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Silvi Carlsson | © Denise Leiting
© Denise Leiting
12.08.2026 • 11:37
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
18 Minuten
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Podcast „Echt & Unzensiert“

Good Girl Exit: Von der Anpassung zur Selbstbestimmung – mit Silvi Carlsson

In der 75. Folge von „Echt & Unzensiert“ ist Content Creatorin und Autorin Silvi Carlsson zu Gast. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres ersten Buches „Good Girl Exit“ spricht sie mit uns über die sogenannte Good-Girl-Prägung.

Gemeinsam gehen wir der Frage nach, warum so viele Frauen gelernt haben, sich häufig selbst zurückzustellen und es anderen recht machen zu wollen, welche Auswirkungen das auf Beziehungen, Freundschaften und das eigene Selbstwertgefühl haben kann und weshalb genau diese Muster manchmal sogar gefährlich werden.

Außerdem sprechen wir darüber, wie es gelingt, sich von dieser Prägung zu lösen, welche Rolle Wut, Scham und die eigenen Bedürfnisse dabei spielen und warum Begriffe wie „Boysober“ oder „Decenter Men“ gerade so viele Menschen beschäftigen.

Zum Schluss geht es auch um Reality-TV – ein Thema, mit dem sich Silvi seit Jahren intensiv auseinandersetzt. Wir sprechen darüber, wie Reality-Formate Geschlechterrollen sichtbar machen, was sie über unsere Gesellschaft verraten und welche Verantwortung Sender und Produktionsfirmen dabei tragen.

Die ganze Podcastfolge hörst du mit einem Klick auf das Titelbild oder weiter unten im Artikel. Natürlich findest du sie auch überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier.

Liebe Silvi, wie ist die Idee zum Buch entstanden und wie hat sie sich während des Schreibprozesses vielleicht auch verändert?

„Tatsächlich arbeite ich schon sehr lange an diesem Buch. Vor drei oder vier Jahren wollte ich ursprünglich über das Hochstapler*innen-Phänomen schreiben. Während der Recherche habe ich aber gemerkt, dass dieser Begriff letztlich oft nur ein schöner Name für Selbstzweifel ist – Selbstzweifel, die vor allem Frauen und anderen marginalisierten Gruppen vermittelt werden. Irgendwann habe ich diese Idee erweitert und mich gefragt: Woher kommt das eigentlich?

Parallel habe ich Reality-TV analysiert, mein Psychologiestudium begonnen und vieles in meinem Umfeld – und auch an mir selbst – beobachtet. Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, dass vor allem Frauen, weiblich sozialisierte Menschen und queere Personen dazu neigen, sich kleinzumachen. Wir wollen unbedingt gut sein. Und dieses Gutsein wirkt manchmal fast schon zwanghaft, weil wir Angst haben, bestraft oder ausgeschlossen zu werden.

Von dort aus haben sich immer mehr Themen ergeben: Scham, moralische Ansprüche und die Frage, warum gerade an Frauen in der Öffentlichkeit so hohe moralische Maßstäbe angelegt werden. Am Ende lief alles auf das Thema Verfügbarkeit hinaus – und damit auch auf Care-Arbeit. Warum wird vor allem von Frauen selbstverständlich erwartet, dass sie sich kümmern und diese Aufgaben übernehmen, um als gute Frauen zu gelten? Und warum haben wir diese Erwartungen selbst so stark verinnerlicht?“

Was macht ein „Good Girl“ eigentlich aus?

„Das ist tatsächlich sehr breit gefächert, weil sich die Good-Girl-Prägung in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen kann. Wenn ich vom klassischen Good Girl spreche, dann meine ich jemanden, der es allen recht machen will, sich ständig um andere kümmert, Schwierigkeiten hat, Grenzen zu setzen und sich sogar schuldig fühlt, wenn er es doch einmal tut.

Aber das geht noch viel weiter. Man kann auch eine moderne, emanzipierte Frau sein und diese Muster trotzdem verinnerlicht haben. Wenn ich zum Beispiel ständig arbeite, immer mehr leiste, funktionieren will und einen extrem hohen Perfektionsanspruch an mich habe, dann steckt dahinter oft derselbe Mechanismus.

