Suchen
23.07.2026 • 18:23
Autorin Anne-Kathrin Heier | © Heike Bogenberger Anne-Kathrin Heier
18 Minuten
Kürzungen bei Kindern und Jugendlichen

36 Jahre queere Jugendarbeit: Warum das drohende Aus für Lambda uns alle angeht

Das Familienministerium will dem Jugendverband Lambda die Förderung streichen. Im Interview spricht Bundesgeschäftsführerin Kim Alexandra Trau über den geplanten Einschnitt und erläutert, warum progressive Jugendverbände wie Lambda politisch nicht länger als antagonistische Gegner*innen abgetan werden dürfen – sondern als das begriffen werden müssen, was sie sind: unersetzliche demokratische Lern- und Innovationsräume.

Es kam aus dem Nichts, per E-Mail und ohne jede Begründung: Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat die jahrzehntelange Förderung des Jugendnetzwerks Lambda zum Ende des Jahres aufgekündigt. Für den bundesweit aktiven LSBTIQ*-Jugendverband steht damit ab Januar die gesamte Existenz auf dem Spiel. In Zeiten, in denen queerfeindliche Angriffe massiv zunehmen und der Druck von rechts die Demokratie bedroht, wird einem zentralen Schutz- und Beratungsraum für queere Jugendliche die finanzielle Basis entzogen. Eine Entscheidung, die nicht nur die Betroffenen fassungslos macht, sondern einen Großteil der Zivilgesellschaft. Als der Vorstand und die Geschäftsführung in einem Video auf Social Media das drohende Aus verkündeten, löste das eine Welle der Solidarität aus. 
 
Aber auch Hass und Hetze ließen nicht lange auf sich warten und das macht deutlich, wie notwendig Angebote wie die von Lambda sind. Ausgerechnet in dieser angespannten Atmosphäre soll der Verband seine Türen schließen und genau die Jugendlichen allein lassen, die täglich von Einsamkeit, Diskriminierung und psychischen Belastungen betroffen sind. 
 
Die Bundesgeschäftsführerin von Lambda, Kim Alexandra Trau, befindet sich seit der Kündigung im permanenten Ausnahmezustand. Die Historikerin und Aktivistin hat die politische Arbeit von Grund auf verinnerlicht und durch jahrelanges Engagement geprägt. Sie muss nun neben dem normalen Alltag auch akutes Krisenmanagement betreiben. „Einerseits ist es erhebend, so viel positives Feedback und berührende Rückmeldungen zu bekommen“, sagt sie im Gespräch, „doch da ist eben auch die andere Seite.“
 
Wir haben mit Kim über diesen existenziellen Einschnitt gesprochen. Im Interview kritisiert sie die Absurdität von geplanten Social-Media-Verboten, die junge Queers im digitalen Raum isolieren, und prangert eine Politik an, die Milliarden in Prestigeprojekte wie Stuttgart 21 steckt, während das soziale Fundament kaputtgespart wird.
Bundesgeschäftsführerin von Lambda Kim Trau.  | © Jugendnetzwerk Lambda e.V.
© Jugendnetzwerk Lambda e.V.

Wie ist Lambda entstanden und was bedeutet es für dich, diesen Jugendverband zu leiten?

 
„Wir wurden 1990 im Rahmen der Friedlichen Revolution aus den Runden Tischen der Jugend in der DDR heraus gegründet. Unser Anfangsspirit war system- und staatskritisch. Wir wollten frei sein, für uns selbst sprechen und Dinge aktiv mitgestalten. Genau das ist ja der Kern eines Jugendverbands: Jugendpartizipation zu ermöglichen und ein Setting zu schaffen, in dem sich junge Menschen nicht dafür rechtfertigen müssen, wenn sie Führungspositionen übernehmen. Wir hatten das Glück, noch in der DDR als Jugendverband anerkannt worden zu sein. Dadurch sind wir in die staatliche Förderung der Bundesrepublik gerutscht. Diese Geschichte lässt sich an unseren Angeboten ebenso ablesen wie an unserer technologischen Entwicklung.“
 

Welche Angebote waren das und wie haben sie sich bis heute weiterentwickelt?

