestimmte HPV-bedingte Krebserkrankungen zu reduzieren.
Denn: Eine HPV-Infektion bleibt zwar oft unbemerkt, aber sie kann die meisten betreffen! HPV ist weit verbreitet – die meisten Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit Humanen Papillomviren (HPV). Oft verläuft die Infektion unbemerkt und heilt in den meisten Fällen dank einer wirksamen Immunabwehr innerhalb etwa eines Jahres wieder ab. Bei einer anhaltenden HPV-Infektion können sich in bestimmten Fällen über viele Jahre gewisse HPV-bedingte Krebsarten oder deren Vorstufen entwickeln.
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