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2020: Was wir brauchen, um durch das Jahrzehnt zu kommen

Wer sind „wir“ als Gesellschaft, was muss sich verändern und wo wollen wir hin? Das sind Fragen, auf die es mit jeder neuen Perspektive auch neue Antworten gibt. In unserer Kolumne „Reboot the System“ gehen ihnen deshalb verschiedene Autor*innen zu unterschiedlichen Themenbereichen nach. Heute mit: Sara Hassan

Privilegien und Freiheiten auf Kosten anderer

2019, ein Jahr, das gefühlt ein Jahrzehnt lang war, ist vorbei. Vor uns haben wir ein neues Jahrzehnt, in dem wir einige schwierige Dinge tun müssen. Es wird höchstwahrscheinlich alles ganz anders werden. Das meiste, was wir heute kennen und normal finden, wird wohl in den nächsten zehn Jahren radikal umgewälzt werden. Unsere Arbeitswelt und Privilegien, die Freiheiten auf Kosten anderer – viel davon wird nicht mehr zu halten sein.

Die Risse in unserer Gesellschaft sind nicht mehr zu übersehen und vielerorts brennt es bereits wortwörtlich. Große Veränderungen sind im Gange und nehmen immer weiter Fahrt auf. Darauf sollten wir uns vorbereiten.

Überspringen wir den Smalltalk und sagen wir, wie es ist: Von Bolsonaro bis Boris Johnson – die Rechtspopulist*innen aller Länder vereinigen sich. Ihre Weltordnung gehört eigentlich schon lange der Vergangenheit an. Aber sie bringen noch einmal alles auf und beschwören ein altes System der Kolonialherren-Ideologie, aufgebaut auf Ausbeutung und Unterdrückung, das die Welt an den Rand des absoluten Kollaps drängt.

Auf der anderen Seite beobachte ich auch, wie sich eine Gegenbewegung formiert.

Seit ich einen Podcast über die großen Fragen, die sich viele junge Menschen stellen, aufnehme, habe ich so einige Gespräche geführt und den Eindruck gewonnen: Immer weniger Leute haben Lust, sich von einer Politik der Angst lähmen zu lassen und mitzuspielen. Sie wollen sich organisieren und alles anders machen – Arbeit anders denken, Politik in die Hand nehmen, einen missing link selbst verkörpern.

Das ist die Politik der Hoffnung, die ich 2020 – und im gesamten neuen Jahrzehnt – sehe und sehen will, damit wir gemeinsam etwas bewegen können.

So viel zur Lage. Der Widerstand junger Menschen gegen ein System, das auf Ausbeutung beruht, rührt sich zwar, aber: An allen Ecken und Enden brennen Menschen aus, geben alles bis zur Erschöpfung und brechen weg, weil alles zu viel ist. Im Burnout sind sie dann alleine, obwohl sehr viele sehr ähnliche Erfahrungen machen. Das müssen wir 2020 anders machen: Mehr auf uns selbst achten und gleichzeitig mehr aufeinander achten. Self care ist das eine, collective care das andere – also nicht nur isoliert von anderen Fürsorge betreiben, sondern auch in den Gruppen, Freund*innenschaftskreisen und politischen Organisationen.

Apropos Wir. Wo ist eigentlich das „Wir”?

Kürzlich war ich bei einer Lesung der Schwarzen amerikanischen Dichterin Sonia Sanchez, die eine der besten Freund*innen von Audre Lorde war. Sanchez, über 80, kann mit ihrer Literatur mühelos einen Saal voll Menschen in Atem halten. Bei dieser Lesung sagte sie etwas, das mir zu denken gegeben hat, nämlich, dass sie auf Social Media immer nur „Ich, ich, ich” lesen würde und das „Wir” vermisst. Das hat mich nicht mehr losgelassen und seither überlege ich, wie wir bessere Allianzen schmieden können, in denen man für sich und gemeinsam sein kann.

