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Alicja Orlow | © Alicja Orlow
© Alicja Orlow
08.09.2026 • 09:55
Autor Tino Amaral | © Gideon Böhm Tino Amaral
18 Minuten
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Podcast „Echt & Unzensiert“ | Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern

Alicja Orlow: „Beziehungsarbeit funktioniert nicht über Diskussionspanels, sondern über gemeinsames Tun“

Wie bleibt Demokratie dort lebendig, wo Räume, Geld und Menschen fehlen? Wie schaffen wir echte Beteiligung – auch für diejenigen, die sich in klassischen politischen Formaten nicht wiederfinden? Darüber spricht Alicja Orlow im Podcast „Echt & Unzensiert“ mit unserem Host Tino Amaral. 

In der 77. Folge von „Echt & Unzensiert“ ist Alicja Orlow zu Gast. Als stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins „RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern“ setzt sie sich für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Außerdem leitet sie für die Initiative „Zukunftswege Ost“ die Fokusregion Vorpommern und bringt Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Stiftungen stärker miteinander zusammen.

Wir sprechen darüber, warum Mecklenburg-Vorpommern viel mehr ist als die üblichen Erzählungen von Abwanderung und Rechtsextremismus. Es geht um engagierte Menschen, die in kleinen Orten Verantwortung übernehmen, Jugendangebote schaffen, Begegnungsräume erhalten und mit oft sehr begrenzten Mitteln das gesellschaftliche Leben zusammenhalten.

Außerdem sprechen wir über das Erstarken nationalistischer und völkischer Stimmen, die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026, über die Chancen und Gefahren von Social Media und über die Verantwortung der Medien. Und wir stellen uns die Frage: Mit wem müssen wir im Gespräch bleiben – und wo braucht es klare Haltung?

Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel – und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt.

Liebe Alicja, was macht Mecklenburg-Vorpommern für dich so besonders und welche Herausforderungen siehst du?

„Mecklenburg-Vorpommern ist ein Land mit viel Platz. Wir haben hier unendlich weite Felder, leider auch unendlich weite Wege, und sind sehr ländlich geprägt. Generell sind wir ein sehr bodenständiges Land.

Diese Bodenständigkeit hat aber auch damit zu tun, dass die finanziellen Möglichkeiten vieler Menschen hier unterdurchschnittlich sind, jedenfalls im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Wir haben einen sehr großen Niedriglohnsektor.

Gleichzeitig finde ich diese Nähe zum echten Alltag der Menschen total wertvoll. Hier gibt es einfach nicht so viel Show und Klimbim. Aber natürlich hat das auch eine andere Seite: Begrenzte finanzielle Mittel beeinflussen ganz wesentlich die Frage, welche Möglichkeiten Menschen überhaupt haben.“

Welche Themen beschäftigen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern? 

„Ich nehme sehr viele unbearbeitete Themen wahr. Eines der offensichtlichsten ist für mich, dass es nur wenige Möglichkeiten und Räume gibt, um historische und politische Erfahrungen zu besprechen. Gerade in den ländlichen Regionen hat die Daseinsvorsorge über die Jahre immer weiter abgenommen. Wir haben kaum noch Orte in den Dörfern, an denen Menschen zusammenkommen können. Die kleinen Läden sind verschwunden, und es gibt nur wenige Jugendtreffpunkte.

Deshalb stellt sich die Frage: Wo kommen Menschen eigentlich zusammen? Wo gibt es noch Angebote – ob kultureller Art oder auch Räume, in denen man sich mit Geschichte auseinandersetzen kann?

Natürlich ist Mecklenburg-Vorpommern auch kein Land, das vor Diversität strotzt. Und das meine ich in vielerlei Hinsicht. Der Anteil an Menschen mit Migrationsbiografie ist unterdurchschnittlich. Ähnlich sieht es beim Anteil von Menschen mit akademischem Hintergrund aus. Und auch bei den sozialen Hintergründen gibt es ein deutliches Ungleichgewicht. Dazu kommt, dass wir überdurchschnittlich alt sind. Gesellschaftlich haben wir also nicht unbedingt die optimalsten Rahmenbedingungen.