 
„Es begann mit Freizeitfahrten, internationalen Reisen und umfassender Beratung. Die Beratung lief damals noch per Brief ab. Leute haben Briefe an die Geschäftsstelle geschrieben: ,Hey, ich bin schwul, ich bin lesbisch, ich habe Fragen zu meinem Coming-out – wie geht das? Oder auch: Ich bin auf der Suche.‘
 
Heute, 36 Jahre später, schreibt uns niemand mehr einen Brief. Aber wir beraten weiterhin: per Chat, per Video-Call, manchmal per E-Mail, und vor allem über Peer-Beratung. Unsere Bildungsangebote sind inzwischen sehr häufig digital, gleichzeitig bieten wir weiterhin analoge Veranstaltungen an. Wir haben uns technologisch mitentwickelt – in einem Jugendverband passiert das ganz organisch.
 
Heute sind wir ein LSBTIQ*-Jugendverband, der die geschlechtliche Vielfalt voll mitnimmt. Die jungen Menschen kamen Ende der 90er und Anfang der 2000er und haben das eingefordert. Sie sagten: ,Wenn ich eine Gruppe leite oder in den Vorstand gehe, möchte ich als trans oder nicht-binäre Person offen sein können.‘ Das verändert einen Jugendverband stetig. Wir haben uns mit den Generationen mitentwickelt, und es ist schön zu sehen, dass Jugendverbände diese wichtige gesellschaftliche Funktion haben und Dinge nicht einfach wegkonservieren.“
 

Wie ist das Jugendnetzwerk Lambda organisatorisch und strukturell aufgebaut?

 
„Wir sind von Anfang an basisdemokratisch angelegt. Wenn man bei uns Einzelmitglied wird, hat man direkt ein Stimmrecht auf der Mitgliederversammlung. Auf Bundesebene gilt oft das Delegiertenprinzip – das haben wir zwar auch für Landesverbände und Mitgliedsgruppen, aber bei uns kann jedes Mitglied direkt abstimmen, kandidieren und Anträge einbringen.
 
Zudem sind wir föderal aufgebaut. Als Bundesgeschäftsführerin bin ich für die Bundesthemen und die Unterstützung der aktuell sieben Landesverbände zuständig, die wiederum in den Bundesländern agieren und landespolitische Vernetzung betreiben. Wir sind eine demokratische, föderale Struktur im stetigen Wandel, die auch trockene Themen wie eine Satzung so weiterentwickelt, dass sie den modernen Anforderungen junger Menschen gerecht wird.“
 

Lambda spricht junge queere Menschen an, die Halt und Raum suchen. Wie erlebst du die aktuelle Situation im Alltag? Mit welchen Ängsten oder Hoffnungen kommen die Jugendlichen gerade auf euch zu?

 
„In unserer Beratung sehen wir ganz deutliche Tendenzen. Bei uns melden sich vermehrt junge Menschen, die akute Suizidgedanken oder entsprechende Erfahrungen haben. Es geht um Fragen zur eigenen Identität, aber auch um selbstverletzendes Verhalten und Gewalt in der Familie. Wir nehmen wahr, dass das zunimmt. Das große Problem ist, dass diese Jugendlichen in ihrer akuten Not vor Ort oft nichts mehr finden. Wenn es einen Kahlschlag oder Abbau der sozialen Infrastruktur gibt, suchen sich die Menschen trotzdem Wege – und dann finden sie uns.
 
Seit den 90ern ist unser Peer-Gedanke stark: Junge queere Menschen beraten junge Menschen. Aber wir stellen auch fest: Das allein reicht in sehr schweren Fällen nicht. Es braucht Fachkräfte, die diese Fälle übernehmen.
Wenn ich auf die Gesamtebene schaue – auf das, was uns Mitglieder und Teilnehmende von Veranstaltungen berichten –, dann kann ich klar sagen: Die Jugendlichen spüren das gesellschaftliche Klima massiv. Sie merken, dass ihre Räume eingeschränkt werden und zur Disposition stehen. Selbst in der ,Berliner Blase‘ wurde im letzten Jahr mal eben diskutiert, die queere Jugendarbeit bei verschiedenen Trägern komplett zu schließen. Junge queere Menschen merken das. Es gibt genug Studien, die ihre Bedarfe belegen, aber das spielt keine Rolle, wenn politisch gesagt wird: ,Den Bedarf sehen wir nicht mehr, wir kürzen hier weg.‘ Das betrifft ja auch Jugendliche, die sich erst mal nur fragen, ob sie queer sind. Sie bekommen mit, dass man sie nicht ernst nimmt, wenn ihr Jugendzentrum geschlossen wird.“
 

Welche Bedeutung haben Räume für queere Jugendliche – und warum geht es bei eurer Arbeit um weit mehr als Krisenberatung?

