In Folge 73 von „Echt & Unzensiert“ ist Sprecherin Anna-Sophia Lumpe zu Gast. Als erste Vorsitzende des Verbands Deutscher Sprecher*innen setzt sie sich intensiv mit den Auswirkungen von KI auf die Synchronbranche und den Rechten von Kreativschaffenden auseinander.
Spätestens seit der Diskussion um neue KI-Klauseln in Verträgen des Streaming-Dienstes Netflix steht die Synchronbranche vor einer ihrer größten Herausforderungen. Sprecher*innen sollen ihre Stimmen zum Training künstlicher Intelligenz zur Verfügung stellen – ohne ausreichende Transparenz, Mitsprache oder Vergütung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich technologische Innovation und der Schutz kreativer Arbeit überhaupt miteinander vereinbaren lassen.
Mit uns spricht Anna darüber, warum die aktuelle Debatte weit über die Synchronbranche hinausgeht, welche Risiken sie im Umgang mit KI sieht und weshalb sie sich gemeinsam mit vielen Kolleg*innen gegen bestimmte Vertragsregelungen wehrt. Außerdem geht es darum, was gute Synchronisation eigentlich ausmacht, warum Emotionen mehr sind als nur hörbare Worte und weshalb menschliche Kreativität auch in Zukunft unverzichtbar bleibt.
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Auszug aus dem Gespräch liest du hier:
„Ja, inzwischen ranken sich verschiedene Legenden um das, was damals passiert ist (lacht). Fakt ist aber, dass Netflix Anfang Dezember 2025 neue Verträge für Synchronsprecher*innen vorgelegt hat. Das war bereits abzusehen, denn schon im Sommer wurde eine neue KI-Regelung vorgestellt, die wir damals auch schon kritisiert hatten. Zu diesem Zeitpunkt hat das allerdings kaum Reaktionen unter den Sprecher*innen ausgelöst, weil die Verträge noch nicht unterschrieben werden mussten.
Ende November, Anfang Dezember ist das Thema dann etwas untergegangen, weil Weihnachten vor der Tür stand und viele andere Dinge dazwischenkamen. Aber ab Januar 2026 war klar: Der neue Netflix-Vertrag liegt vor, es gibt keine Alternative, und darin findet sich eine Klausel, mit der ich mein Einverständnis geben soll, dass Netflix intern mit meinen Aufnahmen KI trainieren darf. Und das ist weder genauer definiert noch eingeschränkt oder vergütet.
Daraufhin haben viele Sprecher*innen aus freien Stücken gesagt: ,Nein, das sehe ich nicht ein. Ich möchte diesen Vertrag so nicht unterschreiben und gehe lieber nach Hause.‘“
„Ich finde das Wort ‚Angst‘ problematisch, weil es etwas Diffuses beschreibt. Ich habe eher den Eindruck, dass unsere Kolleg*innen sehr gut darüber informiert sind, wie diese Technologie funktioniert. Generative KI funktioniert ausschließlich auf Grundlage von Daten, die von Menschen geschaffen wurden. Synthetisches Audio, das Stimmen imitiert, kann also nur mithilfe echter Stimmaufnahmen erzeugt werden, die in diesen Daten fest verankert bleiben.
Genau darin liegt das Problem für viele Sprecher*innen: Wir haben uns über Jahrzehnte hinweg Sprechtechnik, Emotionen, Ausdruck, Timing und vieles mehr angeeignet, dafür Zeit und Geld investiert und dann kommen plötzlich große Milliardenunternehmen und sagen: ‚Wir haben jetzt diese großartige Maschine, alles, was wir noch brauchen, sind eure Stimmen. Aber macht euch keine Sorgen, das ist alles zu eurem Vorteil.‘
Das können und wollen wir nicht akzeptieren. Wir sehen nicht ein, dass wir unsere Arbeitsmittel kostenlos abgeben sollen.“
„Richtig. Dann müsste nicht mehr Dagmar Dempe Meryl Streep für die deutsche Fassung sprechen, sondern Meryl Streep müsste ihr Einverständnis geben, dass ihre Stimme eingespeist werden darf, und könnte dann plötzlich selbst Deutsch sprechen. Und sie könnte das nur so gut, weil sie es von Dagmar gelernt hat.