Natürlich haben wir auch gewachsene rechtsextreme Strukturen. Das ist das, was über Mecklenburg-Vorpommern sehr bekannt ist, und ich will das weder negieren noch kleinreden. Aber wir haben eben auch ganz viele engagierte Menschen – und die sind leider noch viel zu wenig sichtbar.“

Dazu gehört auch ihr: Mit der „RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern“ wollt ihr die Zivilgesellschaft vor Ort weiter ausbauen und fördern. Wie genau kann man sich eure Arbeit vorstellen?

„Wir sind ein landesweit tätiger Verein und setzen uns für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Das tun wir vor allem in Bildungsinstitutionen, also insbesondere in Schulen, Kitas und Horten, aber auch im Gemeinwesen.

Wir arbeiten viel mit Ehrenamtlichen, Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung zusammen und haben unterschiedliche Projekte, die sich mit bestimmten Themen oder Regionen beschäftigen.

Im Bereich Schule gibt es zum Beispiel den ‚Quadratkilometer Bildung‘. Davon haben wir mehrere in Mecklenburg-Vorpommern, unter anderem in Neubrandenburg. Hier geht es darum, dass an Orten, an denen viele benachteiligte Kinder leben, Bildungsinstitutionen gut ineinandergreifen und miteinander arbeiten. Dabei werden auch außerschulische Angebote einbezogen, um möglichst gute Chancen für die Kinder zu schaffen.

Darüber hinaus haben wir Projekte, die sich zum Beispiel mit der Förderung von Mehrsprachigkeit in Kitas beschäftigen, sowie Projekte im Gemeinwesen, die unter anderem Beratung im Bereich Rechtsextremismusprävention anbieten.

Wir haben mehrere Regionalbüros und sind im ganzen Land vertreten. Unsere Kolleg*innen bringen dabei Expertise aus unterschiedlichen Themenfeldern ein. Im Kern geht es bei unserer Arbeit immer darum, demokratische Strukturen zu stärken.“

Du leitest auch das Projekt „Zukunftswege Ost“ für die Fokusregion Vorpommern. Was sind hier konkrete Ziele?

„Ausgangspunkt war unter anderem die Tatsache, dass die ostdeutschen Bundesländer oft über deutlich weniger private Mittel verfügen, die zum Beispiel in demokratiefördernde Aktivitäten fließen können.

Das hat natürlich mit unserer wirtschaftlichen Situation zu tun und damit, dass wir selbst weniger Mittel generieren können. Gleichzeitig gibt es ein strukturelles Ungleichgewicht: In den ostdeutschen Bundesländern befinden sich nur etwa sechs Prozent der bundesweit existierenden Stiftungen. Auch das schränkt die Möglichkeiten für Engagement vor Ort ein.

Die Initiative hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, auf Bundesebene private Mittel einzuwerben und diese möglichst unkompliziert an die demokratische Zivilgesellschaft in den ostdeutschen Bundesländern weiterzugeben.

Meine Aufgabe in der Fokusregion Vorpommern geht noch einen Schritt weiter. Hier schauen wir gezielt darauf, wie wir die bestehenden Netzwerke der Zivilgesellschaft stärken und sie gleichzeitig besser mit Politik, Stiftungen und Wirtschaft in der Region verknüpfen können.

Es geht also darum, die Netzwerkstrukturen in Vorpommern zu verbessern und die Zivilgesellschaft dadurch langfristig auf stabilere Füße zu stellen.“

Rennst du mit deinen Vorhaben überall offene Türen ein oder musst du da auch viel Überzeugungsarbeit leisten?

„Ich glaube, es geht viel darum, Mauern einzureißen. Ich habe das Gefühl, die verschiedenen Bereiche werden oft sehr getrennt voneinander betrachtet: Die Wirtschaft verfolgt ihre wirtschaftlichen Interessen, dann gibt es die Zivilgesellschaft, und daneben noch Schule und Bildung. Damit eine Region aber funktioniert, muss all das ineinandergreifen. Das ist etwas, was ich immer wieder versuche zu vermitteln.

Mir ist wichtig zu betonen, dass die Zivilgesellschaft mittlerweile einen großen Teil der Daseinsvorsorge übernimmt, gerade in ländlichen Regionen, in denen staatliche Angebote zunehmend fehlen. Dadurch gewinnt sie noch einmal stark an Bedeutung. Wenn wir darüber sprechen, wie wir die Region gut aufstellen können, dürfen wir die Zivilgesellschaft deshalb nicht außen vor lassen.