 
„Jede queere Biografie beginnt mit einer Frage. Das war in den 60ern so, das war in den 90ern so und das ist heute so. Es fängt mit Suchbewegungen an, damit, andere Personen kennenlernen zu wollen. Queere Jugendarbeit ist nicht immer nur die große Politik, sondern schlicht das Anerkennen, dass junge Menschen Räume brauchen, um sich niedrigschwellig auszutauschen. Wenn man alles nur durch die Problembrille betrachtet, erreicht man ein bestimmtes Segment gar nicht. 
 
Die Ratsuchenden müssen wir anders abholen als eine junge Person, die einfach eine gute Zeit auf einer Freizeit verbringen will. Wenn wir der sagen würden, wie schlecht es ihr und der Gesellschaft geht, würde sie sagen: ,Nee, ich wollte eigentlich gerade Empowerment und raus aus meinem Alltag.‘ Es ist bis heute so: Junge Queers erleben es als unglaublich befreiend und können freier atmen, wenn sie in ein queeres Jugendzentrum gehen. Natürlich gibt es auch super starke, selbstbewusste Jugendliche, die ihren Weg woanders gehen. Aber das Feedback, das wir oft bekommen, lautet: ,Hier hatte ich das Gefühl, ich konnte einfach ich selbst sein.‘“
© Jugendnetzwerk Lambda e.V.
© Jugendnetzwerk Lambda e.V.

Junge Menschen möchten sich bei Lambda vernetzen und Erlebnisse teilen. Warum ist ein Social-Media-Verbot aus eurer Sicht der falsche Weg – und was steht für Jugendliche dabei auf dem Spiel?

 
„Dazu möchte ich auf zwei Ebenen antworten. Als Geschäftsführerin irritiert mich massiv, dass in den aktuellen Konzepten von Grünen oder SPD bestimmte Begriffe überhaupt nicht auftauchen: Sozialwirtschaft, Gemeinnützigkeit oder freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Wir bauen gerade unser digitales queeres Jugendzentrum auf – eine Plattform, die schon über 1000 Jugendliche testen. Und wir fragen uns: Wie wird das eigentlich von kommerziellen, eigentümerzentrierten Anbietern mit reiner Gewinnabsicht abgegrenzt? 
 
Es enttäuscht mich maßlos, dass die Politik die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte strukturell und gesellschaftlich so schlecht reflektiert. In fast allen Lebensbereichen gibt es soziale Alternativen – Genossenschaften im Wohnungsbau oder im Zeitungswesen. Aber in dieser Verbotsdebatte wird eine gemeinnützige Alternative überhaupt nicht mitgedacht. Das finde ich empörend. Wir als freier Träger wollen nicht in eine Situation geraten, in der man uns am Ende dieselben Auflagen macht wie einer profitorientierten Plattform.
 
Als Aktivistin und Queer-Expertin sehe ich dieses Social-Media-Verbot ebenfalls kritisch. Jugendliche wachsen selten in Familien auf, in denen sie die Frage nach ihrem Queersein einfach mal so ganz ungezwungen am Abendbrottisch formulieren können, ohne dass bei den Eltern das Kopfkino anspringt – sei es im Negativen oder im hyperengagierten Positiven. Es ist eben nicht Alltag, das mal eben so zu Hause in den Raum zu stellen. Deshalb braucht es einen geschützten Raum.
 