Ich glaube, es ist immer ein Spagat, der zwei Dinge gleichzeitig erfordert. Einerseits: Entscheidungen zu treffen, die Selbsterhaltung ermöglichen. Das bedeutet eigene Grenzen anzuerkennen und aussprechen zu können, Mitgefühl mit sich selbst zu kultivieren und den Mut aufzubringen, sich gegen den Leistungsdruck als Lebensprinzip zu entscheiden.

Andererseits bedeutet das: zu verstehen, dass die eigene Situation meistens in irgendeiner Form von den Menschen um eine*n herum geteilt wird. Dass es Ähnlichkeiten gibt und wir besser gemeinsam weiterkommen können, wenn wir teilen, was wir durchmachen und zugleich anerkennen, wo es Unterschiede gibt, auf die wir besonders achtgeben müssen.

Damit wir 2020 besser überleben und dabei vielleicht auch noch Zeit für Spaß haben, habe ich eine Liste mit Learnings zusammengestellt, die ich 2019 gesammelt habe, damit wir uns wappnen können für alles, was auf uns zukommt.

In diesem Jahr werden wir wahrscheinlich Sachen tun müssen, die schwierig sind: Wir müssen mehr und gleichzeitig weniger von uns fordern. Klingt paradox, ist aber so.

Alles anders – aber wie?

„Alles anders machen“ wollen viele und das klingt erstmal auch ziemlich gut. Dinge wirklich anders zu machen, als wir gelernt haben, erfordert aber einen Haufen Arbeit. Wenn die nicht geleistet wird, läuft man Gefahr, genau das zu wiederholen, was in den kaputten Strukturen schon nicht funktioniert hat.

Klar, die kapitalistische Logik durchdringt so gut wie alles und wenn man sich nicht bewusst davon freimacht, sucht sie uns auch in noch so vielversprechenden Räumen heim.

Oft versteckt sich dieses Biest gut und es kann enttäuschend und deprimierend sein zu erkennen, dass sogar das tolle Menschenrechtsprojekt einer ziemlich problematischen Ausbeutungslogik folgt und die Menschen, die dort arbeiten, als Funktionsmaschinen begreift.

Es kann schnell in unterdrückende Dynamiken umschlagen, wenn in solchen Organisationen alle so tun, als wären sie ja schon automatisch unproblematisch, nur weil sie sich den Kampf für das Gute und Schöne auf die Fahnen schreiben. Wer aber diesem Bild widerspricht und auf Missstände hinweist, die eben nicht auf magische Weise aufgelöst sind, nur weil wir the good fight kämpfen, ist oft ganz schnell raus. So werden Menschen mit weniger Privilegien aus solchen Kontexten verdrängt. Am Ende bleiben weiße Mittelklasse-Aktivist*innen mit sicherem Job und ohne Betreuungspflichten übrig, die sonst keine unbezahlte Arbeit leisten müssen und viel Spielraum haben – und für genau solche privilegierten Menschen machen diese Aktivist*innen dann auch Revolution, für alle anderen hingegen nicht.

Es bringt allen mehr, wenn man sich eingesteht, dass es sehr wohl Unterschiede gibt und eben nicht alle gleich sind. Dass alle unterschiedliche Ressourcen, Grenzen und Möglichkeiten haben und aktivistische Räume dementsprechend ausgerichtet werden sollten. Und zwar so, dass das andere eben nicht als Marketinggag oder Randerscheinung behandelt wird, sondern der Unterschied einen zentralen Stellenwert hat und alle davon lernen können. Dann werden wir nämlich wirklich unschlagbar.

Mut zum Hinschmeißen

Wenn Menschen diese Arbeit – nämlich die eigenen Annahmen und Organisationsstrukturen zu hinterfragen und umzubauen – aber nicht machen wollen oder bequemerweise einige wenige Menschen dafür verantwortlich machen wollen, ist es auch okay, zu gehen.

