Lynn ist intergeschlechtlich und kam gesund zur Welt. Dennoch entschieden Ärzt*innen schon früh, den Körper operativ an ein Geschlecht anzupassen – mit Folgen, die bis heute nachwirken.
In der 79. Folge unseres Podcasts „Echt & Unzensiert“ sprechen wir darüber, was Intergeschlechtlichkeit eigentlich bedeutet, welche körperlichen und psychischen Narben geschlechtsangleichende Eingriffe hinterlassen und warum intergeschlechtliche Kinder bis heute nicht ausreichend vor medizinisch unnötigen Operationen geschützt werden.
Lynn teilt schonungslos offen die Erfahrungen aus Jahren voller Operationen und Untersuchungen – und wie es war, erst Jahre später zu begreifen, was dem eigenen Körper angetan wurde. Zudem gibt Lynn wichtige Impulse für einen geschützten Umgang mit intergeschlechtlichen Kindern und benennt klar, was sich medizinisch, politisch und gesellschaftlich verändern muss.
Die ganze Podcastfolge hörst du über einen Klick ins Titelbild oder eingebettet unten im Artikel und natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt. Einen Ausschnitt aus dem Gespräch mit Lynn liest du hier.
„Bei der Geburt wird ja meistens erst mal geschaut, welches Geschlecht das Kind hat. Die Ärzt*innen sind angehalten, das relativ schnell festzustellen. Und da schaut man natürlich zunächst auf die äußeren Geschlechtsmerkmale. Ist es eine Vulva oder ist es ein Penis?
Bei mir gab es aber eine uneindeutige Situation. Also, es gab beides. Das darf man sich jetzt aber nicht so vorstellen, dass ich einen Penis und eine Vulva hatte, wie man sie klassischerweise kennt. Man kann sich das eher wie einen Schieberegler vorstellen, also ein Spektrum mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Ich hatte einen kleinen Penis und eine kleine Vulva.
Das deutet natürlich sehr stark auf Intergeschlechtlichkeit hin. In den ersten 48 Stunden war dann großes Treiben, weil man nicht wusste, welchem Geschlecht man mich zuordnen sollte.
Was man dann macht, sind Genanalysen. Man schaut also, was die Chromosomen sagen und welche inneren Geschlechtsmerkmale vorhanden sind. Gibt es Keimdrüsen, also beispielsweise Hoden oder Eierstöcke? Da wird erst mal eine Bestandsaufnahme gemacht.
Auf dieser Grundlage wird dann entschieden, ob jemand als Mädchen oder Junge eingeordnet wird. Was ja in beiden Fällen für mich und meinen Körper, wenn man ganz ehrlich ist, komplett falsch war.“
„Genau. Bei manchen fällt es erst in der Pubertät auf oder sogar noch viel später. Es gibt Menschen, die einen vollständig weiblich anmutenden Phänotyp haben, also äußerlich weiblich aussehen. Wenn man sich aber die inneren Organe und die Chromosomen anschaut, kann ein traditionell männlicher Aufbau vorliegen.
Der Körper kann in solchen Fällen bestimmte Androgene, also männliche Geschlechtshormone wie Testosteron, nicht richtig verarbeiten. Deshalb hat keine Virilisierung, also keine Vermännlichung, stattgefunden. Diese Menschen sind genauso intergeschlechtlich.“
„Absolut. Ich glaube, das ist ein großes Missverständnis.
Nur weil viele Menschen so eine große Angst davor haben, dass es etwas zwischen männlich und weiblich geben könnte, kommen sie schnell zu dem Schluss, dass ein intergeschlechtliches Kind krank sein muss. Auch Eltern denken das häufig. Und die Ärzt*innen haben das lange Zeit genauso deklariert. Da hieß es dann, es liege eine Mutation oder ein Gendefekt vor.
Mein Körper war aber komplett gesund. Tatsächlich ist mein Körper erst durch die geschlechtsangleichenden Operationen krank geworden, und das bis heute. Ich bin so oft bei Ärzt*innen, ich kann gar nicht aufzählen, was das alles für Kosten verursacht.
Und das alles hat man nur gemacht, weil man dachte, dass etwas zwischen männlich und weiblich einfach nicht existieren darf. Also musste Eindeutigkeit geschaffen werden.
Und Eindeutigkeit schaffen hieß in meinem Fall: Der Penis musste ab und die Gonaden mussten raus. Das heißt, der Hoden und der Eierstock wurden entfernt. Von außen wurde dann alles so zurechtoperiert, dass es wie eine Vulva aussieht.