Die Schule ist leider auch kein Garant dafür. Ich habe selbst zwei Jahre an einer Schule gearbeitet. Ob Schule ein sicherer Ort ist, ist eine reine Glücksfrage: Hat man eine coole Klassengemeinschaft, engagierte Lehrkräfte, Schulsozialarbeit? Schule ist per se erst mal kein sicherer Ort für ein Coming-out, sondern darauf angewiesen, mit sichereren Orten zu kooperieren – sei es das lokale Jugendzentrum oder eine abgekoppelte AG.“
 

Bleibt noch der digitale Raum...

 
„Ganz genau. Wie absurd wäre das, wenn eine junge Person Fragen zu ihrer Identität hat, aber im Internet keine Austauschräume mehr finden darf. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommt und Regenbogenfahnen vor Schulen verbietet oder das Gendern untersagt, wird die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt. Wenn Schulsozialarbeit weggespart wird oder wir Zustände wie in den USA bekommen, wo Schulen die Kinder bei den Eltern zwangsouten müssen, wird die Lage gefährlich. Jugendlichen dann auch noch den digitalen Raum zu nehmen, ist fatal. Nach der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf Beratung. Aber bietet uns der Staat in dieser Verbotsdebatte eine datenschutzgerechte, anonyme Infrastruktur an? Nein. Die sozialen Medien füllen aktuell eine Lücke, die der Staat hinterlässt.
 
Wir sperren Kinder ja auch nicht von Gehwegen oder Fahrradwegen aus, bevor sie 14 sind. Aber im digitalen Raum sagen wir: Wenn du Rat suchst, darfst du nur noch passiv lesen? Das ist unlogisch. Wir müssen von den Kindern her denken: Wie können wir ihnen kind- und jugendschutzgerecht begegnen und ihnen Angebote machen? Sie haben ein Recht auf Antworten. Durch pauschale Verbote wird verhindert, dass sich solche sicheren digitalen Angebote überhaupt entwickeln. Eine gemeinnützige Organisation hat weder die Zeit für jahrelange Rechtsstreits, um ihre soziale Plattform von Verboten auszunehmen, noch das Geld, um Informatiker*innen für das Lösen komplexer technologischer Anforderungen, die von Bürokrat*innen formuliert wurden, anzustellen. Für gemeinnützige soziale Angebote im Netz braucht es eigene Regelungen oder Ausnahmen, damit sie das tun können, was ihr ureigenes Anliegen ist: Unterstützen, helfen, da sein – auch digital.“
 

Hier zeigt sich bereits ein Graben zwischen politischen Vorhaben und den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort. Das bringt uns zur plötzlichen Kündigung der Rahmenvereinbarung durch das Bundesfamilienministerium. Die Finanzierung von Lambda soll ab kommendem Jahr wegbrechen.

 
„Ja. Es kam ohne Vorankündigung. Ich war noch guter Dinge, weil wir in diesem Jahr unseren Sachbericht deutlich früher als sonst abgegeben hatten. Alles lag seit Wochen fehlerfrei beim Ministerium vor, der Prüfbescheid war ohne Beanstandungen da. Ich dachte, wir haben das Jahr gut gemeistert und das nächste läuft schon an. Und dann kommt diese Kündigung rein. Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen.
 
Es ist für mich als Demokratin nicht zu glauben, dass man mit einer einzigen Unterschrift einen Jugendverband, der seit über drei Jahrzehnten aus diesem Haus öffentlich gefördert wird, einfach wegstreichen kann. Es müsste vorher mindestens eine Anhörung oder eine Evaluation durch neutrale Expert*innen geben. Aber all das gab es nicht. Gleichzeitig fehlt eine objektive Kennzahl bei Finanzen, Beratungszahlen oder Teilnehmenden, die diese Entscheidung rechtfertigen würde. Natürlich hätte ich das der Hausleitung oder Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, gerne inhaltlich erklärt und mit ihr diskutiert.
 
Die Situation ist grotesk: Karin Prien hat erst vor Kurzem den ,Gemeinsamkeitspreis‘ ausgelobt für Vereine, die sich gegen die Einsamkeit junger – explizit auch queerer – Menschen einsetzen. Genau das ist unsere tägliche Arbeit. Wenn wir uns dort bewerben, steht am Ende die Ministerin mit unserem jungen Vorstand und mir auf der Bühne, überreicht uns 3.000 Euro Preisgeld und wir müssen sagen: ,Dankeschön – aber am 1. Januar findet dieses Angebot nicht mehr statt, weil Sie uns die strukturellen Mittel gestrichen haben.‘ 
Wir hoffen sehr, dass hier noch ein Umdenken und ein klärendes Gespräch möglich sind.“
 

Ihr schafft aktuell auch über die Öffentlichkeit ein Bewusstsein für eure Situation. Wie waren die Reaktionen auf den offenen Brief an Karin Prien?

