In der 76. Folge von „Echt & Unzensiert“ ist Marie Franz zu Gast. Mit 17 Jahren lernte sie den über 40 Jahre älteren Musiker Konstantin Wecker kennen, den sie seit ihrer Kindheit verehrt hatte. Was für sie damals wie die Erfüllung eines Traums begann, wurde zu einer Erfahrung, die sie erst viele Jahre später als Machtmissbrauch einordnen konnte und die tiefe Wunden hinterlassen hat.
In ihrem Buch „Auserwählt“ erzählt Marie Franz ihre Geschichte und setzt sich mit der Frage auseinander, was passiert, wenn erwachsene Menschen ihre Macht und ihren Einfluss gegenüber Minderjährigen ausnutzen.
Im Podcast Echt & Unzensiert sprechen wir darüber, wie Machtmissbrauch funktioniert, warum die Schuld oft bei den Opfern selbst gesucht wird und warum sich auch rechtlich dringend etwas ändern muss. Denn obwohl Marie minderjährig war, konnte das, was ihr passiert ist, in Deutschland strafrechtlich nicht verfolgt werden.
Und damit sind wir bei Fragen, die weit über Maries Geschichte hinausgehen: Warum fällt es uns als Gesellschaft immer noch so schwer, Machtmissbrauch zu erkennen? Warum werden solche Dynamiken so oft verharmlost? Und was muss sich ändern, damit junge Menschen besser geschützt werden?
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Auszug aus dem Gespräch liest du hier:
„Richtig, ich war sehr jung, als ich angefangen habe, ihn zu hören. Ich war zehn. Tatsächlich hat mir ausgerechnet mein Papa seine Musik nähergebracht. Er hat mir damals eine CD geliehen und sie mir als eine Art Kulturgut mit den Worten gegeben: ‚Das ist gute Musik, hör dir das mal an.‘
Ich glaube, er hat damals nicht damit gerechnet, dass ich sie nicht nur einmal hören würde, sondern in den nächsten Jahren fast ausschließlich. Ich war sofort gecatcht, vor allem von dem Lyrischen, Poetischen und von der Emotionalität. Das hat etwas in mir ausgelöst, dass ich so bis dahin nicht kannte.“
„Ja. Für mich hatte er eigentlich von Anfang an etwas Übermenschliches, weil ich seine Musik als etwas empfunden habe, das nicht von dieser Welt ist.
Als ich zwölf war, war ich dann das erste Mal auf einem seiner Konzerte. Ich saß ziemlich weit vorne und weiß noch, wie ich dachte: ‚Ach krass, der ist schon so alt?‘ Denn die CD, die ich von ihm kannte, war zu dem Zeitpunkt schon Jahrzehnte alt. Durch das Cover hatte ich ihn irgendwie als jüngeren Musiker abgespeichert. Dabei war er damals schon in seinen 50ern.
Danach bin ich vielleicht alle ein, zwei Jahre mal auf ein Konzert von ihm gegangen. Ich war also in keinster Weise ein Groupie, das ihm überall hinterhergereist wäre oder vor seinem Hotel gezeltet hätte. Das betone ich, weil viele Menschen dieses Bild im Kopf haben, wenn sie die Geschichten von Frauen hören – ich bin ja auch nicht die einzige Betroffene. Als wären wir alle völlig obsessiv gewesen und hätten versucht, ihn um jeden Preis zu verführen. Das stimmt nicht.
Weil die Musik so krasse Gefühle in mir ausgelöst hat, hatte ich schon dieses Gefühl von: ‚Okay, das ist Liebe.‘ Oder zumindest das, was ich als Teenagerin für Liebe gehalten habe. Diese Liebe galt aber der Musik und dem Musiker – nicht ihm als Menschen. Und da kommt wieder dieses Göttliche ins Spiel: Für mich war jemand, der so etwas erschaffen konnte, einfach übermenschlich.
