Die Journalistin Carmen Maiwald spricht mit uns über die Hintergründe ihrer Reportage „Gestohlenes Leben“, die bei EDITION F erschienen ist, und gibt Einblicke in die Recherche.
In der 78. Folge von „Echt & Unzensiert“ ist Journalistin Carmen Maiwald zu Gast. Gemeinsam mit zwei Journalist*innen ging sie in Indien und Bangladesch dem Schicksal der jungen Frau Mariam Rani* (*Name von der Redaktion geändert) nach, die Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung wurde.
Das Gespräch analysiert die Systematik dahinter: Wie die Täter mit falschen Versprechen Notlagen ausnutzen, wie Abhängigkeiten entstehen und weshalb Fluchtversuche oft scheitern.
Im Zentrum der Recherche steht die Zeit nach der Befreiung: Reicht ein Rettungseinsatz aus, um ein zerstörtes Leben neu aufzubauen? Wir sprechen über die gesellschaftlichen und psychischen Hürden für Betroffene – und darüber, welche Strukturen für eine nachhaltige Reintegration unbedingt notwendig wären.
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch liest du hier:
„Ich war Anfang 2026, im Februar, über ein Stipendium in Neu-Delhi und habe dort mit der Journalistin Pari Saikia zusammengearbeitet. Pari ist quasi Expertin in diesem Bereich. Sie hat schon viele Recherchen zum Thema Menschenhandel gemacht und sich über die Jahre ein starkes Netzwerk aufgebaut.
Als ich dann vor Ort war, hat sie mich gefragt, ob ich gemeinsam mit ihr zu einem Fall recherchieren möchte. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt auch schon Kontakt zu unserer Protagonistin hergestellt. Wir nennen sie in dieser Reportage Mariam. Sie heißt eigentlich anders, aber wir machen das, um ihre Identität ein bisschen zu schützen.
In Delhi haben wir dann das erste Interview mit Mariam geführt und uns mehrere Stunden mit ihr unterhalten.“
„Genau. Ich war dann später, vor ein paar Wochen, noch in Dhaka, um die Geschichte weiterzuverfolgen und in Mariams Heimatort zu recherchieren. Dort wurde ich auch von einem lokalen Kollegen unterstützt, Rashad Ahamad. Er hat mit mir vor Ort recherchiert, natürlich alles übersetzt und überhaupt erst die Kontakte für mich hergestellt.“
„Mariam ist in einem Vorort von Dhaka mit zwei jüngeren Brüdern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater aufgewachsen. Die Familie lebte in sehr schwierigen finanziellen Verhältnissen, weshalb Mariam schon mit etwa zwölf Jahren die Schule verlassen musste. Als Kind, also noch minderjährig, hat sie dann zunächst in einer Textilfabrik gearbeitet.
Mit ungefähr 14 Jahren wurde sie von ihrer Familie zwangsverheiratet. Das ist auch in Bangladesch illegal. Ihre Mutter hat das wahrscheinlich gemacht, um ihr auf diese Weise eine gewisse finanzielle Sicherheit zu verschaffen.
Mariam wurde mit einem deutlich älteren Mann verheiratet, der zu diesem Zeitpunkt ungefähr 40 Jahre alt war. Es war eine gewaltvolle und missbräuchliche Ehe. Irgendwann wurde Mariam schwanger und floh vor ihrem Mann. Sie kehrte zu ihrer Familie zurück, also zu ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihren Brüdern, und verbrachte dort auch das erste Lebensjahr ihres Sohnes.“
„Diese Geschichte von Mariam kann wirklich stellvertretend für viele Fälle stehen. Das ist zumindest das, was uns auch Expert*innen im Rahmen der Recherche so eingeordnet haben. Mariam war damals in einer großen finanziellen Notlage. Und genau das ist häufig der Fall, wenn Menschen in die Hände von Menschenhändlern geraten.
Mariam war damals verzweifelt auf der Suche nach einem Job. Sie hatte ihren einjährigen Sohn, lebte bei ihrer Familie und musste irgendwie dazu beitragen, dass die Familie finanziell über die Runden kommt.
