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Aktivistinnen in Mexiko kämpfen gegen die patriarchale Gewalt.  | © Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales
© Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales
23.06.2026 • 12:05
Alexandra Rauscher
8 Minuten
Die WM und häusliche Gewalt

Das Spiel mit der Angst: Mexikanische Frauen kämpfen für ein Leben ohne Gewalt

Während die Welt im WM-Fieber auf Mexiko blickt, wächst dort für Tausende Frauen im eigenen Wohnzimmer die Angst: Sportliche Großereignisse lassen die patriarchale Gewalt um bis zu 30 Prozent steigen. Wo der Staat wegsieht, bauen Aktivistinnen jetzt ihre eigenen Schutzräume.

Seit am 11. Juni 2026 zum WM-Eröffnungsspiel im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt angepfiffen wurde, ist das Land ins globale Scheinwerferlicht gerückt. Ein Thema schaffte es dabei nicht auf den Platz: Mexiko-Stadt, Jalisco und Nuevo León – die drei Staaten, die die WM-Spiele in Mexiko ausrichten – sind gleichzeitig Hochburgen häuslicher Gewalt im Land.

UN Women warnte weit im Vorfeld des Turniers davor, dass die Notrufe wegen häuslicher Gewalt während sportlicher Großereignisse wie der Fußball-WM steigen – Studien zufolge um bis zu 30 Prozent. Dennoch hatte der mexikanische Staat in den Vorbereitungen nur Augen für Infrastruktur und Tourismus. Lokale Frauenorganisationen verstärkten daher ihre eigenen Schutznetze.

„Keine Frau sollte ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, wenn sie nach Hause kommt“, sagt die mexikanische Sängerin Vivir Quintana. Sie ist eine der Stimmen der Kampagne „La violencia contra las mujeres no es parte del juego“ („Gewalt gegen Frauen ist nicht Teil des Spiels“), initiiert von dem Netzwerk der Frauenhäuser in Mexiko „Red Nacional de Refugios“ (RNR). Zusätzlich stellt eine Gruppe von Unternehmerinnen mit dem Chatbot Violetta einen digitalen Schutzraum bereit. Beide Organisationen verfolgen das gleiche Ziel: Es geht um Sichtbarmachung, Prävention und erste Hilfe an einem Ort abseits des Scheinwerferlichts – im eigenen Wohnzimmer.

Gegen das Schweigen

„Lasst den Staat, den Himmel, die Straßen beben,
wovor haben Richter und Justizbeamte Angst? [...]
Vergesst nicht ihre Namen [...],
wir singen ohne Angst, wir bitten um Gerechtigkeit.“

In „Canción Sin Miedo" – Lied ohne Angst – singt Vivir Quintana von systemischer Gewalt gegen Frauen, Staatsversagen, der Suche nach Antworten und dem Mut, aufzustehen. Gemeinsam. Seit das Lied 2020 zum ersten Mal auf dem Zócalo, dem Hauptplatz von Mexiko-Stadt, erklang, wurde es zur Hymne feministischer Proteste in ganz Lateinamerika. Geschrieben und gesungen von Frauen, in einem Land, in dem ein Leben ohne Angst alles andere als selbstverständlich ist.

Allein im ersten Drittel dieses Jahres wurden in Mexiko knapp 90.000 Fälle häuslicher Gewalt registriert – etwa ein Viertel davon in den Staaten, in denen die WM-Spiele stattfinden. Landesweit haben 43,9 Prozent aller Frauen ab 15 Jahre Gewalt durch einen Partner erfahren. Und das sind nur die registrierten Fälle: Die Dunkelziffer ist hoch, das Vertrauen in Behörden gering. Bei Gewalt gegen Frauen bleibt die überwältigende Mehrheit der Täter straffrei. Nur etwa jeder zehnte Femizid wird in Mexiko aufgeklärt. Das Recht auf ein Leben frei von Gewalt bleibt eine Forderung, auf die der mexikanische Staat keine Antwort hat.

Die Kampagne „La Pelota Vuelve a Casa“ – „Der Ball kommt nach Hause.“ | © Alexandra Rauscher
© Alexandra Rauscher

„Wenn ich hier in Mexiko-Stadt Slogans wie ,La Pelota Vuelve a Casa' (,Der Ball kommt nach Hause') lese – aber Hunderte von Frauen, die nicht nach Hause gekommen sind, nicht erwähnt werden – fühle ich eine würdevolle Wut, wie wir im Feminismus sagen," sagt Wendy Figueroa Morales. Als Psychologin und Direktorin des RNR engagiert sie sich seit fast 30 Jahren für Frauenrechte. „Das Bild, das derzeit nach außen vermittelt wird, vergisst diejenigen, die in diesem Land leben und echte, strukturelle und dauerhafte Veränderungen brauchen. Es kann kein Narrativ des internationalen Stolzes aufgebaut werden, während Frauen in genau diesen Städten weiter mit Gewalt und Straflosigkeit konfrontiert sind."