Dass hinter dieser Musik natürlich auch ein Mensch mit Schwächen steht und dass man zwischen Künstler und Werk unterscheiden muss – das war mir damals noch nicht klar.“
„Ich war mit meinem damaligen Freund auf einem seiner Konzerte. Danach stellte ich mich wie eigentlich jedes Mal am Autogrammtisch an. Insgesamt war ich in meiner Jugend vielleicht viermal bei seinen Konzerten und wollte natürlich jedes Mal noch ein Autogramm von meinem Star.
Nach dem Autogramm hat er mich zur Seite genommen und ziemlich schnell gefragt: ‚Wollen wir nicht noch etwas trinken gehen?‘ Für mich war das völlig surreal. Ich dachte: ‚Krass, er hat irgendwie Interesse daran, sich mit mir auszutauschen.‘ Für mich war das einfach eine Gesprächseinladung. Alles andere war in diesem Moment völlig undenkbar.
Ich musste die Einladung dann aber ausschlagen, weil ich aus einem kleinen Dorf kam, in dem nachts kein Bus mehr fuhr. Ich wäre also nicht mehr nach Hause gekommen.
Anstatt es dabei zu belassen, steckte er mir einen Zettel zu. Darauf standen eine Zimmernummer und ein Hotel. Er meinte: ‚Dann treffen wir uns eben morgen früh um neun Uhr.‘ Ich bin nach Hause gefahren und stand ab diesem Zeitpunkt eigentlich völlig neben mir.“
„Meine Mutter hat damals sehr naiv gehandelt. Aber ich will ihr da rückblickend auch verständnisvoll begegnen. Denn das Ganze war der Zeit geschuldet, in der wir gelebt haben. Über solche Dinge wurde früher einfach viel weniger gesprochen und reflektiert.
Meine Mutter hat den Gedanken, dass er vielleicht mehr von mir wollen könnte, zwar einmal laut ausgesprochen, aber ihn dann auch schnell wieder zur Seite geschoben. Für sie stand im Vordergrund, dass sie mir nicht im Weg stehen wollte. Für mich war das schließlich die einmalige Gelegenheit, meinen großen Star einmal persönlich zu treffen. Deshalb hat sie sogar zugelassen, dass ich dafür die Schule schwänze.
Ich glaube, sie hat einfach gedacht: ‚Das wird schon alles gutgehen.‘ Und diese Freude, die ich in dem Moment empfunden habe, hat sich auch auf sie übertragen. Sie hat sich einfach mit mir über diese besondere Chance gefreut.“
„Er hatte offenbar fest damit gerechnet, dass ich komme – wir hatten ja keine Handynummern ausgetauscht, und ich musste extra mit dem Zug aus meiner Heimatstadt dorthin fahren. Er kam mir schon im Foyer entgegen. Wahrscheinlich wollte er vermeiden, dass ich an der Rezeption fragen muss, wie ich zu seinem Zimmer komme – denn das wäre schon ziemlich seltsam gewesen, wenn dort eine Teenagerin nach einem Zimmer fragt.
Ich sah damals auch eher jünger aus als älter. Wenn ich heute Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, tut mir das manchmal richtig weh. Ich war wirklich noch ein Kind.
Er sagte dann: ‚Okay, lass uns einen Kaffee trinken.‘ Nach nur etwa zehn Minuten kam dann direkt schon die Einladung: ‚Lass uns auf mein Zimmer gehen.‘ Und weil ich ihn so auf ein Podest gestellt hatte, habe ich das überhaupt nicht hinterfragt. Ich bin ihm einfach ganz ehrfürchtig gefolgt. Ich habe mich in diesem Moment überhaupt nicht gefragt: ‚Ist das jetzt eine gute Idee?‘
Aus heutiger Sicht war das natürlich unglaublich naiv. Aber auch das kann ich nur mit meiner heutigen Lebenserfahrung so beurteilen. Ich werde mittlerweile teilweise sehr dafür verurteilt, wie ich mich damals verhalten habe. Dabei vergessen viele, wie wenig Lebenserfahrung man als Teenagerin hat.