Dagmar wäre damit raus aus der Sache. Auch die deutsche Synchronproduktion wäre raus. Das ist eine große Branche, da hängen viele Menschen dran. Es geht ja nicht nur um die Stimme am Ende, sondern um alles, was davor und danach passiert: Übersetzung, Regie, Ton, Schnitt und vieles mehr. Das ist kein kleiner Verein. In Deutschland haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Geschichte aufgebaut. Und ja, im Grunde werden wir jetzt dazu gezwungen, an unserer eigenen Abschaffung mitzuarbeiten.“
„Um das beurteilen zu können, müsste man unterschiedliche Sprachen verstehen. Wir sprechen zum Beispiel ganz anders als die Franzosen. Sprachmelodie, die Art, wie Emotionen vermittelt werden, und auch unser Empfinden unterscheiden sich von Kultur zu Kultur.
Ich bin Fan davon, Originalfassungen zu sehen, und persönlich macht es mir auch nichts aus, Untertitel zu lesen. Aber das ist ein anderes Erleben – fast schon eine analytische Art, Filme und Serien zu konsumieren. Wenn ich wirklich in eine Geschichte eintauchen möchte, dann ist Sprache – auch im Alltag – die größte Barriere, die wir überwinden müssen.
Wenn ich eine Synchronfassung erstelle, geht es deshalb nicht darum, das Original einfach nachzumachen. Ich muss eine Version schaffen, die in unserer Sprache und Kultur funktioniert. Dafür muss ich nicht nur den Inhalt übersetzen und die Lippenbewegungen beachten, sondern auch die Emotionen glaubwürdig übertragen.
Manche Aspekte eines Films sind für uns als Deutsche, geprägt durch unsere eigene Sozialisation, vielleicht gar nicht so relevant. Sie müssen möglicherweise stärker hervorgehoben werden, damit wir nachvollziehen können, wie wichtig das ist, worüber gerade gesprochen wird. Das ist ein sehr komplexer Prozess.
Was Synchronisation definitiv nicht ist: einfach eine Kopie anzufertigen und zu sagen: ,Okay, ich mache das jetzt auf Deutsch einfach genauso noch einmal.‘ Genau das wäre allerdings der Ansatz von generativer KI.“
„Du arbeitest dann nicht für Netflix und verlierst dadurch einen Großteil deines normalen Einkommens. Und natürlich stehst du immer wieder vor der Herausforderung, dich selbst zu hinterfragen.
Viele sagen: ‚Mach dir keine Sorgen, geh einfach hin, der Drops ist doch eh schon gelutscht.‘ Dann muss man immer wieder in sich hineinhören und sich fragen: ‚Ist das wirklich die Wahrheit? Empfinde ich das tatsächlich so?‘ Ich persönlich sehe das komplett anders. Ich glaube: Wenn wir uns gegen solche Entwicklungen nicht wehren, dann ist der Drops tatsächlich gelutscht.
Und es ist ein großer Unterschied, ob ich sage: ,Ich möchte für meine Arbeit vergütet und respektvoll behandelt werden und Lizenzen für etwas erhalten, von dem andere profitieren‘, oder ob ich sage: ,Ich bin grundsätzlich gegen KI.‘ Das sind zwei völlig unterschiedliche Aussagen, die in dieser Debatte leider oft miteinander vermischt werden. Das ist manipulativ und unfair gegenüber denjenigen, die wirklich Expertise im Bereich Synchronisation haben – und die übrigens auch nicht zu doof sind, Verträge zu verstehen.“
„Ich kann niemanden dafür verurteilen, denn Netflix ist ein Gigant. Wir gehen davon aus, dass das Unternehmen mittlerweile etwa ein Drittel der Synchronproduktionen ausmacht. Und es ist ohnehin schon harte Arbeit, vom Synchron zu leben. Es ist eine Mär, dass Synchronsprecher*innen in Saus und Braus leben. Das ist Arbeit, die man auch aus Idealismus macht.