Die Frage, wie zum Beispiel ältere Menschen versorgt werden können, wird schon heute zu einem großen Teil von zivilgesellschaftlichen Strukturen mitgetragen. Gleichzeitig sprechen wir immer wieder darüber, wie wir Fachkräfte in unsere Region bekommen. Gerade wir sind darauf angewiesen, dass Menschen zu uns kommen. Umso fataler ist es, wenn nach außen das Signal entsteht, dass sie hier nicht willkommen sind.

Auch für Unternehmen stellt sich deshalb die Frage: Wie kann ich mich mit der Zivilgesellschaft vor Ort vernetzen und dazu beitragen, dass Menschen merken, dass sie hier willkommen sind und schnell Anschluss finden? Denn sie kommen ja nicht nur zum Arbeiten. Es geht auch darum: Wie können wir hier gut leben?

Und dabei spielt die Zivilgesellschaft eine enorm große Rolle. Gerade im sozialen Bereich leistet sie Großes. Deshalb werbe ich immer wieder dafür, ihr auch in öffentlichen Debatten und Entscheidungsprozessen mehr Raum zu geben.

Das zu vermitteln, ist allerdings nicht immer einfach, weil diese Denkweise hier noch nicht überall vorherrscht.“

Wenn man Demokratiearbeit macht, verschwindet dann unter dem Label „links" häufig der Inhalt?

„Total. Dann heißt es schnell: Die machen da ihre ‚Alle miteinander und alle bunt‘-Geschichten. Dabei wird aber oft vernachlässigt, dass es am Ende um ganz essenzielle Themen wie Teilhabe geht – und auch um die Frage: Wie können wir uns als Region eigentlich weiterentwickeln?“

Wie politisch dürfen gemeinnützige Organisationen überhaupt sein?

„Im Endeffekt kann sich jede Organisation entsprechend ihrer Satzung für ihre Themen engagieren. Wir als RAA M-V haben zum Beispiel eine Satzung, in der es darum geht, internationale Gesinnung zu fördern und Menschen zu unterstützen, die Rassismus oder Diskriminierung erfahren oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt werden.

Wenn wir also politische Äußerungen oder Positionen erleben, die diesen Themen entgegenstehen, haben wir auch das Recht, uns dazu zu äußern.

Dem Mythos, dass wir uns als gemeinnützige Organisation überhaupt nicht politisch äußern dürfen, widersprechen wir deshalb auch vehement. Denn genau das ist eine wichtige Funktion gemeinnütziger Organisationen: den Themen, mit denen sie sich beschäftigen, eine Stimme zu geben und für die Anliegen einzustehen, für die sie sich organisieren. Einzelne Menschen können diese Anliegen oft nicht so leicht in politische Räume tragen.“

Inwiefern versucht ihr, alle Menschen in eure Arbeit einzubeziehen? 

„Man muss wissen, dass unsere ehrenamtlichen Strukturen nicht unbedingt die etabliertesten und sichtbarsten sind. Und genau darum geht es. Wir haben viele engagierte Menschen, die sich an ihren Orten für das gesellschaftliche Leben starkmachen, für die es aber eine große Hürde sein kann, zum Beispiel an einem Podcast wie diesem teilzunehmen.

Die Frage ist also: Wie können wir Zugänge schaffen, damit auch sie sich äußern können? Das hat viel mit Beziehungsarbeit zu tun. Und Beziehungsarbeit funktioniert selten über Diskussionspanels, sondern meistens über gemeinsames Tun.

Hier kommt ‚Zusammen bewegen‘ ins Spiel. Das ist ein landesweites Bündnis, das sich im vergangenen Jahr neu etabliert hat und unter einem größeren Dach vor allem demokratische Akteure und Menschen zusammenbringt, die über das soziale Miteinander wieder besser ins Gespräch kommen und sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen wollen.

