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Franziska Böhler | © Michael Eichelsbacher
© Michael Eichelsbacher
13.07.2026 • 15:37
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
16 Minuten
Podcast „Echt & Unzensiert“

Wie unser Gesundheitssystem zerbricht – und was jetzt zählt: Franziska Böhler im Interview

In Folge 74 von „Echt & Unzensiert“ zieht Pflegeaktivistin und Krankenschwester Franziska Böhler Bilanz über den Zustand des deutschen Gesundheitssystems.

Im Gespräch geht es um die geplante Reform der gesetzlichen Krankenversicherung und ihre Folgen für gesetzlich Versicherte, Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegekräfte. Franziska Böhler spricht über Personalmangel, Klinikschließungen, längere Wartezeiten und die wachsende Gefahr, dass eine gute Gesundheitsversorgung immer stärker vom Geldbeutel abhängt.

Außerdem ordnet sie die Auswirkungen der jüngsten Hitzewelle auf das Gesundheitssystem ein und erklärt, warum Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen schon an wenigen extrem heißen Tagen an ihre Grenzen geraten. Sie spricht darüber, weshalb sie trotz allem nicht resigniert, welche Verantwortung Politik und Gesellschaft tragen – und was jede und jeder von uns jetzt tun kann.

Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier:

Liebe Franzi, vor zwei Jahren warst du zuletzt bei „Echt & Unzensiert" zu Gast. Hat sich seitdem irgendetwas verbessert? Oder ging es eigentlich immer weiter bergab?

„Es hat sich nichts verbessert – und genau das war auch damals meine Befürchtung. Wenn wir damals während Corona gesagt haben, es ist Viertel vor zwölf, dann haben wir heute 14:30 Uhr. Und die Situation verschärft sich jeden Tag weiter.“

Aktuell wird vor allem über die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung diskutiert. Welche Punkte bereiten dir dabei die größten Sorgen?

„Im Kern bedeutet diese Gesundheitsreform, die ja als Rettung der Krankenkassen verkauft wird, für gesetzlich Versicherte vor allem eines: Nachteile. Am Ende zahlen wieder diejenigen den Preis, die ohnehin schon wenig haben. Es trifft chronisch Kranke, die Pflege, Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderung. Das ist einfach brutal.“

Es wirkt wie ein Teufelskreis. Wenn jetzt auch noch bei Präventionsmaßnahmen gekürzt wird, verschärft das die Situation nur noch weiter.

„Ja, genau. Das ist diese klassische Milchmädchenrechnung. Ich habe heute Morgen in einer Pressekonferenz wieder etwas von sozialer Gerechtigkeit gehört. Das höre ich ständig: soziale Gerechtigkeit, Prävention stärken. Aber konkrete Beispiele dafür finde ich nirgendwo. Stattdessen wird die Hautkrebsvorsorge gestrichen. Auch die Psychotherapie ist ein großes Thema. Der gesetzliche Schutz des Mindesthonorars soll wegfallen. Langfristig wird das bedeuten, dass Psychotherapie zur Selbstzahlerleistung wird, weil die Praxen sonst kaum überleben können.

Das Absurde daran: Im DAK-Gesundheitsreport 2025 gehören Depressionen und andere psychische Erkrankungen zu den häufigsten Gründen für Arbeitsausfälle. Und genau dort wird jetzt der Rotstift angesetzt. Gleichzeitig heißt es, wir seien alle zu faul, müssten mehr arbeiten – und stehen alle unter Generalverdacht, krankzumachen. Anders kann man diese Debatte über Krankschreibungen ab dem ersten Tag oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung kaum verstehen. Aber gleichzeitig wird genau der Schlüssel zur Gesundung wegrationalisiert. Das versteht doch kein Mensch. Wirklich nicht.“

Studien zeigen: Menschen in Deutschland tendieren dazu, häufiger zum Arzt gehen, als eigentlich nötig wäre. Wie erklärst du dir das?

„Ich finde, das Leben ist insgesamt belastender geworden. Die ganzen äußeren Einflüsse – Nachrichten, Kriege, Naturkatastrophen, der Job, die Kinder – all das setzt viele Menschen unter Druck. Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, fühle ich mich heute deutlich gestresster durch das, was um uns herum passiert. Und das schlägt sich natürlich auf die Gesundheit nieder – mental genauso wie körperlich. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich viele häufiger erschöpft fühlen oder anfälliger für Krankheiten sind.