Weil man das viel zu selten liest, besser nochmal: Es ist okay, zu gehen. Uns wird eingehämmert, immer alles durchziehen zu müssen. Als wäre es nur gut, wenn wir uns überwinden, gegen alle Widerstände trotzdem weitermachen, als wäre Durchziehen ein Wert an sich. Viele Menschen haben darum oft panische Angst davor, Dinge sein zu lassen, auch wenn sie noch so schädlich für sie sind. Als wäre etwas abzubrechen immer Versagen. Die Möglichkeit, dass das eine weise Entscheidung ist, gibt es in dieser Kultur der Härte gar nicht.

Etwas Aussichtsloses zu erkennen und etwas sein zu lassen, das einem nichts mehr gibt, ist eine weise Entscheidung und kann eine ganze Menge Energie freisetzen, von der man wegen der ganzen Überwindung schon gar nichts mehr wusste. Es ist okay, einer „guten Sache” Lebewohl zu sagen, die Aktivist*innen, die sich dafür einsetzen, nur ausbrennt.

Wir haben einen Marathon vor uns, keinen 100-Meter-Lauf und wir müssen auf unsere Energien aufpassen. Wenn wir auf dem Weg dorthin ausbrennen, ist niemandem geholfen und im Burnout gibt es bekanntlich keine Revolution.

Für alles ab 2020 wird es notwendig sein, zu erkennen, in welchen Räumen wir etwas erreichen können und welche einfach toxisch sind, unsere Energien fressen. Den Unterschied zwischen einem richtigen und einem falschen Raum kann man spüren: Im einen herrscht eine Spannung, als würde man unter Strom stehen, im anderen kann man einfach gelassen sein.

Als einzige Person of Color allein unter weißen Menschen, wo man bestenfalls geduldet wird – eindeutig falscher Raum. Wo man sprechen kann und die anderen genau verstehen, was man meint und anknüpfen können – eindeutig richtiger Raum.

Andere in die Pflicht nehmen

Apropos unter Strom stehen: Genau so fühlt es sich nämlich auch an, wenn man als marginalisierte Person in bestimmte Diskurse eintritt. Diese Frage hat mich 2019 extrem beschäftigt. Einerseits habe ich für mich geklärt: Nein, wir müssen, ganz nach James Baldwin, mit niemandem diskutieren, der unsere Existenzberechtigung in Frage stellt. Ich verhandle einfach mit niemandem am Marktplatz der Ideen, der mich in rassistisch oder sexistisch aufgeladene Diskussionen verheddern will. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade und diese Leute kriegen meine schöne Seele nicht. Soweit, so klar.

Zugleich ist mir aber schmerzlich bewusst, dass Privilegierte, die von den jetzigen Verhältnissen profitieren, schlichtweg sehr wenig Motivation haben, diese unangenehme Arbeit zu machen. Das würde nämlich bedeuten: Anzuerkennen, dass ihre schönen Privilegien auf der Unfreiheit anderer basieren, das zu thematisieren, anzuprangern und Menschen zu konfrontieren. Ich würde also nicht unbedingt darauf bauen, dass Nutznießer*innen des Systems freiwillig diesen unangenehmen Job übernehmen werden, der nur zu ihrem Nachteil gereicht.

Das bedeutet aber nicht, dass wir mit ignoranten Fremden im Internet das x-te Mal über die Rechte gewisser Gruppen diskutieren müssen. Wir müssen auf die Leute, auf die wir Einfluss haben, zugehen und gleichzeitig müssen wir unsere Grenzen anerkennen und Mitgefühl mit uns haben.

Wo wir wissen, dass wir wirklich etwas ausrichten können, dürfen wir nicht achselzuckend weitergehen. Wir müssen die Dritten aktivieren, auf die wir Einfluss haben.