Wenn du also auf einmal ein Drittel deines Einkommens verlierst und du dich gleichzeitig auf einen bestimmten Lebensstandard mit Verpflichtungen, Familie und laufenden Kosten eingestellt hast, dann ist das ein Opfer. Wenn du in so einer Lage sagst: ‚Ich gehe dieses Risiko trotzdem ein, weil ich für mich selbst einstehen muss‘, dann rechne ich dir das hoch an.
Ich halte das auch für eine nachhaltige Entscheidung. Denn wir müssen uns fragen: Wenn wir jetzt nicht dagegen einstehen, was ist dann in drei Jahren? Aber ich verurteile es nicht, wenn Leute sagen: ‚Ich kann nicht mehr, ich brauche das Geld, ich muss meine Miete zahlen.‘ Das verstehe ich total. Darum geht es mir nicht.
Es ist auch wichtig zu betonen: Wer sich dafür entscheidet, eine Rolle bei Netflix zu sprechen, steht deshalb nicht plötzlich auf der dunklen Seite oder ist damit automatisch einverstanden. Viele Sprecher*innen gehen zur Arbeit und fühlen sich wie geschlagene Hunde, weil sie wissen, dass sie gegen einen solchen Konzern keine Macht haben. Genau das ist das große Problem, über das wir gerade diskutieren.“
„Warum der BFFS der Überzeugung ist, dass das Thema durch ist, kann ich nicht beantworten. Wir sehen aber, dass viele andere Verbände und auch unser Dachverband, die Initiative Urheberrecht, das anders sehen. Genau deshalb setzen wir uns ein. Durch ist es nur dann, wenn wir uns nicht dafür einsetzen, dass unser Urheberrecht angepasst wird, dass unsere Persönlichkeitsrechte gewahrt werden und dass unser Datenschutz gewahrt wird.
Man kann natürlich sagen: ‚Naja, das ist der pragmatische Weg, dann machen wir eben noch ein bisschen Insolvenzverwaltung, bevor Synchron ausstirbt.‘ Aber das ist nicht mein Anspruch. Mein Anspruch liegt ganz woanders. Ich habe einen Wert, den ich dem Markt anbiete, und offensichtlich wird dieser Wert gebraucht. Dann muss dafür bezahlt werden. Ich lasse mich nicht einfach zur Seite schieben.
Und weil gerade alles im Wandel ist und sich politisch noch so viel verändert, würde ich sagen: Ich gehe nicht den pragmatischen Weg – und schon gar nicht, wenn ich Schauspielerin bin. Denn wenn ich den pragmatischen Weg gewählt hätte, wäre ich nicht Schauspielerin geworden. Es ist unsere Aufgabe, andere Wege aufzuzeigen. Das ist doch genau die Aufgabe der Kunst.
Und diejenigen, die für uns sprechen, sollten nicht über uns sprechen, sondern mit uns und unsere Wünsche weitertragen. Wir sind keine Kinder, die an die Hand genommen werden müssen.“
„Ja, auf jeden Fall. Netflix hat mehrere Patente, die es möglich machen, Menschen synthetisch nachzubilden. Sie suchen nach AI-Specialists für AI-Dubbing, also nach Leuten für genau diesen Bereich. Und letztlich ist Netflix laut eigener Aussage eine ‚data-driven company‘. Wir wissen alle, dass aktuell praktisch jede US-Firma glaubt, generative KI oder KI an möglichst vielen Stellen einsetzen zu müssen, weil man sonst als Boomer gilt.
Aber unabhängig davon, ob das konkret passiert oder nicht, kommen wir wieder zum eigentlichen Punkt: Das ist meine Lizenz, und die muss vergütet werden. Es ist meine Stimme. Sie ist unmittelbar mit mir verbunden.
Wir können auch nicht zulassen, dass unsere Wirtschaft zerstört wird. Wir sind ein Wirtschaftszweig. Wir zahlen Steuern, wir zahlen Sozialabgaben. Wenn das alles wegfällt, landen wir in der Sozialhilfe. Wer soll das bezahlen?“
„Ehrlich gesagt hoffe ich fast darauf. Denn wir haben ja gesehen, was passiert ist, als Netflix nach Deutschland gekommen ist. Damals hatten sie dem Synchron gegenüber eine ähnliche Haltung. Es wurde sehr billig gemacht, und das hat ordentlich Backlash gegeben. Danach mussten sie die Qualität deutlich anheben.