Im Kern geht es bei der Good-Girl-Prägung darum, dass wir diesen Anspruch verinnerlicht haben, immer gut genug sein zu müssen – und deshalb permanent versuchen, perfekt zu funktionieren und für andere verfügbar zu sein.“

Du schreibst, dass diese Prägung oft schon in der Kindheit beginnt. Wenn du auf deine eigene Kindheit zurückblickst: Welche Erfahrungen haben dich besonders geprägt?

„Rückblickend ergibt vieles plötzlich Sinn. Ich denke oft: Es ist eigentlich total logisch, warum man sich in eine bestimmte Richtung entwickelt.

Bei mir war ein großes Thema, dass ich das Gefühl hatte, nicht wütend sein zu dürfen. Ich war schon als Kind sehr direkt, habe offen gesagt, was ich denke und fühle, und bin damit oft angeeckt. Ich hatte außerdem unglaublich viel Energie – auch das wurde nicht immer positiv aufgenommen.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, welches Verhalten belohnt wird. Im Kindergarten war ich zum Beispiel immer die Hilfsbereite, habe mich um die Jüngeren gekümmert. Dafür bekam ich Anerkennung. Alles, was als zu laut, zu wild oder zu euphorisch galt, wurde eher gedämpft. So lernt man schon früh, welche Seiten von einem erwünscht sind – und welche besser nicht.“

Wie hat sich diese Good-Girl-Prägung später in deinem Erwachsenenleben bemerkbar gemacht?

„Eigentlich hat sich diese Prägung durch alle meine Beziehungen gezogen. Bei mir kam außerdem dazu, dass ich neurodivergent bin. Dadurch hatte ich ohnehin oft das Gefühl, nicht in die gesellschaftliche Norm zu passen. Ich habe früh gelernt, mich anzupassen, damit ich nicht anecke oder missverstanden werde.

Deshalb war ich häufig die Person, die immer für alle da war, sich um alle gekümmert und versucht hat, alles zu geben. Auf Dauer konnte ich diesem Anspruch aber gar nicht gerecht werden.

Besonders beim Dating ist mir dieses Muster aufgefallen – unabhängig davon, ob ich Männer oder Frauen gedatet habe. Ich bin immer wieder in die Rolle der Therapeutin gerutscht. Tatsächlich war das jahrelang sogar mein Spitzname im Freundeskreis. Ich dachte, das sei einfach meine Stärke. Wenn ich mich um alle kümmere und ihre Probleme löse, werde ich akzeptiert und gehöre dazu.“

Wann kann eine Good-Girl-Prägung gefährlich werden?

„Zunächst ist mir wichtig zu sagen, dass diese Prägung auch eine wichtige Funktion hat. Sie entsteht nicht ohne Grund. Frauen erleben reale Gefahren und lernen deshalb oft schon früh, sich anzupassen, Konflikte zu vermeiden und möglichst nicht anzuecken. Das kann in bestimmten Situationen tatsächlich schützen.

Gefährlich wird es aber, wenn dieses Muster zum Dauerzustand wird. Wenn ich mich ständig zurückstelle und meine eigenen Bedürfnisse ignoriere, verliere ich irgendwann den Kontakt zu mir selbst. Man fühlt sich einsam, weil niemand das echte Ich kennt – schließlich trägt man permanent eine Art Maske, um akzeptiert zu werden.

Hinzu kommt, dass man oft Menschen anzieht, die genau dieses Verhalten ausnutzen oder selbstverständlich davon ausgehen, dass man sich kümmert und zurücknimmt. So verstärken sich diese Muster gegenseitig.

Und die Auswirkungen betreffen nicht nur einen selbst. Häufig übertragen wir diese Erwartungen auch auf andere Frauen. Wenn ich glaube, ich müsse mich immer zurücknehmen, fällt es mir vielleicht schwer, andere Frauen zu akzeptieren, die laut sind, Raum einnehmen oder klare Grenzen setzen. Dadurch stabilisieren wir unbewusst genau die patriarchalen Strukturen, unter denen wir selbst leiden.“

In deinem Buch nennst du die Musikerin Ikkimel als prominentes Beispiel dafür.