Für mich persönlich war der Weg raus der Sport. Als ich damals mein Buch geschrieben und meine Vergangenheit aufgearbeitet habe, habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, selbst gut auf sich zu achten. Denn am Ende bleibt einem gar nichts anderes übrig. Man muss alles dafür tun, gesund zu bleiben. Ich rauche seit März nicht mehr – nach über 20 Jahren. Und mir geht es wirklich besser. Das ist für mich ein wichtiger Schritt, um meine Gesundheit langfristig zu stärken.“

Um die Praxen zu entlasten, braucht es Alternativen für Menschen, die keine akute Hilfe benötigen. In einem Interview hast du die Community Health Nurses erwähnt, die in anderen Ländern bereits etabliert sind. Kannst du erklären, was dahintersteckt?

„Community Health Nurses sind akademisch ausgebildete Pflegekräfte. Früher hätte man vielleicht von der Dorfschwester gesprochen. Sie kümmern sich um die Menschen vor Ort und haben die fachliche Expertise einzuschätzen, was jemand braucht und wie bestimmte Beschwerden behandelt werden können. Das Problem ist: Diese Modelle laufen bisher meist nur als Pilotprojekte und werden nicht ausreichend gefördert. Der Pflege wird diese Verantwortung vielerorts schlicht nicht zugetraut oder bewusst nicht übertragen. Dieses Konzept stößt leider auch auf Widerstand – gerade aus Teilen der Ärzteschaft.“

Denkst du, KI könnte hier künftig eine Lösung sein? Oder bleibt der persönliche Kontakt unverzichtbar?

„Menschlicher Kontakt wird niemals vollständig durch KI ersetzt werden können. Ich sehe das zum Beispiel in Arztpraxen – und wir haben das auch bei uns. Dort übernimmt eine KI die Telefonate. Gerade ältere Menschen verzweifeln daran. Viele merken gar nicht, dass sie nicht mit einem echten Menschen sprechen. Das funktioniert im Moment einfach noch nicht gut. Ich will nicht sagen, dass KI grundsätzlich schlecht ist, aber da gibt es definitiv noch Verbesserungsbedarf.“

Kommen wir noch einmal auf die Reform zurück. Viele Ärzt*innen befürchten, dass sie durch weitere Budgetierungen künftig nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Kannst du erklären, was damit gemeint ist?

„Es wird verschiedene Einschnitte geben. Zum Beispiel werden ab einer bestimmten Zahl von Neupatient*innen bestimmte Leistungen einfach nicht mehr vergütet. Das heißt: Ärzt*innen arbeiten faktisch umsonst. Gleichzeitig sollen Zuschläge für schnelle Termine, für Neupatient*innen und für offene Sprechstunden gestrichen werden – also auch für Notfallsprechstunden. Am Ende arbeiten die niedergelassenen Ärzt*innen oder Fachärzt*innen teilweise sogar drauf. Ich glaube, vielen Menschen ist das gar nicht bewusst.

Ich habe neulich einen Kommentar gelesen, in dem jemand fragte, warum Ärzt*innen überhaupt Zuschläge bekommen sollten. Aber das hat nichts mit Bonuszahlungen zu tun. Es gibt feste Vorgaben von oben – und niemand kann erwarten, dass jemand eine Woche lang kostenlos arbeitet. Das kann ich absolut nachvollziehen.

Das Problem ist nur: Der Frust der Patient*innen wird am Ende bei den Medizinischen Fachangestellten (MFA) und Ärzt*innen landen. Das passiert heute schon und wird mit dieser Reform noch schlimmer. Vor allem gesetzlich Versicherte werden länger auf Termine warten müssen. Und wenn Menschen wochenlang auf einen Facharzttermin warten, obwohl sie Schmerzen haben, was machen sie dann? Viele gehen irgendwann in die Notaufnahme. Genau das wollen wir eigentlich verhindern.“

Würdest du sagen, dass die Lage auf dem Land noch einmal deutlich schwieriger ist?

„Gerade durch Klinikschließungen wird es für viele Menschen im ländlichen Raum schwieriger, ja. Besonders für ältere Menschen. Wenn Geburtshäuser oder Geburtsstationen schließen und der Weg zur nächsten Klinik plötzlich eine halbe Stunde oder sogar eine Stunde dauert, ist das bei einer Geburt oder einem Notfall ein echtes Problem.