Dabei geht es vor allem um die Frage: Wie schaffen wir Momente der Gemeinschaft und des sozialen Miteinanders? Das kann bedeuten, gemeinsam in der Nachbarschaft den Dorfplatz aufzuräumen oder einfach zu Kaffee und Kuchen einzuladen und zu fragen: Was wünscht ihr euch für eure Region? Ohne dass daraus gleich eine Podiumsdiskussion werden muss.

Wie schaffen wir es also, wieder besser miteinander in Beziehung und ins Gespräch zu kommen und die Wünsche, die dabei entstehen, auch nach außen zu tragen? Das beschäftigt uns in der RAA immer wieder: Wie entwickeln wir Formate, die zur jeweiligen Zielgruppe passen?

Ich hatte ja schon erzählt, dass der Anteil von Akademiker*innen in unserem Bundesland unterdurchschnittlich ist. Wir müssen deshalb kreativer werden und andere Zugänge finden. Denn die Menschen hier haben viel zu sagen – sie brauchen oft nur eine andere Ansprache.“

Welche Beispiele aus der Region fallen dir ein, die zeigen, dass es sich lohnt, sich zu engagieren und Dinge anzustoßen?

„Über ‚Zusammen bewegen‘ hat sich zum Beispiel der Eisbus Gabi entwickelt, der mittlerweile sogar überregional in den Medien war. Eine tolle Initiative, die eine Gruppe von Frauen aus dem Raum Demmin ins Leben gerufen hat.

Sie haben einen Bus ausgebaut, eine Softeismaschine installiert und sind damit jetzt auf Tour. Sie fahren auch die kleinsten Dörfer an und laden die Menschen auf ein Eis ein. Das Eis ist im Prinzip kostenlos. Wer etwas geben möchte, darf, aber es ist kein Muss.

Dabei geht es natürlich nicht nur ums Eis. Sie verbinden das Ganze mit einem Angebot, das ebenfalls über ‚Zusammen bewegen‘ etabliert wurde und sich ‚Klönschnack‘ nennt. Dabei sitzen die Menschen gemeinsam an Tischen, auf deren Tischdecken Fragen stehen wie: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft, für Ihre Region? So kommt man miteinander ins Gespräch und erfährt, was die Leute vor Ort bewegt.“

Das klingt so naheliegend....

„Ja, absolut, ich finde es gerade deshalb so bezeichnend, weil es zunächst so banal scheint. Aber genau diese einfachen Zugänge braucht es. In eher persönlichen Situationen fällt es vielen Menschen leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen, als in großen öffentlichen Veranstaltungen, in denen über Thema X, Y oder Z diskutiert wird.

Eine andere sehr kreative und schöne Aktion ist die WVM 26, die sich ebenfalls in unserer Region entwickelt hat. Das ist die Wunschvisualisierungsmaschine, die ein ähnliches Ziel verfolgt: Menschen ins Gespräch zu bringen.

Dafür haben Künstler*innen und Kreative eine größere Box aus verschiedenen Materialien gebaut. Dort können Wünsche abgegeben werden, die sogar quittiert werden. Man kann sich über seine Wünsche austauschen, und am Ende werden sie als kreativ gestaltete Plakate gedruckt und können im öffentlichen Raum aufgehängt werden.

Auch das ist eine Form der Ansprache, die Interesse weckt und andere Zugänge schafft. In einer kleineren Runde, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, fällt es einfach leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du auf die kommenden Landtagswahlen blickst?

„Es ist immer wieder eine Mischung aus Beklemmung und Anspannung, aber auch aus Motivation, Hoffnung und diesem schönen Gefühl des Zusammenrückens. Das wechselt sich bei mir immer wieder ab.

Natürlich will ich nicht negieren, dass wir mit großer Sorge auf die Landtagswahlen schauen. Es ist ja ziemlich klar, dass nationalistische und völkische Stimmen auch in Mecklenburg-Vorpommern mehr Sitze gewinnen werden.

Gleichzeitig gibt es aber die durchaus realistische Hoffnung, dass wir weiterhin eine demokratische Regierung hinbekommen können. Und dafür lohnt es sich total, im Einsatz zu bleiben.

Was ich als eine positive Folge dieser Krise erlebe, ist, wie viel stärker die Menschen zusammenrücken und wie viel neue Energie dadurch auch vor Ort entsteht. Gerade im ehrenamtlichen Bereich kommen viele Einzelpersonen neu dazu, zum Beispiel zu einer Bewegung wie ‚Zusammen bewegen‘.

