Es gibt derzeit Gespräche mit dem Ministerium über alternative Fördermöglichkeiten. Was genau bedeutet das?
„Bisher werden wir aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes über die Jugendverbandsarbeit finanziert. Das ist eine Strukturförderung. Das bedeutet, man kann damit Mieten, Versicherungen oder den Steuerberater bezahlen – also Dinge, die eine Geschäftsstelle als Trägerin von Projekten zwingend braucht. Was das Ministerium nun in den Raum stellt, ist eine reine Projekt- oder Modellförderung. Das bedeutet aber, dass die Struktur, die dieses Projekt tragen soll, irgendwie anders finanziert werden muss.
Natürlich nehmen wir im Moment alles, was wir kriegen können. Aber als Geschäftsführung muss ich das auch problematisieren: Ein Jugendverband ist nicht dafür da, ein reiner Projektträger zu sein, bei dem alles andere auf Schmalspur läuft. Ein Jugendverband soll ein
Partizipationsinstrument sein, und das braucht feste Ressourcen. Wir warten aktuell auf klare Signale des Ministeriums, wie diese Modellförderung genau aussehen soll. Aber meine Frage an das Haus bleibt: Warum soll Geld für eine Modellförderung da sein, aber nicht für die grundlegende Jugendverbandsarbeit? Man hätte unsere Mittel ja auch kürzen können – was ich mir nicht gewünscht hätte, aber das wäre ein Weg gewesen. Stattdessen streicht man uns komplett. Ich habe da noch sehr viele Fragen, aber ich habe auch den Auftrag, für jede Option zu kämpfen.“
Lambda lebt auch vom Ehrenamt. Was passiert mit den engagierten Mitarbeitenden, wenn die Planungssicherheit wegbricht?
„Dann müssen wir als Verband knallhart priorisieren. Wir müssen schauen: Was können Ehrenamtliche neben Studium, Ausbildung, Beruf und Familie überhaupt noch an Arbeitspaketen übernehmen? Viele lokale Vereine funktionieren wunderbar rein ehrenamtlich. Aber als Bundesverband braucht es enorm viel spezifisches Vorwissen, um effektiv zu agieren. Das Thema Wissensmanagement wird dann zentral: Wer vermittelt dieses Wissen, wenn die Hauptamtlichen fehlen?
Und wie ich schon beim Thema Beratung sagte: Es wäre unverantwortlich, wenn am Ende Jugendliche alleine gelassen werden, um andere Jugendliche oder Kinder in schweren Krisen zu beraten. Daher bräuchte es mindestens ein zweistufiges Ehrenamt aus erfahrenen Fachkräften, die schwere Fälle übernehmen, die für junge Ehrenamtliche nicht geeignet sind. Aber ob das real funktioniert? Man muss ehrlich sein: Je größer eine Struktur ist, desto weniger funktioniert sie zu 100 Prozent ehrenamtlich. Es braucht Menschen, die koordinieren, priorisieren und filtern. Wenn eine ehrenamtliche Person mein E-Mail-Postfach verwalten müsste, würde sie ihr Ehrenamt schnell hinschmeißen. Das kann es nicht sein. Ich blicke sehr kritisch in die Zukunft, ob wir unsere Angebote überhaupt noch so machen können wie bisher.
