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Eine Frau in traditioneller Kleidung steht in einem unheimlichen, verlassenen Treppenhaus, eingerahmt von einem Fenster. | ©  Sadman Chowdhury | Pixels
© Sadman Chowdhury | Pixels
14.09.2026 • 18:28
© privat
Carmen Maiwald
Pari Saikia | © Reporter ohne Grenzen
Pari Saikia
Rashad Ahamad
EDITION F bei Google bevorzugen
Reportage – Menschenhandel und Zwangsprostitution in Indien

Heimkehren

Wer in die Fänge von Menschenhändlern gerät, kehrt meist nicht mehr zurück. Mariam Rani* schon. Doch wie verändert die Rückkehr ein Leben? Eine Reportage von Carmen Maiwald, Pari Saikia und Rashad Ahamad. 

*Hinweis zum Schutz der Betroffenen: Name und identifizierende Details wurden geändert. Der reale Name von Mariam Rani ist der Redaktion bekannt.

Mariam Rani* wird bei Autofahrten immer übel. Das Gerüttel, die stickige Luft, die zu schnell vorbeiziehende Landschaft, von all dem dreht sich ihr immer der Magen um. Als sie also in diesem Mini-Van sitzt, die Fußknöchel mit einem Band aneinandergeknotet und die Hände an die Kopflehne des Autositzes vor sich gebunden, ist ihr zum Erbrechen übel. An diesem Tag im Juli verlässt Mariam Rani zum ersten Mal ihre Heimat Dhaka in Bangladesch, gefesselt und verängstigt. Acht Stunden dauert die Fahrt, über die Grenze nach Indien.

Mariam Rani hat lange, braun-glänzende Haare und Augen in derselben Farbe. Sie singt gern und liebt Bollywood-Filme. Als sie vierzehn war, stieg manchmal ein junger Mann durchs Fenster in ihr Zimmer in Dhaka. Dann hörten sie gemeinsam die kitschigen Bollywood-Songs. Aber ihre Familie wollte diese Liebe nicht. Eine Schande, wenn jemand davon erfahre. Ein Junge, der nicht für sie sorgen könne, ein Taugenichts.

Mit 15 Jahren wird Mariam Rani einem 40-Jährigen versprochen. In einer Zeremonie im Wohnzimmer ihrer Mutter besiegeln die Familien ihr Schicksal. Der Mann nimmt Mariam Rani mit zu sich nach Hause. Wo sie die Wäsche waschen und den Boden schrubben muss. Wenn sie sich beschwert, schlägt er sie. Rani wird schwanger, flieht zurück zu ihrer Mutter und wird mit 16 Jahren, noch minderjährig, selbst Mutter

Ein Abend Anfang Juli 2023: Mariam ist mit Freundinnen verabredet, sie wollen in einem Park in Dhaka picknicken. Sie hat ihren fast einjährigen Sohn dabei und einige ihrer Nachbar*innen sitzen auf Decken und unterhalten sich. An jenen Abenden wird der Park zu einer Art Gemeindezentrum.
Plötzlich kommt eine Frau auf die Freundinnen zu und stellt sich als Saliya vor. Sie gibt sich offen, warmherzig, ein Mensch, dem man schnell etwas anvertraut. Als Mariam der Unbekannten ihr Herz ausschüttet und auch von der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann erzählt, verspricht sie zu helfen. Sie wolle ihr Arbeit verschaffen: bei einer Familie, für die Mariam als Haushälterin arbeiten könne, nur zwanzig Minuten zu Fuß von hier entfernt. Schon am nächsten Tag wolle sie Mariam der Familie vorstellen. 