Wenn wir uns bei Netzwerktreffen begegnen und austauschen, entsteht oft dieses Gefühl: Da ist etwas möglich. Wir können etwas bewegen. Menschen werden wieder aktiv. Und das ist etwas Schönes, das trotz all der Sorgen aus dieser Situation heraus entsteht.

Meine Grundeinstellung war und ist aber schon immer eine optimistische. Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Und deshalb ist meine Hoffnung groß, dass uns diese Krise am Ende vielleicht sogar dabei hilft, unsere demokratischen Prozesse weiterzuentwickeln und zugänglicher zu machen.

Eine wichtige Erkenntnis aus den aktuellen Entwicklungen ist für mich, dass Menschen ein viel stärkeres Bedürfnis haben, an politischen Prozessen beteiligt zu werden. Alle vier oder fünf Jahre eine Abgeordnete oder einen Abgeordneten zu wählen, kann auf Dauer nicht alles sein.

Die Frage ist also auch: Wie kann sich Politik verändern? Wie können wir mehr Möglichkeiten schaffen, sich einzubringen und zu äußern – auch jenseits des Engagements in Vereinen?“

Wie ich heraushöre, fehlt es also nicht an politischem Nachwuchs. Hast du das Gefühl, der kann ausreichend gefördert werden? Gibt es dafür genügend Ressourcen?

„Natürlich nicht. Und das hat wieder mit der finanziellen Ausstattung von Demokratieförderung in der Zivilgesellschaft zu tun. Dass Förderprogramme eher zurückgefahren werden, ist ja bekannt.

In unserem Feld ist es ohnehin schon sehr üblich, mit begrenzten Mitteln so viel wie möglich herauszuholen. Viele Menschen machen diese Arbeit mit unglaublich viel persönlichem Einsatz.

Natürlich versuchen wir, junge Menschen so gut es geht mitzunehmen. Gleichzeitig muss man irgendwann auch persönliche Grenzen ziehen und die eigene Gesundheit im Blick behalten. Diese Balance erlebe ich bei vielen Kolleg*innen und auch in der gesamten Bewegung von ‚Zusammen bewegen‘: auf der einen Seite die Idee, was wir alles machen könnten, und auf der anderen Seite die Realität und die Frage, wie wir dabei nicht selbst kaputtgehen.

Genau darin liegt die Schwierigkeit. Wir brauchen mehr Ressourcen, um noch mehr Menschen zu befähigen und zu motivieren, diesen Weg mit uns zu gehen und mit ihren Bedürfnissen auch im öffentlich sichtbaren und wirksamen Raum Gehör zu finden.“

Viele junge Menschen informieren und orientieren sich heute vor allem über Social Media. Welche Chancen und Risiken siehst du hier für unsere Demokratie?

Social Media ist Fluch und Segen zugleich. Gerade habe ich aber leider das Gefühl, dass für junge Menschen die Risiken noch überwiegen oder zumindest gravierendere Auswirkungen haben.

Natürlich bietet Social Media Jugendlichen, die vor Ort vielleicht wenig Anschluss haben oder Benachteiligung erfahren, die Chance, online eine Community und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu finden. Wenn das aber in extremistische Räume abdriftet, kann es natürlich sehr gefährlich werden.

Ein weiteres großes Thema ist die Frage nach Wahrheit: Was sind Fakten, was sind Meinungen? Über Social Media werden wir mit unglaublich vielen Meinungen von Menschen konfrontiert. Einerseits ist es natürlich gut, dass diese geäußert werden können. Andererseits braucht es eine enorme Kompetenz, um unterscheiden zu können, was tatsächlich eine Tatsache ist und was nicht.

Und ich glaube, wir als Erwachsene und Pädagog*innen – ob Eltern oder Lehrkräfte – sind selbst noch gar nicht an dem Punkt, dass wir das in einem angemessenen Maß beherrschen, verstehen und entsprechend vermitteln können. Deshalb habe ich das Gefühl, dass junge Menschen gerade ein Stück weit Opfer einer Entwicklung sind, die wir selbst noch nicht richtig begriffen haben und mit der wir noch nicht gut genug umgehen können.