Es ist so bitter, weil wir in 36 Jahren eine enorme Expertise und einen krassen Erfahrungsschatz aufgebaut haben. Ich würde die Konservativen gerne fragen: Sollen nach eurer Logik Fehler eigentlich zwanzigmal wiederholt werden müssen, oder ist es nicht sinnvoller, aus Erfahrungen zu lernen? Eine professionelle Begleitung stellt sicher, dass wir jungen Leuten, die ein Sommercamp planen, sagen können: ,Macht das an der und der Stelle lieber so und so, da haben wir Erfahrungwerte.‘
Trotz allem bin ich von der Resilienz queerer Menschen überzeugt. Die gesamte queere Community beruht darauf, dass sich Gesellschaft und Staat ihr gegenüber in der Vergangenheit oft antagonistisch verhalten haben. Wenn man bedenkt, wie kurz ein freies queeres Leben in der Bundesrepublik überhaupt erst möglich ist – das musste früher alles unter widrigsten Umständen stattfinden. Ich kann den Verantwortlichen nur sagen: Ihr werdet uns damit nicht kleinkriegen, ihr werdet uns nicht wegkriegen. Aber ihr macht uns das Leben absichtlich extrem schwer; ihr macht es uns schwer, Gutes zu tun.“
Karin Prien betont selbst immer wieder, wie wichtig ihr die mentale Gesundheit von Jugendlichen ist. Studien zeigen eindeutig, dass queere Jugendliche ein viel höheres Risiko für Depressionen, Angst- und Essstörungen haben. Gleichzeitig nehmen queerfeindliche Angriffe massiv zu. Welches Zeichen setzt es gesellschaftlich, wenn man die Jugendlichen in dieser Situation alleinlässt?
„Ich frage mich, ob die CDU der Demokratie noch vertraut. Das klingt hart, aber es braucht eine starke
Zivilgesellschaft, es braucht ein Vertrauen darin, dass Gesellschaft überhaupt funktioniert, damit wir darauf ein friedliches, soziales Miteinander aufbauen können. Junge Menschen erleben diesen Abbau ja nicht isoliert; die Eltern, die Familien und die ältere Generation erleben das hautnah mit. Minderjährige, die bei uns im digitalen Jugendzentrum mitmachen oder Mitglied werden wollen, brauchen die Einverständniserklärung der Eltern. Wir bekommen regelmäßig Post von Eltern, die das voll unterstützen. Die ganze Gesellschaft bekommt also mit, dass hier mit der Heckenschere durch die soziale Landschaft gegangen und wild herumgeschnippelt wird.
Wer ist denn am Ende noch da, um Alarm zu schlagen oder Widerstand zu organisieren, wenn die AfD politisch durchmarschiert? Das ist das, was ich dem aktuellen Konservatismus massiv vorwerfen möchte: Seht die Zivilgesellschaft nicht nur als unbequeme Gegnerin, sondern als Ausdruck davon, wie Demokratie sich schützen kann durch innovative Ansätze. Wenn alles kaputtgespart ist, was Kritik äußert – wenn die queeren Jugendverbände weg sind, wenn die ,Omas gegen Rechts' weg sind –, dann stehen Konservative plötzlich ganz alleine einer rechtsradikalen Struktur gegenüber. Sie berauben sich ihrer eigenen Partner*innen und der Palette an innovativen Zukunftslösungen.
Man kann progressive oder linke Strukturen aus konservativer Sicht ja durchaus kritisch betrachten. Aber man sollte kritisch-wertschätzend darauf schauen und anerkennen, worin sie erfolgreich sind und was man von ihnen lernen kann, um produktiv miteinander zu arbeiten. Wenn man alles wegkürzt, nimmt man sich diese Wahrnehmung und blockiert eine innovative Zukunft.
Ein queeres Jugendzentrum macht ja nicht nur ein paar Workshops, sondern wir sind ein demokratischer Lern- und Innovationsraum. Hier werden junge Menschen zu engagierten Mitgliedern unserer Gesellschaft, die später im Leben bereit sind, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das ist etwas Ureigennütziges für alle in dieser Gesellschaft.