Und auch jetzt ist es ja so, dass die wenigsten Formate ohne Synchron funktionieren und händeringend versucht wird, irgendwie zu besetzen. Natürlich ist es richtig scheiße, wenn die Feststimmen von Jason Momoa, Tom Cruise oder Russell Crowe nicht mehr dabei sind. Viele dieser Sprecher*innen haben sich ja öffentlich gegen Netflix positioniert. Aber auf gar keinen Fall läuft das nur im Originalton mit Untertiteln. Und Netflix weiß das. Das war eine leere Drohung.
Bis jetzt hat Netflix nur wenig mit uns kommuniziert. Mir geht es aber ehrlich gesagt auch gar nicht darum, dass sie mit uns reden. Mir geht es darum, dass sich dieser Vertrag verändert. Die Forderungen sind klar. Und wir als Verband konzentrieren uns jetzt darauf, noch mehr politische Arbeit zu machen und noch mehr Aufklärung zu leisten.
Wir sind mit im Grunde allen Parteien und verschiedenen Ministerien im Austausch, wir werden die Datenschutzbeschwerde einbringen und versuchen, das Ganze als grundsätzliches Thema zu bearbeiten. Denn wir sind überzeugt: Das ist kein Synchronsprecher*innenproblem, das ist ein Rechteproblem.“
„Dieser Vertrag ist unter verschiedenen rechtlichen Gesichtspunkten problematisch. Und man muss dazu wissen: Es reicht nicht zu sagen: ‚50 Prozent des Vertrags sind ja ohnehin ungültig.‘ Das ist der Gegenseite erst mal egal. Wenn du das unterschrieben hast, wird Netflix diesen Vertrag genau so nutzen, wie er da steht. Damit das unterlassen wird, musst du selbst gegen diesen Vertrag klagen. Gegen Netflix. Über Jahre. Mit viel Geld. Und irgendwann kommt dann vielleicht heraus: ‚Ja, stimmt, diese oder jene Klausel ist problematisch, so darf man das gar nicht machen.‘ Aber bis dahin ist doch längst alles gelaufen.
Wenn es sein kann, dass US-Unternehmen hierherkommen und deutschen Arbeitnehmer*innen Verträge vorlegen, die sie in einem absoluten Machtgefälle hilflos zurücklassen und es dann diese Friss-oder-stirb-Mentalität gibt und wir eigentlich von unserem geltenden Recht nicht geschützt werden, weil wir es nicht auf einem schnellen Weg bekommen können, dann haben wir hier einen Missstand, der uns alle betrifft.
Und: Das Urheberrecht ist kein Feindesrecht. Ich weiß, oft wird gesagt, Urheberrecht sei nur dazu da, Leute abzuzocken oder was auch immer. Aber nein: Urheberrecht schützt im Grunde jede Person, die ein Werk schafft. Und wenn jemand anderes dieses Werk nutzt, dann hat diese Person einen Vorteil davon. Genau das muss geschützt werden. Denn auch die Person, die etwas nutzt und vielleicht etwas Neues daraus macht, ist ja wiederum selbst geschützt.
In anderen Bereichen ist uns das völlig klar. Unternehmen, die KI-Modelle entwickeln, wissen sehr genau, was Urheberrecht oder zum Beispiel Patentrecht bedeutet. Die wollen nicht, dass ihre Inhalte oder ihr Code geklaut werden. Aber wenn es um meine Rechte geht, soll es plötzlich in Ordnung sein? Diese Rechte können wir nicht aufgeben.
Und das andere ist der Datenschutz. Datenschutz hat nichts damit zu tun, Innovation zu verhindern. Es geht einfach darum, dass du nicht ohne Weiteres meine persönlichen Daten nehmen darfst. Stell dir vor, Netflix würde tatsächlich Sprachmodelle von uns allen erstellen und diese Modelle liegen dann auf ihren Servern. Wir wissen, dass die US-Regierung über den CLOUD Act auf Server amerikanischer Unternehmen zugreifen darf, auch wenn diese in Deutschland sind. Davon ist zum Beispiel auch jeder Amazon-Server betroffen.