 
„Überwältigend. Das ist ein Wort, das ich in meinem Sprachgebrauch selten verwende, aber hier trifft es zu. Es ist wie Wind unter den Segeln. Wir haben uns strukturiert, Forderungen formuliert und bei befreundeten Jugendverbänden im Deutschen Bundesjugendring (DBJR) sowie beim Paritätischen Gesamtverband angefragt, ob sie unseren offenen Brief mitzeichnen. 
 
Wir wollten aber nicht nur reine, performative Solidaritätsbekundungen. Wir haben uns gefragt: Wie können uns die Leute wirklich helfen? Wir haben auf unserer Webseite Lambda retten dazu aufgerufen, für uns zu spenden, Mitglied oder Fördermitglied zu werden. Innerhalb weniger Tage haben wir hunderte Mitgliedsanträge bekommen. Unser Lobbyregister ist öffentlich, man kann das einsehen. Ein Jugendverband ist kein lokaler Sportverein, in den man durch die Eltern hineingeboren wird. Wir müssen junge Menschen aktiv davon überzeugen, Mitglied zu werden. Unsere Zahlen waren daher nie extrem hoch, aber dass sie sich nun um etwa 20 Prozent gesteigert haben, zeigt, dass die Menschen uns hören. 
 
Ich bin unserem Team sehr dankbar, dass wir uns die Zeit für diese Vorarbeit genommen haben. Das nimmt die Öffentlichkeit oft gar nicht wahr. Aber auch wenn dieser Support berauschend ist: Er ersetzt das Geld aus den Fördermitteln nicht und er ändert im Moment nichts daran, dass zum 1. Januar 2027 unsere gesamte Struktur zur Disposition steht.“
© Jugendnetzwerk Lambda e.V.
© Jugendnetzwerk Lambda e.V.

Es gibt derzeit Gespräche mit dem Ministerium über alternative Fördermöglichkeiten. Was genau bedeutet das?

 
„Bisher werden wir aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes über die Jugendverbandsarbeit finanziert. Das ist eine Strukturförderung. Das bedeutet, man kann damit Mieten, Versicherungen oder den Steuerberater bezahlen – also Dinge, die eine Geschäftsstelle als Trägerin von Projekten zwingend braucht. Was das Ministerium nun in den Raum stellt, ist eine reine Projekt- oder Modellförderung. Das bedeutet aber, dass die Struktur, die dieses Projekt tragen soll, irgendwie anders finanziert werden muss.
 
Natürlich nehmen wir im Moment alles, was wir kriegen können. Aber als Geschäftsführung muss ich das auch problematisieren: Ein Jugendverband ist nicht dafür da, ein reiner Projektträger zu sein, bei dem alles andere auf Schmalspur läuft. Ein Jugendverband soll ein Partizipationsinstrument sein, und das braucht feste Ressourcen. Wir warten aktuell auf klare Signale des Ministeriums, wie diese Modellförderung genau aussehen soll. Aber meine Frage an das Haus bleibt: Warum soll Geld für eine Modellförderung da sein, aber nicht für die grundlegende Jugendverbandsarbeit? Man hätte unsere Mittel ja auch kürzen können – was ich mir nicht gewünscht hätte, aber das wäre ein Weg gewesen. Stattdessen streicht man uns komplett. Ich habe da noch sehr viele Fragen, aber ich habe auch den Auftrag, für jede Option zu kämpfen.“
 

Lambda lebt auch vom Ehrenamt. Was passiert mit den engagierten Mitarbeitenden, wenn die Planungssicherheit wegbricht?