Als Mariam Rani am nächsten Nachmittag das Haus verlässt, um, wie sie denkt, diese Familie davon zu überzeugen, dass sie eine geeignete Haushälterin ist, ist ihr Sohn krank. Ihre Mutter verspricht, sich um den Jungen zu kümmern, und Mariam läuft wieder zum Park, wo Saliya auf sie wartet. Wir müssen den Bus nehmen, erklärt Saliya. Mariam wundert sich: Sollte die Familie nicht nur zwanzig Minuten zu Fuß entfernt wohnen? Vertraue mir, antwortet Saliya. Und weil Rani verzweifelt auf der Suche nach einem Job ist, tut sie es. Als sie aus dem Bus aussteigen, dämmert es bereits. 

Weltweit lässt sich seit der Pandemie ein Anstieg der Zwangsprostitution beobachten, der durch wachsende Armut und strukturelle Ungleichheit angetrieben wird. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung nahmen die gemeldeten Fälle von Menschenhandel zwischen 2020 und 2022 um 43 Prozent zu, meist geht es dabei um sexuelle Ausbeutung. Menschenhändler profitieren nicht nur von der finanziellen Not, die durch die Pandemie entstanden ist. Sie nutzen auch die Existenzangst vieler Menschen aus, indem sie ihnen eine vermeintliche Lösung und Trost anbieten, zunächst also Vertrauen aufbauen.

Auch Mariam hat vertraut. 
An einen Mini-Van gelehnt, warten drei Männer auf die beiden Frauen. Sie sagen, dass Mariam einsteigen solle und dass sie sie nach Indien bringen werden. Doch Mariam will nicht in den Van einsteigen. Und weil sie sich wehrt, fesseln sie ihre Hände an den Beifahrersitz, binden ihre Fußknöchel zusammen und fahren los.

In der Heimat bleibt nur eine quälende Stille

Beim Verschwinden eines Menschen denkt man oft an die Leere und die Lücken, die im Leben derer entstehen, die zurückbleiben. Den leeren Platz am Tisch oder die Matratze, die nun immer frei bleibt. Aber das Verschwinden kann ein Leben vollstopfen – mit tagefüllenden Suchaktionen, mit der endlosen Aneinanderreihung nie beantworteter Anrufe, mit Ängsten und Stoßgebeten. 
Fast schreit Jannat Rani* bei einem Videoanruf im April 2026 in ihre Handykamera. Seit dem Abend, an dem ihre Tochter Mariam Rani verschwunden ist, hat die Panik ihren Körper nicht mehr verlassen. Jannat hat die gleichen langen braunen Haare wie ihre Tochter und trägt einen orangefarbenen Sari. Auf ihrem Schoß sitzt ein dreijähriger Junge, Mariams Sohn. Dann beginnt sie, zu erzählen. Wie sie mit dem kränkelnden Kind zu Hause auf ihre Tochter wartete. Wie Wut in ihr aufstieg und dann, am Abend, die Sorge, später Panik. Wie sie überall an die Türen klopfte, bei Mariams Großeltern, bei ihren Freundinnen. Nirgends eine Spur von ihr.

„Als ich begriffen habe, dass etwas passiert sein musste, bin ich fast verrückt geworden“, sagt Jannat. Dass ihre Tochter in Gefahr ist, weiß sie jetzt. Aber was ist ihr zugestoßen? Lebt Mariam überhaupt noch – oder ist sie tot? Die Familie rät ihr ab, die Polizei zu benachrichtigen. Die Leute könnten denken, dass Mariam auf die falsche Bahn geraten sei, wenn sie mitbekämen, dass die Polizei nach ihr suche.

Und dann, drei Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter, klingelt Jannats Handy. Eine unbekannte Nummer – und Mariams Stimme. Es gehe ihr gut, sie sei in Indien und wolle nun erstmal dort bleiben, um zu arbeiten und um Geld nach Hause zu schicken. „Wie kannst du mir das antun, ohne Bescheid zu geben, einfach weggehen“, antwortet Jannat Rani unter Tränen. Sie denkt zu diesem Zeitpunkt noch, ihre Tochter sei freiwillig gegangen. 