Sie hat uns erzählt, dass sie damals abends mit Freundinnen in einem Park war. Auch ihr Sohn war dabei. Sie hat diesen Park ein bisschen wie eine Art Gemeindezentrum beschrieben, also als einen Ort, an dem viele Menschen ihre Zeit verbracht haben.
Irgendwann ist dort eine Frau auf sie zugekommen, die sie vorher noch nicht kannte. Mariam hat uns erzählt, dass diese Frau Salia hieß. Sie war wohl sehr offen und jemand, dem man sich schnell anvertrauen wollte. Und genau das hat Mariam dann auch gemacht. Sie hat ihr ein bisschen ihr Herz ausgeschüttet und von ihrer gewaltvollen Ehe erzählt, davon, dass sie vor ihrem Ehemann fliehen musste und jetzt verzweifelt auf der Suche nach einem Job war.
Die Frau hat ihr daraufhin versprochen, ihr zu helfen und ihr Arbeit zu verschaffen. Sie sagte, sie kenne eine Familie, die eine Haushälterin suchen würde. Mariam hat ihr geglaubt.
Einen Tag später hat sie die Frau wieder getroffen und wollte die Familie kennenlernen, für die sie arbeiten sollte. Doch stattdessen wurde Mariam verschleppt. Die Frau und zwei weitere Männer zwangen sie in einen Bulli und brachten sie illegal über die Grenze nach Indien. Dort wurde sie zunächst etwa einen Monat lang in Kalkutta in einem Haus eingesperrt.“
„Mariam hat ein Tattoo auf ihrer Hand, auf dem ihr Anfangsbuchstabe tätowiert ist. Als wir sie darauf angesprochen haben, hat sie gesagt, dass es sie daran erinnert, wer sie ist und wer sie früher war. Dass sie früher irgendwie naiv gewesen sei und heute mutiger sei und besser verstehe, was damals eigentlich passiert ist.
Und das finde ich ehrlich gesagt ein bisschen traurig, weil sie einfach eine extrem junge Frau war – und auch immer noch ist. Bestimmt gab es Dinge, die einem vielleicht hätten komisch vorkommen können. Aber auf so eine Situation kann man, glaube ich, überhaupt nicht vorbereitet sein.
Im Grunde hat diese Frau genau das gemacht, was viele Menschenhändler*innen machen: Sie spielt mit der Hoffnung der Menschen und vermittelt ihnen das Gefühl, ihnen eine Zukunft aufzeigen oder ihnen aus ihrer finanziellen Notlage helfen zu können. Und genau diese Hoffnung hat sie Mariam gegeben.“
„Das Interessante an unserer Recherche ist, dass es meiner Kollegin Pari gelungen ist, auch Kontakt zu Mariams Familie herzustellen. Dadurch konnten wir die Geschichte ihres Verschwindens quasi aus zwei Perspektiven erzählen.
Wir konnten mehrfach mit Mariam sprechen und von ihr erfahren, wie sie ihr eigenes Verschwinden erlebt hat und natürlich auch die Zeit, in der sie prostituiert wurde. Gleichzeitig konnten wir aber auch mehrfach mit ihrer Mutter sprechen und sie später selbst in Dhaka treffen. So konnten wir erfahren, wie sie diesen Moment und die gesamte Zeit erlebt hat. Auch Mariams Mutter haben wir einen anderen Namen gegeben. Wir nennen sie Jannat.
Jannat hat uns erzählt, dass sie an dem Tag, an dem Mariam verschwunden ist, zunächst auf Mariams Sohn aufgepasst hat, weil er noch so jung war. Als ihre Tochter dann nicht zurückkam, dachte sie zuerst, dass sie vielleicht weggelaufen sein könnte. Daran zeigt sich auch ein bisschen, wie viele Zwischentöne es in dieser Geschichte gibt.
Sie ist dann losgezogen, zu ihren eigenen Eltern, also zu Mariams Großeltern, und zu Freundinnen. Aber nirgendwo gab es eine Spur ihrer Tochter. Irgendwann war ihr klar, dass etwas passiert sein musste. Sie sagte, sie habe einfach so ein Gefühl gehabt. Natürlich stand sie dann total unter Schock und war verzweifelt.
Tatsächlich hat ihre eigene Familie ihr damals aber davon abgeraten, die Polizei zu benachrichtigen. Die Begründung war, dass, wenn jemand erfährt, dass die Polizei nach Mariam sucht, der Eindruck entstehen könnte, sie sei irgendwie auf die schiefe Bahn geraten.