 
„Dann müssen wir als Verband knallhart priorisieren. Wir müssen schauen: Was können Ehrenamtliche neben Studium, Ausbildung, Beruf und Familie überhaupt noch an Arbeitspaketen übernehmen? Viele lokale Vereine funktionieren wunderbar rein ehrenamtlich. Aber als Bundesverband braucht es enorm viel spezifisches Vorwissen, um effektiv zu agieren. Das Thema Wissensmanagement wird dann zentral: Wer vermittelt dieses Wissen, wenn die Hauptamtlichen fehlen?
 
Und wie ich schon beim Thema Beratung sagte: Es wäre unverantwortlich, wenn am Ende Jugendliche alleine gelassen werden, um andere Jugendliche oder Kinder in schweren Krisen zu beraten. Daher bräuchte es mindestens ein zweistufiges Ehrenamt aus erfahrenen Fachkräften, die schwere Fälle übernehmen, die für junge Ehrenamtliche nicht geeignet sind. Aber ob das real funktioniert? Man muss ehrlich sein: Je größer eine Struktur ist, desto weniger funktioniert sie zu 100 Prozent ehrenamtlich. Es braucht Menschen, die koordinieren, priorisieren und filtern. Wenn eine ehrenamtliche Person mein E-Mail-Postfach verwalten müsste, würde sie ihr Ehrenamt schnell hinschmeißen. Das kann es nicht sein. Ich blicke sehr kritisch in die Zukunft, ob wir unsere Angebote überhaupt noch so machen können wie bisher.
 
Es ist so bitter, weil wir in 36 Jahren eine enorme Expertise und einen krassen Erfahrungsschatz aufgebaut haben. Ich würde die Konservativen gerne fragen: Sollen nach eurer Logik Fehler eigentlich zwanzigmal wiederholt werden müssen, oder ist es nicht sinnvoller, aus Erfahrungen zu lernen? Eine professionelle Begleitung stellt sicher, dass wir jungen Leuten, die ein Sommercamp planen, sagen können: ,Macht das an der und der Stelle lieber so und so, da haben wir Erfahrungwerte.‘
 
Trotz allem bin ich von der Resilienz queerer Menschen überzeugt. Die gesamte queere Community beruht darauf, dass sich Gesellschaft und Staat ihr gegenüber in der Vergangenheit oft antagonistisch verhalten haben. Wenn man bedenkt, wie kurz ein freies queeres Leben in der Bundesrepublik überhaupt erst möglich ist – das musste früher alles unter widrigsten Umständen stattfinden. Ich kann den Verantwortlichen nur sagen: Ihr werdet uns damit nicht kleinkriegen, ihr werdet uns nicht wegkriegen. Aber ihr macht uns das Leben absichtlich extrem schwer; ihr macht es uns schwer, Gutes zu tun.“
 

Karin Prien betont selbst immer wieder, wie wichtig ihr die mentale Gesundheit von Jugendlichen ist. Studien zeigen eindeutig, dass queere Jugendliche ein viel höheres Risiko für Depressionen, Angst- und Essstörungen haben. Gleichzeitig nehmen queerfeindliche Angriffe massiv zu. Welches Zeichen setzt es gesellschaftlich, wenn man die Jugendlichen in dieser Situation alleinlässt? 

 
„Ich frage mich, ob die CDU der Demokratie noch vertraut. Das klingt hart, aber es braucht eine starke Zivilgesellschaft, es braucht ein Vertrauen darin, dass Gesellschaft überhaupt funktioniert, damit wir darauf ein friedliches, soziales Miteinander aufbauen können. Junge Menschen erleben diesen Abbau ja nicht isoliert; die Eltern, die Familien und die ältere Generation erleben das hautnah mit. Minderjährige, die bei uns im digitalen Jugendzentrum mitmachen oder Mitglied werden wollen, brauchen die Einverständniserklärung der Eltern. Wir bekommen regelmäßig Post von Eltern, die das voll unterstützen. Die ganze Gesellschaft bekommt also mit, dass hier mit der Heckenschere durch die soziale Landschaft gegangen und wild herumgeschnippelt wird.
 