Wenn man an diese sozialen Strukturen die Axt anlegt, ist das fatal. Manche Leute regen sich darüber auf, wie viel Geld wir bekommen. Dabei sind wir für das, was wir leisten, extrem billig. Bei uns arbeitet niemand für ein Spitzengehalt wie im Frankfurter Bankenviertel. Hier arbeiten Idealist*innen, denen ihre eigene ökonomische Situation nicht das Wichtigste ist. Und gleichzeitig verpulvert diese Gesellschaft an anderen Stellen
Unmengen an Ressourcen in Projekte, die man wirklich kritisch hinterfragen müsste. Man denke an die Milliardengräber BER oder Stuttgart 21, an den Maskendeal oder die gescheiterte Pkw-Maut. Sollten Politiker*innen da nicht so ehrlich sein und sagen: ,Wir haben hier Mist gebaut, also kürzen wir bei unseren eigenen Strukturen und Projekten‘? Aber stattdessen kürzt man bei uns. Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass Stuttgart 21 immer teurer wird. Dass da so wenig Selbstverantwortung der politischen Elite an den Tag gelegt wird, finde ich als Demokratin wirklich krass.“
Warum wird der Wert von Menschen, die diese Gesellschaft im Kern zusammenhalten, politisch so konsequent übersehen?
„Man fragt Menschen wie mich – Menschen mit viel Idealismus, Ideen und Tatkraft – tatsächlich selten, ob sie bestimmte gesellschaftliche Spitzenpositionen bekleiden wollen. Es ist krass, wie viel Potenzial diese Gesellschaft durch Diskriminierung und Ausgrenzung verliert. Wenn ich an all die Jobs denke, die ich in meinem Leben nicht bekommen habe – und bei denen ich stark vermute, dass es an meinem Trans- oder Queersein lag –, dann macht mich das einfach traurig.
Was ich konservativen Kontexten, in denen ich selbst aufgewachsen bin, immer entgegnen möchte, ist: Ihr seht so viel Potenzial nicht, weil ihr diese Bretter vor dem Kopf habt. Ihr sortiert Menschen sehr schnell in Schubladen ein und vergeudet so viel gesellschaftliche Kraft durch eure Ressentiments. Ihr könntet eine ganz andere, reichere Gesellschaft haben, wenn ihr offener und wertschätzender auf Menschen zugehen würdet, die die soziale Arbeit übernehmen.“
Tatsächlich erleben wir, dass viele Debatten rund um Gleichberechtigung oder soziale Räume sofort als ‚linksradikal‘ gelabelt und damit im Keim erstickt werden. Macht dir diese Verhärtung der Fronten Angst?
„Da möchte ich meine Kritik durchaus auch in die linke Richtung wiederholen. Das betrifft genau das, was ich eingangs zum Thema Social-Media-Verbot und der Ignoranz gegenüber gemeinnützigen, sozialwirtschaftlichen Trägern gesagt habe. Ich erinnere mich an eine Äußerung von Lars Klingbeil, dass wir in Deutschland mehr hochprofitable Technologiekonzerne bräuchten. Technologie muss nicht immer nur im rein ökonomischen Sinne hochprofitabel sein. Das Problem ist, dass auch sozial orientierte Parteien dieser kapitalistischen Ideologie stark aufsitzen – als müsse alles durchkapitalisiert sein, damit es produktiv ist.
Aber das ist nicht das Fundament unserer Gesellschaft. Das Fundament ist die unentlohnte
Care-Arbeit, das Füreinander-Dasein, ohne ständig auf den Stundenzettel zu starren. Natürlich müssen Menschen gut über die Runden kommen, und Arbeitszeiterfassung ist wichtig, aber unsere Gesellschaft beruht im Kern darauf, dass Menschen etwas tun, weil sie
für andere da sein wollen. Das muss die Politik auch anerkennen und fördern. Wenn sie nur noch den ,deutschen Elon Musk‘ sucht, vergisst sie, was Menschen hier über Jahrhunderte aufgebaut haben.
Man muss sich nur die Namen von Instituten und Vereinen anschauen, die aus der historischen Ar-beiter*innenbewegung entstanden sind und bis heute existieren. Die gibt es, weil Menschen füreinander da sein wollten. Ich wünsche mir, dass wir uns wieder mehr daran erinnern, was Menschen in schwierigen Zeiten aufgebaut haben, weil es ihnen eben nicht nur um sich selbst ging, sondern um das gemeinsame Ganze. Vielleicht hilft uns die aktuelle Krise ja sogar dabei, uns wieder auf diese historischen Vorbilder zu besinnen.“
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