Sara Nuru unterstützt seit vielen Jahren mit ihrem Social Business nuruCoffee und dem Verein nuruWomen Frauen in Äthiopien. Aus ihrer eigenen Arbeit weiß sie, welche Folgen die aktuellen Kürzungen der Bundesregierung bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe haben können. Zum heutigen Welttag der humanitären Hilfe appelliert sie deshalb an Politik und uns alle: Gerade jetzt darf internationale Solidarität nicht kleiner werden.
Meine Großmutter ist fast 90 Jahre alt. Sie lebt gemeinsam mit einem Teil der Familie meiner Mutter im Norden Äthiopiens, in der Region Tigray. Der Krieg in Tigray vor einigen Jahren hat mir auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt, wie nah Krisen in scheinbar weit entfernten Regionen sein können. Bis heute leben meine Verwandten mit den Folgen dieses Krieges. Meine Großmutter möchte trotzdem bleiben. Sie sei in Tigray geboren und möchte dort auch sterben, sagt sie.
Besonders bewegt mich das Schicksal der Frauen. In bewaffneten Konflikten wird sexualisierte Gewalt gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, auch in Tigray. Schätzungen zufolge hat dort fast jede zweite Frau geschlechtsspezifische Gewalt erlebt. Fast 700 Millionen Frauen weltweit leben in Konfliktregionen. Die Zahl ziviler Opfer unter Frauen und Kindern in Kriegen und Konflikten hat sich in den letzten beiden Jahren vervierfacht.
Vor allem an diese Frauen denke ich heute am Welttag der humanitären Hilfe. Der Tag erinnert jedes Jahr an Menschen, die von Kriegen, Katastrophen und Vertreibung betroffen sind. Er würdigt außerdem Menschen, die unter oft lebensgefährlichen Bedingungen Hilfe leisten.
Für mich hat dieser Tag auch eine ganz persönliche Bedeutung: Der 19. August ist mein Geburtstag. Jedes Jahr ist er für mich deshalb ein Moment der Dankbarkeit – für ein weiteres gesundes Lebensjahr, aber vor allem für die Privilegien, mit denen ich aufwachsen durfte: in Deutschland geboren, in einer Demokratie groß geworden, mit Zugang zu Bildung, Sicherheit und Chancen. Für Millionen Menschen ist das nicht selbstverständlich. Während ich meinen Geburtstag mit meiner Familie feiern darf, kämpfen an vielen Orten der Welt Menschen ums Überleben.
Umso mehr beschäftigen mich die aktuellen drastischen Kürzungen vieler Länder im Bereich humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit – auch in Deutschland. Seit 2023 wurde der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) um fast 20 Prozent reduziert, die Mittel für humanitäre Hilfe gegenüber 2024 sogar halbiert.
Besonders betroffen von den Kürzungen sind Frauen und Mädchen. Wenn Hilfsprogramme wegfallen, verlieren sie oft als Erste den Zugang zu medizinischer Versorgung oder Schutz vor Gewalt. Schon heute berichten neun von zehn Frauenrechtsorganisationen im humanitären Bereich von den negativen Folgen sinkender Fördermittel. Über die Hälfte sieht sich gezwungen, Programme einzustellen oder steht vor der möglichen Schließung.
Deshalb habe ich vor einigen Monaten den offenen Brief der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam im Rahmen der Kampagne „Solidarität nicht kaputtsparen“ unterzeichnet. Der Anteil des BMZ-Etats am Bundeshaushalt ist auf dem niedrigsten Niveau seit 15 Jahren. Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe machen nur noch rund zwei Prozent des Bundeshaushalts aus. Gemeinsam mit Oxfam sowie anderen Organisationen, Künstler*innen und Aktivist*innen fordere ich, Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe nach den massiven Kürzungen der vergangenen Jahre wieder zu stärken. Weitere Kürzungen setzen in einer Zeit wachsender Krisen das völlig falsche Zeichen. Gerade jetzt müssen wir solidarisch sein.
Diese Überzeugung leitet mich jeden Tag in meiner Arbeit. Mit meinem Social Business nuruCoffee, das ich gemeinsam mit meiner Schwester Sali gegründet habe, unterstützen wir Kleinbäuer*innen in Äthiopien dabei, durch den Anbau von fair gehandeltem Kaffee ein eigenes Einkommen zu erzielen. Die Erlöse aus dem Verkauf unseres Kaffees fließen direkt in die Arbeit unseres Vereins nuruWomen. Dort sehe ich, wie viel sich verändert, wenn Frauen die Chance bekommen, ihr eigenes Potenzial zu nutzen.
Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die wirtschaftliche Stärkung von Frauen. Dafür setzen wir auf verschiedene Ansätze – von Spargruppen über unternehmerische Förderung bis hin zum Aufbau von Kleinstunternehmen. Mich hat dieser Weg von Anfang an überzeugt, weil er Frauen nicht in eine neue Abhängigkeit bringt, sondern ihnen die Möglichkeit gibt, selbst Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen. In den Spargruppen verwalten die Frauen das Geld eigenständig und entscheiden gemeinsam über die Vergabe von Krediten. Mehr als 1.000 Frauen konnten wir auf diesem Weg bereits begleiten.