Ich meine, ich war anderthalb Jahre alt. Mich hat kein Mensch gefragt, ob ich überhaupt weiblich sein möchte. Und gleichzeitig bin ich ja auch kein Junge. Ich habe aufgrund von Hormonen zwar mittlerweile einen Bart und eine tiefe Stimme, aber das macht mich ja nicht automatisch zum Mann.
Das ist einfach unglaublich vertrackt. Wir bewegen uns gesellschaftlich in einem so engen Rahmen, wenn es um Geschlecht geht. Und da herrschen so viele Ängste, dass es unglaublich schwer ist, diese irrationalen Vorstellungen zu durchbrechen.
Und ich muss das mit meiner Person und meinem Körper ausbaden. Genauso wie viele andere intergeschlechtliche Menschen, die unter diesen engen gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht leiden.“
„Genau. Die Ärzt*innen haben Intergeschlechtlichkeit immer gerne als Entwicklungsstörung dargestellt. Sie gehen davon aus, dass es eine bestimmte Ausgangssituation gibt. Früher hat man immer gesagt, die sei weiblich, aber das stimmt so auch nicht ganz.
Dann gibt es bestimmte Auslöser, die verschiedene Entwicklungsschritte in Gang setzen. Und entweder entwickelt sich das Ganze bis zum Ende oder die Entwicklung bleibt gewissermaßen mittendrin stehen. Und das ist dann wahrscheinlich das, was am Ende als intergeschlechtlicher Mensch geboren wird.
Aber ganz ehrlich: Die Natur macht so viele wilde Dinge. Ich finde diese Darstellung deshalb schwierig. Bis heute ist der gesamte Prozess der Geschlechtsentwicklung wissenschaftlich noch nicht vollständig beschrieben. Es gibt keine wirklich zufriedenstellende Erklärung dafür, wie sich ein Körper in Richtung männlich oder weiblich entwickelt.
Ich habe mir das mal von einem Sexualwissenschaftler erklären lassen, der sich intensiv mit der Entwicklung des Embryos beschäftigt. Er sagte, dass es Zehntausende Entwicklungsschritte gibt und bei jedem einzelnen wieder Tausende Möglichkeiten, wie die Entwicklung weitergehen kann. Da spielen so viele chemische Prozesse und andere Faktoren eine Rolle, dass man sagen könnte: Da ist Lottospielen einfacher.
Viele dieser Einflüsse sind noch gar nicht vollständig erforscht. Man nimmt bestimmte Dinge einfach an. Und das finde ich gefährlich, weil vieles eben noch nicht abschließend bewiesen oder geklärt ist.
Deshalb finde ich es ehrlich gesagt ziemlich frech, wenn sich Menschen hinstellen und behaupten, sie wüssten ganz genau, wie Geschlechtsentwicklung funktioniert und wie sie zu funktionieren hat. Und daraus dann ableiten, dass es ausschließlich Männer und Frauen gibt und alles andere krank sei.
Das ist einfach Quatsch. Diese Schlussfolgerung ist wissenschaftlich nicht haltbar.“
„Wenn man ein bisschen zu dem Thema googelt, stellt man schnell fest, dass sehr unterschiedliche Zahlen kursieren.
Es gab mal eine Ethikkommission, die sich mit der Frage beschäftigt hat, ob es überhaupt in Ordnung ist, die Körper intergeschlechtlicher Kinder operativ anzupassen. Diese Kommission ist damals von 800.000 intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland ausgegangen.
Das bezieht sich auf einen relativ eng gefassten Kreis von Interdiagnosen. Also Menschen wie mich, bei denen die körperlichen Geschlechtsmerkmale besonders uneindeutig sind.
Aber wie gesagt: Wir haben ja dieses ganze Spektrum körperlicher Geschlechtsmerkmale zwischen männlich und weiblich. Wenn man sich das wie einen Schieberegler vorstellt, gibt es unglaublich viele Varianten. Und wenn man Intergeschlechtlichkeit weiter fasst, kommt man in Deutschland auf ungefähr 1,4 Millionen Menschen. Es kursieren Zahlen zwischen 1,8 und 2 Prozent.
Unabhängig davon, welche Zahl man zugrunde legt, betrifft das ziemlich viele Menschen. Es ist also nicht einfach irgendeine kleine Nische.“
„Dazu muss man direkt sagen: Ärzt*innen treffen nicht nur eigene Entscheidungen, sondern sie orientieren sich vor allem an medizinischen Richtlinien. Und die werden vor allem durch politische Vorgaben beeinflusst.
Damals gab es die Vorgabe, dass innerhalb von sieben Tagen geklärt werden musste, ob ein Kind als Junge oder Mädchen ins Geburtenregister eingetragen wird. Das erzeugt natürlich enormen Druck. Gerade in den 80er-Jahren hätte eine gründliche Diagnostik wahrscheinlich deutlich länger gedauert.