„Ja, Ikkimel macht einfach das, worauf sie Lust hat – und genau das irritiert viele Menschen.

Interessant ist, wie schnell sich die Erwartungen an Ikkimel verändert haben. Erst wurde sie kritisiert, dann als feministische Ikone gefeiert – und plötzlich entstand der Anspruch, dass sie als feministische Figur jetzt auch alles moralisch komplett richtig machen muss. Dieser Anspruch wird vor allem Frauen in der Öffentlichkeit immer wieder auferlegt.“

Würdest du sagen, Frauen müssen generell viel mehr zusammenhalten?

„Ja, grundsätzlich auf jeden Fall. Aber nur zu sagen: ‚Frauen müssen zusammenhalten‘, bringt uns nicht wirklich weiter. Wir müssen auch kritisch miteinander sprechen dürfen.

Wichtig ist dabei, sich zu fragen, ob wir dieselbe Kritik auch an Männer richten oder ob wir vor allem Frauen kritisieren. Frauen stehen oft stärker unter Beobachtung und werden härter bewertet – das ist schon so. Gleichzeitig dürfen wir Kritik nicht sofort als Angriff verstehen. Genau darin liegt das Spannungsfeld. Deshalb finde ich: Ja, wir müssen solidarischer miteinander sein, aber wir müssen auch lernen, offen und ehrlich miteinander umzugehen.“

Wann ist dir denn zum ersten Mal bewusst geworden, wie stark dich die Good-Girl-Prägung beeinflusst? Gab es einen Schlüsselmoment?

„Es gab mehrere Momente, aber insgesamt ist es eher ein fortlaufender Prozess. Es ist eben eine Prägung – nichts, was man einfach ablegt und dann ist es verschwunden. Sie steckt in einem drin und ich versuche bis heute, mich immer wieder damit zu konfrontieren und mir diese Muster bewusst zu machen.

Der größte Wendepunkt war für mich eine sehr ungesunde Beziehung vor etwa zehn Jahren. Da bin ich in einer extremen Dynamik gelandet, in der ich mich selbst sehr zurückgestellt habe und irgendwann sogar Angststörungen entwickelt habe. Das war dieses klassische Good-Girl-Muster und ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in so eine Position komme. Ich hatte von mir selbst immer ein ganz anderes Bild.

Erst im Nachhinein habe ich verstanden, wie viele Selbstzweifel ich entwickelt hatte und wie sehr diese Verhaltensmuster auch meine späteren Beziehungen geprägt haben – wenn auch in abgeschwächter Form. Mir wurde klar, dass ich durch diese Muster selbst dazu beigetragen habe, Beziehungen zu führen, in denen ich gar nicht wirklich ich selbst sein konnte.“

Wie hat es sich angefühlt, zu erkennen, dass du dir über viele Jahre selbst nicht wirklich treu warst?

„Da war auf jeden Fall Trauer. Ich glaube, wenn man merkt, dass man Teile von sich selbst über Jahre begraben hat – vielleicht auch begraben musste –, dann darf einen das auch traurig machen.

Gleichzeitig versuche ich, das nicht zu verurteilen. In dieser Beziehung war auch Gewalt im Spiel und vielleicht war es damals teilweise notwendig, dass ich mich so verhalten habe. Wie gesagt: Diese Muster sind ja nicht einfach sinnlos, sondern haben auch eine Schutzfunktion. Es war ein Überlebensmechanismus und das darf man auch anerkennen.

Trotzdem ist diese Prägung langfristig hinderlich – für einen selbst, für Beziehungen und auch für unsere Gesellschaft. Wenn wir uns ständig zurücknehmen, uns anpassen und nicht unsere Stimme erheben, dann hindert uns das auch daran, füreinander einzustehen und Dinge zu verändern.“

Was waren deine ersten Schritte, um dich von der „Good Girl“-Prägung zu lösen?