Diese Dimension ist in unserer Recherche immer wieder aufgekommen: wie wichtig es in der Gesellschaft ist, den Ruf von Frauen zu wahren und darauf zu achten, dass dieser Ruf nicht beschädigt wird. Darauf kommen wir bestimmt später noch einmal zu sprechen, weil das auch am Ende der Geschichte eine Rolle spielt.“
„Mariam wurde verschleppt und hat dann ungefähr einen Monat lang, so erinnert sie sich, in einem Haus in Kalkutta in einem Raum verbracht. Es war wie eine Art privates Gefängnis.
Nach ein paar Tagen, etwa drei Tagen, durfte sie zum ersten Mal ihre Mutter anrufen. Natürlich wusste Mariam selbst nicht genau, warum ihre Entführerin ihr diese Telefonate erlaubt hat. Aber man kann sich vorstellen, dass dadurch verhindert werden sollte, dass die Polizei eingeschaltet wird und nach Mariam sucht. Vielleicht wollte man die Familie auch ein Stück weit beruhigen und ihr die Geschichte erzählen, dass Mariam dort sei, um zu arbeiten, und Geld an ihre Familie zurückschicken könne.
Mariam hat uns erzählt, dass sie bei all den Anrufen, die sie in dieser Zeit tätigen durfte, nie alleine im Raum war. Deshalb konnte sie ihrer Mutter auch nicht sagen, was tatsächlich passiert war.
Und was ich auch sehr krass finde: Sie hat uns erzählt, dass sie ihrer Mutter teilweise gar nicht sagen wollte, was passiert war, weil sie nicht wusste, wie ihre Mutter damit umgehen würde, wenn sie erfährt, dass Mariam verschleppt und später zur Prostitution gezwungen wurde. Sie hat ihre Geschichte in diesem Moment also ganz alleine getragen und mit niemandem geteilt.“
„Nach etwa einem Monat hat ihre Entführerin ihr erzählt, dass sie nun eine Familie gefunden hätte, für die Mariam als Haushälterin arbeiten könne. Daraufhin sind die beiden gemeinsam mit dem Zug nach Neu-Delhi gereist.
Dort hat ihre Entführerin Mariam an eine andere Frau weitergegeben. Sie wurde also an einen Bordellbesitzer verkauft. Von da an wurde Mariam für etwa acht Monate in einem Bordell in Neu-Delhi zur Prostitution gezwungen.“
„Ja. Ich muss sagen, dass wir im Laufe der gesamten Recherche immer wieder darüber gesprochen haben. Das ist natürlich auch ein Vorteil, wenn man gemeinsam mit Kolleg*innen recherchiert und sich austauschen kann. Meine Kollegin Pari kennt viele solcher Geschichten, aber trotzdem haben wir immer wieder gesagt, wie erschütternd es ist, was Menschen anderen Menschen antun können – und, wie du sagst, eben auch Frauen anderen Frauen.
Ich finde, genau darin zeigt sich auch die Komplexität dieses Themas und wie viele Zwischentöne es gibt. Vermutlich war diese Frau selbst in einer ausweglosen finanziellen Situation. Man weiß es nicht, und ich will das überhaupt nicht rechtfertigen. Aber ihre Beweggründe sind auf jeden Fall wahnsinnig schwer nachzuvollziehen.“
„Ich weiß es nicht genau. Sie hatte ja schon am Anfang erzählt, dass sie irgendwie so ein Gefühl hatte, als Mariam verschwunden war – dass sie nicht einfach nur länger mit Freundinnen unterwegs oder bei ihren Großeltern geblieben war. Und vielleicht hatte sie auch bei diesem Telefonat einfach ein Gefühl, weil sie etwas in der Stimme ihrer Tochter wahrgenommen hat.
Mariam hat ihrer Mutter offiziell erzählt, dass sie in einem Massagesalon arbeiten würde. Irgendwann hat sie dann wohl in einem Telefonat gesagt, dass ihre Mutter gut auf ihren Sohn aufpassen und dafür sorgen solle, dass ihm niemals etwas passiert.