Wer ist denn am Ende noch da, um Alarm zu schlagen oder Widerstand zu organisieren, wenn die AfD politisch durchmarschiert? Das ist das, was ich dem aktuellen Konservatismus massiv vorwerfen möchte: Seht die Zivilgesellschaft nicht nur als unbequeme Gegnerin, sondern als Ausdruck davon, wie Demokratie sich schützen kann durch innovative Ansätze. Wenn alles kaputtgespart ist, was Kritik äußert – wenn die queeren Jugendverbände weg sind, wenn die ,Omas gegen Rechts' weg sind –, dann stehen Konservative plötzlich ganz alleine einer rechtsradikalen Struktur gegenüber. Sie berauben sich ihrer eigenen Partner*innen und der Palette an innovativen Zukunftslösungen.
 
Man kann progressive oder linke Strukturen aus konservativer Sicht ja durchaus kritisch betrachten. Aber man sollte kritisch-wertschätzend darauf schauen und anerkennen, worin sie erfolgreich sind und was man von ihnen lernen kann, um produktiv miteinander zu arbeiten. Wenn man alles wegkürzt, nimmt man sich diese Wahrnehmung und blockiert eine innovative Zukunft.
 
Ein queeres Jugendzentrum macht ja nicht nur ein paar Workshops, sondern wir sind ein demokratischer Lern- und Innovationsraum. Hier werden junge Menschen zu engagierten Mitgliedern unserer Gesellschaft, die später im Leben bereit sind, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das ist etwas Ureigennütziges für alle in dieser Gesellschaft.
 
Wenn man an diese sozialen Strukturen die Axt anlegt, ist das fatal. Manche Leute regen sich darüber auf, wie viel Geld wir bekommen. Dabei sind wir für das, was wir leisten, extrem billig. Bei uns arbeitet niemand für ein Spitzengehalt wie im Frankfurter Bankenviertel. Hier arbeiten Idealist*innen, denen ihre eigene ökonomische Situation nicht das Wichtigste ist. Und gleichzeitig verpulvert diese Gesellschaft an anderen Stellen Unmengen an Ressourcen in Projekte, die man wirklich kritisch hinterfragen müsste. Man denke an die Milliardengräber BER oder Stuttgart 21, an den Maskendeal oder die gescheiterte Pkw-Maut. Sollten Politiker*innen da nicht so ehrlich sein und sagen: ,Wir haben hier Mist gebaut, also kürzen wir bei unseren eigenen Strukturen und Projekten‘? Aber stattdessen kürzt man bei uns. Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass Stuttgart 21 immer teurer wird. Dass da so wenig Selbstverantwortung der politischen Elite an den Tag gelegt wird, finde ich als Demokratin wirklich krass.“
 

Warum wird der Wert von Menschen, die diese Gesellschaft im Kern zusammenhalten, politisch so konsequent übersehen?

 
„Man fragt Menschen wie mich – Menschen mit viel Idealismus, Ideen und Tatkraft – tatsächlich selten, ob sie bestimmte gesellschaftliche Spitzenpositionen bekleiden wollen. Es ist krass, wie viel Potenzial diese Gesellschaft durch Diskriminierung und Ausgrenzung verliert. Wenn ich an all die Jobs denke, die ich in meinem Leben nicht bekommen habe – und bei denen ich stark vermute, dass es an meinem Trans- oder Queersein lag –, dann macht mich das einfach traurig. 
 
Was ich konservativen Kontexten, in denen ich selbst aufgewachsen bin, immer entgegnen möchte, ist: Ihr seht so viel Potenzial nicht, weil ihr diese Bretter vor dem Kopf habt. Ihr sortiert Menschen sehr schnell in Schubladen ein und vergeudet so viel gesellschaftliche Kraft durch eure Ressentiments. Ihr könntet eine ganz andere, reichere Gesellschaft haben, wenn ihr offener und wertschätzender auf Menschen zugehen würdet, die die soziale Arbeit übernehmen.“
 

Tatsächlich erleben wir, dass viele Debatten rund um Gleichberechtigung oder soziale Räume sofort als ‚linksradikal‘ gelabelt und damit im Keim erstickt werden. Macht dir diese Verhärtung der Fronten Angst?