Während dieses ersten Telefonats nach ihrem Verschwinden befindet sich Mariam in Kalkutta, Indien, in einem Haus, das sie seit Tagen nicht verlassen darf. Neben ihr Saliya, ihre Entführerin, die sofort nach dem Gespräch das Handy ausschaltet und Mariam allein im Zimmer zurücklässt. In ihrem Gefängnis, so weit weg von ihrem Zuhause. In einem Land, das sie nicht kennt, dessen Sprache sie nicht spricht. 
Ein Monat vergeht, in dem Saliya regelmäßig erscheint und Mariam dazu nötigt, während ihrer Videoanrufe mit für Mariam unbekannten Personen in die Kamera zu winken. Worüber gesprochen wird, weiß Mariam nicht, sie versteht kein Hindi. Als sie fragt, wer diese Leute seien, antwortet Saliya: „Familienmitglieder, die eine Haushaltshilfe brauchen“. Und für diese Arbeit müsse Mariam jetzt mit ihr nach Neu-Delhi reisen.

Als der Zug Neu-Delhi erreicht, wartet eine Frau namens Maya am Bahnsteig. Es ist eine der Frauen, denen Mariam im Videoanruf zuwinken sollte. Saliya nimmt Maya eine große Tasche ab und erklärt Mariam, dass sie von nun an bei Maya arbeiten werde. Dann verschwindet Saliya.  
Maya nimmt Mariam mit in das Rotlichtviertel G.B. Road in Neu-Delhi. In der Tasche sei jede Menge Geld gewesen, sagt Maya. Geld, das sie für Mariam bezahlt habe. Nun müsse Mariam diese Schulden abarbeiten: nicht als Haushaltshilfe, sondern indem sie ihren Körper verkauft. 

Einige Tage vergehen und Mariam darf ein zweites Mal ihre Mutter anrufen. Sie erzählt, dass sie jetzt in einem Massagesalon arbeite. Und dass sich ihre Mutter um ihren Sohn kümmern solle, damit ihm nie etwas passiere. Es klingt, als hätte sie den Glauben verloren, jemals zurückzukehren. In diesem Moment weiß Jannat, dass ihre Tochter nicht freiwillig verschwunden ist. Man hat sie verschwinden lassen.  

„Vermisste Kinder – vor allem vermisste Mädchen – sind zurzeit ein großes Problem in Indien“, sagt Vibhuti Patel, Genderforscherin und Ökonomin in Mumbai. Der Kinderhandel nehme zu und damit Zwangs- und Sexarbeit. Beides sei eine große Herausforderung für das Land. Und man habe noch nicht mal genaue Zahlen. Statistiken würden lediglich die gemeldeten Fälle vermisster Mädchen festhalten. Laut dem Ministerium für Frauen und Kinderentwicklung waren in Indien schon vor Corona fast 1,2 Millionen Sexarbeiterinnen unter 18 Jahre alt. „Wir gehen jedoch davon aus, dass auf jeden registrierten Fall zehn weitere kommen, die nicht gemeldet werden”, sagt Patel.

Unter schweren Decken wird Mariam unsichtbar

Acht Monate nachdem sie in das Rotlichtviertel von Neu-Delhi gebracht wurde, liegt Mariam Rani unter einem Haufen schwerer Decken auf der Dachterrasse des Bordells und darf keinen Ton von sich geben. Während sie still da liegt, läuft die lokale Polizei durch die Stockwerke des Bordells unter ihr. 
Jemand hatte behauptet, hier werde ein minderjähriges Mädchen, vermutlich aus Bangladesch, zur Prostitution gezwungen. Doch noch bevor die Razzia startete, so berichtet eine beteiligte Sozialarbeiterin später, sei die Bordellchefin Maya gewarnt worden. Also versteckt sie Rani unter den schweren Decken. 
Immer wieder hatte Maya ihr eingebläut: Sollte sie jemals gefragt werden, müsse sie sagen, sie mache die Arbeit freiwillig und liebe, was sie tue. Und würde sie jemals erzählen, dass sie aus Bangladesch komme, werde sie ins Gefängnis gebracht, weil sie illegal im Land sei. Eine Lüge, die Maya ihr so geschickt eingeredet hatte, dass sie daran glaubte. Doch Mariam Rani werden diese Fragen nicht gestellt, sie wird an jenem Tag nicht gefunden. „Ich lag unter den Decken und war wie verschwunden“, sagt Mariam Rani. 