Das war für ihre Mutter wohl ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte das Gefühl, dass Mariam vielleicht davon ausging, ihren Sohn nicht mehr wiederzusehen – und dass die Situation eine ganz andere sein musste als die, von der Mariam ihr erzählte.“
„Wir haben in dem Gespräch nicht im Detail darüber gesprochen, was genau Mariam in dieser Zeit erlebt hat. Ich war dabei auch wahnsinnig froh, dass ich mit meiner Kollegin Pari zusammengearbeitet habe. Sie führt häufiger Gespräche mit Überlebenden und weiß, wie schwierig es ist, solche Gespräche zu führen, ohne dass die Person das Erlebte noch einmal durchleben muss.
Deswegen haben wir nicht gezielt nach Details aus dieser Zeit gefragt, sondern das Gespräch eher offen gelassen und Mariam einfach erzählen lassen. Wir wollten schauen, wie tief sie uns mit hineinnehmen möchte und wie weit sie selbst wieder in diese Erinnerungen zurückgehen will.
Sie hat aber ein paar Dinge erzählt. Zum Beispiel, dass sie dort angefangen hat zu rauchen und in dieser Zeit sehr viel geraucht hat. Es waren eher solche einzelnen Kleinigkeiten, an denen man erahnen kann, wie unfassbar schrecklich diese Zeit für sie gewesen sein muss.“
„Am Ende war Mariam ungefähr acht Monate in diesem Bordell. Eigentlich hätte sie schon etwas früher befreit werden sollen, weil die lokale Polizei wohl einen Hinweis bekommen hatte, dass dort eine minderjährige Frau oder ein Mädchen zur Prostitution gezwungen wird.
Die Beamten waren dann wohl auch in dem Bordell. Der Bordellbesitzer hatte allerdings vorher einen Hinweis bekommen und wusste, dass die Polizei kommen würde. Deshalb wurde Mariam versteckt. Sie hat uns erzählt, dass sie damals auf einer Dachterrasse unter einem großen Haufen schwerer Decken versteckt wurde.
An diesem Tag wurde sie also nicht gefunden. Aber auch die NGO Manobal, die darauf spezialisiert ist, Frauen aus der Zwangsprostitution zu befreien, hatte einen Hinweis bekommen. Später haben sie dann eine Art Undercover-Kunden in das Bordell geschickt. Dieser Mann hat Mariam gefunden – und auch weitere Minderjährige, die dort ebenfalls zur Prostitution gezwungen wurden.“
„Studien zeigen, dass das regional sehr unterschiedlich ist. In manchen Regionen funktioniert die Strafverfolgung schon etwas besser und erfolgreicher als in anderen. Häufig kommt es aber gar nicht erst zu einer Strafverfolgung oder zu einer Verurteilung.
In diesem Fall war die Situation relativ eindeutig, weil die Minderjährigen unmittelbar in dem Bordell des Besitzers gefunden wurden. Die Gründerin der NGO Manobal hat uns erklärt, dass eine Schwierigkeit darin liegt, dass Menschenhandel – wie auch im Fall von Mariam – häufig international und grenzüberschreitend stattfindet. Dann gibt es oft Unstimmigkeiten zwischen den Behörden darüber, wer überhaupt verantwortlich ist, und die Zusammenarbeit funktioniert nicht immer gut.
Ein weiterer Faktor ist, dass Menschenhandel zu den Deliktsbereichen gehört, bei denen die Ermittlerinnen besonders darauf angewiesen sind, dass Betroffene mit ihnen sprechen. Gleichzeitig sind Beamtinnen und Ermittler*innen, so hat es uns die NGO-Gründerin erklärt, gerade in Indien häufig nicht darauf spezialisiert, solche Gespräche mit Betroffenen zu führen.
Und daran kann es dann schon scheitern: Betroffene möchten oder können nicht über ihre Geschichte sprechen. Dadurch wird es natürlich auch schwieriger, die verantwortlichen Personen strafrechtlich zu verfolgen.“
„Unser allererstes Interview mit Mariam fand im Februar statt. Danach hatten wir über Monate hinweg Kontakt mit ihr. Sie musste noch länger in Neu-Delhi bleiben und auf ihre Papiere warten, die sie brauchte, um nach Bangladesch zurückkehren zu können.