 
„Da möchte ich meine Kritik durchaus auch in die linke Richtung wiederholen. Das betrifft genau das, was ich eingangs zum Thema Social-Media-Verbot und der Ignoranz gegenüber gemeinnützigen, sozialwirtschaftlichen Trägern gesagt habe. Ich erinnere mich an eine Äußerung von Lars Klingbeil, dass wir in Deutschland mehr hochprofitable Technologiekonzerne bräuchten. Technologie muss nicht immer nur im rein ökonomischen Sinne hochprofitabel sein. Das Problem ist, dass auch sozial orientierte Parteien dieser kapitalistischen Ideologie stark aufsitzen – als müsse alles durchkapitalisiert sein, damit es produktiv ist.
 
Aber das ist nicht das Fundament unserer Gesellschaft. Das Fundament ist die unentlohnte Care-Arbeit, das Füreinander-Dasein, ohne ständig auf den Stundenzettel zu starren. Natürlich müssen Menschen gut über die Runden kommen, und Arbeitszeiterfassung ist wichtig, aber unsere Gesellschaft beruht im Kern darauf, dass Menschen etwas tun, weil sie für andere da sein wollen. Das muss die Politik auch anerkennen und fördern. Wenn sie nur noch den ,deutschen Elon Musk‘ sucht, vergisst sie, was Menschen hier über Jahrhunderte aufgebaut haben.
 
Man muss sich nur die Namen von Instituten und Vereinen anschauen, die aus der historischen Ar-beiter*innenbewegung entstanden sind und bis heute existieren. Die gibt es, weil Menschen füreinander da sein wollten. Ich wünsche mir, dass wir uns wieder mehr daran erinnern, was Menschen in schwierigen Zeiten aufgebaut haben, weil es ihnen eben nicht nur um sich selbst ging, sondern um das gemeinsame Ganze. Vielleicht hilft uns die aktuelle Krise ja sogar dabei, uns wieder auf diese historischen Vorbilder zu besinnen.“

Das kannst du tun 

Du willst Lambda supporten? Dann werde aktiv, denn rein symbolische Solidarität verpufft schnell. So hilfst du ganz konkret:
 
Folgen & teilen: Folge Lambda auf Social Media. So bleibst du sprachfähig und kannst Updates direkt weiterverbreiten.
Spenden: Jeder Euro hilft – egal ob als kleiner Beitrag für die tägliche Arbeit oder als größere Summe für die neue Lambda-Stiftung.
Fördermitglied werden: Das ist der nachhaltigste Hebel. Eine Mitgliedschaft steht auch Allies offen und kostet gerade mal 24 Euro im Jahr. Keine Sorge, das ist kein Knebelvertrag wie im Fitnessstudio, sondern lässt sich easy wieder kündigen. Aber diese 24 Euro geben dem Verband dauerhaftes politisches Gewicht.
Schlagwörter
Nach Ausladung vom ZDF
Das Sprechen ermöglichen: Danger Dan und Igor Levit performen „Keine Angst“
Nach ZDF-Ausladung organisieren Danger Dan & Levit ein Ersatz-Event für ihren Song „Keine Angst“.
Femizide
Lilly von Femizide Stoppen: „Scheinbar wird das Problem immer noch nicht ernst genommen“ 
Laut BKA gab es 2023 fast täglich einen Femizid. Im Interview kritisiert Lilly die Zahlen.
Patriarchale Gewalt während der WM
Das Spiel mit der Angst: Mexikanische Frauen kämpfen für ein Leben ohne Gewalt
Wo die Politik schweigt und der Staat Betroffene im Stich lässt, ziehen Frauenorganisationen ihre eigenen Schutznetze ho...
Olympische Spiele
Wie Sport gegen trans Menschen instrumentalisiert wird
Während Deutschland Olympia feiert, zieht das IOC eine harte Linie: Keine trans Frauen mehr bei Olympia.
Reportage
Frauen im Fußballstadion: „Ich bin noch da“ – zwischen Sichtbarkeit, Grenzverletzungen und hartnäckigen Strukturen der Fankultur 
Julias Fanbiografie zeigt Sexismus, Hierarchien und Männlichkeitsinszenierungen im Fußball.
Voices Kolumne | Meinung
Whose streets? Our streets! Wie wir uns die Nacht zurückholen
Was wäre, wenn sich die Straßen einen Abend lang für FLINTA* sicher anfühlen würden? Unsere Autorin Mona hat auf einer D...