Und ich glaube auch, dass diese Reform weitere Insolvenzen nach sich ziehen wird. Vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie Gerald Gaß (Anm. der Redaktion: Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft) es einmal formuliert hat – er sprach davon, dass jede zweite Klinik schließen müsse. Aber die finanzielle Lage der Krankenhäuser ist schon jetzt extrem angespannt. Und diese Reform wird sie weiter verschärfen.“

Eine Frage, die derzeit viel diskutiert wird: Sollte es überhaupt eine Zwei-Klassen-Medizin geben? Wie siehst du das?

„Die Zwei-Klassen-Medizin gibt es schon lange – und ich glaube nicht, dass sie kleiner wird. Im Gegenteil: Ich habe eher das Gefühl, dass wir genau auf so ein System zusteuern. Anders kann ich mir viele dieser Entscheidungen kaum erklären. Man sieht das bei den Psychotherapeut*innen. Wenn das Mindesthonorar tatsächlich fällt, wird Psychotherapie für viele zur Selbstzahlerleistung werden.

Ähnliches gilt für Physiotherapie und andere therapeutische Berufe. Gleichzeitig steigen die Zuzahlungen für Medikamente. Viele Leistungen können von den Praxen und Therapeutinnen und Therapeuten gar nicht mehr angeboten werden, weil sie nicht ausreichend vergütet werden. Also müssen die Menschen sie selbst bezahlen. Genau darauf läuft es hinaus: Gesundheit wird immer stärker vom eigenen Geldbeutel abhängen.“

Aufgrund des Personalmangels bleibt pro Patient*in oft nur wenig Zeit. Welche Folgen hat das ganz konkret?

„Der Pflegenotstand verschärft sich Tag für Tag. Und mit dieser Reform gerät jetzt sogar das ins Wanken, wofür wir jahrelang gekämpft haben. Es gibt den PPR 2.0 – ein standardisiertes Instrument zur Ermittlung des Personalbedarfs in Krankenhäusern. Das war sicher nicht perfekt, genauso wenig wie die Personaluntergrenzen. Aber es war eine wichtige Errungenschaft, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. Jetzt heißt es plötzlich, dafür gäbe es keine Evidenz. Die gibt es aber.

Zahlreiche Studien zeigen, dass eine geringe Personalbesetzung mit einer deutlich höheren Sterblichkeit zusammenhängt. Das lässt sich nicht widerlegen. Und ich glaube, selbst ein Kindergartenkind versteht: Je weniger Pflegepersonal da ist, desto schlechter werden Patient*innen versorgt und desto größer ist die Gefahr für sie. Dass das jetzt einfach beiseitegewischt werden soll, nur weil Krankenhäuser Personal einsparen müssen, ist völlig irrsinnig.“

In einem Video auf deinem Instagram-Account hast du über den Begriff „Moral Injury“ gesprochen. Kannst du erklären, was dahintersteckt?

„Der Begriff kommt ursprünglich aus dem militärischen Bereich. Dort hat man festgestellt, dass auch Soldaten, die nicht direkt an Kampfhandlungen beteiligt waren, unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden konnten, wenn sie das Gefühl hatten, durch ihr Handeln oder Nichthandeln seien Menschen zu Schaden gekommen.

Bei Pflegekräften ist das ähnlich. Wir werden jeden Tag gezwungen, gegen unsere eigenen ethischen und moralischen Vorstellungen zu handeln. Nicht, weil wir das wollen, sondern weil wir gar keine andere Wahl haben. Es gibt zu wenig Zeit, zu wenig Personal und zu viele Patientinnen und Patienten. Natürlich geben wir trotzdem unser Bestes. Aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Und das bringt Pflegekräfte in eine Situation, in der sie ihre eigenen Werte infrage stellen und merken: Dafür bin ich eigentlich nie angetreten.“

Hast du ein konkretes Beispiel im Kopf, bei dem mehr Zeit den entscheidenden Unterschied gemacht hätte?

„Ich denke oft an meine Zeit auf der Intensivstation zurück. Das ist inzwischen einige Jahre her – 2020 bin ich in die Anästhesie gewechselt. Als ich 2007 angefangen habe, waren wir im Früh- und Spätdienst für zwei Patientinnen oder Patienten zuständig. Mehr war eigentlich auch nicht machbar. Und selbst dann kam man an seine Grenzen, wenn einer davon besonders schwer krank war. Zwölf Jahre später war es völlig normal, drei Patienten gleichzeitig zu betreuen. Und wenn der Zwischendienst nach Hause gegangen war, waren es bis zum Nachtdienst manchmal sogar vier. Dann geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Alle bekommen ihre Antibiotika und Medikamente, man schaut schnell nach ihnen, lagert sie um – und das war's.