In dieser Zeit haben wir immer wieder mit Mariam gesprochen und uns auch Bilder geschickt. Einen Tag vor ihrer Rückkehr hat sie uns dann angerufen. Mariam war vorher noch nie geflogen und sollte nun nach Dhaka zurückfliegen. Sie hat uns erzählt, dass sie wahnsinnige Angst vor dem Fliegen habe und seit Tagen immer nur Flugzeuge sehe, wenn sie in den Himmel schaut.
Auch nachdem sie angekommen war, hatten wir noch Kontakt. Sie hat uns erzählt, wie der Flug war und wie sie die ersten Tage mit ihrer Familie erlebt hat.
Dann ist der Kontakt ganz plötzlich abgebrochen. Meine Kollegin konnte Mariam einfach nicht mehr erreichen. Zum Glück hatten wir weiterhin Kontakt zu ihrer Mutter. Sie hat uns erzählt, dass die ersten Tage zunächst eine glückliche Zeit für alle gewesen seien, weil die Familie wieder vereint war. Dann sei Mariam aber erneut verschwunden.
Ihre Mutter hat das damit erklärt, dass sie Mariam ein Smartphone gegeben hatte und es daraufhin wieder Kontakt zwischen Mariam und ihrer Entführerin gegeben haben soll – entweder von Mariam aus oder von der Entführerin. Mariam sei dann irgendwann noch einmal zur Familie zurückgekommen, habe ihre Sachen gepackt und gesagt, dass sie nicht mehr mit ihrer Familie leben wolle.“
„Ich muss sagen, dass das für uns alle ein wahnsinniger Schock war – natürlich für die Familie, aber auch für uns, die wir uns so intensiv mit Mariams Geschichte auseinandergesetzt haben.
Und das Traurige an der Geschichte ist, dass wir Mariam selbst nicht mehr fragen können. Wir waren vor ein paar Wochen noch einmal in Dhaka und haben versucht, sie zu treffen. Wir haben uns auch mit ihrer Familie getroffen. Mariam möchte aber keinen Kontakt mehr – weder zu ihrer Familie noch zu uns.
Deswegen ist dieser Teil der Geschichte natürlich schwierig, weil wir ihn nur noch aus einer Perspektive erzählen können, nämlich aus der Sicht der Familie, die zurückgeblieben ist.
Wir haben deshalb mit einem klinischen Psychologen aus Dhaka gesprochen, Ashiquir Rahaman. Er hat versucht, uns zu erklären, welche Gründe es dafür geben kann, dass Betroffene wieder in dieses Milieu zurückkehren.
Er hat uns zunächst erklärt, welche entscheidende Rolle die Gesellschaft und natürlich auch die Familie bei so einer Rückkehr spielen. Nach Zwangsprostitution wieder in das alte Leben zurückzufinden, ist ein wahnsinnig komplexer und langwieriger Prozess.
Der Psychologe hat uns erklärt, dass Zwangsprostitution in Bangladesch, wie auch in vielen anderen Gesellschaften, ein absolutes Tabuthema ist. Das führt dazu, dass viele Überlebende nach ihrer Rückkehr gar keinen wirklichen Ort finden, an dem sie darüber sprechen können, was sie erlebt haben, was ihnen widerfahren ist und wie es ihnen damit geht.
Gleichzeitig kommt es häufig zu einer Art Schuldverschiebung. Den Überlebenden wird dann teilweise selbst die Verantwortung dafür gegeben, was ihnen passiert ist – weil sie angeblich falsch gekleidet waren, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren oder Kontakt zu den falschen Menschen hatten.
All das kann dazu führen, dass Überlebende sich ausgegrenzt oder abgestoßen fühlen. Und manchmal rebellieren sie dann auch gegen familiäre Rollen, in die sie wieder hineingedrängt werden sollen, oder gegen gesellschaftliche Normen und Konventionen.
Die andere Dimension, die der Psychologe angesprochen hat, ist die finanzielle Situation. Viele Überlebende kehren zurück und befinden sich wieder in einer finanziellen Notlage, weil sie keine Arbeit finden oder kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung haben.