Ich weiß noch, wie wir im Fahrstuhl standen und in den vierten Stock gefahren sind. Ich habe ganz ehrfürchtig zu ihm gesagt: ‚Ich bin im Fahrstuhl mit Konstantin Wecker.‘ Das habe ich wirklich so ausgesprochen. Allein mit ihm im Fahrstuhl zu stehen, war für mich schon etwas ganz Großes. Alles, was danach passieren würde, war für mich überhaupt nicht absehbar.“
„Er hat mich völlig überrumpelt und sofort seinen Arm um mich gelegt. Es war wirklich Grooming vom Feinsten – nur im Highspeed-Format.
Grooming beinhaltet ja normalerweise eine langsame Anbahnung und einen Vertrauensaufbau über längere Zeit. Bei mir gab es dafür aber schon einen extremen Vertrauensvorschuss: Sieben Jahre, in denen ich seine Musik vergöttert, Interviews gesehen und seine Bücher gelesen hatte. Ich habe ihm einfach bedingungslos vertraut – und das hat er gezielt für sich ausgenutzt.
Dazu kam das Bild, das er nach außen vermittelt hat. Er hatte sich als sehr vertrauenswürdiger Mensch positioniert, als Familienvater, mit zwei Söhnen im Grundschulalter und einer Ehefrau. Ich war deshalb überhaupt nicht in dem Modus, dass ich aufpassen oder mich irgendwie schützen müsste.
Wir machten kurz Smalltalk und es wurde schnell körperlich. Er fragte mich sogar, ob ich Angst vor ihm hätte. Das ist aus heutiger Sicht unglaublich befremdlich. Ich muss anscheinend ziemlich verängstigt ausgesehen haben, sonst hätte er diese Frage ja nicht gestellt.
Ich war damals sehr introvertiert, eher so ein nerdiges Außenseiter-Mädchen. Ich habe viel gelesen, hatte schon immer wenige Freund*innen und war der Musik und den Büchern verfallen. Er hat also dieses kleine, verängstigte Mädchen vor sich gesehen und gedacht, dass es eine gute Idee ist, jetzt mit ihm Sex zu haben.
Wie es mir damit gehen würde, war ihm egal. Denn was dann folgte, war überhaupt nicht auf meine Bedürfnisse ausgerichtet. Es ging nicht darum, ob ich eine gute Zeit habe. Es war sehr schnell, sehr grob und sehr lieblos und hat mich völlig überrumpelt. In meiner Erinnerung habe ich dabei auch stark dissoziiert.
Ich bekomme heute immer wieder krasse Kommentare und Nachrichten von Menschen, die mir sagen: ,Ja, aber du hattest doch da deinen Spaß, jetzt beschwerst du dich.' Und ich sage ganz klar: ‚Nein, hatte ich nicht.‘ Darum ging es in diesem Moment überhaupt nicht.“
„Ich habe mich ‚auserwählt‘ gefühlt. Deshalb habe ich mein Buch auch so genannt. Damals dachte ich: ‚Okay, krass. Wenn dieser berühmte Musiker mir so nahe sein möchte, dann muss er irgendetwas Besonderes in mir sehen.‘
Aus heutiger Sicht sehe ich Mädchen, die 16, 17 oder auch 18, 19 Jahre alt sind, mit einem ganz anderen Blick. Ich sehe, wie jung sie eigentlich noch sind und wie sehr sich ihre Vorstellungen von Moral und der Welt in den nächsten Jahren noch verändern werden. Gleichzeitig sehe ich, wie kindlich sie in vielerlei Hinsicht noch sind, auch wenn sie an der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Und ich empfinde sie als unglaublich schützenswert.
Mit diesem Blick als erwachsene Frau kann ich auch mein 17-jähriges Ich ganz anders betrachten. Und ich empfinde sehr viel Schmerz für dieses Mädchen. Denn in dem Moment war mir überhaupt nicht bewusst, wie schlimm das eigentlich war, was da gerade passierte. Und mir war auch nicht bewusst, wie sehr mir diese Erfahrung über Jahre den Boden unter den Füßen wegziehen würde und wie drastisch die Auswirkungen sein würden.