„Der erste Schritt ist tatsächlich, sich die Trauer darüber zu erlauben, wenn man erkennt, wie sehr einen diese Prägung beeinflusst hat. Genauso wichtig ist aber auch, die eigene Wut anzuerkennen und der „wütenden Tochter“ Raum zu geben.

Ich glaube, es gibt ganz viele wütende Töchter oder Kinder da draußen, die ihre Wut über Jahre heruntergeschluckt haben. Dabei ist Wut erst einmal eine gesunde Emotion. Problematisch ist nicht die Wut selbst, sondern wie wir mit ihr umgehen. Deshalb glaube ich, dass wir uns diese Wut zurückerobern müssen.

Es gibt ja auch Überlegungen, dass unterdrückte Wut Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann, indem sie zum Beispiel Autoimmunerkrankungen fördert. Wissenschaftlich ist das nicht eindeutig belegt, aber der Gedanke liegt nahe. Für mich war deshalb wichtig zu lernen, Wut nicht mehr sofort zu unterdrücken, sondern sie wahrzunehmen und einen guten Umgang mit ihr zu finden.

Ich glaube, deshalb berührt das Thema Female Rage gerade auch so viele Menschen. Wenn ich sehe, wie Frauen in Filmen ihrer Wut Raum geben, löst das in mir ein richtig befreiendes Gefühl aus. Ich glaube, viele kennen dieses Gefühl.“

Ich kann mir vorstellen, dass es vielen schwerfällt, für sich selbst einzustehen, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse gar nicht richtig kennen. Wie findet man sie heraus? Was hat dir dabei geholfen?

„Ich glaube, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen, ist ein Prozess. Mein Buch ist bewusst kein klassischer Ratgeber mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung. Mir geht es vielmehr darum zu verstehen, warum es überhaupt so schwerfällt, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Die Logik hinter der Good-Girl-Prägung ist ja: Ich passe mich an, um mich zu schützen. Aus Angst vor Bestrafung, Ablehnung oder davor, Beziehungen zu verlieren. Aber eigentlich ist ja genau das Gegenteil der Fall. Langfristig bin ich viel weniger geschützt, wenn ich mich nicht authentisch zeigen kann.

Natürlich kann man nicht überall völlig authentisch sein. Es gibt Situationen, etwa in starken Hierarchien oder Machtverhältnissen, in denen das schwierig oder sogar gefährlich sein kann. Aber diese Vorsicht übertragen wir oft auch auf Beziehungen, in denen sie gar nicht nötig wäre.

Dazu kommt, dass diese Prägungen historisch gewachsen sind und über Generationen weitergegeben wurden. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frauen nicht wählen oder einer Lohnarbeit nachgehen durften. Wir unterschätzen oft, wie jung diese gesellschaftlichen Veränderungen eigentlich sind und wie tief die alten Muster noch in uns stecken.

Ich glaube, wenn man versteht, dass genau diese Muster uns häufig daran hindern, wirklich glücklich zu sein, fällt es leichter, Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu finden. Denn eigentlich wissen wir oft, was wir brauchen – wir haben nur gelernt, es aus Angst zu verdrängen.“

Ein wichtiger Hebel für dich war auch, dich wieder mit den Dingen zu verbinden, die dir als Kind Freude bereitet haben, oder?

„Ja, das gehört zum Konzept ‚Decenter Men‘, dem ich im Buch mehrere Kapitel gewidmet habe. Bei ‚Decenter Men‘ geht es darum, Männer – oder besser gesagt Männlichkeit – zu dezentrieren. Davon profitieren übrigens nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Wir alle haben gelernt, die Welt durch eine sehr männlich geprägte Linse zu betrachten. Viele kennen bestimmt den Begriff Male Gaze. Dieser Blick prägt uns durch Filme, Serien, Medien, aber auch durch unsere Bezugspersonen. Wir verinnerlichen ihn und schauen dadurch auf Frauen, Männer und letztlich auf die ganze Welt.

Ein wichtiger Schritt von ‚Decenter Men‘ ist deshalb, Männer von diesem Podest zu holen und sich zu fragen: Was hat mir eigentlich als Kind Freude gemacht? Als Kind ist unsere Sozialisation nämlich noch nicht so stark ausgeprägt und wir handeln viel stärker nach unseren eigenen Bedürfnissen.