Dieser Mix aus dem Gefühl, ausgestoßen zu sein, und einer erneuten finanziellen Notlage kann dazu führen, dass Überlebende wieder zu Menschenhändlern zurückkehren oder von ihnen erneut angesprochen werden. Sie befinden sich dann wieder in einer Situation, in der sie für sich keinen anderen Ausweg sehen.“
„Genau. Wir waren dann in Mariams ehemaligem Zuhause in Dhaka und sind ein bisschen ihre früheren Wege abgegangen. Wir haben uns zum Beispiel ihre alte Schule von außen angesehen – wir waren nicht drin – und Orte besucht, die früher zu Mariams Alltag gehört haben.
Dabei war aber klar, dass wir nicht einfach nach Mariam fragen können. Denn dann würden sich die Menschen natürlich fragen: Warum sind Journalist*innen hier? Was ist mit Mariam passiert? Und das ist nicht gewollt.“
„Wir haben auch versucht, Mariam über TikTok zu kontaktieren, aber sie reagiert auf keine Nachrichten mehr. Und ich muss auch sagen: Das ist natürlich vollkommen in Ordnung. Sie kann sich jederzeit dazu entscheiden, nicht mehr mit Journalist*innen über ihre Geschichte sprechen zu wollen.
Mariam postet aber weiterhin regelmäßig auf TikTok. Einer ihrer letzten Posts war ein Bild, auf dem sie an einem Flughafen an einem Gate steht. Darunter hat sie einen Rap-Song gelegt. Mein Kollege Rashad hat den Text für uns übersetzt.
Und das, was die Männerstimme in diesem Song rappt, erinnert ein bisschen an das, was uns auch der Psychologe erklärt hat. Ich kann das Zitat gerade nicht genau wiedergeben, aber im Grunde geht es darum, sich als Außenseiterin zu fühlen, immer versucht zu haben, alle anderen zu respektieren und sich dabei selbst unter Wert verkauft zu haben – und bis heute eine Außenseiterin geblieben zu sein.
Ich will das überhaupt nicht überinterpretieren. Aber es passt zu dem, was uns der Psychologe erklärt hat: dass sich Überlebende nach ihrer Rückkehr stark ausgegrenzt fühlen können und es dadurch sehr schwierig sein kann, wieder in ihr altes Umfeld zurückzukehren.“
„Ich muss sagen, dass ich wahnsinnig schockiert war, als ich diese Zahl im Laufe unserer Recherche zum ersten Mal gelesen habe. Sie stammt aus einem Bericht der Vereinten Nationen. Demnach ist die Zahl der Fälle von Menschenhandel zwischen 2020 und 2022 weltweit um 43 Prozent gestiegen. Das finde ich absolut schockierend.
Natürlich muss man dazu sagen: Ein Anstieg der Fallzahlen kann auch bedeuten, dass mehr Fälle bekannt oder erfasst wurden. In diesem Bericht wird aber ein klarer Zusammenhang mit der Pandemie hergestellt. Durch die Pandemie sind in vielen Regionen der Welt Menschen in eine enorme finanzielle Notlage geraten. Und genau das kann, wie ich vorhin schon erklärt habe, einen Nährboden für Menschenhandel schaffen.
Eine weitere Dimension, die uns vor allem bei der Recherche in Bangladesch noch einmal deutlich geworden ist, ist der Zusammenhang mit den Auswirkungen des Klimawandels. Das betrifft Mariams Geschichte nicht direkt und war deshalb auch kein Teil der Reportage.
Bangladesch ist ein Land, das sehr stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist. Gerade in den Küstenregionen leben viele Menschen von Fischerei und Landwirtschaft. Durch Zyklone und das Eindringen von Salzwasser verlieren viele von ihnen ihre Lebensgrundlage und ziehen mit ihren Familien in größere Städte.
Dort müssen sie sich oft erst einmal neu zurechtfinden und Arbeit finden. Und genau diese Situation kann dazu führen, dass Menschen in die Hände von Menschenhändlern geraten. Besonders betroffen sind dabei Frauen.“
„Ja. Wir haben mit der Genderforscherin Vibhuti Patel gesprochen, die sich seit über 20 Jahren in Indien für die Rechte von Frauen einsetzt und an verschiedenen Lehrstühlen gearbeitet hat.