Das ist auch etwas, das sich durch die Geschichten der anderen Betroffenen zieht und ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit mitdenkt, wenn sie solche Situationen bewertet: Wir hatten danach alle mit massiven psychischen Problemen zu kämpfen, die uns teilweise sehr lange begleitet haben. Wir waren überhaupt nicht dazu befähigt, das zu verarbeiten, weil wir erst viel zu spät ein Problembewusstsein dafür entwickelt haben. Auch weil solche Dinge gesellschaftlich noch nicht ausreichend diskutiert wurden und werden.
Deswegen spreche ich mittlerweile auch so aktivistisch darüber. Weil mir bewusst ist, wie wichtig es ist, dass sich daran etwas ändert. Solche Situationen – ein deutlich älterer Mann und eine Minderjährige – sind aus meiner heutigen Sicht de facto immer problematisch. Für mich gibt es da keine Ausnahme.“
„Euphorisch trifft es auf eine gewisse Art, aber rückblickend war ich eher in einem Schockzustand. Das Ganze war so überwältigend, dass ich in eine Art Dissoziation gerutscht bin. Ich habe eigentlich gar nichts gefühlt.
Und in diesem Schockzustand bin ich dann wie in Trance auch nicht nach Hause gefahren, sondern in die Schule. Ich war in der 12. Klasse. Nach diesem extrem traumatischen Erlebnis habe ich mich einfach noch zwei Stunden in den Deutschunterricht gesetzt.
Im Anschluss habe ich dann meine beiden Freundinnen beiseitegenommen, weil ich das Erlebte einfach loswerden musste. Ich habe ihnen gesagt: ‚Mir ist etwas Krasses passiert. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr es niemandem erzählt.‘
Danach habe ich sehr lange nicht mehr darüber gesprochen. Ich habe weder meine Mutter noch eine andere Vertrauensperson in Kenntnis gesetzt. Und das lag auch daran, dass er mir gesagt hatte, ich solle niemandem davon erzählen. Damit wurde ich natürlich auch manipuliert.
Ich hatte das Gefühl: ‚Ich darf sein Vertrauen jetzt nicht missbrauchen. Er vertraut mir.‘ Es war also ein Geheimnis, das ich für ihn bewahren musste. Dabei hatte ich überhaupt nicht darum gebeten. Und für eine 17-Jährige war das auch einfach ein viel zu schweres Geheimnis.
Gleichzeitig wurde mir dadurch auch die Möglichkeit genommen, dass jemand von außen die Situation für mich als problematisch einordnet – etwas, das meine damals ebenfalls 17-jährigen Freundinnen natürlich genauso wenig konnten wie ich. Für sie war das auch unbegreiflich. Sie wussten gar nicht, wie sie damit umgehen sollten. Also passierte: nichts.“
„Wir haben in Deutschland eine Gesetzeslücke. Wenn ein älterer Mann eine 16-Jährige groomt, ihr Vertrauen erschleicht und sie dann sexuell ausnutzt, kann man dagegen später kaum vorgehen. Gerade weil Grooming ja darauf ausgelegt ist, dass die betroffene Person die Situation in dem Moment gar nicht als problematisch erkennt, sich also nicht unbedingt aktiv zur Wehr setzt.
Und da wünsche ich mir einfach, dass wir dem als Gesellschaft einen Riegel vorschieben und dass es eine Gesetzesänderung gibt, die Minderjährige besser vor solchen Machtgefällen schützt. In Kalifornien liegt das Schutzalter zum Beispiel bei 18 Jahren – das, was mir passiert ist, wäre dort automatisch als Vergewaltigung eingeordnet worden.
Vielleicht hätte ich es unter diesen Umständen trotzdem gemacht, weil ich Fan war und die Situation aus meiner damaligen Perspektive als freiwillig empfunden habe. Aber ich hätte zumindest gewusst: ‚Das hier ist nicht in Ordnung.‘ Dieses Problembewusstsein hatte ich überhaupt nicht.