Hinzu kam, dass die medizinischen Leitlinien empfahlen, ein eindeutiges Geschlecht herzustellen. Das war keine Pflicht, sondern eine Empfehlung. Aber eine Klinik denkt natürlich auch: ‚Was passiert, wenn wir uns nicht an die Leitlinien halten und später jemand klagt?‘ Also folgt man ihnen.
Was ich besonders erschreckend finde, ist, wie viele Betroffene und Eltern mir erzählen, dass sie überhaupt nicht richtig aufgeklärt wurden. Ihnen wurde nicht erklärt, was mit dem Körper eigentlich los war. Stattdessen hieß es einfach: ‚Da ist etwas kaputt, das müssen wir operieren.‘
In meinem Fall waren meine Eltern blutjung, kamen vom Land und saßen plötzlich einer Autoritätsperson aus einer Uniklinik gegenüber. Und die sagte ihnen sinngemäß: ‚Wenn wir jetzt nichts machen, ist Ihr Kind wahrscheinlich in sieben Jahren tot.‘ Ich meine, was machst du denn in so einer Situation? Natürlich unterschreibst du alles, um dein Kind zu retten.
Anstatt vielleicht mal zu fragen: ‚Moment, sieben Jahre? Kann man das nicht regelmäßig untersuchen? Gibt es keine anderen Möglichkeiten, als direkt den kompletten Unterleib auseinanderzunehmen? Das ist ja auch unglaublich traumatisierend für ein Kind.‘
Aber Angst ist ein sehr mächtiges Mittel. Und ich glaube, dass auch die Ärzt*innen selbst zum Teil diese Angst hatten. Ich glaube nicht, dass das immer bewusst instrumentalisiert wurde. Manche haben das vielleicht gemacht, aber viele waren wahrscheinlich selbst davon überzeugt, dass diese Eingriffe notwendig seien.
Da wurde beispielsweise angenommen, dass Hoden im Bauchraum Krebs verursachen könnten. Nach dem Motto: Hoden liegen normalerweise außerhalb des Körpers, weil sie gekühlt werden müssen. Wenn sie im warmen Körperinneren bleiben, entsteht wahrscheinlich Krebs.
Aber wo waren die Studien dazu? Welche konkreten Risiken bestanden tatsächlich? Vieles war damals gar nicht ausreichend untersucht. Und trotzdem wurden daraus so weitreichende Entscheidungen abgeleitet.“
„Absolut. Ich habe letztens ein wissenschaftliches Buch aus dem frühen 20. Jahrhundert gelesen, in dem über 100 unterschiedliche intergeschlechtliche Phänotypen untersucht und beschrieben wurden. Ganz wertneutral, ohne die Menschen körperlich in irgendeine Richtung verändern zu wollen. Das waren erwachsene Menschen, die gesund waren. Da muss man sich doch fragen, wie das zusammenpasst.
Aber als junge Eltern kannst du das in diesem Moment natürlich nicht alles hinterfragen und reflektieren. Und deshalb finde ich es wichtig, auch darüber zu sprechen, was Eltern heute machen können, wenn sie ein intergeschlechtliches Kind bekommen.“
„Es gibt mittlerweile Peerberatung. Ich bin selbst Peerberater. Das bedeutet, dass Eltern kostenlos mit intergeschlechtlichen Menschen sprechen können, die selbst betroffen und als Berater*innen ausgebildet sind. Auch andere Eltern können ihre Erfahrungen weitergeben.
So bekommt man unterschiedliche Perspektiven, kann sich informieren und erst mal verstehen, was überhaupt los ist und welche Möglichkeiten man hat.
Und vor allem kann man intergeschlechtliche Menschen kennenlernen, die ein gutes Leben führen. Die natürlich auch ihre Schwierigkeiten haben, aber eben ganz normale Menschen sind.
Dann merkt man vielleicht: Ich habe hier kein Monster, keinen Mutanten und auch nicht automatisch ein Kind mit einer Behinderung. Solche Vorstellungen gibt es nämlich tatsächlich. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass sie damals das Gefühl hatte, mit einem solchen Kind sei man als Eltern selbst irgendwie behindert.
Dabei war ich vollkommen gesund. Ich konnte laufen, stehen, rennen, sehen und hören. Ich hatte keinerlei körperliche Einschränkungen. Das steht übrigens sogar in meinen medizinischen Unterlagen von damals. Da wurde ausdrücklich festgehalten, dass ich ein kerngesundes Kind war. Aber der Penis musste trotzdem weg. Das finde ich bis heute unglaublich gruselig.“
„Solche Operationen wurden häufig nicht direkt nach der Geburt durchgeführt. Stattdessen versuchte man, innerhalb der ersten beiden Lebensjahre ein eindeutiges Geschlecht herzustellen.