Ich wünsche mir deshalb deutlich mehr Mittel und Möglichkeiten, um gute Angebote zu schaffen, die jungen Menschen einen kompetenten Umgang mit Social Media vermitteln. Denn Social Media ist eine Realität, die wir nicht einfach wieder ausschalten können – und das will ich auch gar nicht. Aber wir brauchen viel mehr Ressourcen, um uns gut damit auseinanderzusetzen.

Die bestehenden Systeme können das momentan kaum leisten. Gerade Schule ist enorm unter Druck und personell wie strukturell auf Kante gestrickt. Solche Aufgaben können nicht einfach noch nebenbei übernommen werden.

Ähnlich ist es mit Demokratieförderung in Schulen. Wenn wir wieder erleben, dass Neonazis sehr sichtbar und selbstbewusst in Schulen auftreten, können wir nicht erwarten, dass Lehrkräfte das zusätzlich mal eben nebenbei auffangen und bearbeiten.

Ich habe deshalb auch Verständnis dafür, dass Lehrkräfte an ihre Grenzen kommen, weil das gesamte System so angespannt ist. Gleichzeitig wird gerade noch einmal deutlich, dass Demokratiebildung ein grundlegender Auftrag von Schule ist. Wir müssen also dafür sorgen, dass sie diesen Auftrag auch erfüllen kann.

Ich finde es schwierig, Lehrkräften immer noch mehr Verantwortung aufzubürden, weil ich sehe, wie sehr sie ohnehin kämpfen. Aber das System Schule muss sich verändern. Und wir müssen insgesamt wieder deutlich mehr Geld und Ressourcen in die Hand nehmen, um gute Bildung zu ermöglichen.

Wie notwendig das ist, wird gerade wieder sehr deutlich. Und es bricht mir immer wieder das Herz, dass das noch immer nicht ausreichend berücksichtigt und angegangen wird, obwohl es an so vielen Stellen bereits kracht.“

Welche Verantwortung haben die Medien? Worauf kommt es deiner Meinung nach an?

Medien haben eine total wichtige Funktion in unserem demokratischen Prozess und werden ja nicht umsonst oft als vierte Gewalt bezeichnet. Sie sind der Ort, an dem öffentliche Meinung abgebildet und gesellschaftliche Debatten ausgetragen werden.

Deshalb ist es auch so entscheidend, welche Stimmen in den Medien gehört werden und Aufmerksamkeit bekommen. Und da kommen wir wieder zu der Frage, nach welchen Logiken Medien funktionieren. Was generiert die meisten Klicks? Was verkauft sich am besten? Diese Logik steht leider oft im Widerspruch zu dem, was gesellschaftlich gerade wichtig wäre oder welche Gruppen vielleicht dringend eine Stimme bräuchten.

Emotionen und viel Drama erhöhen nun mal die Wahrscheinlichkeit, dass Beiträge geklickt oder Zeitungen verkauft werden. Das ist leider so. Umso wichtiger finde ich es, sich bewusst zu machen, welche Verantwortung damit einhergeht.

Wir hatten diese Diskussion ja auch gerade bundesweit, zum Beispiel rund um eine Spiegel-Ausgabe, durch die eine bestimmte Person noch einmal sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Da wünsche ich mir, dass Medien stärker reflektieren: Wem geben wir gerade Öffentlichkeit? Und wer versucht vielleicht gleichzeitig unter großem Druck oder sogar mit Angst im Rücken dagegenzuhalten, hat aber viel weniger Zugang zu bundesweiten Medien?

Medien erfüllen also eine enorm wichtige Funktion. Gleichzeitig sind sie gerade im lokalen und regionalen Bereich stark ausgedünnt. In Mecklenburg-Vorpommern haben wir zum Beispiel kaum noch echten Lokaljournalismus.

Und auch dadurch gehen Stimmen verloren. Am Ende ist es wieder die Frage: Welche Lebensrealitäten werden überhaupt sichtbar, diskutiert und kommen zur Sprache? Und dabei spielen Medien nun einmal eine ganz entscheidende Rolle.“

Viele fordern: „Mit Faschisten spricht man nicht“ – aber braucht es nicht gerade das Gespräch, um Menschen zu erreichen? Wann ist denn für dich der Moment erreicht, vielleicht auch in deiner Arbeit, wo du merkst, dass eine Person nicht mehr empfänglich ist – oder versucht man es dann trotzdem?