Ich sage ausdrücklich nicht, dass Menschen unter 18 keine sexuellen Erfahrungen machen sollten. Wenn zwei Menschen ungefähr gleich alt sind und eine Beziehung auf Augenhöhe führen, halte ich es für wichtig, dass Jugendliche ihre Sexualität ohne Scham und Schuldgefühle entdecken können. Aber ich finde, dass Regelungen große Altersunterschiede und die damit verbundenen Machtgefälle stärker berücksichtigen müssen.
Denn ab einem gewissen Altersabstand entsteht allein durch die unterschiedliche Lebenserfahrung und den sozialen Status ein erhebliches Machtgefälle – auch dann, wenn die ältere Person nicht prominent ist.
In anderen Ländern gibt es zum Beispiel sogenannte ‚Romeo and Juliet Laws‘, bei denen bestimmte Altersabstände berücksichtigt werden. Ich hoffe und möchte dazu beitragen, dass auch bei uns darüber stärker nachgedacht wird.“
„Er hat sich überhaupt nicht gefragt, was diese Situation mit mir macht oder was mit mir passieren könnte. Es war auch nicht so, dass er sich verantwortlich gefühlt hätte, mich danach irgendwie aufzufangen.
Wir haben noch ein paar Mal telefoniert und ein paar SMS geschrieben. Aber irgendwann hat er den Kontakt einfach abgebrochen und mich damit völlig allein gelassen. Für ihn war das offenbar nicht mehr wichtig. Für mich war es das natürlich.
Und das ist aus heutiger Sicht einfach besonders schlimm: Er hat eine Situation geschaffen, die für mich so einschneidend war, und mich danach damit allein gelassen.“
„Obwohl es unglaublich viel Überwindung gekostet hat, sie zu veröffentlichen, war es mir wichtig, weil sie noch einmal zeigen, wie man in diesem Alter denkt und fühlt. Für mich sind sie auch eine Art Zeitzeugnis.
Übrigens: Die Gedichte habe ich damals auch ihm gegeben. Wenn er sie gelesen hat, kannte er also auch meine Gedanken und Gefühle. Es gibt sogar noch einige, die ich nicht veröffentlicht habe, weil sie mir zu krass waren. Darin geht es auch um Suizidgedanken und selbstverletzendes Verhalten. Da hätten bei ihm eigentlich alle Alarmglocken angehen müssen.
Er hätte nicht einmal viel tun müssen – aber er hätte zumindest erkennen können, was er möglicherweise angerichtet hatte, und versuchen können, mich aufzufangen. Das ist nicht passiert.
Und was heute für mich noch einmal besonders erschreckend ist: Ich weiß erst seit dem vergangenen Jahr, dass ich bei Weitem nicht die Einzige war, die das erlebt hat. Vor mir hat bereits eine andere Frau öffentlich darüber gesprochen, Johanna wurde sie von der Süddeutschen Zeitung genannt. Und zeitgleich mit mir sind zwei weitere Frauen an die Öffentlichkeit gegangen. Danach haben sich noch weitere Frauen bei mir gemeldet und von ähnlichen Erfahrungen erzählt.
Die Geschichten stammen teilweise aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten. Deshalb war das offenbar auch keine kurze Phase in seinem Leben, in der er so etwas gemacht hat. Er wurde immer älter, aber die Mädchen blieben immer gleich alt.
Es waren gezielt junge Frauen und Mädchen, die deutlich minderjährig waren, die zu ihm aufgeschaut haben – es gab also immer dieses Machtgefälle. Und er hat sich offenbar immer wieder genommen, was er wollte, ohne darüber nachzudenken, was das mit diesen Mädchen macht. Dabei hat er sehr viel verbrannte Erde hinterlassen.“
„Wir haben uns noch einmal getroffen, als ich 25 war. Und das ist für mich bis heute wichtig zu erzählen, weil ich mit 25 geschafft habe, nicht mit auf sein Hotelzimmer zu gehen.