Ein Jahr nach der Razzia, im Februar 2026 sitzt Mariam in einem Wohnzimmer in Neu-Delhi und erzählt uns ihre Geschichte. Ihre Stimme klingt jung, viel jünger als sie aussieht. Sie trägt schwarzweiße Sneaker und ein T-Shirt, das eine in die Luft gestreckte Faust zeigt, die ein Mikrofon umklammert: „Vibe Check“ steht darunter. Mariam liebt immer noch Musik, aber sie singt schon lange nicht mehr. 

Nachdem die Polizei sie damals nicht entdeckt habe, schickte die indische Stiftung Manobal, die regelmäßig verschleppte Frauen und Mädchen befreit, einen Mitarbeiter in das Bordell. Der Mann gab sich als Kunde aus und fand Mariam. Nach acht Monaten im Bordell. Auch andere Minderjährige wurden dort entdeckt, woraufhin die Polizei das Haus schloss und den Bordellbesitzer ins Gefängnis brachte. Dass das Gericht den Mann schuldig sprach, ist eine Ausnahme. Denn, obwohl der Menschenhandel weltweit wächst, sinkt die Zahl der Verurteilungen in vielen Teilen der Welt. Der Großteil der Täter wird nie zur Rechenschaft gezogen. 

Die Monate nach ihrer Befreiung verbrachte Mariam in einer Notunterkunft in Neu-Delhi, um in Sicherheit auf ihre Papiere zu warten. Ohne konnte sie nicht zurückkehren in ihre Heimat Bangladesch, zu ihrer Mutter und ihrem Sohn. 
Auf ihren rechten Mittelfinger hat Mariam ein „M“ tätowiert, den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens. Der erinnert sie daran, wer sie war und wer sie geworden ist: „Die Mariam damals”, sagt Mariam Rani, während wir mit ihr in einem Wohnzimmer in Neu-Delhi sitzen, „war jung, naiv, sie hat nicht verstanden, was da mit ihr passiert. Die Mariam von heute ist stark, sie weiß, was sie tut und sie ist mutig.” 

Es ist früher Nachmittag in Neu-Delhi, ein Donnerstag Mitte Mai, ein Tag bevor Mariam in das Flugzeug steigen wird. Flug AI 237 wird sie von einer Verschwundenen zu einer Heimkehrerin machen. Rani ruft uns über das Handy einer Sozialarbeiterin an: „Seit Tagen sehe ich nur noch Flugzeuge, wenn ich in den Himmel schaue“, sagt Mariam. Schon beim Autofahren werde ihr immer übel, „Wie soll ich einen Flug überstehen?“ 

Als Mariam dann im Flieger sitzt, wird sie nervös. Sie weiß nicht, wie sie den Gurt schließen muss. Beim Start und bei der Landung sei ihr schwummrig geworden, erzählt sie. Auf dem gesamten Flug habe sie sich zusammengerissen. Aber als sie zu Hause in Dhaka ankam und ihre Mutter mit ihrem Sohn aus dem Haus gelaufen sei, habe sie die Tränen nicht mehr aufhalten können. Ihr Sohn nennt sie nun „große Schwester“. „Er hat vergessen, dass ich seine Mutter bin“, sagt Mariam.
Und dann schickt sie uns ein Bild von sich und ihrer Mutter, wie sie gemeinsam kochen, so dicht beieinander, dass kaum sichtbar ist, wo Mariam aufhört und ihre Mutter anfängt. 