Die Unentschlossenen, die Unbeteiligten, die etwas Gleichgültigen – in unseren Familien, Bekannten- und Freund*innenkreisen. Das ist einerseits praktisch, weil die Dritten die Arbeit übernehmen können, die Marginalisierte sonst ständig in ihrem Alltag machen müssen. Und am Ende haben wir alle etwas davon.

Wir müssen nicht in die Falle treten, zu glauben, dass wir immer mit allen mit einer Engelsgeduld diskutieren müssen, weil sonst die Rechten gewinnen. Eine andere Gesellschaft, eine für uns alle, lässt sich ohnehin nur in vielen Schritten erreichen und dafür müssen auch nicht alle genau das Gleiche machen. Schließlich hat jede*r unterschiedliche Fähigkeiten, Talente, aber auch Möglichkeiten und Grenzen – darum brauchen wir auch ebenso viele Strategien, und den Raum, die richtige Strategie für uns zu finden, die funktioniert und die uns nicht Existenzielles abverlangt oder uns in eine prekäre Position bringt.

Kapitalismus im Urlaub verlernen

Die Logik des Kapitalismus in unserem eigenen Denken abzulegen ist wie eine neue Fähigkeit, die man sich erst nach und nach aneignen muss. Zunächst muss man die Marktlogik erkennen, wo man sie eher nicht vermutet: von Beziehungen bis Ruhephasen. Ich habe mich letztens dabei erwischt, im Urlaub zu rechnen und zu vermessen: Wie viele Längen im Pool schaffe ich, wie viele Bücher lese ich, wie viele Kilometer lege ich auf dem Rad zurück? Solche nutzwertorientierten Fragen in einer Zeit, in der ich eigentlich ausruhen und entspannen wollte, haben mich zuerst ziemlich geschockt. Dann habe ich beschlossen, dass ich das so nicht haben will, und seither arbeite ich daran, die Vermessung meines Urlaubs aus dem Kopf zu bekommen und einfach zu sein.

Uns erlauben, mal nicht hilfreich und nützlich zu sein. Einfach sein zu dürfen, fühlt sich am Anfang komisch an, es ist ungewohnt und neu.

Die Baseline ist: Da draußen ist viel, das uns erschöpft und die Zukunft ist ungewiss. Aber es gibt mir Hoffnung, dass immer mehr Menschen beginnen, über ihre Situation zu sprechen.

So können wir uns in den Geschichten wiedererkennen, näher zusammenrücken und aus unseren Erfahrungen etwas Gemeinsames schaffen.

Wir werden aufeinander aufpassen müssen. Und wenn wir das schaffen, kann in diesem Jahrzehnt kommen, was da wolle.

„Reboot the System“ ist eine Kolumne von verschiedenen Autor*innen im Wechsel. Mit dabei: Rebecca Maskos (inklusive Gesellschaft), Sara Hassan (Sexismus), Josephine Apraku (Diskriminierungskritik), Elina Penner (Familienthemen), Natalie Grams (Gesundheit / Homöopathie) und Merve Kayikci (Lebensmittelindustrie).

  1. Wo wir wissen, dass wir etwas ausrichten können, dürfen wir nicht achselzuckend weitergehen – das ist ein guter, richtiger Ansatz, finde ich. Und das ist vielleicht auch für jede*n woanders, aber ich weiß es meistens, wo es für mich richtig wäre. Das zu schaffen, dan zu handeln, wäre schon eine Menge, wenn alle das versuchen würden. Auch das Einwirken auf die Unentschlossenen in der eigenen Umgebung wäre ein guter Anfang, habe ich mir auch vorgenommen für dieses Jahr, das mehr zu machen.

    Und zur Marktlogik: das ist wirklich unglaublich schwer, sich der zu entziehen, finde ich. Ich bin nicht mehr berufstätig und schaffe es immer noch nicht.Nützlich sein ist eben ganz wichtig. Und besonders für Frauen ja auch noch die ganze Sache mit der Selbstoptimierung in absolut jedem Lebensbereich. Aus der Falle müssen wir raus!

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