Ich glaube deshalb gar nicht, dass wir etwas völlig Neues lernen müssen. Eigentlich müssen wir nur wiederentdecken, was wir früher schon gerne gemacht haben. Ich habe zum Beispiel als Kind total gerne zu Musik getanzt. Nach der Schule habe ich mit meinen Freundinnen immer die Rollläden runtergelassen und zu den No Angels getanzt. (lacht) Oder ich habe stundenlang Pokémon gespielt und Mangas gezeichnet.

Solche Dinge holen mich bis heute wieder ein Stück näher zu mir selbst, weil sie nicht von Erwartungen anderer geprägt sind, sondern einfach Freude gemacht haben. Und neben all der Wut, über die wir gesprochen haben, ist genau diese Freude genauso wichtig.“

Nach vielen schlechten Dating-Erfahrungen mit Männern hast du irgendwann beschlossen: „Ich date keine Männer mehr.“ Was hat dieser Entzug bei dir verändert?

„Ehrlich gesagt hat diese Entscheidung mein komplettes Leben verändert. Das muss nicht für jede Person so sein, aber für mich war es der absolute Gamechanger.

Mir war vorher gar nicht bewusst, wie viel Raum Männer in meinem Leben eingenommen haben. Ich hielt mich immer für eine emanzipierte Frau – und das war ich auch. Trotzdem haben sich unglaublich viele meiner Gedanken um Männer gedreht.

Wenn ich auf meine Zwanziger zurückblicke, habe ich wahnsinnig viel Zeit damit verbracht, Männer verstehen zu wollen. Mit Freundinnen haben wir ständig über Dates oder Beziehungen gesprochen. Ich würde sagen, 80 Prozent unserer Gespräche drehten sich darum, Probleme zu lösen, die Männer verursacht hatten.

Im Grunde haben wir unter Freundinnen ganz viel Beziehungsarbeit geleistet, die eigentlich in den Beziehungen selbst hätte stattfinden müssen. Ich glaube, das ist ein Muster, das viele kennen.

Mir wurde irgendwann klar, wie viel Zeit und Energie wir gemeinsam in Probleme investiert haben, die weder meine noch die Verantwortung meiner Freundinnen waren.“

Ich habe oft den Eindruck, dass Frauen immer wieder in diese Rolle rutschen, Männer zu verstehen, zu begleiten und ihnen dabei zu helfen, bessere Menschen zu werden. Selbst bei Panels zu toxischer Männlichkeit sitzen häufig vor allem Frauen im Publikum. Siehst du es überhaupt noch ein, Männer an die Hand zu nehmen?

„Nein, gar nicht. Ich betone das auch immer wieder. Ich war letztens auch auf einem Event, bei dem ich einen Talk auf der Bühne hatte. Am Ende konnten die Menschen im Publikum Fragen stellen – es waren fast ausschließlich Frauen vor Ort.

Wirklich jede einzelne Frage drehte sich darum, wie wir Männer zu besseren Menschen machen können. Irgendwann hatte ich noch das Mikrofon in der Hand und meinte: ‚Leute, können wir kurz innehalten und uns anschauen, was hier gerade passiert? Wir haben die ganze Zeit darüber gesprochen, wie wir Männer verändern können. Mal wieder haben wir die Verantwortung übernommen und die Care-Arbeit gemacht.‘

Und genau das ist auch ein Teil der Good-Girl-Prägung: Dass wir automatisch denken, wir seien dafür verantwortlich, dass Männer sich entwickeln und verändern. Aber das stimmt nicht. Das liegt nicht in unserer Verantwortung, sondern in ihrer.

Ich glaube, das anzunehmen, ist schwer, weil man sich dadurch vielleicht machtlos fühlt. Man denkt: Wenn ich nichts tue, habe ich keinen Einfluss. Aber ich glaube, der größte Einfluss, den wir haben, ist tatsächlich, uns zu entziehen.