Sie hat uns gesagt, dass auf jeden Fall, der in offiziellen Registern gemeldet wird, vermutlich ein weiterer kommt, der nie gemeldet wird. Die tatsächlichen Zahlen in Indien dürften demnach deutlich höher liegen als die offiziell erfassten.“
„Ich glaube, erst einmal war es dieser Kontakt zu meiner Kollegin Pari und meinem Kollegen Rashad und die Erfahrung, gemeinsam so ein Netzwerk aufzubauen und über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Ohne die beiden wäre diese Recherche überhaupt nicht möglich gewesen. Das war für mich eine schöne Erfahrung – zu sehen, wie gut so eine Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg funktionieren kann.
Was für mich die größte Herausforderung war, waren die vielen Zwischentöne in dieser Geschichte. Zum Beispiel Mariams Mutter kennenzulernen und vorher zu wissen, dass sie diejenige war, die Mariam in diesem jungen Alter verheiratet hat. Dann trotzdem offen auf diese Person zuzugehen, offen für ihren Teil der Geschichte zu sein und auch ihre Beweggründe kennenzulernen – das fand ich sehr herausfordernd. Und auch diese Zwischentöne später aufzuschreiben, war gar nicht so einfach.
Ich habe dabei oft an ein Zitat des Filmemachers Wim Wenders gedacht, auch wenn er nicht unumstritten ist. Er hat einmal gesagt: ‚The more opinions you have, the less you see.‘ Also: Je mehr Meinungen man hat, desto weniger sieht man eigentlich.
Dieser Gedanke hat mich während der Recherche sehr begleitet. Denn natürlich bin ich als westliche Journalistin mit anderen gesellschaftlichen Erfahrungen in diese Recherche gegangen. Und ich musste mich auch ein Stück weit von meinen eigenen Vorstellungen und Meinungen freimachen, um offen für alle Perspektiven und Eindrücke zu sein.“
„Erst einmal hatte ich großen Respekt vor dieser Arbeit. Wir haben ja, wie gesagt, mit der Gründerin von Manobal gesprochen. Sie arbeitet, ich glaube, seit über 20 Jahren in diesem Bereich, hat wahnsinnig viele Geschichten gehört und macht eine Arbeit, die eigentlich nie aufhört. Sie ist im Grunde rund um die Uhr erreichbar.
Was mich total überrascht hat, ist, dass einige Betroffene über Instagram Kontakt zu ihr aufgenommen haben. Man muss ja auch sagen, dass sexuelle Ausbeutung nicht nur im Zusammenhang mit Sexarbeit stattfindet, sondern auch in privaten Beziehungen. Einige der Frauen, denen sie geholfen haben, hatten Zugang zum Internet und zu einem Handy und haben nach außen hin ein relativ normales Leben geführt. Trotzdem brauchten sie Hilfe, um aus ihrer Situation herauszukommen.
Ich glaube, die Grenzen sind teilweise dieselben, an die auch Behörden stoßen. Da ist zum einen diese internationale Vernetzung und die Frage: Wie funktioniert dieses Netzwerk überhaupt? Wo können wir nach einer bestimmten Person suchen? In ihrer Arbeit gibt es wahnsinnig viele solcher Herausforderungen.
Sie haben auch gesagt, dass genau der Punkt, an dem wir Mariam begleitet haben, häufig der entscheidende ist: Die Befreiung allein reicht nicht aus. Auch die Reintegration in ein Leben – und das muss ja nicht unbedingt das alte Leben sein, sondern kann auch ein Leben sein, das sich die Betroffenen selbst aussuchen – ist wahnsinnig schwierig.
Man denkt vielleicht erst einmal: ‚Wow, sie wurde befreit und jetzt ist alles gut.‘ Aber so ist es eben nicht.“
„Wir haben auf jeden Fall weiterhin Kontakt zu Mariams Familie. Als wir mit dem Text fast fertig waren, haben wir auch noch einmal versucht, Mariam zu kontaktieren. Von ihr selbst haben wir nichts mehr gehört.
Mein Kollege Rashad hält aber weiterhin den Kontakt zu Mariams Familie. Und ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann noch einmal ein Update bekommen oder vielleicht sogar noch einmal mit Mariam selbst sprechen können.“
Noch mehr Einblicke gibt Carmen Maiwald in Folge 78 unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“. Reinhören lohnt sich!
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Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!