„Meine würdevolle Wut verwandle ich in der Regel in Aktionen", ergänzt sie. „So entstand die Kampagne."

Auf den Straßen von Mexiko-Stadt

Wir treffen sie auf dem Weg zur Arbeit, beim Mittagessen, beim Versuch, sich durch die Touristenmassen zu schlängeln: Die Frauen von Mexiko-Stadt – jede mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem eigenen Bezug zu dem Thema, für das Wendy und ihr Team sich in der Nähe des Aztekenstadions positioniert haben. „Fußball weckt Emotionen, aber keine davon rechtfertigt Gewalt“ – so steht es im Flyer, den die Frauen in lilafarbenen Shirts verteilen. Viele Passantinnen bleiben stehen, lesen, nicken.

Studien zeigen: Fußball ist nicht Ursache häuslicher Gewalt – kann aber als Auslöser und/oder Verstärker wirken, wenn während der WM mehrere Faktoren zusammentreffen. Dazu gehören erhöhte Testosteronspiegel, eine starke emotionale Identifikation der Fans, mehr gemeinsame Zeit zu Hause und gesteigerter Alkoholkonsum.

„Die Kampagne ist eine Erweiterung unserer Arbeit im Netzwerk der Frauenhäuser. Wir bringen damit Informationen direkt in die Gemeinschaften und machen Unterstützungsnetzwerke sichtbar", erklärt Wendy. In Mexiko sind derzeit etwa 190 Kolleginnen im Einsatz – neben der Hauptstadt, verstärkt in Monterrey und Guadalajara, den anderen beiden Austragungsorten. Auf dem Flyer finden sich die Kontaktdaten des RNR, sowie der beteiligten Partnerorganisationen in Kanada und den USA.

Drei Frauen von RNR verteilen am Stadion in Mexiko Flyer, die über häuslicher Gewalt aufklären.  | © Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales
© Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales

Eine Passantin deutet auf die Stelle, wo in Großbuchstaben „Gewalt beginnt nicht immer mit einem körperlichen Angriff" steht. Darunter sind Akte psychischer Gewalt gelistet: Demütigung, Drohungen, Einschlagen auf Möbel. „Der Mann meiner Schwester warf öfter Sachen durch den Raum, wenn er getrunken hatte", erzählt sie. „Später hieß es: ‚Ich habe sie nicht geschlagen, ich habe doch nur eine Flasche geworfen’."
Wendy schüttelt nur den Kopf. Sie weiß – es wird nicht bei dieser einen Geschichte bleiben.

„Gestern hatten wir mehrere Anruferinnen, die sagten: ,Er wird wütend, wenn seine Mannschaft verliert, was kann ich tun?'“ – Das Team vom RNR erarbeitet dann gemeinsam mit den Frauen einen individuellen Sicherheitsplan. Dieser dient dazu, Risiken zu erkennen und Schutzmaßnahmen festzulegen – vor, während und nach der Gefahrensituation.

„Hallo, ich bin Violetta.“

Was aber, wenn ein Anruf zu viel Kraft kostet? Auch dafür haben mexikanische Frauen nach Lösungen gesucht. „Viele, vor allem jüngere Frauen, fühlen sich bei Anrufen nicht wohl und bevorzugen den Chat", sagt Sara Kalach, Mitgründerin des KI-basierten Chatbots Violetta. Die Idee entstand 2020: „Wir waren vier Frauen, die nicht mehr hinnehmen wollten, wie alltäglich und normalisiert Gewalt in unserer Umgebung ist."

Der Chatbot Violetta ersetzt keine professionelle Hilfe. Als anonyme digitale Chat-Partnerin hilft sie aber dabei, Gewalttendenzen frühzeitig zu erkennen und Eskalation vorzubeugen. Ihr Algorithmus wurde von Psycholog*innen gezielt trainiert. Eine herkömmliche KI würde auf die Nachricht „Hallo, ich fühle mich sehr ängstlich" um 21 Uhr vielleicht zu einem Spaziergang raten. Violetta versteht, was das in Mexiko bedeuten kann. 

Bis heute hat Violetta mehr als 250.000 Menschen begleitet und über 50.000 Personen an professionelle Hilfe vermittelt. Wer beim Chatten Risikobegriffe verwendet, wird an die mexikanische Organisation „Fundación Origen“ weitergeleitet, die Gewaltopfer professionell betreut. Während ein Großteil der Nutzerinnen mit Violettas Hilfe Situationen in ihrer Beziehung einordnen will, erleben etwa 30 Prozent fortgeschrittenere Formen von Gewalt.