Denn wenn Menschen Konsequenzen spüren – wie zum Beispiel bei der sogenannten Male Loneliness Epidemic –, dann ist das keine Bestrafung durch Frauen. Es ist eine logische Konsequenz. Wir übernehmen nur nicht länger die Verantwortung für etwas, das wir selbst nicht verursacht haben.

Und solange wir diese Verantwortung immer wieder übernehmen, kommen Männer auch nicht aus dieser Passivität heraus.“

Dass ein kollektiver Entzug etwas bewirken kann, zeigt auch ein Beispiel aus Island, das du in deinem Buch ausführlich beschreibst.

„Genau. Viele kennen vielleicht die Doku ‚Ein Tag ohne Frauen‘, die ich sehr empfehlen kann. Darin geht es um den Frauenstreik in Island 1975.

Die Frauen haben sich über Monate organisiert und entschieden: An einem bestimmten Tag legen wir unsere gesamte Arbeit nieder. Und dazu gehörte nicht nur die Lohnarbeit, sondern auch die Care-Arbeit – also all die unbezahlte Arbeit, die sonst häufig von Frauen übernommen wird.

Sie haben es tatsächlich geschafft, sich so gut zu organisieren, dass ein großer Teil der Frauen mitgemacht hat. Das war natürlich auch möglich, weil Island ein kleineres Land ist und es viele enge Verbindungen gab. Außerdem konnten sie damals über einen Radiosender sehr viele Menschen erreichen.

Ich finde spannend, dass wir heute durch Social Media zwar unglaublich viele Möglichkeiten haben, uns zu vernetzen, aber gleichzeitig auch so viele verschiedene Kommunikationsräume existieren, dass es schwieriger geworden ist, wirklich alle zu erreichen.

Damals haben sie es geschafft, eine gemeinsame Bewegung aufzubauen – trotz unterschiedlicher politischer Hintergründe. Es waren linke, mittige und auch konservativere Frauen dabei. Und trotzdem haben sie sich auf dieses gemeinsame Ziel verständigt.

Der Effekt war enorm: Das Land ist an diesem Tag tatsächlich ins Stocken geraten. Viele Männer mussten plötzlich die Care-Arbeit übernehmen, Kinder betreuen oder Essen organisieren. Es gibt zum Beispiel die Geschichte, dass Hotdogs überall ausverkauft waren, weil viele Männer ihren Kindern schnell etwas zu essen besorgen mussten.“

Und letztlich hatte dieser Streik auch politische Auswirkungen, oder?

„Ja, auf jeden Fall. Danach wurden politische Veränderungen angestoßen und Gesetze im Bereich Gleichstellung und Care-Arbeit weiterentwickelt.

Island steht bis heute sehr weit oben, wenn es um Gleichberechtigung geht. Wie gesagt: Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass es ein kleineres Land ist und bestimmte gesellschaftliche Veränderungen leichter umzusetzen sind. Aber ich finde dieses Beispiel trotzdem unglaublich wichtig, weil es zeigt, welche Kraft ein Entzug haben kann.“

Lass uns noch über ein Thema sprechen, das du vorhin schon angesprochen hast: Scham. Welche Rolle spielt Scham bei der Good-Girl-Prägung?

Scham ist eigentlich das zentrale Werkzeug, das diese Prägung aufrechterhält. Natürlich spielt auch Angst eine Rolle, aber Scham ist so etwas wie ein Kontrollinstrument des Patriarchats – und zwar nicht nur für Frauen, sondern für uns alle.

Wir wachsen mit bestimmten Rollenbildern und Erwartungen auf, die wir irgendwann verinnerlichen und oft auch auf andere übertragen. Scham sorgt dafür, dass wir uns an diese Erwartungen anpassen. Eigentlich ist Scham ein Bindungsgefühl. Sie fühlt sich unangenehm an, weil wir Angst haben, etwas falsch gemacht zu haben, ausgeschlossen zu werden oder nicht mehr dazuzugehören.

Besonders problematisch wird es bei Scham, die sich auf unsere Identität richtet – also auf Dinge, die wir nicht einfach verändern können. Das kann zum Beispiel den eigenen Körper betreffen, aber auch alles, wodurch wir aus gesellschaftlichen Normen herausfallen. Und ich glaube, das kennen wir alle, mal mehr und mal weniger.