Und wenn ich mir vorstelle, dass bei Netflix ein Modell liegt, das meine Stimme imitieren kann, dann möchte ich das nicht. Ich will dieses Risiko nicht eingehen. Das ist etwas anderes, als wenn dort einfach nur eine starre Aufnahme von mir liegt. Aber ein Modell, das etwas Neues erzeugen und mich imitieren kann, auf das möglicherweise auch noch Stellen zugreifen können, die ein bisschen volatil sind – das möchte ich nicht.
Wir wissen ja zum Beispiel, dass die US-Regierung gerne mit Deepfakes arbeitet und dass bestimmte Parteien im Internet ihre Zielgruppen mit Fake-Videos bombardieren. Ich möchte dazu einfach in keiner Form beitragen. Und ich glaube, dass wir das Recht haben, uns dem zu verschließen und zu sagen: ‚Ich verbiete euch nicht grundsätzlich, das zu machen. Aber ich möchte daran nicht beteiligt sein. Ihr dürft mich nicht dazu zwingen.‘
Denn dann entstehen genau solche Fälle wie der von Collien Fernandes oder Situationen, in denen am Telefon plötzlich eine geklonte Stimme verwendet wird. Das ist unsere Persönlichkeit, das ist unsere Identität.
Arbeitnehmer*innen in Deutschland müssen vor solchen Machtgefällen ganz klar geschützt werden. Und genauso müssen unsere Identität, unsere Rechte und unsere Daten geschützt werden.“
„Absolut.“
„Wir tendieren oft dazu, diese Technologie zu vermenschlichen. Allein schon, dass wir denken, es handle sich um eine Intelligenz. Dabei ist es letztlich einfach ein Wahrscheinlichkeitscomputer.
Dinge, die früher doof klangen, können jetzt intelligent klingen. Und das tun sie, weil diese Systeme unglaublich viel eingesogen und kalkuliert haben. Am Ende kommt etwas heraus, das wahrscheinlich genau so klingen muss. Und so ist es ja auch bei synthetischem Audio. Klar, da werden Tokens gesetzt, die festlegen: ‚Okay, witzig klingt so, lächeln klingt so.‘ Aber das hat gar keine Bedeutung.
Der Kontext, der bei Menschen existiert, ist ein ganz anderer. Mein Kollege Patrick Wintrzewski sagt immer sehr schön: Wir sprechen insbesondere dann, wenn wir gar nichts sagen. Das ist das Besondere. Die Zwischentöne, die Pausen – nicht die, die entstehen, weil ich atmen muss, sondern die, in denen Überlegung liegt. Ich kann ja jemandem beim Denken zuhören.
Zu verneinen, dass wir intuitiv verstehen, wenn Menschen mit uns kommunizieren, ist völliger Unsinn. Wir kommunizieren immer. Und genau das ist es, was Sprecher*innen machen. KI macht etwas einfach nur hörbar. Echte Sprecher*innen machen es spürbar. Das ist ein riesiger Unterschied.“
„Es ist auch die Frage: Was sind wir uns wert? Sind wir es uns nicht wert, ordentlich unterhalten zu werden? Und jetzt mal ganz von der wirtschaftlichen Seite betrachtet: Du glaubst doch nicht, dass, wenn das alles in den USA automatisiert auf Knopfdruck gemacht wird, hier irgendwann jemand sagt: ‚Leute, das Abo kostet ab jetzt fünf Euro weniger.‘ Das ist doch auch jetzt schon nicht der Fall.
Du bekommst zum Beispiel jetzt schon bei vielen Serien eine Synchronisation, die nicht dem entspricht, was du erwartest, die nicht deiner Hörgewohnheit oder dem Qualitätsanspruch entspricht – und trotzdem zahlst du das Gleiche.
Geht es irgendwann denn nur noch darum, irgendwo mit dem Daumen im Mund zu hocken und bespaßt zu werden?“
„Wir stumpfen ab. Wir denken, wir würden schon alles kennen und genau wissen, was uns gefällt. Und das stimmt ja auch. Wenn ich mir abends etwas zu essen bestelle und mich einfach gut fühlen will, gehe ich meistens kein Risiko ein. Dann bestelle ich eben die Nummer 22 mit Zwiebeln, weil ich weiß: Wenn die ankommt, ist sie top und ich habe einen tollen Abend. Ganz klar.