Und wir sprechen hier nicht von kleinen Eingriffen. Das sind schwere, stundenlange Operationen im Genitalbereich, auf die häufig weitere Eingriffe folgen. Ich kenne Menschen, die mir erzählt haben, dass sie 30 Operationen hinter sich haben. Ich hatte „nur“ sieben.
Das zog sich natürlich über mehrere Jahre. Ich habe damals fast ein komplettes Jahr im Krankenhaus verbracht. Und man muss sich mal vorstellen, was das für ein zwei- oder dreijähriges Kind bedeutet. Das ist einfach furchtbar.
Dazu kommen die Schmerzen im Genitalbereich, unter denen ich bis heute leide.“
„Es gibt beispielsweise die Diagnose AGS, also das adrenogenitale Syndrom. Dabei kann es zu einem akuten Salzverlust kommen, weil der Körper den Salzhaushalt nicht richtig regulieren kann. Das kann lebensbedrohlich sein und muss medizinisch behandelt werden.
Es gibt also durchaus gute Gründe, warum intergeschlechtliche Menschen medizinische Versorgung brauchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht.
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Warum besteht überhaupt das Bedürfnis, Genitalien zu operieren? Warum muss da etwas aufgebaut oder weggeschnitten werden?
Und das Gruselige ist, wie dabei vorgegangen wurde. Da wurde geschaut: Was haben wir denn hier? Häufig wurde das als übergroße Klitoris bezeichnet. Und dann wurde tatsächlich ein Lineal angesetzt. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Phallometer.
Auf dieser Skala gibt es einen Bereich für die Klitoris, dann eine Grauzone, in der die Zuordnung nicht eindeutig ist, und anschließend beginnt der Bereich für den Penis. Daran sieht man ja schon, dass es einen fließenden Übergang gibt.
Mein Penis lag damals ungefähr an der oberen Grenze dieser Grauzone. Er war etwa 4,5 Zentimeter groß. Und ich meine, das ist ja auch nicht nichts. Aber die Entscheidung war offenbar: Weg damit!
Ich finde es heftig, wie zynisch und mechanisch dabei vorgegangen wurde und wie wenig der Mensch im Mittelpunkt stand.
Warum musste überhaupt etwas korrigiert werden? Ich konnte urinieren. Mein Genital sah einfach anders aus. Aber das ist doch okay. Penisse sehen schließlich auch nicht alle gleich aus. Vulven genauso wenig. Trotzdem wurde da ein enormer Handlungsbedarf gesehen.“
„Ein häufiges Argument ist: ‚Was sagen denn die anderen Kinder?‘ Da ging es also auch um vermeintliche Mobbingprävention. Man wollte verhindern, dass ein Kind aufgrund seines Körpers als besonders anders wahrgenommen wird.
Aber ich sage dir eins: Kinder können mit solchen Unterschieden oft ziemlich gut umgehen. Für Kinder spielt das Genital meiner Erfahrung nach gar keine so große Rolle. Die soziale Rolle ist viel wichtiger als die körperlichen Geschlechtsmerkmale.
Ich lese manchmal Kommentare von besorgten Eltern, die sagen: ‚Sei doch froh, dass du damals operiert wurdest. Das hat dir so viel Leid erspart. Kinder können so grausam sein.‘
Aber ich glaube, dass Erwachsene oft viel grausamer sind. Denn sie schaffen überhaupt erst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wenn wir Kindern vermitteln, dass es nur zwei Schubladen gibt und alle, die da nicht hineinpassen, irgendwie falsch sind, dann ist das doch das eigentliche Problem.
Natürlich will ich damit nicht sagen, dass es leicht ist, ein intergeschlechtliches Kind großzuziehen. Aber Kinder großzuziehen ist grundsätzlich nicht leicht. Jeder Mensch ist individuell, hat seine Besonderheiten, Stärken und Schwächen, ist verletzlich und gleichzeitig stark. Wir alle müssen lernen, mit dieser Welt zurechtzukommen. Das ist harte Arbeit und funktioniert nicht ohne Leid.“
„Die entscheidende Frage ist doch: Was mache ich als Elternteil? Stärke ich mein Kind in seinem Selbstverständnis und im Umgang mit dem eigenen Körper? Bereite ich es darauf vor, mit schwierigen Situationen umzugehen?