Immer wieder beeindruckt mich, was daraus entsteht. Frauen eröffnen kleine Cafés oder Gewürzläden, gewinnen finanzielle Sicherheit und Selbstvertrauen. Sie investieren ihr Einkommen nicht nur in sich selbst, sondern vor allem in die Bildung ihrer Kinder, in bessere Ernährung und Gesundheitsversorgung und damit in die Zukunft ihrer Familien. Wenn Frauen wirtschaftlich gestärkt werden, profitieren oft ganze Gemeinschaften davon.
Mit der Zeit habe ich aber auch verstanden, dass wirtschaftliche Unabhängigkeit allein nicht genügt. Frauen können nur dann ihre Familien versorgen oder ein eigenes Unternehmen aufbauen, wenn sie gesund sind, Zugang zu medizinischer Versorgung haben und frei von Gewalt leben können. Deshalb unterstützen wir Frauen nicht nur auf ihrem Weg in die wirtschaftliche Selbstständigkeit, sondern fördern auch Projekte zur Müttergesundheit sowie zur Prävention und Unterstützung bei geschlechtsspezifischer Gewalt.
Der Anstoß für unser Engagement im Bereich Müttergesundheit war eine sehr persönliche Erfahrung. Meine Schwester und ich waren fast zeitgleich schwanger. Mein Kind lag bis zum Ende der Schwangerschaft in Steißlage und ich musste per Kaiserschnitt entbinden. Dabei wurde mir bewusst, wie selbstverständlich für mich eine gute medizinische Versorgung ist. Frauen in Äthiopien leben dagegen häufig viele Kilometer vom nächsten Krankenhaus entfernt. Deshalb bauen wir Wartehäuser in der Nähe von Kliniken. Dort können werdende Mütter bereits einige Wochen vor der Geburt unterkommen, damit vermeidbare Komplikationen nicht über Leben und Tod entscheiden.
In diesem Jahr haben wir außerdem gemeinsam mit einer Partnerorganisation unser erstes vom BMZ gefördertes Projekt gegen sexualisierte Gewalt gestartet. Betroffene Frauen erhalten psychosoziale und medizinische Unterstützung sowie Schutz in sogenannten Safe Houses. Gleichzeitig beziehen wir Gemeinden, Schulen, religiöse Führungskräfte und Männer gezielt in die Präventionsarbeit ein. Denn Gewalt dauerhaft zu verhindern, gelingt nur, wenn sich auch das Umfeld der Frauen verändert.
Durch meine Arbeit in Äthiopien habe ich einen ganz eigenen Blick auf Entwicklungszusammenarbeit bekommen. Nicht die Bedürftigkeit, sondern das Potenzial von Menschen steht für mich im Mittelpunkt. Ich glaube an eine Entwicklungszusammenarbeit, die Menschen befähigt, selbst Verantwortung zu übernehmen und ihre Zukunft eigenständig zu gestalten.
Mit nuruWomen tragen wir unseren Teil dazu bei. Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung, dass nachhaltige Entwicklung nur gelingt, wenn viele Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen. Organisationen wie Oxfam spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie arbeiten weltweit mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, leisten humanitäre Hilfe und setzen sich dafür ein, dass Entwicklungszusammenarbeit und internationale Solidarität politisch nicht aus dem Blick geraten. Unsere Ansätze sind unterschiedlich, aber sie ergänzen sich. Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass nachhaltige Entwicklung Zeit, Vertrauen und verlässliche Partnerschaften braucht. Genau das steht auf dem Spiel, wenn Projekte plötzlich enden und Menschen von heute auf morgen ohne Unterstützung dastehen.
Ich sehe schon heute, was Kürzungen anrichten können. Bei unseren Partnerorganisationen in Äthiopien wächst die Unsicherheit. Langfristig geplante Projekte müssen aufgegeben werden, Mitarbeitende bangen um ihre Arbeitsplätze und Menschen vor Ort verlieren die Unterstützung, auf die sie sich über Jahre verlassen konnten. Hinter jeder Budgetentscheidung stehen Menschen.
Ich wünsche mir, dass die Politik aufhört, ausgerechnet bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe zu sparen. Solidarität darf gerade dann nicht kleiner werden, wenn die Krisen größer werden.
Der Welttag der humanitären Hilfe ist für mich jedes Jahr eine Einladung, den Blick auf Menschen zu richten, deren Lebensrealität sich grundlegend von unserer unterscheidet. Vielleicht nehmen wir uns heute einen Moment Zeit, dankbar für das zu sein, was für viele von uns selbstverständlich ist – und an diejenigen zu denken, die nicht dieselben Chancen haben. Solidarität macht einen Unterschied. Wenn dieser Tag uns daran erinnert, füreinander Verantwortung zu übernehmen und Menschen nicht allein zu lassen, dann ist das für mich das schönste Geburtstagsgeschenk.