Aber das Besondere ist doch, Inhalte zu sehen, die ich nicht erwarte. Inhalte, die mich herausfordern, die mich zum Nachdenken bringen, die mir etwas Neues zeigen. Und das funktioniert nicht, wenn ich immer nur aus dem schöpfe, was schon da war.
Ist es nicht viel spannender, in die Gedanken anderer einzutauchen? Geht es nicht genau darum – unsere Neugier zu befriedigen und überrascht zu werden?“
„Ja, absolut. Und dann hast du das Problem, dass du mit Konflikten schlechter klarkommst, weil sie sofort als etwas Schlechtes bewertet werden. Aber das sind sie nicht. Konflikte bedeuten erst einmal nur, dass wir unterschiedliche Sichtweisen haben. Das ist keine Bedrohung. Daran zu lernen und zu wachsen, ist wichtig.
Auch dieser Konflikt mit Netflix: Ich habe ihn mir nicht gewünscht, aber ich sehe, wie viele kreative Menschen um mich herum daraus so viel schaffen und daran wachsen. Ich kann es auch von mir selbst sagen. Ich hätte diese Herausforderung zwar nicht gebraucht, aber so ist das Leben eben.“
„Es gibt ganz, ganz tolle Synchronfans. Viele Menschen reagieren unglaublich positiv und unterstützend. Wir haben ja auch ein Crowdfunding gemacht und dort konnten die Leute Kommentare hinterlassen. Da waren Nachrichten dabei wie: ‚Eigentlich haben wir selbst kaum etwas, aber diese fünf Euro sind es uns wert.‘
Das ist unglaublich wertschätzend und da steckt so viel Hoffnung drin, finde ich. Und an vielen Stellen ist der Tenor auch, dass die Leute einfach keine Lust mehr auf KI haben. Es nervt sie.
Wir wissen alle, dass es unterm Strich bei generativer KI einfach nur darum geht: Ich bekomme etwas billig und irgendeine Person verliert ihren Job. Und es ist Mittelmaß, mit dem wir uns dann zufriedengeben.“
„Absolut. Ich bin der Meinung: Im gesamten kreativen Prozess müssen die Produktionsleute raus – egal, um welchen Bereich es geht. Die Menschen, die das Geld verwalten, können gerne Parameter setzen und Grenzen definieren. Aber sie müssen aufhören, sich in die Inhalte einzumischen. Das ist respektlos.
Es gibt Menschen, die dafür ein Auge, ein Ohr und ein Gespür haben. Denn es ist so viel mehr, als etwas anzuschauen und zu sagen: ‚Das ist nice.‘ Ich würde das auch auf mich selbst beziehen: Wenn ich eine neue Webseite brauche, kann ich sagen, was ich nice fände. Aber ich weiß ja gar nicht, was überhaupt möglich ist, weil ich die Technologie nicht überblicke. Ich bin darauf angewiesen, mir eine*n Expert*in an die Seite zu holen.
Und genau das Gleiche gilt für kreative Prozesse. Nur weil ihr als Kinder im Kindergarten Bilder gemalt habt, seid ihr noch keine Kunstschaffenden. Das braucht unglaublich viel Training, viel Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Dingen. Und da sollten sich nicht Menschen einmischen, die sich hauptsächlich mit Zahlen beschäftigen. Also: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Das ist eigentlich ganz einfach.“
„Also ich finde das Beispiel Hans Clarin ganz schwierig. Denn Hans Clarin hat den Pumuckl im Grunde erfunden. Und den Pumuckl gab es ja über lange Zeit überhaupt nicht mehr auf der Leinwand. Es ist also nicht so, dass eine laufende Produktion zu Ende gebracht werden musste. Es lag eine jahrzehntelange Pause dazwischen.
Und ich frage mich: Warum müssen wir Jahrzehnte später ausgerechnet den Pumuckl genauso behalten, wie er einmal war? Wir können alle Rollen neu besetzen, aber hier suchen wir uns jemanden, der so tut, als würde er wie Hans Clarin spielen, und legen anschließend dessen Stimme darüber. So ist es ja gemacht worden: Man hat Maxi Schafroth genommen, er hat versucht, so zu spielen wie Hans Clarin, und anschließend wurde die KI-Stimme darübergelegt.