„Wenn ich Menschen mit offensichtlich rechtsextremen Symboliken sehe, bin ich nicht die Person, die denkt: Mit dieser Person versuche ich jetzt noch ein Gespräch auf die Beine zu stellen. Genauso glaube ich nicht, dass es sinnvoll ist, mit Funktionsträgern zu sprechen, die einer faschistischen oder nationalistischen Partei angehören.

Ich glaube aber sehr wohl, dass es wichtig ist, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die vielleicht eine rassistische oder nationalistische Partei wählen.

In Gesprächen merke ich immer wieder, dass es oft gar nicht in erster Linie um Rassismus oder Nationalismus geht. Der Antrieb ist häufig Frust, Protest oder das Bedürfnis, gehört zu werden. Und dieses Bedürfnis ist ja real.

Es geht genau um diese Gesprächsräume und um die Frage: Wo habe ich überhaupt noch die Möglichkeit, mich zu äußern? Gerade der politische Diskurs ist oft ein sehr etablierter Diskurs. Wenn ich mich in dieser Kultur nicht zugehörig fühle, ist die Hürde, mich politisch einzubringen oder an politischen Prozessen teilzunehmen, deutlich größer.

Sich politisch zu äußern, geht natürlich schnell – zum Beispiel über einen Social-Media-Beitrag. Aber bei vielen anderen Zugängen entsteht schnell das Gefühl: Das hat überhaupt nichts mit meiner Lebensrealität zu tun.

Diese Hürde abzubauen und Menschen mitzunehmen, finde ich deshalb total wichtig. Und darin sehe ich auch eine große gesellschaftliche Funktion von Vereinen: Menschen zu organisieren, Interessen zu vertreten und auch denen eine Stimme zu geben, denen es vielleicht nicht so leichtfällt, sich öffentlich zu äußern.“

Würdest du dir wünschen, dass Menschen aus den Großstädten die ländlichen Regionen aktiver unterstützen?

„Ja, weil ich glaube, dass wir diese Unterstützung tatsächlich brauchen – einfach, weil es an Ressourcen mangelt. Das eine ist Geld. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass noch viel schwerer wiegt, dass uns die Köpfe fehlen, also Menschen, die wirklich vor Ort sind.

Ideen gibt es zuhauf. Finanzielle Mittel lassen sich mal besser, mal schlechter durch Aktionen generieren. Die entscheidende Frage ist aber: Wer kann das alles noch umsetzen?

Wir erleben in der Breite ein Vereinssterben, auch aufgrund von Überalterung und Generationenwechseln, die nicht immer gelingen. Gleichzeitig verteilt sich gerade demokratisches Engagement oft auf sehr wenige Köpfe und Schultern. Dadurch kommen Menschen schnell an ihre persönlichen Grenzen.

Deshalb bin ich sehr dafür, dass es auch Unterstützung von außen gibt – aber gezielt. Aktionen, die in Großstädten entwickelt werden, sind oft nicht mit unseren lokalen und regionalen Gegebenheiten kompatibel. Umso wichtiger ist es, den Kontakt zu den Menschen zu suchen, die vor Ort aktiv sind.

Manchmal ist es gerade in einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern etwas mühsamer, diese Menschen zu finden. Aber sie sind da. Es geht darum, mit ihnen ins Gespräch zu kommen: Was wird eigentlich gebraucht? Vielleicht kann man auch bei einzelnen Aktionen vor Ort unterstützen.

Das wird wirklich gebraucht – neben finanziellen Mitteln vor allem auch personelle Unterstützung. Denn der Bedarf ist enorm. In Mecklenburg-Vorpommern leben rund 1,6 Millionen Menschen auf einer sehr großen Fläche. Dass wir dadurch in vielerlei Hinsicht mit Personalmangel zu tun haben, ergibt sich fast schon aus dieser Zahl.“

Du willst mehr über das Thema erfahren?

Noch mehr Impulse gibt Alicja Orlow in Folge 77 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Reinhören lohnt sich!

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Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!

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