Wie reagiert mein Kind, wenn jemand gemein zu ihm ist oder es beschimpft? Das sind alles Dinge, die Kinder lernen müssen. Und sie können auch lernen, mit körperlichen Unterschieden umzugehen.
Und übrigens, an die Eltern da draußen, die mir immer wieder sagen wollen, wie glücklich ich darüber sein müsste, dass ich operiert wurde: Ich wurde operiert und trotzdem gemobbt! Die Operationen haben mich überhaupt nicht davor geschützt.
Ich habe eher die Vermutung, dass Kinder, die sich unsicher fühlen, manchmal leichter zur Zielscheibe werden. Andere nutzen diese Unsicherheit aus, um sich selbst stärker zu fühlen oder von ihren eigenen Problemen abzulenken. Deshalb finde ich, dass wir hier die völlig falsche Debatte führen.“
„Wenn man ganz ehrlich ist, werden viele dieser Kinder letztendlich für die Erwachsenen operiert. Damit die Eltern und das Umfeld besser mit der Situation umgehen können.
Denn ich brauche mit anderthalb oder zwei Jahren keine penetrierfähige Vagina. Wofür denn? Mir wird damit auch eine bestimmte Sexualität unterstellt, die ich vielleicht überhaupt nicht haben möchte. Da wird etwas vorweggenommen und an gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität angepasst, ohne dass ich selbst darüber entscheiden kann.
Und gleichzeitig wird mir unglaublich viel genommen. Ich wurde durch diese Eingriffe schwer traumatisiert. Mir wurde die Möglichkeit genommen, von Anfang an eine positive Beziehung zu meinem eigenen Körper aufzubauen.“
„Kurz zur Einordnung: Seit 2013 gibt es die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag im Geburtenregister offen zu lassen. Das heißt, es besteht gar nicht mehr dieser Druck, intergeschlechtliche Kinder unbedingt als männlich oder weiblich einordnen zu müssen.
2018 wurde dann mit „divers“ eine weitere Geschlechtsoption eingeführt.
Wichtig ist dabei: Wir sprechen hier über den Eintrag im Geburtenregister, der zunächst anhand körperlicher Merkmale vorgenommen wird. Das hat erst mal nichts damit zu tun, mit welchem Geschlecht sich ein Mensch später identifiziert. Das wird häufig verwechselt.
2021 kam dann das Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Es soll intergeschlechtliche Kinder ausdrücklich vor medizinisch nicht notwendigen Operationen schützen.
Auch vor 2021 waren solche Eingriffe rechtlich umstritten. Schließlich geht es um das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Allerdings war es für Betroffene oft schwierig, nachträglich gegen die Eingriffe vorzugehen.
Hinzu kommt, dass medizinische Gutachter*innen häufig selbst Ärzt*innen sind. In solchen Verfahren wurde dann beispielsweise argumentiert, dass die Eingriffe dem damaligen medizinischen Standard entsprochen hätten und man sich an die geltenden Leitlinien gehalten habe. Dadurch konnte es für Betroffene schwierig sein, rechtlich etwas zu erreichen.
Deshalb hat die Politik schließlich entschieden, den Schutz noch einmal ausdrücklich gesetzlich zu verankern. Die Botschaft dahinter war im Grunde: Wir wollen nicht, dass Kinder allein aufgrund ihrer körperlichen Geschlechtsmerkmale operiert werden, nur weil diese nicht den üblichen Vorstellungen von männlich oder weiblich entsprechen.
Konkret bedeutet das: Operationen, die ausschließlich dazu dienen, das körperliche Erscheinungsbild eines Kindes an männliche oder weibliche Geschlechternormen anzupassen, sind verboten. Auch andere geschlechtsverändernde Eingriffe, die aufgeschoben werden können, bis das Kind selbst darüber entscheiden kann, dürfen grundsätzlich nicht vorher vorgenommen werden.
Sind Behandlungen dagegen nicht aufschiebbar, können die Eltern unter bestimmten Voraussetzungen einwilligen. Dafür ist dann oft aber auch zusätzlich eine familiengerichtliche Genehmigung erforderlich. Das Gericht prüft, ob der Eingriff dem Kindeswohl entspricht. In akuten medizinischen Notfällen gibt es allerdings Ausnahmen von dieser Genehmigungspflicht.“
„Ja, die gibt es. Das Gesetz gilt nämlich nur für Kinder mit bestimmten Varianten der Geschlechtsentwicklung. Ob ein Kind darunterfällt, hängt auch von der medizinischen Einordnung durch Ärzt*innen ab.
Es gibt eine Studie von Ulrike Klöppel, die anhand von Krankenkassenabrechnungen untersucht hat, welche Operationen durchgeführt werden und mit welchen Diagnosen sie begründet werden. Und da lässt sich seit 2013 eine interessante Entwicklung beobachten: Die Diagnosen haben sich verschoben.