Denn oft sagen Leute: ‚Es doch egal, ob man 17 oder Mitte 20 ist.‘ Aber das stimmt einfach nicht. In diesen Jahren passiert noch so viel. Man sammelt Lebenserfahrung, versteht besser, wie bestimmte Konstellationen funktionieren, lernt, sich selbst ernstzunehmen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren.
Als ich 25 war, war ich ihm gegenüber immer noch unterwürfig und fasziniert. Dieses Gefühl, von ihm auserwählt zu sein, war immer noch da. Wir waren an dem Abend etwas trinken und haben auch öffentlich rumgeknutscht. Gleichzeitig hatte ich aber einen großen inneren Konflikt. Da waren inzwischen auch Zweifel und eine Abneigung, die immer stärker geworden waren.
Er hat an dem Abend ziemlich viel Druck gemacht. Er hat mich immer weiter zum Trinken animiert, mir Wein nachbestellt und mich regelrecht angefleht, mit auf sein Hotelzimmer zu kommen. Aber ich habe es geschafft, mich diesem Druck nicht zu beugen. Ich bin am Ende allein in ein Taxi gestiegen und nach Hause gefahren.
Für mich war das ein ganz wichtiger Moment. Weil ich da zum ersten Mal gemerkt habe: Ich kann mich aus dieser Dynamik lösen. Ich kann Nein sagen. Und ich kann meine eigenen Grenzen ernstnehmen.“
„Er hat das eher abgewunken. Wahrscheinlich war es ihm auch unangenehm. Und genau deshalb finde ich diesen Moment so wichtig.
Ich glaube, viele halten sich in solchen Situationen zurück, weil sie niemanden verletzen oder vor den Kopf stoßen wollen. Aber manchmal müssen wir diese kurze Unannehmlichkeit einfach aushalten. Denn es kann unglaublich viel bewirken, wenn wir eine Grenze klar aussprechen.
Und ich glaube, genau das brauchen wir auch gesellschaftlich: mehr Mut, Dinge beim Namen zu nennen und Menschen mit ihrem Verhalten zu konfrontieren – im echten Leben genauso wie in den sozialen Medien. Dieses Outcalling kann dazu beitragen, dass sich die Scham verschiebt: weg von den Menschen, deren Grenzen überschritten wurden, und hin zu denen, die sie überschreiten.“
„Das hat sehr lange gedauert. Auch weil ich das, was passiert war, lange verdrängt habe. Ich habe irgendwann aufgehört, seine Musik zu hören und versucht, möglichst wenig darüber nachzudenken. Aber im Hintergrund war immer dieses Gefühl: ‚Da ist etwas ganz Krasses passiert.‘
Wirklich angefangen, das aufzuarbeiten, habe ich erst, als immer mehr ähnliche Fälle im Zuge von #MeToo öffentlich diskutiert wurden. Und genau deshalb spreche ich heute auch so offen darüber. Ich möchte für andere Frauen vielleicht die Geschichte sein, die sie hören und durch die sie ihre eigene Situation noch einmal anders betrachten können.
Bei mir war zum Beispiel die Debatte um Till Lindemann so ein Moment. Als ich mitbekommen habe, wie kritisch darüber berichtet wurde und wie auch Situationen diskutiert wurden, die auf den ersten Blick einvernehmlich wirkten, aber im Nachhinein trotzdem in einem problematischen Machtgefälle betrachtet wurden, dachte ich plötzlich: ‚Moment, bei mir war es doch ähnlich. Vielleicht ist da tatsächlich etwas passiert, das nicht in Ordnung war.‘
Denn lange denkt man: ‚Ich habe doch mitgemacht. Ich bin freiwillig mitgegangen. Er hat mich nicht festgehalten.‘ Gerade deshalb ist es so schwer, später zu erkennen: Trotzdem war diese Situation nicht in Ordnung. Dafür musste ich erst Abstand gewinnen und lernen, mein damaliges Ich mit anderen Augen zu betrachten.