Wenn Menschen sich für etwas schämen, das zu ihrer Identität gehört, kann das sehr zerstörerisch werden. Entweder richtet sich diese Scham gegen einen selbst – in Form von Selbsthass – oder gegen andere.

Das sehen wir auch in der Forschung: Scham kann destruktive Verhaltensmuster begünstigen. Und wenn ich mir anschaue, wie wir heute miteinander umgehen, habe ich oft das Gefühl, dass Scham hinter vielem steckt.“

Vor allem vermeintlich feminine Eigenschaften werden oft mit Scham belegt. Das hat also auch viel mit Frauenfeindlichkeit zu tun, oder?

„Ja, total. In unserer Gesellschaft gilt alles, was als feminin gelesen wird, oft als weniger wert oder als schwach. Genau dadurch entsteht diese Abwertung.

Frauen werden häufig so sozialisiert, dass sie sanft, empathisch, verständnisvoll und fürsorglich sein sollen. Dahinter steckt die Erwartung, dass sie vor allem für andere da sind.

Männer wiederum werden oft genau gegenteilig sozialisiert. Sie sollen stark sein – und vor allem nicht feminin. Im Kern lautet die Botschaft also: ‚Sei bloß nicht weiblich, weil sonst bist du weniger wert.‘

Wenn ich mit dieser Vorstellung aufwachse und lerne, mich für alles Weibliche zu schämen, dann entsteht daraus leicht auch eine Abwertung von Weiblichkeit. Selbst wenn ich Frauen liebe oder respektiere, bleibt diese Scham oft unbewusst bestehen. Und genau das macht patriarchale Strukturen so stabil: Wir tragen diese Vorstellungen weiter und reproduzieren sie gegenseitig.“

Was möchtest du mit „Good Girl Exit“ bei den Leser*innen auslösen – und warum ist das Thema gerade jetzt so relevant?

„Ich glaube ehrlich gesagt, dass uns ziemlich unberechenbare Zeiten bevorstehen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir zusammenhalten und echte Verbindungen eingehen können.

Aber genau diese Verbindungen werden oft durch bestimmte Muster erschwert: durch die Good-Girl-Prägung, dadurch, dass wir gelernt haben, unseren Fokus immer auf andere zu richten, Männer ins Zentrum zu stellen oder uns selbst zurückzunehmen. Und wenn wir diese Muster verinnerlicht haben, können wir sie manchmal auch unbewusst auf andere übertragen.

Mein Wunsch wäre deshalb, dass Menschen mein Buch lesen und sich danach vor allem selbstermächtigt fühlen. Dass sie sich besser verstehen und nicht mit noch mehr Scham aus der Lektüre gehen.

Es geht nicht darum, sich dafür zu verurteilen, dass man diese Muster in sich trägt – sie hatten schließlich einmal eine wichtige Funktion. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, wie viel sich verändern kann, wenn man beginnt, diese Muster zu hinterfragen und vielleicht auch loszulassen.

Und dieser Entzug – dieses Ende von weiblicher Verfügbarkeit – bedeutet nicht, dass ich danach für nichts mehr verfügbar bin. Es bedeutet vielmehr, dass ich mich für bestimmte Dinge nicht mehr ständig verfügbar mache, damit wieder Kapazitäten für andere Dinge entstehen: für Freude, für echte Verbindungen und vielleicht auch dafür, gemeinsam gesellschaftlich etwas zu bewegen und diese Zeiten besser zu überstehen.“

Du willst mehr über das Thema erfahren?

Noch mehr Einblicke gibt Silvi Carlsson in Folge 75 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Ab Minute 44:55 spricht sie beispielsweise darüber, wie Reality-Formate Geschlechterrollen sichtbar machen, was sie über unsere Gesellschaft verraten und welche Verantwortung Sender und Produktionsfirmen dabei tragen. Reinhören lohnt sich!

Neue Folgen von „Echt & Unzensiert“ gibt es alle zwei Wochen immer freitags auf editionf.com oder bei Spotify, Apple Podcasts & Co!

Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!

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