Ärzt*innen können weiterhin operieren, wenn sie die Eingriffe entsprechend begründen. Sie können beispielsweise sagen, dass gar keine Intergeschlechtlichkeit vorliegt, sondern eine andere medizinische Diagnose, die einen Eingriff notwendig macht. Und jetzt mal ehrlich: Wer überprüft das letztendlich so genau?
Plötzlich werden also wesentlich weniger intergeschlechtliche Kinder diagnostiziert. Und das nach einer gesetzlichen Veränderung. Da muss man sich doch fragen, wie das sein kann.
Gleichzeitig zeigen die Untersuchungen von Ulrike Klöppel, dass sich auch die abgerechneten Operationen verschoben haben. Bestimmte Eingriffe gehen zurück, während andere, die im Prinzip ähnliche körperliche Veränderungen bewirken, zunehmen. Beispielsweise im Zusammenhang mit Diagnosen wie Hypospadie.
Das heißt, es wird weiterhin operiert, aber unter anderen Diagnosen. Zumindest legen die Zahlen diese Vermutung nahe.
Und natürlich ist das Ganze auch eine Einnahmequelle. Ulrike Klöppel hat ebenfalls aufgezeigt, welche Kosten dadurch entstehen. Wir sprechen hier schließlich von sehr komplexen, langwierigen Operationen und anschließenden Behandlungen. Und für viele Betroffene kommt noch eine lebenslange Medikamentenversorgung hinzu.“
„Untersuchungen gab es eigentlich immer. Aber irgendwann kommt natürlich der Punkt, an dem die Pubertät beginnen sollte. Blöd nur, wenn einem vorher sämtliche hormonproduzierenden Organe entfernt wurden. Mein Körper konnte die Pubertät also gar nicht selbst einleiten.
Deshalb begannen mit acht Jahren diese regelmäßigen Untersuchungen. Alle paar Monate musste ich in die Klinik und dort teilweise den ganzen Vormittag nackt auf einem Untersuchungstisch liegen. Ich wurde zum Teil festgehalten oder festgebunden, während mir fremde Menschen zwischen die Beine schauten, mich anfassten und ihre Finger einführten.
Und das alles, ohne wirklich mit mir zu sprechen. Teilweise kamen ganze Gruppen rein, darunter auch Studierende, die sich meinen Körper anschauen wollten. Niemand hat mich gefragt, ob das für mich in Ordnung ist.
Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass geforscht wird. Aber man hätte mir zumindest erklären können, was passiert, und mich um mein Einverständnis bitten können. Die Art und Weise war einfach unglaublich menschenfeindlich.
Im Zuge dieser Untersuchungen begann man dann, meine Pubertät künstlich mit Medikamenten einzuleiten. Man versuchte also, die hormonellen Prozesse nachzubilden, die der Körper normalerweise selbst in Gang setzt.
Das hat mehr oder weniger gut funktioniert. Aber über die Nebenwirkungen oder darüber, wie ich mich mit der Behandlung fühlte, wurde kaum gesprochen. Die Kommunikation war wirklich katastrophal.
Nach einigen Jahren fiel dann auf, dass meine Wachstumskurve nicht den Erwartungen entsprach. Man kennt das vielleicht noch aus der eigenen Kindheit: Diese Wachstumskurven für Jungen und Mädchen. Und ich lag ziemlich deutlich auf der Jungenkurve.
Das durfte offenbar nicht sein. Obwohl meine Eltern beide sehr groß sind, wurde entschieden, dass ich nicht so weiterwachsen sollte. Also begann man, mir hochdosiertes Östrogen zu verabreichen, damit sich meine Wachstumsfugen früher schließen.
Deshalb habe ich heute beispielsweise relativ kleine Hände und Füße, die nicht richtig zu meiner Körpergröße passen. Außerdem habe ich chronische Sehnenscheidenentzündungen und Gelenkprobleme. Für mich hängt das ganz klar mit dieser Behandlung zusammen.“
„Die Behandlung selbst war furchtbar. Ich musste morgens, mittags und abends riesige Mengen an Tabletten schlucken. Teilweise ungefähr 20 große Dragees. Und ich war gerade mal zwölf oder dreizehn Jahre alt.
Mir wurde davon extrem schlecht. Ich musste ständig erbrechen und habe mich schrecklich gefühlt.
Was man dabei bedenken muss: Sexualhormone beeinflussen nicht nur die Geschlechtsentwicklung, sondern auch das Wachstum und zahlreiche andere Prozesse im Körper. Eine hochdosierte Hormonbehandlung kann erhebliche gesundheitliche Risiken mit sich bringen, darunter bei bestimmten Präparaten auch ein erhöhtes Krebsrisiko.