Für Gespräche, Zuwendung oder auch nur ein Gespräch mit den Angehörigen bleibt keine Zeit. Dabei ist genau das für den Heilungsprozess unglaublich wichtig. Dieses Prinzip ,satt und sauber' reicht einfach nicht. Dafür habe ich den Beruf nicht gelernt. Eigentlich geht es darum, den Menschen ganzheitlich zu versorgen. Aber dafür fehlt die Zeit. Man kann wichtige Dinge gar nicht mehr richtig beobachten: Was kommt aus der Drainage? Ist das zu viel? Hat die Flüssigkeit die richtige Farbe? Woran könnte das liegen? Solche Dinge übersieht man dann – und das kann gefährlich werden.

Deshalb dürfen diese Schutzmechanismen für Personal und Patient*innensicherheit auf keinen Fall abgeschafft werden. Die wissenschaftliche Grundlage dafür gibt es. Und langfristig würde das auch bedeuten, dass weniger Betten gesperrt werden müssten, weil wieder ausreichend Personal vorhanden wäre.“

Die extreme Belastung verändert auch die Stimmung. Du hast es vorhin schon angesprochen: Immer häufiger bekommt das medizinische Personal den Frust der Patient*innen ab. Hast du den Eindruck, dass manche Kolleg*innen dadurch mit der Zeit ein negativeres Menschenbild entwickeln?

„Mit Sicherheit, ich erlebe das ständig. Wir machen unsere Narkosen in chirurgischen Praxen. Ich bin zwar mit den OP-Patient*innen beschäftigt, bekomme aber trotzdem mit, wie an der Anmeldung mit meinen Kolleg*innen umgegangen wird. Und ich bewundere wirklich, wie freundlich sie trotzdem bleiben. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Nerven hätte.

Man kommt morgens zur Arbeit und sieht schon, dass die Patient*innen bis auf die Straße stehen. Man weiß genau, was auf einen zukommt – und es wird eher schlimmer als besser. Eigentlich müsste an jeder Tür ein großes Schild hängen: ‚Das können wir nicht mehr leisten. Bitte wenden Sie sich an Ihre Abgeordneten – und lassen Sie Ihren Frust nicht am Personal aus.‘ Das gilt genauso für die Krankenhäuser.

Während Corona haben wir erlebt, wie dankbar plötzlich alle waren. Es wurde geklatscht, die Pflege wurde gelobt, alle haben betont, wie wichtig wir sind. Viele von uns dachten damals: Jetzt werden wir endlich gesehen. Aber heute erleben wir das Gegenteil. Vieles von dem, was damals versprochen wurde, wird wieder zurückgenommen. Aber Gesundheit ist doch die Grundlage für alles!

Man kann noch so oft sagen, wir müssten mehr arbeiten und produktiver sein – das geht aber nur mit gesunden Menschen. Nur gesunde Menschen halten eine Wirtschaft am Laufen. Wenn dieses Fundament wegbricht, funktioniert der Rest auch nicht. Genau dieses Fundament wird gerade beschädigt.

Und noch etwas: Meine Kollegin Anna Rosendahl hat einmal darauf hingewiesen, dass wir Milliarden in Aufrüstung investieren und damit ein Szenario vorbereiten, in dem viele verletzte Menschen versorgt werden müssten. Gleichzeitig bauen wir aber genau das Gesundheitssystem ab, das diese Menschen versorgen soll. Als sie das geschrieben hat, dachte ich sofort: Ja, natürlich. Das widerspricht sich komplett.“

Hat es der Nachwuchs heute schwerer, breite klinische Erfahrung zu sammeln? Wenn weniger untersucht wird, lernen angehende Mediziner*innen und Pflegekräfte wichtige Techniken doch auch seltener im Alltag kennen, oder?