Ich glaube, der entscheidende Punkt war, zu verstehen, dass ich damals nicht die Verantwortung für diese Situation getragen habe. Irgendwann konnte ich mich von dieser Schuld freisprechen.“
„Ich habe das Buch allen gewidmet, die in ähnlichen Situationen eine Entscheidung treffen müssen. Damit meine ich natürlich vor allem die jungen Menschen, die in diesem Moment entscheiden müssen: Gehe ich mit? Lasse ich mich darauf ein? Aber ich meine damit genauso die Männer, die in diesem Moment eine Entscheidung treffen können.
Denn auch ein Mann kann sich fragen: ‚Ich habe gerade vielleicht Lust, mit dieser jungen Frau Sex zu haben. Aber was bedeutet das für sie? Was könnte diese Situation bei ihr auslösen? Und welche Verantwortung trage ich, wenn ich weiß, dass zwischen uns ein enormes Machtgefälle besteht?‘
Wir sind ja keine Tiere, die ihren Trieben einfach ausgeliefert sind. Wir treffen ständig Entscheidungen darüber, wie wir miteinander umgehen und ob wir anderen möglicherweise schaden. Und genau diese Verantwortung möchte ich stärker ins Bewusstsein rücken.
Wir müssen uns als Gesellschaft aber auch fragen, warum junge Körper überhaupt so stark sexualisiert werden. Warum wird Jugendlichkeit zum Schönheitsideal gemacht? Warum rasieren sich erwachsene Frauen den ganzen Körper und lassen sich Falten unterspritzen? Warum ist die Kategorie ‚Teenager‘ auf Porno-Seiten überhaupt so beliebt? Ich möchte, dass wir darüber sprechen, welchen Anteil unsere Gesellschaft daran hat.
Ich möchte mit dem Buch also nicht nur warnen, sondern vor allem Gespräche anstoßen. Damit junge Menschen früher erkennen, was da gerade passiert – und Erwachsene ihre Verantwortung in solchen Situationen ernst nehmen.
Denn nur weil etwas rechtlich erlaubt ist, heißt es ja nicht, dass es deswegen moralisch nicht problematisch ist oder dem Gegenüber nicht schadet.“
„Als die erste Frau Ende 2025 an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat er darauf mit einem öffentlichen Statement reagiert. Er hat darin unangemessenes Verhalten eingeräumt und sich dafür entschuldigt. Gleichzeitig sagte er, dass er sich nur lückenhaft daran erinnere und führte das unter anderem auf seinen damaligen Alkoholkonsum zurück.
Ich fand es zunächst einmal richtig, dass er Verantwortung übernommen und sich entschuldigt hat. Gleichzeitig hat er damit aber auch einen Teil der Verantwortung auf den Alkohol geschoben. Vor allem entstand der Eindruck, es habe sich um einen einmaligen Ausrutscher gehandelt. Dadurch wurde die Geschichte in der Öffentlichkeit natürlich auch anders eingeordnet.
Als wir anderen Frauen dann mit unseren Geschichten an die Öffentlichkeit gegangen sind, war für uns eigentlich klar, dass seine Reaktion wahrscheinlich ähnlich ausfallen würde. Unsere Geschichten sind natürlich unterschiedlich, aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten: Wir waren alle sehr jung, haben ihn verehrt und standen ihm gegenüber in einem enormen Machtgefälle.
Der große Schock kam dann Ende Mai. Auf unsere Geschichten reagierte er mit einem Statement, in dem er sagte, dass er sich an nichts davon erinnern könne und aus gesundheitlichen Gründen derzeit nicht in der Lage sei, sich dazu zu äußern.
Diesmal gab es also kein Schuldeingeständnis und keine Entschuldigung. Stattdessen blieb erst einmal die Frage im Raum: ‚Hat das wirklich stattgefunden?‘ Denn wenn er sagt, er könne sich an nichts erinnern, entsteht natürlich auch Raum für Zweifel an unseren Aussagen.“
„Genau. Für uns Frauen war das ein Schock. Wir hatten uns nach so vielen Jahren endlich getraut, über diese sehr intimen Erfahrungen zu sprechen – und dann wurde juristisch gegen die Berichterstattung vorgegangen.