Und da frage ich mich schon, wo die Logik ist. Mir wurden damals die Keimdrüsen entfernt, unter anderem mit der Begründung, dass ich sonst möglicherweise irgendwann Krebs bekommen könnte. Mein Genital wurde operativ verändert, obwohl das für die Hormonversorgung überhaupt nicht notwendig gewesen wäre. Und später bekam ich hochdosierte Hormone, die selbst massive gesundheitliche Risiken mit sich bringen können.
Ich kann nicht nachvollziehen, wie man das medizinisch rechtfertigen will. Das sind für mich enorme Widersprüche. Da frage ich mich schon, ob nicht auch finanzielle oder gesellschaftspolitische Interessen eine Rolle gespielt haben.“
„Ich habe diese Behandlung ungefähr ein Jahr lang mitgemacht. Danach wollte ich die Medikamente nicht mehr nehmen und habe meiner Ärztin gesagt, wie schlecht es mir damit geht. Und weißt du, was sie daraufhin gefragt hat? Das ist wirklich ein Originalzitat: ‚Willst du sterben?‘
Ich war zwölf oder dreizehn und wollte einfach nur die Medikamente absetzen, weil es mir damit so schlecht ging. Ob sie tatsächlich meinte, dass mein Leben dadurch in Gefahr wäre, oder ob sie etwas anderes ausdrücken wollte, weiß ich bis heute nicht.
Aber wieder wurde mit Angst gearbeitet. Und als junger Mensch sitzt du dann da und denkst einfach nur: Wie bitte?“
„Ich war zunächst über ein Jahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – und dort habe ich alles verloren. Den Glauben an die Menschheit, an mich selbst und an alles, was diesem Leben irgendwie einen Sinn geben könnte.
Das Problem war, dass die Klinik gar nicht richtig wusste, wie sie mir helfen sollte. Solche Einrichtungen sind ja vor allem auf Krisenintervention ausgelegt. Es geht darum, erst mal den Druck rauszunehmen. Aber eine wirkliche Aufarbeitung dessen, was mir passiert war, fand nicht statt. Stattdessen bekam ich Medikamente und einmal pro Woche ein Gespräch von vielleicht 20 oder 25 Minuten. Ansonsten wurde ich im Grunde nur verwahrt.
Das war unglaublich schwierig für mich. Ich hatte gehofft, dort endlich Hilfe zu bekommen. Aber stattdessen ging es mir immer schlechter, bis ich wirklich am Ende war. Im Nachhinein glaube ich allerdings, dass diese Erfahrung auch etwas Entscheidendes in mir ausgelöst hat.“
„Wenn du das Gefühl hast, dass niemand mehr an dich glaubt, niemand wirklich Interesse an dir hat und niemand um dich kämpft, wirst du irgendwann vollkommen auf deine eigene Existenz zurückgeworfen.
Und dann stellst du dir die grundlegendsten Fragen: Warum bin ich überhaupt hier? Für wen lebe ich eigentlich? Und will ich dieses Leben überhaupt leben?
Irgendwann habe ich begriffen, dass es letztendlich nur um mich selbst geht. Um die Frage, ob ich dieses Leben leben möchte oder nicht.
Nach der Psychiatrie kam ich in ein Heim für Kinder mit psychischen Beeinträchtigungen. Dort bekam ich endlich eine wirklich gute therapeutische Versorgung. Traumatherapie, psychotherapeutische und psychiatrische Betreuung, Medikamente und Menschen, die sich intensiv mit mir beschäftigt haben.
Und durch diese Unterstützung konnte ich mich auch mit der Erkenntnis auseinandersetzen, dass letztendlich niemand mein Leben für mich leben kann. Ich muss selbst entscheiden, ob ich dieses Leben leben möchte. Diese Erkenntnis war für mich unglaublich wichtig. Aber das war natürlich kein einfacher Prozess.“
„Ich hatte das große Glück, dass die Therapeut*innen dort sofort verstanden haben, woher meine Traumatisierung kam. Das war in der Psychiatrie vorher nicht der Fall gewesen.
Sie haben zunächst versucht, mich zu stabilisieren und mit mir traumatherapeutisch zu arbeiten. Und erst als ich stabil genug war, haben sie mir die Wahrheit über meine Intergeschlechtlichkeit gesagt. Das war also kein bewusstes Verheimlichen, sondern eine traumatherapeutische Entscheidung.