„Ich bin froh über jeden Menschen, der diesen Beruf ergreift. Und ich könnte tausend Gründe nennen, warum es sich lohnt – warum der Beruf Spaß macht und warum man am Ende des Tages mit einem Gefühl der Zufriedenheit nach Hause geht. Der Beruf war nie das Problem. Das Problem sind die Rahmenbedingungen. Und ich glaube tatsächlich, dass Ausbildung und Anleitung heute nicht mehr so stattfinden können, wie ich sie damals erlebt habe. Natürlich geben sich alle Mühe und versuchen, den Auszubildenden so viel Wissen wie möglich mitzugeben. Aber in einem Arbeitsalltag, in dem es oft nur noch darum geht, den Laden irgendwie am Laufen zu halten, bleibt dafür einfach nicht mehr genug Zeit.“

Die Pflege verlagert sich zunehmend ins Private und Angehörige müssen immer häufiger die Lücken schließen. Wie blickst du auf diese Entwicklung?

„Der größte Pflegedienst in Deutschland sind die pflegenden Angehörigen. Und ganz ehrlich: Sie retten uns den Hintern. Wenn all die Menschen, die heute zu Hause gepflegt werden, einen Platz in einer stationären Pflegeeinrichtung bräuchten, wäre das überhaupt nicht leistbar. Das würde unser System komplett überfordern.

Gleichzeitig wird aber auch bei den pflegenden Angehörigen gespart – etwa bei der Rente. Das ist für mich völlig unverständlich. Man müsste doch dankbar für jeden Menschen sein, der diese Aufgabe übernimmt. Denn jemanden zu Hause zu pflegen, ist eine Lebensaufgabe. Stattdessen wird auch dort immer weiter gekürzt.

Dazu kommt: Die Familienstrukturen verändern sich. Die Generation, die heute ihre Eltern oder Schwiegereltern pflegt, wird selbst älter. Ich glaube nicht, dass dieses Modell künftig noch so selbstverständlich funktionieren wird wie früher. Früher war es teilweise selbstverständlich oder wurde sogar erwartet, dass Schwiegertöchter die Schwiegermutter pflegen. So ist unsere Gesellschaft heute nicht mehr. Und irgendwann werden auch die pflegenden Angehörigen selbst pflegebedürftig. Das steuert auf eine echte Katastrophe zu.“

Stichwort Katastrophe. Zuletzt gab es auch hierzulande eine extreme Hitzewelle. Wie hast du sie erlebt? Und was hast du von Kolleg*innen gehört? Die Hitze hat die strukturellen Probleme im Gesundheitssystem ja noch sichtbarer gemacht.

„Was wir gesehen haben, ist, dass unser Gesundheitssystem nicht einmal ein heißes Wochenende vernünftig bewältigen kann. Städte wie Köln sind regelrecht dekompensiert. Kolleg*innen haben von kriegsähnlichen Zuständen berichtet und gesagt, sie hätten so etwas noch nie erlebt – teilweise schlimmer als während der Pandemie. Und das glaube ich sofort.

Denken wir an ältere Menschen, die allein in Dachgeschosswohnungen leben. Vielleicht kommt der Pflegedienst einmal am Tag vorbei. Dazwischen lüftet niemand, viele nehmen weiterhin entwässernde Medikamente und sitzen bei 40 Grad in ihrer Wohnung. Natürlich landen diese Menschen irgendwann im Krankenhaus. Aber wir sind auf solche Situationen gar nicht vorbereitet. Wir schaffen ja schon unser normales Tagesgeschäft kaum noch.“

Und selbst die Krankenhäuser sind nicht klimatisiert. Andere Kolleg*innen haben von Temperaturen zwischen 37 und 40 Grad auf den Stationen berichtet.

„Das ist wirklich unerträglich. Darunter leiden die Patient*innen genauso wie das Personal, das bei diesen Temperaturen arbeiten muss. Ich arbeite im OP, dort ist es klimatisiert. Ehrlich gesagt wollte ich da während der Hitzewelle gar nicht mehr raus. Als ich den OP verlassen habe, bin ich gegen eine Wand aus Hitze gelaufen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das auf den Stationen gewesen sein muss – oder in Alten- und Pflegeheimen. Und dann denke ich noch an die ambulanten Pflegedienste, die den ganzen Tag von Einsatz zu Einsatz fahren. Das ist brutal.“

Warum werden denn nicht einfach Klimaanlagen eingebaut?

„Wir sparen uns im Gesundheitssystem zu Tode. Wer überall nach Einsparmöglichkeiten sucht und das System kaputtspart, wird ganz sicher keine Klimaanlagen in Krankenhäuser einbauen.“

Ich höre immer wieder den Satz: „Wenn die Lage so schlimm ist, dann müssen Pflegekräfte eben auf die Straße gehen und demonstrieren.“ Was geht dir durch den Kopf, wenn du so etwas hörst?