Das Gericht hat ihm in den von ihm beanstandeten Punkten Recht gegeben, woraufhin die Süddeutsche Zeitung den Artikel depublizieren musste. Besonders getroffen hat uns die Begründung, weil aus unserer Sicht weder das Machtgefälle noch unsere Perspektive als Betroffene ausreichend berücksichtigt wurden.
Für uns hat sich das letztlich so angefühlt, als würde man uns sagen: ‚Ihr wart rechtlich alt genug, also war doch alles in Ordnung. Und ihr habt euch darauf eingelassen – warum beschwert ihr euch jetzt?‘
Wenn irgendein Mensch so etwas auf Instagram schreibt, ist das eine Sache. Aber wenn ein Richter mit seiner Autorität eine Entscheidung trifft, die bei uns genau dieses Gefühl auslöst, dann macht das etwas mit einem. Es ist entwürdigend und fühlt sich unglaublich ungerecht an.
Denn eigentlich wollen wir genau das Gegenteil erreichen. Wir wollen kein Urteil über einzelne Menschen fällen. Wir wollen ein Warnschild aufstellen und sagen: ‚Schaut hin. Hier gibt es ein Machtgefälle. Und solche Situationen können für junge Menschen langfristige Folgen haben.‘
Wenn dieses Warnschild dann von einer Institution wieder abgenommen wird, die eigentlich dafür da sein sollte, solche Machtverhältnisse kritisch zu betrachten, ist das für uns einfach unglaublich schmerzhaft.“
„Überhaupt nicht. Kurz nach der Gerichtsentscheidung folgte ein Statement seines Anwalts auf dessen Website. Darin wurde tatsächlich das Wort ‚Genugtuung‘ verwendet: Wecker und seine Familie würden Genugtuung darüber empfinden, dass das Gericht der Berichterstattung nun einen Riegel vorgeschoben habe.
Der Anwalt schrieb außerdem, das Gericht habe damit gezeigt, dass berühmte Persönlichkeiten kein ‚Freiwild für journalistische Auswüchse‘ seien.
Gerade dieses Wort fand ich in diesem Zusammenhang unglaublich perfide. Denn wenn wir uns anschauen, was wir Frauen erlebt haben und wie wir uns rückblickend damit fühlen, dann ist es eher so, dass wir uns als Freiwild gefühlt haben.
Für mich hat sich das deshalb wie eine Täter-Opfer-Umkehr angefühlt: Statt darüber zu sprechen, was mit uns passiert ist und welche Machtverhältnisse dahinterstanden, wird plötzlich der Eindruck erweckt, dass vor allem der prominente Mann vor uns und vor der Berichterstattung geschützt werden müsse.“
„Der Kampf ist tatsächlich noch nicht vorbei. Die SZ hat Berufung eingelegt, und eine höhere Instanz kann das Urteil noch kippen. Darauf hoffen wir.
Jetzt müssen wir vor allem zeigen, dass ein öffentliches Interesse an dieser Berichterstattung besteht. Deshalb hilft es uns, wenn möglichst viele Menschen darüber sprechen und deutlich machen: Ja, ich habe ein Interesse daran, dass über solche Fälle berichtet wird.
Das sieht man auch schon bei Instagram: Mein letzter Beitrag dazu hatte 1,2 Millionen Aufrufe und wurde fast 8000-mal geteilt. Je mehr wir darüber sprechen und die Beiträge teilen, desto deutlicher wird, dass dieses öffentliche Interesse tatsächlich besteht.
Wir hoffen deshalb, dass die nächste Instanz ein klares Zeichen setzt und wir uns in der #MeToo-Bewegung weiter nach vorne bewegen statt wieder zurück.“
Noch mehr Einblicke und Impulse gibt Marie in Folge 76 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Reinhören lohnt sich!
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Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!