Mir wurde damals gesagt, dass ich ein Hermaphrodit sei. Das war die medizinische Bezeichnung, die man damals verwendet hat. Und meine erste Reaktion war: ‚Was ist das überhaupt?‘ Als ich dann verstanden habe, was das bedeutet, war das zunächst überhaupt nicht schön.
Plötzlich hatte dieses Monster, das mich mein ganzes Leben begleitet hatte, einen Namen. Dieses Unsagbare, diese ständige Unsicherheit, die Ohnmacht und das ganze Trauma waren auf einmal greifbar. Natürlich war das erst mal beängstigend. Wer möchte schon all das, was einen jahrelang belastet hat, plötzlich schwarz auf weiß vor sich haben? Aber gleichzeitig war es auch unglaublich befreiend.
Ich beschreibe das manchmal so, als hätte man das Gefühl, dass etwas in der Wirbelsäule verklemmt ist. Und dann macht es plötzlich Klick und alles sitzt wieder an seinem Platz. Man steht aufrecht und spürt eine Kraft, die vorher irgendwie blockiert war.
Ich habe dann ziemlich schnell begriffen, dass meine Intergeschlechtlichkeit nicht nur etwas ist, das mich verletzlich macht oder mich von anderen unterscheidet – sondern dass sie eigentlich meine Superpower ist.
Denn immer, wenn ich mich als Lynn, als intergeschlechtliche Person, vorstelle, bin ich vollkommen in meiner Kraft. Ich glaube, andere Menschen können das auch spüren. Wenn jemand mit der eigenen Identität im Reinen ist, dann strahlt diese Person eine ganz besondere Sicherheit aus.
Und darüber muss ich auch mit niemandem diskutieren. Was sollte mir ein anderer Mensch denn über meine eigene Identität erzählen können? Das ist etwas, das ganz allein mir gehört. Meine Identität ist Teil meines Persönlichkeitsrechts und sie ist unantastbar.“
„Ich wünsche mir für die Zukunft, dass endlich verstanden wird, dass geschlechtliche Vielfalt ein Teil des Menschseins ist. Egal, wie viel man operiert oder wie viel Geld man investiert, um sie unsichtbar zu machen: Sie wird immer existieren.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen begreifen, welche Bereicherung geschlechtliche Vielfalt sein kann und welche Freiheiten sie auch für einen selbst eröffnet. Denn es geht ja nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen. Im Gegenteil: Jeder Mensch soll selbstbestimmt über den eigenen Körper und die eigene Identität entscheiden können.
Dazu gehört für mich vor allem, dass die körperliche Unversehrtheit respektiert wird. Dass wir endlich aufhören, Kinder zu operieren, nur um ihren Eltern oder deren Umfeld den Umgang zu erleichtern.
Außerdem wünsche ich mir eine angemessene medizinische Versorgung für erwachsene intergeschlechtliche Menschen. Die gibt es in Deutschland aus meiner Sicht bislang nicht ausreichend. Wir brauchen echte Spezialist*innen, die respektvoll mit inter Menschen umgehen und verstehen, welche Traumata viele von uns mitbringen.
Natürlich wünsche ich mir auch mehr Repräsentation in den Medien und mehr Vorbilder. Aber letztendlich geht es mir vor allem um ein respektvolles Miteinander.
Ich glaube, dass man über fast alles miteinander sprechen kann, solange die Menschen bereit sind, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. Und genau das wünsche ich mir für die Zukunft.“
In der 79. Folge von „Echt & Unzensiert“ gibt Lynn noch viele weitere persönliche Einblicke. Ab Minute 47:20 spricht Lynn zum Beispiel über die Entdeckung der eigenen Sexualität im Teenageralter.
Ab 1:01:30 geht es um die tiefgreifenden körperlichen Veränderungen durch das Absetzen und die spätere Einnahme von Hormonen – und darum, wie sich dadurch nicht nur Lynns Aussehen, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung und das eigene Zugehörigkeitsgefühl verändert haben.
Ab 1:18:45 gibt Lynn Eltern von intergeschlechtlichen Kindern weitere wertvolle Tipps und empfiehlt hilfreiche Anlaufstellen.
Neue Folgen von „Echt & Unzensiert“ gibt es alle zwei Wochen immer freitags auf editionf.com oder bei Spotify, Apple Podcasts & Co!
Bei „Echt & Unzensiert“ beleuchtet Host Tino Amaral gemeinsam mit Expert*innen und Betroffenen vermeintliche Tabuthemen, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Denkanstöße, die deinen Blick auf die Welt für immer verändern werden. Auch einige Promis haben bei ihm schon private Einblicke gegeben und wichtige Erkenntnisse geteilt. Welches Thema würdest du gerne mal hören? Lass es uns bei Instagram wissen!