„Eigentlich müssten sie das, ja. Aber ich kann genauso gut verstehen, warum vielen irgendwann die Kraft ausgeht. Seit Jahren wird alles eher schlechter als besser. Und wir wissen alle, dass die Verantwortlichen das genauso sehen. Gleichzeitig ist die Pflege eine sehr heterogene Berufsgruppe, die schlecht organisiert ist. Ob Pflegekammer oder Gewerkschaften – das sind bis heute schwierige Themen. Viele fühlen sich schlicht machtlos.

Natürlich gibt es Demonstrationen, zuletzt auch in Hamburg. Aber viele fragen sich irgendwann: Was hat das eigentlich gebracht? Nach so vielen Jahren resignieren manche. Das ist nachvollziehbar, auch wenn es natürlich nicht die Lösung sein kann. Manchmal denke ich – und ich weiß gar nicht, ob ich mich für diesen Gedanken schämen sollte –, dass das System vielleicht wirklich einmal komplett gegen die Wand fahren müsste. Angenommen, niemand bricht den freien Tag oder Urlaub ab, um am Hitzewochenende einzuspringen: Was passiert dann? Das würde uns komplett um die Ohren fliegen.

Auf der einen Seite braucht es vielleicht diesen Weckruf. Auf der anderen Seite würde so ein Zusammenbruch Menschenleben kosten. Und genau darin liegt der Zwiespalt. Man denkt sich: Wegen mir darf niemand sterben. Ich will nicht schuld sein. Ich will meine Kolleg*innen nicht im Stich lassen. Das ist eine furchtbar belastende Situation.“

Für alle, die sich für ein faires Gesundheitssystem einsetzen wollen: Wie kann man am besten unterstützen?

„Abgesehen von Demonstrationen finde ich vor allem eines wichtig: informieren und Druck machen. Dieses GKV-Stabilisierungsgesetz ist medial völlig unterrepräsentiert. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welche Folgen das für uns alle haben kann.

Wir alle haben Eltern oder Großeltern, die irgendwann pflegebedürftig werden können. Und jeder von uns wird früher oder später selbst alt oder krank. Deshalb glaube ich: Immer dann, wenn man monatelang auf einen Facharzttermin warten muss, wenn man plötzlich Leistungen selbst bezahlen soll oder keinen Physiotherapie-Termin bekommt, sollte man sich an seine Abgeordneten wenden. Briefe schreiben, E-Mails schicken, Druck machen – aber bitte nicht den Frust am Personal vor Ort auslassen. Die können nichts dafür.

Was mich so ärgert: Als es während der Pandemie um die Maskenpflicht ging, haben unglaublich viele Menschen protestiert. Da ging es plötzlich, weil sie selbst unmittelbar betroffen waren. Die langfristigen Folgen der aktuellen Entwicklung im Gesundheitssystem sind aber viel gravierender. Und trotzdem bleibt der große Aufschrei aus. Ich weiß nicht, woran das liegt.

Vielleicht sind wir müde geworden. Vielleicht sind viele einfach erschöpft von den letzten Jahren und wollen das alles nicht mehr hören. Aber leider betrifft das jeden Einzelnen. Niemand kann sich dem entziehen.“

Es fällt schwer, optimistisch zu bleiben. Was gibt dir denn Hoffnung?

„Ich habe für mich entschieden, nicht zu resignieren. Ich habe einen gesunden Weg gefunden, mit all dem umzugehen und mich nicht mehr so sehr von allem vereinnahmen zu lassen. Ich achte darauf, dass ich mich engagiere, ohne selbst daran kaputtzugehen. An diesem Punkt war ich schon einmal und dahin möchte ich nie wieder zurück.

Deshalb versuche ich heute, in einem gesunden Maß weiterzumachen: aufzuklären, zu informieren und mich gegen Missstände zu stellen. Und ich habe nach wie vor Freude an meiner Arbeit. Ich sehe jeden Tag, dass ich etwas bewirken kann. Ich kann Menschen helfen, und genau das macht mich und meine Patient*innen zufrieden.

Deshalb gibt es für mich keinen Grund zu sagen: 'Ich kann sowieso nichts verändern.' Das stimmt einfach nicht. Jeder Mensch kann etwas bewegen. Ob daraus am Ende die große Veränderung entsteht, weiß niemand. Aber jede Form von Engagement ist wertvoll und niemals umsonst.“

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Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Franziska Böhler in Folge 45 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Reinhören lohnt sich!

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