Die gesammelten anonymisierten Daten helfen dem Team, Violetta kontinuierlich weiterzuentwickeln, und schließen zugleich eine Lücke: Daten zu psychischer Gewalt existieren kaum, weil Anzeigen meist erst erstattet werden, wenn die Gewalt bereits eskaliert ist. Violetta setzt früher an und macht so sichtbar, was sonst verborgen bliebe.

Sie ist dabei nicht nur für Frauen da: Zwischen 10 und 20 Prozent der Nutzenden sind Männer. „Gendergewalt und gesunde Beziehungen sind Themen, die uns alle betreffen", sagt Sara. In den vergangenen Monaten führte ihr Team Violetta im Rahmen von Workshops mit Jugendlichen in Schulen ein. „Mit den richtigen Werkzeugen können wir schon früh Bewusstsein schaffen und auf gesunde Beziehungsdynamiken hinwirken“, sagt Sara.

Zwischen Dankbarkeit und Hass

Über die Jahre hatten Sara und ihre Kolleginnen viel direkten Kontakt mit Betroffenen. Nicht immer fällt es leicht, sich von den Schicksalen zu distanzieren. Was hilft, ist das direkte Feedback von Nutzer*innen, die zum Beispiel sagen: „Ich fand in Violetta einen sicheren Raum, ich kam aus dieser Beziehung heraus, fand die Hilfe, die ich brauchte.“

Wendy wurde seit Kampagnenstart Ende Mai schon einige Male gefragt, woran sie die Wirksamkeit ihrer Arbeit misst. „Alle Fälle, in denen eine Frau heute mit dir spricht, dir schreibt und sagt, dass sie am Leben ist", ist ihre Antwort. Manchmal meldet sich jemand Jahre später. Eine Anruferin kam als Mädchen mit ihrer Mutter ins Frauenhaus. Heute ist sie die Anwältin des Frauenhauses. „Diese Momente zeigen mir, dass sichere Zufluchtsorte Leben verändern."

Und dann sind da noch die Drohungen, die das RNR derzeit erhält. Als Teil der Kampagne hat das Netzwerk auch seine Online-Aktivitäten hochgefahren. „Uns erreicht derzeit einiges an digitaler Gewalt. Über die sozialen Netzwerke, wenn wir die Beiträge der Kampagne veröffentlichen. Sie erzeugen Unmut bei Männern, einige antworten sehr aggressiv. Das sind für mich Schlüsselsignale dafür, dass die Kampagne funktioniert."

Die mutigen Frauen von der Organisation RNR – für eine gewaltfreie Welt.  | © Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales
© Red Nacional de Refugios / Wendy Figueroa Morales

Eine andere Botschaft

Die Weltmeisterschaft wird enden. Die Gewalt nicht. Das wissen Wendy, Sara und ihre Teams. Anstatt leerer WM-Slogans, würde Wendy gerne eine andere Botschaft in die Welt schicken: „Die Einladung, diese WM nicht nur als Sportereignis zu sehen, sondern als Aufruf zu null Toleranz gegenüber jeder Form von Gewalt – und anzuerkennen, dass die Sicherheit von Frauen und Kindern eine kollektive Verantwortung ist. Das wäre der wahre Sieg.”

Bis dahin schützen Frauen sich gegenseitig, so gut sie können. Das Team in den lilafarbenen Shirts, die Unternehmerinnen hinter Violetta – und da draußen sind noch so viele mehr. Keine von ihnen kann den Kampf alleine führen. Aber gemeinsam schaffen sie schon jetzt Schutzräume, die Leben retten.

„Nichts bringt mich mehr zum Schweigen,
es reicht mir,
wenn sie eine von uns angreifen,
wehren wir uns alle.“
– Vivir Quintana und der Chor "El Palomar"

Bist du von Gewalt betroffen? Hier findest du Hilfe:

Wenn du selbst Gewalt erlebst oder Angst vor deinem Partner hast, bist du nicht allein. Es gibt in Deutschland kostenlose, anonyme und rund um die Uhr erreichbare Hilfsangebote – für dich oder wenn du dir Sorgen um eine Freundin oder Angehörige machst:

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Unter der kostenlosen Telefonnummer 116 016 (rund um die Uhr, anonym und in 18 Sprachen) sowie per Online-Beratung auf hilfetelefon.de erhalten Betroffene aller Nationalitäten, mit oder ohne Behinderung, vertrauliche Unterstützung.

Der Weisse Ring e.V.: Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität und Gewalt. Du erreichst die kostenlose Opfer-Telefonnummer täglich von 7 bis 22 Uhr unter 116 006 oder online unter weisser-ring.de.

Frauenhauskoordinierung (FHK): Wenn du Schutz in einem Frauenhaus suchst oder eine Zufluchtsstätte in deiner Nähe finden möchtest, bietet die Suche auf frauenhauskoordinierung.de einen schnellen, bundesweiten Überblick über freie Plätze und Beratungsstellen.

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