Der Neuanfang währt nur kurze Zeit

Es könnte ein hoffnungsvolles Ende sein. Doch die Zukunft, auf die die Familie die letzten Monate hin hoffte: Sie begann nie. 

Es ist ein Mittwochmorgen im Juli 2026. Jannat Rani öffnet uns ihre Wohnungstür in Dhaka. Drei Plastikstühle hat sie im Halbkreis aufgestellt, für sich und uns zwei Reporter*innen – keiner der Stühle ist für Mariam.

Jannat sieht verzweifelt aus und sehr müde, sie setzt sich hin und beginnt zu erzählen. Im Hintergrund krächzen auf dem kleinen Balkon zwei namenlose Wellensittiche. Der kleine Junge, der immer wieder vom Tisch auf das Bett springt, ist Mariams Sohn. Wieder ist er hier geblieben, als seine Mutter zum zweiten Mal verschwand.

Während des Gesprächs holt Jannat Rani eine leere Eisbox aus der kleinen Kochnische. Sie hat sie ausgespült und aufbewahrt. Aus der gelben Box hatte Mariam Eis gegessen, als sie das letzte Mal in dieser Wohnung war. Das ist mehr als zwei Wochen her – seitdem hat Jannat sie nicht mehr gesehen. Zunächst sei es die glücklichste Zeit gewesen, erzählt Jannat: Endlich habe sie ihre Tochter zurückgehabt. „Als Mariam aus Indien zurückgekehrt war, hat sie die ersten Tage im Haushalt geholfen, sich um ihren Sohn gekümmert“, sagt sie. Sie habe die Familie wieder vollständig gemacht. Bis ein einfaches Smartphone erneut ein Loch in Jannats Familie riss – und Mariams Weg veränderte.

Die Frau von damals, Saliya, die Mariam über die Grenze nach Indien verschleppt, einen Monat festgehalten und anschließend an einen Bordellbesitzer in Neu-Delhi verkauft hatte, hatte über TikTok wieder Kontakt zu Mariam aufgenommen. Oder vielleicht war es sogar umgekehrt – genau weiß Jannat das nicht. Eines Tages verließ Mariam das Haus und kehrte nicht zurück. Dass sie wieder bei ihrer Entführerin Saliya ist, weiß Jannat, weil Mariam es ihr am Telefon gesagt hat und auch, dass sie nicht mehr zurückkommen will.

Während Jannat erzählt, spiegelt sich ihr Gesicht in der Scheibe einer alten Glasvitrine. Ihr verschwommenes Profil ähnelt dem ihrer Tochter zum Verwechseln. Hinter der Scheibe reihen sich Passfotos von Mariams kleinen Brüdern und ihrem Sohn. Nur Mariams Foto fehlt. Mariam will nicht in die Wohnung ihrer Mutter zurückkehren, nicht mehr mit ihrer Familie leben und auch nicht mehr mit uns über ihre Geschichte sprechen. Ihr Handy ist ausgeschaltet, auf Nachrichten reagiert sie nicht. Auch über TikTok ist sie nicht mehr erreichbar.

Von hier an ist dies nur noch die Geschichte der einen Seite. Die Seite der Zurückgelassenen. 

Mariam kann deswegen auch keine Antwort geben auf die Frage, wieso sie zurückgekehrt ist zu der Frau, über die sie noch vor ein paar Monaten sagte: „Nachdem sie mich entführt, für Wochen in diesem Zimmer festgehalten und dann verkauft hat, habe ich dieser Frau alles zugetraut. Sie hat mir Angst gemacht.“ 
Ob sie gar keine andere Wahl hatte, als zu ihr zurückzukehren? 