Und ich weiß nicht genau, worin der künstlerische Gehalt davon liegen soll. Denn die eigentliche Zielgruppe des Pumuckls kann sich gar nicht mehr daran erinnern, wie der Pumuckl früher geklungen hat. Für diese Kinder ist das Männchen einfach cool – und es hätte auch ganz anders klingen können.
Und da habe ich ein bisschen das Gefühl, dass das Vehikel wichtiger war als der Inhalt oder die Empfindung. Und natürlich diente es auch ein Stück weit dazu, sagen zu können: ‚Schaut mal, wir machen jetzt auch etwas mit KI.‘
Ich finde das Ergebnis tatsächlich auch nicht besonders gelungen. Ich habe mir Vergleichsaufnahmen angehört und ich finde, man hört es einfach. Es ist nicht ganz der Dialekt, nicht ganz die Stimme – und das kann es ja auch gar nicht sein.
Als Künstlerin denke ich: Während meines Lebens erschaffe ich ein Werk. Manche Dinge kann ich vollenden, andere nicht. Und genau darin liegt auch ein Wert. Es ist wertvoll, dass Menschen mein Werk sehen und mögen, gerade weil es begrenzt ist. Weil es diese Endlichkeit besitzt. Ich selbst entscheide, wie mein Werk aussieht. Und eines Tages entscheidet das große Ganze, dass es beendet ist.
Ich finde es fragwürdig, wenn jemand anderes als die kunstschaffende Person darüber entscheidet, ob ein Werk weitergeführt wird. Und wenn man eine Stimme mithilfe synthetischer Audioverfahren fortführt, dann entsteht immer nur ein Mittelwert. Egal wie viele Daten man einspeisen würde: Am Ende weiß das System nur ungefähr, wie jemand lächelt, wie jemand wütend klingt oder Ähnliches. Aber dahinter steht keine Intention. Es ist wie eine Marionette.
Mit der Zeit reiht sich diese mittelmäßige Performance dennoch in das Werk ein. Denn wir vergessen irgendwann, dass sie nicht real war. Dass die Person nie daran beteiligt war. Und ich persönlich empfinde das als Künstlerin als eine Beschmutzung meines Werkes.“
„Vielleicht liegt es auch daran, dass Kunst heute oft beliebig wirkt. Wenn etwas möglichst günstig und schnell produziert werden soll, bleibt am Ende häufig wenig Substanz. Gleichzeitig gibt es Werke aus der Vergangenheit, auf die wir zurückblicken und denken: Das hatte etwas Besonderes – genau diese Qualität und Tiefe wünschen wir uns heute wieder.
Manchmal rutschen wir dann aber in eine Art Nostalgiediktatur. Das finde ich schade. Gerade bei Stimmen, wie der vom Pumuckl, denke ich, dass jede Generation auch Anspruch auf ihre eigenen Stimmen hat. Sprache verändert sich schließlich ständig.
Wenn wir uns hinstellen und sagen: Das haben wir schon immer so gemacht und deshalb darf es auch nur so bleiben, dann erinnert mich das ein Stück weit daran, wie im Dritten Reich gesagt wurde, man wolle keine französischen Begriffe in die deutsche Sprache einfließen lassen.
Und damit meine ich nicht, dass wir unsere Sprache vergessen sollen – ganz im Gegenteil. Sprache ist genau das, womit ich arbeite. Ich liebe unsere Sprache. Ich finde sie großartig. Aber wir wissen eben auch, dass Sprache lebendig ist und sich Ausdrucksformen verändern.
Was ich vermisse, ist Sorgfalt. Ich finde, es sollte immer Sorgfalt geben und die Dinge sollten einen Wert haben. Aber sich krampfhaft daran festzuhalten, dass früher alles besser gewesen sei – dann landen wir irgendwann bei 'Make America Great Again'.“
Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Anna-Sophia Lumpe in Folge 73 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Ab Minute 47:38 beantwortet sie unter anderem die Frage, ob sie jungen Menschen heute noch empfehlen würde, Sprecher*in zu werden. Reinhören lohnt sich!
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Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!