Eine mögliche Erklärung hat Ashiquir Rahaman, klinischer Psychologe in Dhaka, der vorwiegend mit Sexarbeiter*innen arbeitet. Nach einer Zwangsprostitution wieder ins eigene Leben zurückzufinden, könne ein langer und komplexer Prozess sein, sagt Rahaman: „Menschenhandel und Zwangsprostitution sind in unserem Land sehr stigmatisierte und tabuisierte Themen.“ Häufig würden Betroffene selbst für das Geschehene verantwortlich gemacht. Viele erlebten Ablehnung in der Familie und ihrem Umfeld. Einige reagierten darauf mit Rückzug oder Rebellion, lehnten familiäre Strukturen und gesellschaftliche Regeln ab. Und das wiederum führe zu weiterer Ausgrenzung. 

„Manchmal treiben die Unsicherheit und das Fehlen eines sicheren Ortes, an dem sie über ihre Gefühle und das Erlebte sprechen können, die Überlebenden tatsächlich zurück zu den Menschenhändlern“, sagt Rahaman. Eine Rettung allein reiche nicht: Sie bräuchten Sicherheit, Würde, soziale Unterstützung und Zugang zu traumainformierter psychologischer Betreuung. Doch an der mangele es häufig. Zugleich fehlten vielen Arbeit, ein gesicherter Lebensunterhalt und Qualifikationsmöglichkeiten. „Diese Perspektivlosigkeit kann ein Umfeld schaffen, in dem Menschenhändler erneut auf sie zukommen – und Betroffene zu ihnen zurückkehren“, sagt Rahaman.

Nach ihrer Rückkehr aus Indien, erzählt Jannat, habe sich Mariam verändert: Sie habe T-Shirts und kurze Hosen getragen, einmal sogar in der Wohnung geraucht. Jannat habe all das schockiert. Trotzdem stehe ihr Zuhause für Mariam offen, sagt sie. Sie hofft nun wieder, wie die vielen Monate zuvor, auf Mariams Rückkehr.

Die Straßen rund um Mariams altes Zuhause sind so eng, dass die wenigen Autos, die sich hindurchquetschen, ihre Seitenspiegel einklappen müssen und ihre Fahrer darauf hoffen, dass es keinen Gegenverkehr gibt. Ein kleiner Supermarkt, ein Friseurladen, ein Stand mit Tee und frittiertem Brot reihen sich aneinander. Dazwischen steht ein graues Gebäude mit pinken Fensterrahmen: Mariams alte Schule. In dieser Gegend ist sie aufgewachsen, hier kennen die Menschen ihre Geschichte – zumindest einen Teil davon. Nach Mariam fragen kann man trotzdem niemanden. Wüssten sie, dass sie wieder verschwunden ist, könnte das ihren Ruf endgültig beschädigen. 

Am 30. August postet Mariam Rani ein Video auf ihrem TikTok-Account. Sie steht am Gate eines Flughafens, über das Bild hat sie einen Song gelegt, zu einem Rap-Beat spricht eine Männerstimme: „In dem Bestreben, jeden wertzuschätzen und zu respektieren, habe ich mich letztendlich überall unter Wert verkauft. Ich gehörte nie wirklich jemandem. Überall bin ich ein Außenseiter geblieben.“ 

Hinweis der Redaktion: Was wir von hier aus tun können

Nachrichten können einen manchmal überwältigen. Angesichts von Gewalt, Ausbeutung und dem Leid anderer entsteht schnell das Gefühl, hilflos zu sein – als könne man selbst ohnehin nichts verändern. Dabei gibt es meistens etwas, das man tun kann, und wenn es noch so klein erscheint. 

Wenn du es dir leisten kannst, könntest du zum Beispiel an Manobal spenden. Manobal ist die Organisation, die Mariam* befreit und ihre Rückkehr ermöglicht hat. Vielleicht verändert eine einzelne Spende nicht die Welt. Aber deine Spende kann dazu beitragen, dass andere Menschen die Hilfe bekommen, die Mariam erhalten hat. 

Mehr Informationen und die Möglichkeit, zu helfen.  

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